Seit sieben Jahren ist Andrei Popov stellvertretender Direktor und Mediensprecher beim Österreichischen Kulturforum in Bukarest. Gemeinsam mit dem Direktor Leopold Unger leitet er das Institut. Im Gespräch mit dem ADZ-Redakteur Valentin Brendler berichtet Popov über seinen eigenen Werdegang, er erklärt, was das österreichische Kulturforum überhaupt ist und er berichtet über die Ziele der Institution.
Herr Popov, wie sind Sie beim Österreichischen Kulturforum gelandet?
Es ist eine sehr interessante Geschichte, würde ich sagen! Es war nicht vorherbestimmt, dass ich hier lande, sondern es war eher überraschend. Ich habe Politikwissenschaften an der Universität Bukarest studiert. Schon während des Studiums habe ich im Jahr 1994 angefangen, bei Radio România zu arbeiten und wurde nach dem Studium übernommen. Ich begann beim Jugendsender, dann bei der rumänischen Abteilung von Radio România International und war dann bei der französischen. Auch mein Studium war exklusiv auf Französisch, was ich bereits als kleines Kind von meinen Eltern gelernt habe.
Die Arbeit beim Radio habe ich wirklich sehr gemocht – deswegen bin ich geblieben. Ganze 23 Jahre. Wenn ich jetzt zurückblicke, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Zeit so schnell vergangen ist! Jetzt jemandem zu sagen, dass ich 23 Jahre in einer Position geblieben bin, mag bizarr klingen, aber ich hatte die Zeit meines Lebens! Jedes Jahr habe ich was anderes gemacht.
Dennoch habe ich dann im Jahr 2017 aufgehört. Nicht, weil ich gelangweilt war, sondern weil ich mir beweisen wollte, dass ich auch etwas anderes kann.
Und dann sind Sie erst zum Französischen Institut gegangen?
Genau. Dort blieb ich weitere eineinhalb Jahre und lernte eine neue Struktur und Arbeitsweise kennen, obwohl mir die frankophone Welt bereits sehr vertraut war. Dort hat mich dann Thomas Kloiber, der damalige Leiter des Österreichischen Kulturforums, gesehen und rekrutiert. Denn das Forum suchte jemanden, der die Sichtbarkeit und die Öffentlichkeitsarbeit des Forums stärkt.
Jedoch, als Kloiber mir den Job vorgeschlagen hat, hat mir das erst mal etwas Angst gemacht. Meine erste Reaktion neben „Das ist unmöglich!“ war, „Es ist verrückt!“. Ich habe ihm gesagt, dass mein Deutsch wirklich nicht geeignet ist. Jedoch sagte er, dass sich die Botschaft und das Ministerium nicht für meine Deutschkenntnisse interessieren, sondern für mein Wissen und meine Kompetenzen. Also bin ich hierhergekommen!
Was hat Sie an der Stelle interessiert?
Ich hatte drei Chancen in meinem Berufsleben. Die erste war, dass ich beim Radio bleiben durfte und meine Karriere dort starten konnte. Ich konnte mir selbst beweisen, was ich kann, in durchaus schweren Zeiten damals. Die zweite war, als ich dem Französischen Institut beigetreten bin und eine komplett neue Arbeitsweise kennenlernen durfte. Meine dritte Chance war, als ich beim Österreichischen Kulturforum angenommen wurde. Doch warum sage ich das?
Denn Österreich, das Forum, die Botschaft und das Ministerium haben mir eine enorme Chance gegeben. Hier kann ich Projekte umzusetzen, die ich sehr wichtig finde. Wir sind zwar eine sehr kleine Struktur hier – bestehend aus dem Direktor Leopold Unger und mir –, aber wir haben die Freiheit, das Programm an unser Zielpublikum anzupassen. Wir werden auch vom Ministerium angehalten, dabei sehr kreativ zu sein.
Genau das mag ich: Projekte zu designen, die österreichische und rumänische Künstler in einem richtigen Dialog bringen. Die Zeit, wo wir – oder jedes andere Kulturinstitut – einfach nur Projekte importierten und hier implantierten, ist vorbei. Wir möchten eine wahre Verbindung zwischen den beiden Ländern aufbauen. Wenn auch nur eine Person ein Projekt besucht und dieses mit neuen Bekanntschaften, oder mit neuem Wissen, verlässt, dann haben wir etwas richtig gemacht! Diese Arbeit finde ich unheimlich interessant! Deswegen bin ich hierhergekommen und deswegen bin ich nach sieben Jahren immer noch hier!
Sie haben es selbst angesprochen; Wie sehen Ihre Deutschkenntnisse denn aus?
