„Das Kulturerbe ist die größte Ressource des rumänischen Dorfes“

Interview mit Caroline Fernolend, der Vorsitzenden des Mihai Eminescu Trust

Caroline Fernolend zusammen mit König Charles bei seinem Besuch in Deutsch-Weißkirch (2023) – ein Treffen, das zu einem Symbol der Freundschaft wurde und maßgeblich zur Förderung des siebenbürgischen Kulturerbes beigetragen hat. | Foto: privat

Caroline Fernolend auf der Jubiläumsfeier am 11. Oktober 2025 in Malmkrog/Mălăncrav (die ADZ hat berichtet: „Für ein lebendiges Kulturerbe und aktive Dorfgemeinschaften im Herzen von Siebenbürgen“, 25 Jahre Mihai Eminescu Trust – Denkmalschutz mit sozialen Projekten, Naturschutz und Kultur) | Foto: George Dumitriu

Seit 25 Jahren leitet Caroline Fernolend den Mihai Eminescu Trust (MET) mit derselben Entschlossenheit, mit der sie sich in den 90er-Jahren entschied, in ihrem Heimatdorf Deutschweißkirch/Viscri zu bleiben – in einer Zeit, in der fast alle anderen Siebenbürger Sachsen ausgewanderrt sind. Sie hat über 1300 Projekte umgesetzt, Kirchenburgen, Wehrkirchen, sächsische Häuser und ganze Dorfgemeinschaften zu neuem Leben erweckt, eine neue Generation von Dorfbewohnern beflügelt und den heutigen britischen König Charles III. davon überzeugt, dass Siebenbürgen eine der wertvollsten Kulturlandschaften Europas ist.
Ein Vierteljahrhundert nach der Gründung des MET spricht sie über die Kraft des sächsischen Erbes, über den Einsatz für das Kulturerbe, über die jungen Menschen, die ins Dorf (zurück)ziehen, über Wurzeln, Mut und das Gemeinwohl und darüber, wie König Charles zum sichtbarsten Botschafter Siebenbürgens wurde. Das Interview führte ADZ-Redakteurin Andreea Oance.

Frau Fernolend, Sie sind in Deutschweißkirch geblieben, als fast alle Siebenbürger Sachsen fortgingen. Was hat Sie bewogen, zu bleiben und Ihre Lebensgeschichte mit Ihrem Heimatdorf zu verbinden?

Deutschweißkirch ist das Dorf, in dem meine sächsischen Vorfahren über Jahrhunderte gelebt haben und sowohl die Wehrkirche als auch das gesamte Dorf mit aufgebaut haben. Seit 1999 zählt es zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Gemeinsam mit den anderen Dorfbewohnern gründeten sie die Nachbarschaften und schufen die Regeln, nach denen das Dorfleben organisiert war. Ich hatte das Glück, in dieser Gemeinschaft aufzuwachsen, den Gemeinschaftsgeist und den Glauben an das Gemeinwohl aktiv zu leben. Dank ihres Fleißes und des Glaubens an einfache Anstandsregeln schaffte es die Gemeinschaft, Folgendes zu bauen und zu erhalten: die Wehrkirche, die Häuser, die Ställe und Scheunen, Brücken, Gräben, Wege, mit Flusssteinen gepflasterte Gehsteige, Weiden mit uralten Bäumen, Ackerland sowie Traditionen und Bräuche.
Wie hätte ich all dies einfach dem Schicksal überlassen können?
Seit 1990 habe ich lediglich versucht, meinen Beitrag zu leisten und die Gemeinschaftswerte unserer Vorfahren zu bewahren. Dieser Weg war anfangs sehr schwierig, da nur wenige glaubten, dass es möglich sein würde – es galt viele Herausforderungen zu überwinden. Aber ich habe immer an die Wiederbelebung meines Heimatdorfes geglaubt. Deshalb habe ich 25 Jahre lang alles getan, was in meiner Macht stand, um die Entwicklung des Dorfes – basierend auf dem, was wir bereits haben – und das Wohlergehen der heutigen Dorfgemeinschaft zu fördern. Für Jüngere und Ältere,  für Hiesige und Zugezogene. Das Ergebnis wird von vielen geschätzt und macht mich glücklich!

Wie würden Sie die 25 Jahre Tätigkeit der Stiftung beschreiben?

