Der breiten Öffentlichkeit bekannt sind die Verbrechen des Nazi-Regimes: die Extermination der jüdischen Bevölkerung und anderer unerwünschter Gruppen in Vernichtungslagern. Vertraut ist man – in Rumänien, und seit Herta Müllers Roman „Atemschaukel“auch darüberhinaus – mit der Verschleppung der Deutschen Minderheit nach Russland oder den nicht ethnisch motivierten Zwangsumsiedlungen in die Bărăgan-Steppe im Kommunismus. Über die Deportation der Juden und Roma nach Transnistrien haben viele zumindest schon gehört. Der Bevölkerungsaustausch mit Bulgarien, die „Heimholung“ der Deutschen aus Osteuropa „ins Reich“ oder gar die Deportation ethnischer Ungarn aus Siebenbürgen sind jedoch weniger präsent im Massenbewusstsein. Dabei war Deportation – obwohl man sie früher nicht so genannt hat, sondern „Bevölkerungsaustausch“, „Evakuierung“ oder „Repatriierung“ – im 20. Jahrhundert ein europäisches Phänomen. Millionen von Menschen wurden zwangsumgesiedelt: Im Sinne der ethnischen Homogenisierung von Nationenstaaten. Zur Abstrafung eines Volks. Aus Rache für einen Krieg. Zur besseren Kontrolle von „Staatsfeinden“. Oder...
... aus Hass. „Hass ist ein zentrales Element totalitärer Regimes“ sagt Dragoș Hotea, Staatssekretär in der Kanzlei des Premiers, bei der Eröffnung des wissenschaftlichen Symposiums vom 25. und 26. November, „Deportationen nach ethnischen Kriterien – ein zentrales Element totalitärer Regime?“, organisiert vom Departement für interethnische Beziehungen an der Regierung Rumäniens (DRI), dem Geschichtsinstitut „Nicolae Iorga“ der Rumänischen Akademie und dem Institut für die Untersuchung von Verbrechen im Kommunismus und der Erinnerung des Rumänischen Exils (IICCMER), unterstützt von der Hanns Seidel Stiftung.
Wie breit die Idee der ethnischen Deportation angelegt war, zeigen Vorträge von über 20 Experten. „Wir haben alle eingeladen, die sich in Rumänien mit diesem Thema befassen“, erklärt Viorel Achim vom Iorga-Institut, einer der Ideengeber der Veranstaltung im Bukarester Goethe-Institut. „Erinnerungskultur ist uns wichtig“, betont auch Goethe-In-stitutsleiter Markus Huber: „Wir müssen aber unseren Fokus erweitern und auch die Konsequenzen für die Minderheiten verstehen.“ Und junge Leute instruieren, „damit sie nicht in die Fallen unserer Zeit tappen“, fügt Petru Farago, stv. Generalsekretär der Regierung hinzu, bezugnehmend auf die nationalistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Tendenzen der jüngsten Zeit. „Das Symposium soll Impulse geben, wie sich die Gesellschaft zu diesem Problem stellt“, motiviert Unterstaatssekretär Thomas Șindilariu das Interesse des DRI.
Hotea stellt klar: Opfer gab es nicht wegen einer „falschen Entscheidung“, sie waren Ergebnis einer jahrelangen Politik in einer Zeit, in der Diversität als Bedrohung angesehen wurde. Alle mussten gleichgemacht werden, um leichter kontrollierbar zu sein. Vor diesem Hintergrund müsse man die Deportationen verstehen: in begrenztem Areal sind „Staatsfeinde“ leichter zu observieren.
Dass so etwas wieder geschehen könnte, ist schwer vorstellbar für den heutigen Geist, geprägt von individueller Freiheit, europäischer Einheit in Vielfalt, der Unantastbarkeit der Menschenwürde als Grundlage aller Rechte. Und doch muss man dringend und ernsthaft an eine Strategie denken, die den Desinformationskampagnen Russlands im Hybridkrieg gegen das demokratische Europa die Stirn bietet, so der Grundtenor der Gespräche. Das Symposium schließt mit einem Rundtischgespräch über die essenzielle Notwendigkeit eines korrekten gesellschaftlichen Geschichtsbewusstseins (die ADZ berichtet).
