In der alten Straßenbahnhalle von Temeswar/Timișoara hört man statt dem Geräusch von Rädern auf Schienen das leise Rascheln von Markern. An den Wänden entsteht in Echtzeit die Geschichte von vier Jahrzehnten eines Künstlers in engem Zusammenhang mit der Geschichte eines Landes. Im in einen Kunstraum verwandelten Depot des Museums für öffentlichen Verkehr „Corneliu Miklosi“ zeichnet Dan Perjovschi sein Leben. 40 Jahre Zeichnung, Presse, Bürgersinn, Land – „Dan Perjovschi. Rumänien 1985–2025. Eine Retrospektive“.
„Ich weiß nicht, ob das eine Retrospektive oder ein Anfang ist“, sagt der Künstler. „Aber es ist der Ort, an dem ich mein ganzes Leben sehen kann – gezeichnet in Weiß auf Schwarz (Anm. d. Red.: Die Hallenwände sind schwarz gestrichen).“ Es ist eine lebendige Retrospektive, ein bewegliches Archiv, und ein sechs Meter langes CV zeigt, dass jede Stunde dieser 40 Jahre mit Arbeit gefüllt war: „Es ist eine visuelle Biografie, aber auch ein Beweis für Durchhaltevermögen. Man merkt gar nicht, wie die Zeit vergeht“, gesteht Perjovschi. „Ich habe 1985 angefangen und hoffe, am letzten Tag der Ausstellung im Jahr 2025 anzukommen. Dann kommen die Jungs und überstreichen alles. Aber bis sie kommen, zeichne ich noch ein bisschen weiter“, scherzt er.
Geboren 1961 in Hermannstadt/Sibiu, wurde Dan Perjovschi als Maler ausgebildet, entschied sich aber für das Zeichnen, weil es direkt, schnell und frei war – eine subtile Waffe gegen die Zensur der 80er Jahre. Die rumänische Revolution erlebte er 1989 mit dem Stift in der Hand und verwandelte die Energie der Straße in grafischen Journalismus: Nach der Wende wurde er Illustrator und künstlerischer Leiter der unabhängigen Zeitschrift Revista 22, wo seine Zeichnungen den Übergang, die Illusionen und Desillusionen der rumänischen Gesellschaft dokumentierten.
Vom Rand einer Seite wanderte Perjovschi an die Wände der Welt. Mit einem schwarzen Marker und einer einfachen Linie zeichnete er direkt auf die Wände von Museen, Atrien und öffentlichen Räumen und verwandelte sie in Gemälde der unmittelbaren Realität. Seine Werke, obwohl flüchtig (nach den Ausstellungen gelöscht), wurden durch ihre schonungslose Aktualität und ihren bitteren Humor ikonisch.
Seit vier Jahrzehnten erscheinen die Zeichnungen von Dan Perjovschi also auf Wänden, Straßenbahnen, T-Shirts, Schulwänden, in Zeitschriften und Museen weltweit. Anerkannt auf der internationalen Bühne für seinen scharfen, ironischen und zutiefst politischen Stil, stellte er in einigen der renommiertesten Institutionen und Veranstaltungen der zeitgenössischen Kunst aus: vom MoMA New York, Tate Modern London, Centre Pompidou Paris, bis zur Biennale von Venedig, Istanbul oder Sydney. Jetzt zeigt er bis zum 26. Oktober eine große Retrospektive in der Bega-Stadt.
Temeswar, die Stadt des Anfangs
„Von Sydney zu den Straßenbahnen“, scherzt Perjovschi. „Ich bin ein Randständiger im Mainstream. Und dort fühle ich mich am freiesten. Ich stelle in der Tate und im MoMA aus – aber an den Fenstern“, sagt er und lacht laut.
Temeswar, die Stadt, in der 1989 die erste Straßenbahn zum Stillstand kam, ist heute das Zuhause für etwas, das mehr ist als eine visuelle Zusammenfassung von vier Jahrzehnten Karriere – es ist eine Radiografie eines Landes. Und das nicht von ungefähr. Es ist eine Rückkehr in die Stadt, die den Beginn der freien Meinungsäußerung markierte. „Einige meiner wichtigsten Arbeiten sind hier entstanden“, sagt der Künstler. 1991, bei der Ausstellung „Stare fără titlu“ („Zustand ohne Titel“), zeichnete er im Pförtnerraum des Kunstmuseums – es war sein erster Kontakt mit dem Zeichnen auf Architektur. Zwei Jahre später, beim Performance-Festival „Zona“, festigte er seine Richtung: Kunst, die aus dem Rahmen tritt, die sich einmischt, die über die Welt spricht. „Temeswar hat für mich eine emotionale Ladung. Unsere Freiheit begann mit dem Anhalten einer Straßenbahn. Ich vergesse nicht, dass Menschen auf die Straße gingen und mit ihrem Leben bezahlten, damit ich heute frei sprechen kann“, sagt Dan Perjovschi.
