Bilder voll Leben und Kraft

Helmut-Scheibling-Kunstbildband im Banat Verlag Erding

„Wider das Vergessen“, ein Banater Triptychon von Helmut Scheibling, 1994 geschaffen

„Das Narrenschiff“, Öl/ Leinwand, ist 1985 in Deutschland entstanden.

Teil des Bilder-Zyklus „Humanes Bestiarium“: „Der Alte und die Bestie“, Öl/ Leinwand, 1988

Mit „Bilder voll Leben und Kraft“ legt der Publizist, Forscher und Verlagsinhaber Dr. Walther Konschitzky einen Kunstbildband vor, der weit mehr ist als eine bloße Retrospektive: Er ist eine Wiederentdeckung. In den Werken des Banater Malers Helmut Scheibling, die er darin dem Betrachter nahebringt, entfaltet sich eine künstlerische Existenz, die im Spannungsfeld zwischen innerer Freiheit und äußerer Bedrängnis, zwischen Banater Herkunft und Neufindung in Deutschland steht. 

Der Name des Kunstbildbands war 1971 der Titel eines journalistischen Beitrags im „Neuen Weg“ über Scheiblings erste Werkschau – 1964/65 waren nämlich Helmut Scheibling und Petru Comisarschi die ersten akademisch ausgebildeten Künstler, die als Gymnasiallehrer an Schulen in Reschitza eingestellt wurden.

Der Herausgeber des Kunstbildbands, Walther Konschitzky, nähert sich dem Maler mit einer Mischung aus kunsthistorischer Präzision und menschlicher Anteilnahme. Er zeichnet das Bild eines Künstlers, der nie laut auftrat, sondern „im Stillen wirkte“, dessen Werke aber umso kraftvoller von den großen Spannungen des 20. Jahrhunderts sprechen. Helmut Scheibling, geprägt von den Landschaften und Menschen des Banats, fand früh zu einer Bildsprache, die sich von naturalistischer Beschreibung löst und stattdessen mythische, ja archaische Tiefenschichten der menschlichen Erfahrung freilegt.

Der Kunstbildband, der in diesem Jahr im Banat Verlag Erding erschienen ist, überzeugt nicht nur durch herausragende Qualität des Drucks, sondern auch durch  zahlreiche Informationen, die das reichhaltige Bildmaterial ergänzen. Zwei Mottos stehen ganz vorne auf der ersten Seite, gemeinsam sagen sie aus: Echte Kunst lebt vom Unausgesprochenen und vom Mitdenken des Betrachters. Sie fordert Wahrnehmung, nicht nur Verständnis, und behält dadurch ihre Lebendigkeit und Tiefe. Und gerade das prägt das Werk Helmut Scheiblings.
Helmut Scheibling, geboren 1940 in Temeswar/Timi{oara, studierte Kunst an der Universität Temeswar und Museumskunde und Denkmalpflege in Bukarest. Nach Jahren des künstlerischen und pädagogischen Wirkens im Banat siedelte er 1981 nach Deutschland über, wo er seither lebt und arbeitet.

Seine Kunst ist geprägt von expressiver Farbgebung und starkem Symbolgehalt. Themen wie Erinnerung, Heimat, Verlust und Neubeginn ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Als Künstler der Banater deutschen Minderheit verbindet Scheibling in seinen Bildern rumänische und deutsche Einflüsse, persönliche Geschichte und kollektives Gedächtnis. Damit schafft er Werke von emotionaler Tiefe und universeller Aussagekraft, die weit über die Region des Banats hinauswirken.

Die frühen Arbeiten Scheiblings, noch im sozialistischen Rumänien entstanden, bezeugen eine zähe Suche nach Ausdruck und Identität. Selbst in den Darstellungen der Industriearbeiter von Reschitza, in jenen düsteren Szenen des Molochs Schwerindustrie, schwingt ein tiefes Mitgefühl mit – kein propagandistisches Pathos, sondern ein stilles, existenzielles Erkennen. Der Herausgeber Walther Konschitzky zeigt deutlich, wie Scheibling das Alltägliche in symbolische Bildräume überführt, wie in seinen Händen die Gestalten des Werktags zu archetypischen Trägern menschlicher Würde werden.

