„Wels verbindet, Wels pulsiert, Wels ermöglicht“ – derart macht die nach Linz zweitgrößte Stadt Oberösterreichs, malerisch an der Traun gelegen, für sich Reklame. Wir aber beziehen uns auf den dritten Teil des Mottos, nämlich „Wels ermöglicht“ und zwar ein besondere literarisch-musikalisches Ereignis. Durch die mobilmachende Vorankündigung des äußerst rührigen Welser Obmanns und Nachbar–Vaters Christian Schuster fanden sich am 15. November Siebenbürger Sachsen aus nah und fern, nicht wenige und nicht nur, aber auch aus Wien anreisende Interessenten im großen Saal der Landesmusikschule Wels ein, um mitzuverfolgen, was Dagmar Zink Dusil in ihrer Lesung und fünf mit Begeisterung und Talent ausgestattete Eleven dieser Schule am Klavier zu bieten haben.
Die literarisch äußerst umtriebige, aus Hermannstadt/Sibiu stammende Bambergerin Dagmar Dusil muss wohl nicht mehr vorgestellt werden. Neben anderen Arbeiten beschloss sie vor Jahren, die Beschäftigung von Prof. Walter Krafft (München) und von dem ebenfalls aus Hermannstadt stammenden Pianisten und Klavierpädagogen Peter Szaunig mit dem Werk der einzigen außerordentlichen pianistischen Begabung der Siebenbürger Sachsen, die Carl Filtsch war, derart zu konkretisieren, dass in literarisch-musikalischen Salons dessen Werk dem jeweils interessierten Publikum nahegebracht wird. Die mehrteilige Reihe dieser musikalisch-literarischen Äußerungen will aus mehreren Blickwinkeln alle Facetten des (kurzen) Lebens, sowie des erstaunlichen interpretatorischen und kompositorischen Werkes des jungen Genies beleuchten. In Wels präsentierte sie nun Teil Eins dieses Vorhabens, wobei sie mit dem nach intensiver Quellenforschung akribisch verfassten und sehr informativen Text Carl Filtsch in den Kontext seiner Zeit einordnete.
Carl Filtsch wurde im Jahre 1830 in die kinderreiche Familie des Stadtpfarrers von Mühlbach/Sebeș im Siebenbürger Unterwald hineingeboren und zeigte schon früh eine außerordentliche musikalische Begabung und bald auch eine erstaunliche Frühreife. Nach mehrfacher Ausbildung, zunächst vom Vater, dann in Wien, wurde er endlich Vorzugsschüler von Frédéric Chopin in Paris, wo er neben berühmten Schriftstellern und Malern der Seine-Metropole auch renommierte Musikschaffende wie Liszt, Me-yerbeer und Berlioz kennenlernte. Neben Tourneen in seine Heimat Siebenbürgen brachten ihn Gastspiele in viele Metropolen Europas, neben Wien und Paris auch nach London, Wiesbaden und Baden-Baden. Die fest eingeplanten Konzertauftritte in Prag und Berlin konnten dann nicht mehr wahrgenommen werden. Neben seinen erstaunlich reifen, technisch tadellosen Interpretationen fremder Werke brachte er auch eigene, ganz im Geiste seines Meisters Chopin geschaffene Klavierstücke zu Gehör. Doch leider wurde sein Siegeszug durch die damalige Welt der Musik infolge einer früh akquirierten Tuberkulose-Erkrankung schicksalhaft unterbrochen. Mit 15 Jahren erlag er seiner schweren, zu jener Zeit noch inkurablen Krankheit und wurde auf der venezianischen Friedhofsinsel San Michele beigesetzt.
All diese Lebensstationen arbeitete Dusil mit Sorgfalt heraus und verband sie durch einige von ihr ausgewählte Stücke von Filtsch und seinen Zeitgenossen, die die jungen Pianisten der Musikschule gekonnt interpretierten. So die den Reigen der jungen Musiker eröffnende, blutjunge Katie Wu, die zunächst die schelmische „Mazurka in es-Moll“ von Karl Filtsch, später die anspruchsvolle „Etüde op 1/1“ von Franz Liszt spielte. Brianna Reiter brachte auch einen Filtsch, seine „Romanze ohne Worte“ und danach die vertrackten „24 Pensées musicales“ von Filtschs großem Konkurrenten jener Zeit, dem allerdings achtzehn Jahre älteren Klaviervirtuosen Sigismund Thalberg.
Frida Werneck ließ zunächst Schumanns „Fantasiestücke op.12“ erklingen, gleich gefolgt von der „Nocturne op.2/1“ von Carl Filtsch. Der schon etwas reifere Benjamin Gotthard spielte die graziöse „Barcarole“ des Mühlbacher Komponisten, später dann die umfangreiche und anspruchsvolle „Ballade Nr. 2 in F-Dur“ von Chopin. Mit den letzten beiden Stücken beglückte uns dann die junge Lea Voithofer. Zunächst erklang die bekannte „Melodie in F-Dur“ Anton Rubinsteins, des anderen jungen Filtsch-Konkurrenten jener Zeit, der zwar auch schon früh eine außerordentliche Spieltechnik erkennen ließ, jedoch im Improvisieren Filtsch klar unterlegen war. Als letzten Beitrag gab es wieder einen Filtsch zu hören, es war sein „Adieu, Das Lebewohl von Venedig op. Posth. Nr. 3“, quasi ein vorausahnendes Requiem seines bald ebendort ausgehauchten, viel zu kurzen Lebens.
Die Qualität dieser diversen Interpretationen war zwar unterschiedlich, aber summa summarum, das jugendliche Alter der meisten beherzigend, dennoch erstaunlich, waren doch alle noch ohne Konservatoriums-Ausbildung. Der frenetische Applaus im fast vollen Saal war wohl für jeden der Protagonisten ermutigend, mit Zuversicht und Fleiß weiterzumachen.
Dagmar Dusil verstand es gekonnt, die Lebensgirlande dieses Genies mit viel Gefühl, mit Wissen um Details zu flechten. Auch vergaß sie nicht, Zitate und erstaunte Aussprüche der Zeitgenossen zu bringen, so etwa jenen legendären Satz des damaligen absoluten Stars der Klaviermusik Franz Liszt, der besagte, dass er seine Bude schließen könne, wenn erst Filtsch richtig zu reisen beginne; oder jenen Ausspruch seines ihm sehr zugetanen Lehrers Frédéric Chopin, dass ihn und seine Musik niemand so verstanden habe wie dieses Kind, dieser einzigartige Carl Filtsch.
Es ist wohl berechtigt anzunehmen, dass diesem Erfolg gemäß Dagmar Dusil auch weiterhin mit ihren Text-Musik-Darbietungen nach Wels eingeladen werden wird, wo doch durch diese Einführung das Interesse des Auditoriums und dessen Neugierde auf mehr erst so richtig entfacht worden ist.