Und doch: „Timișoara nu-i ușoară“ („Temeswar ist nicht einfach“) – steht handgeschrieben an einer Wand der Ausstellung. Ursprünglich hatte er diesen Satz 2023, im Jahr der Europäischen Kulturhauptstadt, auf eine Straßenbahn geschrieben. Diese Straßenbahn fährt auch zwei Jahre später noch durch die Stadt. „Diese Stadt trägt eine Last – von der Revolution bis zur Kulturhauptstadt. Wenn hier Dinge gelingen, können sie im ganzen Land funktionieren. Wenn nicht, lernen wir alle daraus. Aber es ist nicht leicht. Die Stadt muss die Fahne weitertragen, die sie im Dezember 1989 erhoben hat“, sagt Perjovschi weiter. Für ihn ist die Stadt ein moralischer Test: der Ort, an dem Freiheit und Erinnerung überprüft werden. „Rumänien hatte Hunderte von Revolutionen. Große und kleine. Manche haben uns geblendet, andere geweckt. Ich habe sie nur gezeichnet“, setzt er fort.
Von der Wand zur Schule: Kunst als Bürgerbildung
Die Retrospektive „DAN PERJOVSCHI. RUMÄNIEN — Eine Retrospektive 1985–2025“ ist ein Projekt des Kulturvereins „Contrasens“, finanziert von der Stadt Temeswar und kofinanziert von der Nationalen Kulturfondsverwaltung AFCN. Kuratiert wird sie von einem Kollektiv aus fünf Frauen – Mihaela Tilinc², Dana Sarme{, Magda Radu, Monica Dănilă und Simona Constantin –, die eine Art „catalogue raisonné“ seiner Zeichnungen strukturiert haben.
Mihaela Tilincă kommt aus dem pädagogischen Bereich und legte den Schwerpunkt auf den bürgerschaftlichen Aspekt seiner Arbeit: „Für mich ist Dan ein Pädagoge, der zeichnet. Ich habe gesehen, wie er während der Pandemie mit 47 Kindern auf dem Asphalt kniete und über Bürgersinn und Kunst sprach. Ich sehe ihn noch heute, wie er Wände in Lehrbücher verwandelt. Wenn er mit Kindern arbeitet, erteilt er keine Lektionen, sondern führt Dialoge.“
In einer Ecke der Ausstellung verbindet eine visuelle Mindmap seine zivilgesellschaftlichen Projekte: „Curțile pentru Cultură“, „Dăruiește Viață“, „Ambulanța pentru monumente“ und viele andere. Vor fünf Jahren, zum 30. Jahrestag der Revolution, zeichnete Perjovschi die Namen der NGOs, mit denen er bislang gearbeitet hatte. „Das sind meine Helden. Menschen, die handeln, nicht nur reden“, sagt der Künstler.
Zeichnung als Journalismus
Seit fast 30 Jahren erscheint jede Woche eine Zeichnung von Dan Perjovschi in der „Revista 22“. „Das ist meine Art, die Welt zu kommentieren. Ich mache keine Karikaturen, ich mache visuelle Leitartikel. Schwarz-Weiß, weil die Realität so ist, wenn man sie in Spannung erlebt. Du schreibst nicht ´Nieder mit der Diktatur!´ mit einem bunten Filzstift. Du schreibst es in Schwarz, schnell“, sagt er.
Nach 40 Jahren Zeichnen bleibt Dan Perjovschi ein scharfsinniger, ironischer Zeuge unserer Zeit. In der Temeswarer Tramhalle leben einige dieser Zeichnungen wieder auf: politische Führer, Schlagworte, visuelle Satiren, Reflexionen über Zeit, Freiheit und Erinnerung. „Ich sehe mir die alten Zeichnungen an und merke, wie sehr sich Rumänien verändert hat – und wie wenig, manchmal. Wir kommen aus einem schwarzen Loch, aber wir vergessen schnell. Wir vergessen alles – das Gute und das Schlechte“, erzählt Perjovschi.
Das Publikum ist vielfältig – Studierende, Touristen, Einheimische, Gymnasiasten. Sogar der rumänische Präsident Nicușor Dan war da. Über 2000 Besucher seit der Eröffnung am 3. September. „Viele kommen und fragen: Wo ist die Kunst? Oder: Warum ist alles geschrieben? Dann reden wir. Meine Kunst ist nicht zum Einrahmen. Sie ist zum Diskutieren“, sagt der Künstler.
In der kühlen Halle, zwischen Farbresten und den Geräuschen der Stadt, zeichnet Dan Perjovschi weiter. Noch eine Linie, noch ein Satz, noch eine scharfe Ironie. Bis zum 26. Oktober. Die Geschichte ist in Bewegung – und er fängt sie im Vorbeigehen ein. Am Ende der Ausstellung werden die Wände wahrscheinlich mit einer neuen Farbschicht überdeckt sein. Doch die Spuren bleiben. „Geschichte verschwindet nicht. Sie wird neu gezeichnet. Ich halte nur den Marker an der Lebenslinie“, schließt Dan Perjovschi.