Die Flucht aus Rumänien 1981 markiert eine scharfe Zäsur, die Walther Konschitzky als Wendepunkt zwischen Überleben und Neubeginn beschreibt. In Deutschland, zunächst einsam und entwurzelt, verwandelt Helmut Scheibling die Erfahrung des Fremdseins in produktive Energie. Die Bamberg-Jahre, die er als Zeit des Suchens und Findens erlebt, bringen eine künstlerische Neuorientierung hervor. Hier entstehen die großen Bilder-Zyklen „Kreuzweg“, „Odyssee“ und „Humanes Bestiarium“ – Werkgruppen, in denen sich biografische Erfahrung, Kunstgeschichte und mythologische Reflexion zu einer eigenständigen Bildsprache verdichten. 

Dazu gibt es auch eine „Banater Odyssee“ – diesen Titel trug die umfassende Retrospektive im Haus der Donauschwaben Sindelfingen 2015. Ein zentrales Werk in Scheiblings Schaffen und wesentlicher Bestandteil seiner „Banater Odyssee“ ist das großformatige Triptychon „Wider das Vergessen“ (150 x 510 cm), das die Geschichte der Banater Schwaben über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrhunderten in einem epischen, gedachten Bildbogen zusammenfasst und dem Kunstbildband als Poster beigefügt ist. Von der Ansiedlung im 18. Jahrhundert bis zur großen Auswanderung nach dem Zusammenbruch des Kommunismus Anfang der 1990er Jahre zeichnet Scheibling den Weg dieser Volksgruppe nach. Das Werk ist eine Art visuelle Chronik, angelehnt an das Einwanderungs-Triptychon von Stefan Jäger. Es beleuchtet wesentliche Lebensformen, Kultur, Bräuche sowie die schmerzlichen Erfahrungen von Gewalt und Erniedrigung.  Das Triptychon und die gesamte „Banater Odyssee“ sind ein Ausdruck von Scheiblings Bemühungen, die Geschichte und das Schicksal der Banater Schwaben bildnerisch zu verarbeiten und vor dem Vergessen zu bewahren. Stefan Jägers Triptychon entstand als ein Denkmal der zuversichtlichen Einwanderung, während Scheiblings Werk in der neuen Heimat Deutschland die Trostlosigkeit der Aussiedlung thematisiert, so die Publizistin Julia Schiff in ihrem Essay „Grundbedürfnis Heimat“ in der „Süddeutschen Zeitung“. 

Dem Herausgeber Walther Konschitzky gelingt es, das geistige Profil von Helmut Scheiblings Spätwerk eindrucksvoll zu umreißen. Er sieht in Scheiblings Bildern „archaische Symbole, die unsere Zeit spiegeln“ – Visionen, in denen der Mensch den Bestien seiner eigenen Erfindung gegenübertritt. Das expressive Pathos dieser Werke, ihr zugleich gestischer und disziplinierter Duktus, bezeugt eine malerische Reife, die aus jahrzehntelangem Ringen hervorgegangen ist.

Auch formal beeindruckt der Kunstband. Die Reproduktionen, sorgfältig ediert und mit wertvollen Anmerkungen versehen, lassen den Reichtum der Farbwelt und die emotionale Spannweite des Malers erahnen. Besonders die Zeichnungen und Gouachen der Serien „Humanes Bestiarium“ und „Odyssee“ entfalten eine spontane, fast eruptive Dynamik, die Walther Konschitzky als „bewusst gelenkte Spontaneität“ beschreibt – ein paradoxes, aber treffendes Bild für Scheiblings künstlerische Haltung.

So ist dieser Kunstbildband mehr als eine Hommage: Er ist eine Einladung, den aus Temeswar stammenden Künstler Helmut Scheibling neu zu sehen – als Maler zwischen Welten, als Schöpfer von Bildern voll Leben und Kraft, die aus Leid und Leidenschaft, Erinnerung und Erkenntnis geboren sind.