Cristian Sida: Kunst als Brücke zwischen den Welten

Professor in Temeswar, international anerkannter Künstler und Initiator eines Skulpturenparks an einem UNESCO-Standort in Frankreich

Der Künstler vor dem Werk „Urs polar I“

Ausstellung „Passepartouze“ (bis zum 26. Nov.)

An diesem Wochenende wird im Viertel Arboretum – La Gare in Méricourt der Internationale Skulpturenpark eingeweiht.

„Pour les Privés d’amour et de pinard“ 2/1,5 m (2020) „Ave“ (2023)

Nach einem intensiven Sommer in seinen Ateliers in Temeswar/Timișoara und auf Korsika und einem Herbst voller Ausstellungen erlebt der Temeswarer Maler Cristian Sida eine der reichsten Phasen seiner Karriere. Zwei Einzelausstellungen – in Temeswar und in Paris – sowie die Einweihung eines internationalen Skulpturenparks in Frankreich vereinen sich zu einem Porträt eines reifen Künstlers, für den Kunst im Wesentlichen eine lebendige Form des Dialogs zwischen den Welten bleibt.

Am 22. Oktober eröffnete Cristian Sida im Nationalen Kunstmuseum für Kunst Temeswar (MNArT) seine Ausstellung „Passepartouze“ – ein spielerischer Titel, der das neutrale „Passepartout“ (Rahmen) ironisch mit dem französischen Wort „partouze“ (im übertragenen Sinne: Rausch, Ekstase) verbindet – ein Hinweis auf die völlige Freiheit des Ausdrucks und die überschäumende Mischung aus Formen, Ideen und Empfindungen. Die großformatigen Arbeiten – einige bis zu 500 mal 200 Zentimeter – gehören zu den Serien „Satyricon“ und „Pour les Privés d’Amour et de Pinard“, die in zwei Jahrzehnten (2005–2025) entstanden sind. In Mischtechniken – Acryl, Monotypie, Textinterventionen und Collagen – gearbeitet, bewegen sich die Leinwände an der Grenze zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Kontrolle und Zufall, zwischen impulsiver Geste und kompositorischer Strenge. „Alles bleibt offen und unvorhersehbar; das Einzige, was Bestand hat, ist die grafisch-malerische Struktur – eine ursprüngliche Matrix, aus der sich Chaos, Alltagsereignisse und die stillen Fragen des Lebens herausbilden“, sagt der Künstler.

In einer Kunstlandschaft, die oft von kühlem Konzeptualismus geprägt ist, bewahrt Sidas Malerei die Intensität der Materie und die Spannung der Geste. Die dichten Oberflächen, gezeichnet von Spuren, Flecken und halb verwischten Texten, erinnern eher an ein existenzielles Tagebuch als an eine formale Komposition. „Mich beschäftigt immer noch die Frage: Form oder Farbe? Paradoxerweise beginnt die Farbe, sobald sie Form annimmt, zu erzählen – aber mit jeder erzählten Geschichte verliert sie etwas von ihrer Präsenz“, gesteht Sida. „Und doch kann ich ohne Zeichnung nicht existieren. Die Zeichnung ist mein Trainingspartner, mein visueller Alltag“, setzt er fort.

Die Ausstellung „Passepartouze“ ist im Barocksaal des Temeswarer Nationalen Kunstmuseums bis zum 26. November 2025 zu sehen.

Paris: Ein fort-dauernder Dialog

Nur eine Woche nach der Vernissage in der Bega-Stadt eröffnete Cristian Sida am 30. Oktober eine neue Einzelausstellung in der Galerie Paul Amarica in Paris – einem etablierten Raum für zeitgenössische europäische Kunst in der Nähe der Champs-Élysées. Es ist seine dritte Ausstellung dort; sie läuft bis 4. Januar 2026.

Die in Paris gezeigten Werke greifen Themen und Strukturen der Serie „Passepartouze“ auf, präsentieren sie jedoch in einer verfeinerten Form, die auf die Sensibilität des französischen Publikums abgestimmt ist. Sie erforschen dieselbe Dialektik von Chaos und Gleichgewicht, Instinkt und Vernunft, reiner Farbe und schriftlichem Zeichen. „Paris zwingt dich zu Präzision, aber auch zu Authentizität. Du kannst nicht vor einem Publikum lügen, das schon alles gesehen hat. Dort muss jede Geste wesentlich und ehrlich sein“, sagt Sida.

Ein Künstler zwischen zwei Welten

Cristian Sida, 1974 in Arad geboren, gehört heute zu den sichtbarsten Vertretern seiner Generation. Er ist Professor an der Fakultät für Kunst und Design der West-Universität Temeswar (UVT), Mitglied des Verbandes Bildender Künstler Rumäniens sowie Ehrenmitglied der französischen Vereinigung „Atelier International d’Artistes Plasticiens“. Er teilt sein Leben zwischen Rumänien und Frankreich, wo er regelmäßig an internationalen Ausstellungen und Projekten teilnimmt.

Sida hat in Paris, Wien, New York, Biarritz, Izmir, Karlsruhe, Salzburg und Budapest ausgestellt und zahlreiche Preise erhalten – darunter den „Eugen-Todoran-Preis“ für kulturelle Exzellenz, den Malereipreis der Internationalen Biennale von Izmir, den Exzellenzpreis für Malerei des rumänischen Künstlerverbands sowie das nationale Stipendium für Malerei. Er war Gastdozent an der Université Paris 8 und an der École Supérieure d’Art de Lorraine und gilt als eine der prägnanten Künstlerpersönlichkeiten Mitteleuropas. Für ihn ist Mobilität keine Strategie, sondern eine künstlerische Lebensform: „Ich glaube, Zugehörigkeit ist eine Frage der Geste, nicht der Adresse. Timi-{oara und Frankreich sind zwei Ateliers derselben Suche“, sagt er.