Als ich den Job angenommen habe, waren meine Deutschkenntnisse 22 Jahre alt. Ich habe Deutsch in der Schule gelernt und war damals auch ziemlich gut, aber mein Leben wollte erst mal etwas anderes. Als ich dann das erste Mal im Büro war und den Computer angemacht habe und alles auf Deutsch war, hat mir das erst mal Angst gemacht. Ich habe mir gedacht: „Gott, was habe ich getan!“
Mein Mentor und ehemaliger Boss, Thomas Kloiber, wusste jedoch, wie man meine Kreativität stimuliert und mich motiviert. Er hat mich dazu angeregt, nicht die ganze Zeit über die Sprache nachzudenken, sondern über die kreativen Dimensionen meines Jobs.
Mit der Zeit habe ich auch gelernt, dass ich durch die fehlenden Sprachkenntnisse eine ganz neue Perspektive ins Forum bringen kann. Die eines Nicht-Deutsch-Sprechenden.
Und kann dies auch Vorteile haben?
Auf jeden Fall! Ich kenne es von meinem „französischem Weg“. Wenn man eine Sprache und alle Codes wirklich gut versteht, können es Außenstehende manchmal nicht nachvollziehen. Sie verstehen die Codes und die Implikationen nicht und sie verpassen Details, die womöglich wichtig sind.
Mittlerweile verstehe ich Deutsch, aber ich kann es nicht sprechen. Meine Sprachkenntnisse sind aber nicht so fortgeschritten, dass ich die Nuancen verstehe – genau das ist jedoch eine interessante Position. Ich, als Rumäne, als eine Person nicht aus Österreich, verstehe viel, aber nicht das ganze Bild. Ich kann also an den richtigen Stellen nachfragen und der rumänischen Öffentlichkeit die österreichischen Themen nahebringen, weil ich weiß, wo Verständnisschwierigkeiten auftreten könnten.
Wie war Ihr erster Eindruck von Österreich, als Sie den Job angefangen haben? Wie hat er sich womöglich geändert?
Am Anfang hatte ich das klassische Bild eines Touristen. Ich habe Österreich gemocht, wusste aber nicht viel mehr darüber. Im Job musste ich viel über das Land, die Menschen und die nicht so sichtbaren Seiten des Landes lernen. Das war faszinierend für mich! Denn ich habe ein Land entdeckt, voller innovativer Projekte und Menschen. Da haben sich die Tore weit für mich geöffnet, denn ich konnte extrem interessante, neue Menschen kennenlernen, die in sehr spezialisierten und fortgeschrittenen Themengebieten Experten sind.
Nochmal zu den Grundlagen: Was ist das Österreichische Kulturforum eigentlich genau?
Das österreichische Kulturforum ist eine Abteilung der Österreichischen Botschaft in Bukarest. Es ist der kulturelle Arm der Botschaft. Zur selben Zeit ist das Forum Teil des Netzwerks: „Austria Kultur International/Auslandskultur von dem österreichischen Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten (BMEIA)“. Im Netzwerk gibt es 33 Kulturforen in der ganzen Welt und auf allen Kontinenten.
Wir sind – wie alle Kulturinstitute der EU-Mitgliedsstaaten – das österreichische Organ, dass die kulturellen Strategien und das kulturelle Leben von Österreich promotet. Wir sind der kulturelle Lautsprecher des Landes und eines der wichtigsten Teile von Österreich ist die Kultur!
Wir designen Projekte und implementieren sie immer in Kooperationen mit Institutionen, Universitäten, NGOs und unseren unterschiedlichsten Partnern vor Ort. Für unsere Arbeit in Rumänien sind die Unterstützung und der Rat von Botschafterin Ulla Krauss-Nussbaumer ebenfalls von großer Bedeutung, da Frau Krauss-Nussbaumer über umfassende Kenntnisse in diesem Bereich verfügt, sie war eine der Leiterinnen der Kulturabteilung der BMEIA.
Wir wollen insbesondere das Österreich abseits der klassischen, touristischen Stereotypen zeigen. Die aktuelle, moderne Kunst, die modernen Kreationen und die Kultur, das Alternative und das Experimentelle. Um insgesamt hervorzuheben, wie lebendig Österreich in den Bereichen Kultur, Literatur, Musik, bildende Kunst, Wissenschaft und so weiter ist.
Die traditionellen Werte der österreichischen Kultur sind für uns weniger wichtig. Denn diese brauchen keine Werbung! Sie erhalten sich selbst und sind extrem bekannt. Ein Beispiel: Wir würden ein klassisches Mozart-Konzert nicht direkt mitfinanzieren, aber wir würden definitiv eine komplette Neu-Interpretation von Mozart unterstützen. Für uns ist es wichtiger zu zeigen, wie die aktuellen Künstler sich mit diesem Erbe auseinandersetzen.
Wie gesagt, wollen wir darüber hinaus den Dialog zwischen Österreich und Rumänien promoten – auf allen kulturellen Ebenen. Das ist der wichtigste Teil der Arbeit. Denn wir stärken, langsam aber sicher, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern auf dem Level der Menschen. Es ist extrem spannend zu sehen, wie sich Rumänien für das neue, moderne Österreich interessiert.