Es war vor allem Teamarbeit, in der es uns gelungen ist, das Vertrauen unserer Partner zu gewinnen und zu bewahren – seit 25 Jahren. Wir haben viele Bewohner „unserer Dörfer“ dazu motiviert, sich an den Revitalisierungsprojekten zu beteiligen, die sie selbst in Vorfeld benannt und hervorgehoben haben.
Durch die beruflichen Weiterbildungsangebote und die Gründung kleiner Familienbetriebe – unabhängig vom sozialen Status oder der ethnischen Zugehörigkeit der Begünstigten – hat MET zur Verbesserung des Lebensstandards vieler Familien in Siebenbürgen beigetragen.  
Die Einbindung von Kindern und Jugendlichen in zahlreiche Bildungs- und Kreativitätsprojekte war und ist der Schlüssel für die Nachhaltigkeit unserer Arbeit. Wir hoffen, dass diese jungen Menschen sich eines Tages selbst in ihren Gemeinschaften engagieren und das weitertragen, was sie gelernt haben und als wertvoll empfanden.
Wir haben bewiesen, dass die Arbeit einer NGO  aus Siebenbürgen sowohl landesweit als auch international Anerkennung finden kann. Seit 2014 fördert der Europarat die Tätigkeit des MET als Beispiel guter Praxis für die Umsetzung der Faro-Konvention, die den Einsatz des Kulturerbes zugunsten lokaler Gemeinschaften vorgibt. 2024 erhielt MET die höchste europäische Auszeichnung im Bereich Kulturerbe: drei Europa-Nostra-Preise – darunter den Grand Prix – für das Revitalisierungsprojekt der Wehrkirche in Almen/Alma Vii, Kreis Hermannstadt/Sibiu.

Welches Projekt der Stiftung halten Sie – jenseits der beeindruckenden Zahlen – für das Wichtigste?

Heute denke ich, dass das wichtigste Projekt der Aufbau eines engagierten und begeisterten Teams war – des MET-Teams. Ein Team, das die Bedürfnisse und Ideen der Dorfbewohner sammelt, sie an die Anforderungen der Förderprogramme anpasst und in förderfähige Projektanträge verwandelt. Jedes Mal, wenn wir eine Projektförderung erhalten, ist das eine große Freude. Während der Umsetzung achten wir sehr darauf, jeden einzelnen Leu verantwortungsbewusst auszugeben, sodass er zu unseren Zielen und zur Nachhaltigkeit des Projektes beiträgt. Deshalb ist die Beteiligung der jeweiligen Dorfgemeinschaft entscheidend.

Wie gelingt es Ihnen, die Restaurierung des Kulturerbes mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Dörfer in Einklang zu bringen?

Ich bin davon überzeugt, dass das vorhandene kulturelle Erbe die größte Ressource für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Dörfer ist. Es ist jenes „Was wir schon haben“, das ich bereits erwähnt habe. Die Restaurierung dieses Erbes und seine behutsame Nutzung unter Einhaltung der Bau- und Raumordnungsregeln ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Prozesses.

Was tun Sie, um junge Menschen für Ihre Aktivitäten zu begeistern, obwohl viele die Region verlassen?

Auch aus unseren Dörfern sind junge Menschen fortgegangen. Einige sind geblieben, andere zurückgekehrt – oft mit einem Partner oder einer Partnerin – und haben sich entschieden, wieder auf dem Land zu leben. Andere, ohne ländliche Wurzeln, sind bewusst hierher gezogen. Trotz finanzieller Hürden haben sie kleine Familienbetriebe gegründet, die ihren Lebensunterhalt sichern, der Gemeinschaft dienlich sind und Arbeitsplätze im Dorf schaffen. Viele von ihnen haben inzwischen Kinder oder engagieren sich in der lokalen Politik.
Beispiele sind Alexandra Lăcătuș und ihr Mann Sandu aus Almen, die eine kleine Gaststätte betreiben und den Zugang zur Wehrkirche organisieren; Mara und Alexu vom Restaurant „Viscri 32“; und auch meine Tochter Ursula und ihr Mann Cristian, der als Vizebürgermeister der Gemeinde Bodendorf/Bunești eine enorme Verantwortung auf sich genommen hat. Diese Entwicklung ist in Deutschweißkirch besonders sichtbar, wo 15 junge Familien zugezogen oder zurückgekehrt sind – aber sie findet auch in anderen Dörfern statt.
Wie Sie sehen: Es gibt auch ländliche Gemeinschaften, die jünger werden!

Man sagt, Sie seien diejenige gewesen, die König Charles dazu brachte, sich in Siebenbürgen zu verlieben. Wie lief die erste Begegnung ab?