Ein Traum wird Wirklichkeit

Die dritte Etappe dieses intensiven Herbstes ist die Eröffnung des Internationalen Skulpturenparks von Méricourt, einer kleinen Stadt im Norden Frankreichs, im berühmten UNESCO-Welterbegebiet des Kohlebeckens von Lens. Das Projekt entstand 2013 aus einer Kooperation zwischen der Fakultät für Kunst und Design der UVT und der Stadtverwaltung von Méricourt. Es wurde von Cristian Sida initiiert und durch internationale Künstlerresidenzen entwickelt, die im Laufe eines Jahrzehnts rumänische und französische Künstler zusammenführten.

Der Park befindet sich im Öko-Viertel Arboretum – La Gare, das auf einem ehemaligen Industriegebiet entstanden ist. Die ersten eingeweihten Werke stammen von den Bildhauern Toma Libotyan und Dan Vi{ovan, beide Absolventen der Temeswarer Kunstfakultät. „Für die künstlerische Gemeinschaft symbolisiert dieser Park Kontinuität und europäische Offenheit. Es ist eine Normalität, die wir durch Kunst aufbauen“, erklärt Sida.

Neben der künstlerischen Leitung war Sida auch an der praktischen Umsetzung beteiligt – ein komplexer Prozess, der die Zusammenarbeit mit lokalen Betrieben und die Zustimmung der UNESCO erforderte. „Alles wurde mit unglaublicher Präzision gefertigt – vektoriell geschnittene Metallteile, perfekt gefügt, vier Meter hohe Skulpturen. Es war ein riesiger Aufwand, aber auch eine Lektion in Freundschaft und kultureller Solidarität“, erzählt er.

Modell europäischer Zusammenarbeit

Mit der Eröffnung des Parks in Méricourt erfüllt sich ein über zehn Jahre alter Traum: ein Ort des interkulturellen Dialogs, eine Brücke zwischen Temeswar und Méricourt, zwischen Rumänien und Frankreich. „Im Leben zählen die Begegnungen. Ich hatte das Glück, viele zu erleben. So entstand dieses Projekt – aus einer Begegnung, einem Glas Wein und einer Idee, die anfangs utopisch schien“, erzählt der Maler Cristian Sida.

Der Skulpturenpark von Méricourt wird nun zu einem Modell europäischer Kulturkooperation, ein Beispiel dafür, wie Kunst zu einem Instrument der Diplomatie und Solidarität werden kann. Sida wünscht sich, dass das Projekt fortgesetzt wird, indem jedes Jahr neue rumänische und französische Künstler eingeladen werden, gemeinsam zu arbeiten: „Es ist ein Park, der mit der Zeit wachsen wird – ein Raum des Gedächtnisses und des Experiments. Er wird dort bleiben, für immer, als Brücke zwischen Rumänien und Frankreich.“

Gleichzeitig hofft der Künstler, dass auch die Stadt Temeswar diesem Beispiel folgen und einen eigenen internationalen Skulpturenpark schaffen wird: „Temeswar hat Energie und Potenzial – das hat die Europäische Kulturhauptstadt 2023 bewiesen. Aber wir brauchen mehr Kontinuität und Bürgermeister, die Kultur verstehen – die an Kunst als öffentliche Bildung glauben, nicht nur als Dekor.“

Nach der Einweihung des UNESCO-Parks in Frankreich kehrt Sida nach Temeswar zurück. Am 11. Dezember wird in der „Galeria cu Platani“ („Galerie mit Platanen“) der Kunstfakultät UVT eine Fotoausstellung des französischen Künstlers Bernard Quenu (Arras) eröffnet – „ein Künstler, der derzeit in Méricourt ausstellt, also eine Spiegel-Einladung zur Einweihung des Arboretum-Parks“, erklärt Sida.

Über die lebendige Gegenwart der Kunst

Weit entfernt von theoretischen Spekulationen bleibt Cristian Sida ein Künstler der lebendigen Geste, der direkten Beziehung zu Material und Mensch. In einer digitalisierten Welt glaubt er weiterhin an die konkrete Kraft von Farbe, Zeichnung und Atelierarbeit: „Wahre Kunst geschieht zwischen Menschen, nicht zwischen Bildschirmen. Die lebendige Begegnung, der Dialog, die Arbeit im Atelier – das ist es, was uns rettet. Der Rest ist digitaler Lärm.“

Für Sida ist Malerei eine Form aktiver Meditation, eine Übung in Präsenz und Klarheit. „Ich glaube nicht an Kunst als Flucht. Ich glaube an Kunst als eine Weise, in der Welt zu sein – klar, verletzlich, aber lebendig“, schließt der Künstler.


Der Herbst 2025 bringt dem Künstler Cristian Sida drei symbolische Stationen:
„Passepartouze“, Ausstellung im Nationalen Kunstmuseum Temeswar – bis zum 26. November 2025 
Einzelausstellung in der Galerie Paul Amarica, Paris – geöffnet bis Januar 2026 (Foto: Ausstellungsplakat)
Eröffnung des Internationalen Skulpturenparks von Méricourt – ein Herzensprojekt und Modell europäischer Zusammenarbeit