„Paris hat die Seine, Berlin die Spree, Wien die Donau. Wasser durchfließt sie nicht nur als Linie auf der Landkarte, sondern als roter Faden in der Geschichte jeder Stadt. Bukarest hat die Dâmbovița – einen fast vergessenen Fluss, der nur noch als Trennlinie zwischen Stadtteilen dient“, so berichtet das Projekt „Dâmbovița Apă Dulce“. Dieses hat sich das Ziel gesetzt, dies zu ändern und den Fluss den Menschen näherzubringen. Dafür sollen am Fluss angrenzend Grünstreifen entstehen und das Wasser sauberer werden.
Doch zuerst: Was ist dieses Projekt eigentlich und woher kommt es? Das Programm wurde vom Kreativzentrum „Nod Makerspace Association“ und dem Verband „Ivan Patzaichin – Mila 23 Association“, der sich für das Donaudelta einsetzt, konzipiert und entwickelt. Genaueres ist auch auf der Website des Projekts (dambovitaapadulce.ro) nachzulesen. Die beiden Nichtregierungsorganisationen wollen sich für die Sauberkeit des Gewässers einsetzen und Grünstreifen in direkter Umgebung einrichten.
Ein fast versteckter Fluss im Herzen der Stadt
Denn momentan ist die Dâmbovița, wie die Bukarester sicher wissen, sozusagen in Ketten gelegt. Der Fluss, der von Nordwesten nach Südosten durch das Zentrum der Stadt fließt, ist umgeben von abschreckenden, etwas bröckelnden Betonwänden. Es gibt wenige Stellen, an denen man überhaupt dem Fluss nahekommt. Denn der Betonkanal ist eingezwängt von zwei Straßen. Der Fluss hat dadurch kaum Identität oder Charakter, wie die Flüsse in anderen Großstädten. Gibt es mal einen Ort, wo man zum Fluss kommt, steht man zumeist vor einem Zaun auf Beton und schaut auf das etwas traurige Gewässer hinab.
Diese Betonkonstruktionen haben jedoch auch einen Sinn. Größtenteils wurden sie in der heutigen Form bei der Umgestaltung des Flusses in den 80ern angebracht. „Das heutige System mit elf Staudämmen wurde entwickelt, um den Wasserfluss zu regulieren und die Sicherheit der Stadt zu gewährleisten“, so berichtet Radio România Cultural. Das System hat also sein Ziel durchaus erfüllt: Heutzutage gibt es in der Hauptstadt so gut wie keine Überschwemmungen mehr, was davor üblicher war.
Eigentlich sollte in den 80ern der Fluss auch mit der Donau verbunden werden. Dadurch hätte Bukarest einen Hafen, von dem das Schwarze Meer erreicht werden kann. Das Projekt der Kommunisten wurde jedoch nicht fertiggestellt und nach der Revolution verworfen, beziehungsweise einfach nicht mehr weitergeführt.
Ein ganzes Manifest für die Zukunft
So oder so hat die bestehende Betonkonstruktion der Dâmbovița wegen der Hochwassergefahr durchaus einen Sinn. Dieses Umstandes ist sich das Projekt natürlich bewusst. Trotzdem wirbt es für eine Umgestaltung des Areals, das den Fluss umgibt. Dafür hat das Projekt sogar gleich ein ganzes Manifest entworfen, in dem es mit durchaus großen Tönen von seinem Vorhaben spricht.
Der Fluss soll, so das Manifest, in näherer Zukunft zu einem grün-blauen Korridor werden, der die Stadt wesentlich kühlt, der die Biodiversität steigert und zur Entwicklung der lokalen Gemeinschaft und Wirtschaft beiträgt – so schreibt das Projekt. „Wir wünschen uns einen Uferboulevard voller lebendiger Labore, in dem die Gemeinschaft auf Forschung und Innovation trifft – eine Gelegenheit, mehr über Biodiversität, Lösungen für Umweltverschmutzung, Kohlenstoffsenken und Finanzierungsmöglichkeiten für Klimaschutzinitiativen zu erfahren“, so die Organisatoren. Dafür sollen die Straßen neben dem Fluss, mindestens teilweise, weichen.
Für eine kühlere und lebenswertere Umgebung
Das Projekt hat zwei zentrale Ebenen: Auf der einen Seite soll der Fluss dabei helfen, die Stadt klimatisch abzukühlen, auf der anderen Seite soll er sie lebenswerter machen – sodass die Bukarester kühlere und bessere Luft haben und mehr Grünflächen, auf denen sie ihre Zeit verbringen können.