Ich muss gestehen: Fast alle Besucher, die ich in Siebenbürgen getroffen habe, haben sich in diese geschichtsträchtigen Orte und die noch immer authentische Kulturlandschaft verliebt!
Die erste Reise Seiner Majestät König Charles III. fand im Jahr 1998 statt (damals als Pinz von Wales), mitorganisiert von Jessica Douglas-Home, der Präsidentin von MET London. Sie hatte es sich zum Ziel gesetzt, Seine Majestät zu beeindrucken. Das ist uns gelungen, weil wir ihn in unserer sächsischen Tracht erwartet haben: meine Mutter Sara, mein Mann Walter, unsere Tochter Ursula und ich.

Was hat Sie an der Art und Weise beeindruckt, wie König Charles den Geist des siebenbürgischen Dorfes und das sächsische Erbe verstanden hat?

Wie er mehrfach betont hat, wollte König Charles III. uns alle darin bekräftigen, das Bewusstsein für die Bedeutung unseres Kulturerbes und der noch vorhandenen Authentizität im ländlichen Siebenbürgen und in ganz Rumänien zu stärken. Er wies darauf hin, dass Rumänien Reichtümer und Werte hat, die viele andere europäische Länder durch übermäßige Industrialisierung verloren haben. Diese Werte deutete er als potentiellen Antrieb für eine ländliche Wiederbelebung.
Im Wesentlichen sagte er uns: Das, was wir haben, ist sehr wertvoll – wenn wir es zu bewahren wissen.

Wie hat die Sichtbarkeit, die Seine Majestät der Region schenkte, das Schicksal von Deutschweißkirch und der gesamten Gegend verändert?

In Deutsch-Weißkirch hatten wir schon vor dem ersten Besuch von König Charles III. damit begonnen, auf unsere Aunthentizität zu achten und die Dorfgemeinschaft zu stärken. Ich glaube, dass alle Botschaften Seiner Majestät über die Werte und die Arbeit vor Ort uns motiviert und ermutigt haben, weiterzumachen.
Durch unser Beispiel wurden viele Menschen in der Region und im ganzen Land dazu angeregt, das wahrzunehmen und zu schätzen, was sie in ihrer eigenen Umgebung haben – besonders auf dem Land.
Bei seinem jüngsten Besuch in Deutschweißkirch am 6. Juni 2023 habe ich ihm für die gesamte Unterstützung und Werbung gedankt, die er Rumänien geschenkt hat. Ich sagte ihm auch, dass sich dank ihm der Kulturtourismus auf dem Land stark entwickelt hat.

Was bedeutet es Ihnen persönlich, dass der König hier – in Deutschweißkirch, in Ihrem Geburtsort – ein Haus besitzt?

Das Haus, das König Charles III. in Deutschweißkirch besitzt, liegt direkt gegenüber von dem meiner Familie. Es wurde von MET Rumänien gekauft und restauriert. 2006 haben wir es Seiner Majestät geschenkt, doch 2008 wollte er die Kosten für Haus und Restaurierung erstatten und es offiziell in sein Eigentum aufnehmen.

Wie sieht für Sie das ideale rumänische Dorf in den nächsten 25 Jahren aus?

Ich wünsche mir, dass wir nicht die Fehler anderer Länder wiederholen, die das Alte verworfen haben, Neues gebaut haben – und es später bereut haben. Ich wünsche mir, dass der Staat Dorfkindern eine hochwertige Bildung bietet, sodass sie später die ländlichen Regionen im Parlament vertreten können und zu Entscheidungsträgern werden. Ich wünsche mir, dass wir mit Stolz behaupten lernen, „vom Land zu kommen.“ Denn „die vom Land“ ernähren die Städte durch ihre viele und nicht ausreichend wertgeschätzte Arbeit. Die MET-Projekte versuchen hierzu beizutragen. Aber je mehr Menschen sich beteiligen, desto realistischer wird es.

Zurück zu den Anfängen: Was würden Sie der Caroline Fernolend von 1991 sagen, die gerade erst diesen Weg begann?

„Du bist auf dem richtigen Weg! Deine Intuition funktioniert gut, aber es ist auch hilfreich, auf gutgemeinte Ratschläge zu hören.“ Ich würde ihr raten, mehr als zwei-drei Stunden pro Nacht zu schlafen, als sie 35-40 war und ununterbrochen arbeitete. Ich würde ihr auch sagen: „Es ist normal, Zweifel und Enttäuschungen zu haben, aber vertraue darauf, dass das Gute und die Gerechtigkeit am Ende zählen!“
Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass ich ein sehr glücklicher und gesegneter Mensch bin, der viele seiner Träume verwirklichen konnte – natürlich nicht ohne Opfer – aber das war es wert. Ich danke Gott für Gesundheit und Kraft, aber vor allem für meine wunderbare Familie.