Ein Beispiel dafür: Wir hatten vor Kurzem in Jassy das „Classix Festival“. Dabei war das österreichische „Duo Minerva“ zu Gast, welches klassische Musik mit vielen anderen Stilrichtungen modern interpretiert. Das Konzert war großartig! Nach dem Auftritt haben nicht nur die Zuschauer den Musikern gratuliert – was üblich ist – sondern auch die jungen, rumänischen Freiwilligen. Sie sagten, dass es das schönste Konzert war, dass sie in Jahren gehört haben. Sie fühlten sich, als würden sie zur Musik gehören, sagten sie. Was möchte man mehr!
Das spricht für sich selbst. Wenn wir diese jungen Leute für die Musik interessieren können, dann haben wir unseren Job großartig gemacht!
Und welche finanziellen Möglichkeiten hat das Forum für solche Projekte?
Wir haben ein faires, jährliches Budget, verglichen mit vergleichbaren Strukturen. Wir sind ein kleines europäisches Institut und ich kenne die Budgets der Kollegen und ich kann sagen, dass es komplett fair ist. Natürlich könnten wir glatt das Doppelte des Budgets nutzen. Es gibt ein ehrliches Interesse an Österreich in Rumänien. Insbesondere mit Blick auf die historischen Verbindungen zwischen den Ländern, mit ihren Höhen und Tiefen. Es gibt viele Nachfragen, von Österreich, aber auch von Rumänien. Österreicher, die in Rumänien arbeiten wollen und rumänische Institutionen, die österreichische Künstler und Experten einladen wollen.
Wir könnten, wie gesagt, das doppelte oder das dreifache Budget gut investieren, aber wir versuchen, mit dem, was wir haben, das Beste zu bewirken. Ich würde sagen, wir machen auch einen ganz guten Job. Vergangenes Jahr hatten wir 211 Events, in ungefähr 20 verschiedenen Städten und Orten.
Wie steht das Österreichische Kulturforum zu den deutschen Minderheiten?
Wir haben gute Verbindungen zum Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien und auch die lokalen Kulturzentren sind wichtige Partner für uns. Wir sind also durchaus verbunden mit der deutschen Minderheit. Insbesondere jedoch mit den zwei großen Gemeinschaften, die unter anderem von Österreich abstammen. Den Landlern bei Hermannstadt/Sibiu und die Banater Berglanddeutschen bei Reschitza. Aber natürlich versuchen wir, die deutschen Minderheiten allgemein anzusprechen. Unter anderem über die Germanistik in den Universitäten, mit denen wir arbeiten.
Unser wichtigsten Bildungsinstrument in diesem Zusammenhang sind unter anderem die vier Österreich-Bibliotheken, die sich an vier öffentlichen Universitäten in Bukarest, Klausenburg/Cluj, Jassy und Temeswar/Timișoara befinden. Dazu versuchen wir, die deutschen Minderheiten stets zu unseren Events einzuladen – bei denen wir gerne österreichische Autoren einladen.
Leider ist es schwer, in manchen Städten rein deutschsprachige Veranstaltungen zu präsentieren. Denn der Deutschgebrauch in der Öffentlichkeit in Rumänien ist insgesamt sehr begrenzt. Deswegen organisieren wir viele Veranstaltungen auf Englisch oder mindestens mit Übersetzung. Natürlich gibt es Projekte in Reschitza, Temeswar/Timișoara, in Hermannstadt/Sibiu, oder Klausenburg/Cluj, die nur auf Deutsch stattfinden. Diese richten sich jedoch an eine spezifische Öffentlichkeit – an die Minderheiten. Dabei helfen uns insbesondere unsere Partner vor Ort.
Wie sieht ein üblicher Arbeitsalltag für Sie aus?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten! Ein normaler Arbeitsalltag besteht vor allem aus dem Beantworten von wirklich sehr vielen E-Mails. Dabei organisiere ich viele Veranstaltungen. Es gibt keinen konkreten Arbeitsrhythmus. Ich muss auch noch die Öffentlichkeitsarbeit des Kulturforums, unter anderem in den sozialen Netzwerken, organisieren. Dabei vergehen mehr als acht Stunden geradezu in einer Sekunde. Dazu gibt es sehr oft am Abend unsere Veranstaltungen, bei denen ich vor Ort sein muss. Ich reise auch mit den Veranstaltungen, Ausstellungen und Künstlern.
Das ist der Kern meiner Arbeit: Ich organisiere und plane gemeinsam mit Leopold Unger und manchmal kann es auch etwas überwältigend werden. Denn jeder Gast soll am Ende zufrieden sein und seinen Besuch in Rumänien genießen und auch das Land besser kennenlernen. Wir haben von den Beteiligten jedoch stets positives Feedback bekommen. Wir versuchen, den Weg zwischen den Ländern so unkompliziert wie möglich zu gestalten.