Denn eigentlich ist ein Gewässer perfekt, um Städte abzukühlen. Gerade im Zentrum von Bukarest, das fast nur aus Beton besteht, wäre dies notwendig. Im Sommer heizt sich gerade dort die Stadt enorm auf. Weil der Fluss aktuell jedoch kaum Schatten hat und in einem Betonkorsett gefangen ist, kann er aktuell nur wenig helfen.
Das bestätigt auch die Architektin und Mitorganisatorin des Projekts Tamina Lolev im Gespräch mit Radio România Cultural: „Die Dâmbovița, ein grün-blauer Korridor, birgt ein enormes Potenzial zur Kühlung der Stadt.“ In einem Bukarest, das zunehmend von Hitzewellen betroffen ist, gewinnt diese Funktion laut ihr an Bedeutung. Schon jetzt trage der Fluss zur Luftreinigung bei. „Der Schlamm am Gewässergrund ist im Grunde der vom Fluss aufgesammelte Staub aus der Luft“, sagte auch der Biologe Cătălin Cazacu dem Radiosender.
Darüber hinaus kann die Begrünung auch die lokale Wirtschaft ankurbeln, so die Projektorganisatoren in ihrem Manifest. Mehr Grünflächen könnten auch mehr Menschen an den Fluss locken, um sich dort aufzuhalten. Diese trinken natürlich auch gerne mal einen Kaffee oder möchten etwas essen. Dadurch möchte das Projekt auch die „die teilweise verlassenen Gebäude neben dem Fluss, auch in zentralen Lagen, mit ihrem ungenutzten wirtschaftlichen Potenzial integrieren“. Denn in genau diesen könnten Restaurants, Cafés und andere Geschäfte eröffnet werden.
Mit der Öffentlichkeit und politischem Willen
Um diesem Ziel näherzukommen, hat das Projekt einen drei-Schritte-Plan in ihrem Manifest entwickelt. Zuerst soll eine Struktur, ein Projekt entwickelt werden – was wie geschildert bereits geschehen ist. Zweitens sollen Mitglieder und Interessierte angeworben werden, die sich gemeinsam für die Neugestaltung einsetzen. Zuletzt soll gemeinsam recherchiert und gearbeitet werden, wo es vergleichbare Projekte auf der Welt gibt und wie sie hier, in Bukarest, umgesetzt werden können. Die sollen dann an Politiker und die Öffentlichkeit getragen werden, mit der Hoffnung, dass das Projekt tatsächlich umgesetzt wird.
Vor Kurzem gab es bereits eine Arbeitssitzung von „Dâmbovița Apă Dulce“, wie Radio România Cultural berichtet. Die Ergebnisse werden aktuell noch ausgewertet, doch die Richtung ist laut dem Projekt bereits klar: mehr Grünflächen, Fußgänger- und Radwege, Verkehrsreduzierung und die Wiederanbindung der Ufer.
Tamina Lolev begründet dies auch: „Wenn wir eine Fahrspur – zum Nachteil des Autoverkehrs – in eine Grünfläche umwandeln, gewinnen wir auf einem Abschnitt 3000 Quadratmeter Grünfläche, was sauberere Luft und Erholung bedeutet. Wenn wir diese Ideen ausweiten, werden wir eine viel lebenswertere Stadt haben.“
Es gibt auch einige konkrete Ansätze: Laut dem Projekt wäre es möglich, in den Abschnitten Regie zu Grozăvesti oder Marașești zu Timpuri Noi schnell die Begrünung voranzutreiben. Parallel dazu sollen künftig temporäre Lösungen wie die Umwandlung einiger Abschnitte in Fußgängerzonen oder die Aufstellung von Stadtmobiliar erprobt werden. Daraufhin sollen öffentliche Reaktionen ausgewertet werden – wobei die Organisatoren sicherlich hoffen, dass diese gut ausfällt.
Freiwillige werden benötigt
Doch wenn Bukarest und Rumänien für eines bekannt ist, dann sind das wohl große Pläne, die am Ende zumeist doch gescheitert sind. Damit das beim Projekt „Dâmbovița Apă Dulce“ nicht auch passiert, braucht das Projekt eigenen Angaben nach vor allem Unterstützung aus der Bevölkerung und danach auch politischen Willen. Die Organisatoren freuen sich deswegen über alle Interessierten, die sie freiwillig unterstützen und sich ebenfalls für die Idee einsetzen wollen.