Ideologische Hintergründe
1935 bis 1945 waren die Vereinigten Staaten und Deutschland „Laboratorien“ für ethnische Säuberungen gewesen, erklärt Viorel Achim. 1940-43 hat Sabin Manuilă die Theorie der ethnischen Homogenisierung von den USA nach Rumänien gebracht. Als Biopolitiker vertrat er die Idee einer Konsolidierung Großrumäniens durch Eugenik, derzufolge ethnische Reinheit Gesundheit und Intelligenz eines Volkes fördere .
Aus der Regierung Ion Antonescus ist eine Karte aus 1940/41 mit Plänen zur Zwangsumsiedlung ethnischer Gruppen bekannt, die allerdings nicht vollständig umgesetzt wurde, erklärt Achim (siehe Bild): Blau eingezeichnet sind da-rauf die Rumänen, die aus Ungarn, Bulgarien, Südslawien und der Sowjetunion eingeführt werden sollten, im Ersatz für die nach Ungarn zu deportierenden Szekler (grün), rosa die ethnischen Bulgaren, auszutauschen mit Bulgarien gegen die dortige rumänische Minderheit, orange die ethnischen Ukrainer. Stattgefunden hat nur der Austausch zwischen der rumänischen Dobrudscha und dem an Bulgarien abgetretenen Cadrilater.
Auch die Deportation der Juden und Roma aus Bessarabien und der Bukowina nach Transnistrien war ein politisches Projekt Antonescus – mit geozidalem Charakter. Viele starben dort an Hunger, Kälte und Typhus - „das war Absicht“, betont Achim.
Deportationen: Tradition unter Stalin
Im stalinistischen Regime waren ethnisch und ideologisch motivierte Deportationen Gang und Gäbe. Nichtrussen wurden nach nächtlichen Aushebungen oft tausende Kilometer weit nach Osten in isolierte Gebiete abgeschoben. Die Deportationen waren nur das Vorspiel zur Extermination, so Virgiliu Bîrlădeanu vom Geschichtsinstitut der Moldauer Staatsuniversität in Chișinău. Aus ethnischen Gründen deportiert wurden Deutsche, Polen, Finnen, Rumänen und Völker ohne Staat außerhalb der Grenzen Russlands. Aus ethnischen und ideologischen Gründen deportiert wurden Juden und Armenier. Interne Deportationen gab es in Russland bis 1950, betroffen waren über sechs Millionen Menschen.
Massendeportationen fanden auch statt, um „unloyale Bevölkerung“ aus Kriegsgebiet zu entfernen, wie 1941 aus der Region zwischen dem Baltischen und dem Schwarzen Meer, denn Russland plante trotz „Nichtangriffspakt“ mit Hitler die Invasion von Deutschland.
Bereits 1937 wurde das Todeslager Ivdellag bei Ekaterinburg gegründet, in dessen 14-jährigem Bestehen rund 30.000 Menschen starben, so Bîrlădeanu. Bis 1951 hatte es sich zu einem Komplex aus 47 Lagern entwickelt, mit 24.500 Insassen, 70% von Läusen befallen, nur 30% mit Winterkleidung und nur 20% mit warmen Schuhen ausgestattet, die Tagesnorm Verpflegung betrug 600 Gramm Brot und 200 ml Wasser.
Im Winter 1941 stieg die Todesrate stark an, weil Rumänen und Deutsche aus Bessarabien ankamen, die meisten „alt und krank“, übriggeblieben von der im Folgenden beschriebenen Evakuierung.
Evakuierung von Bessarabien und der Bukowina
1940 hatte der sowjetische Außenminister Molotov von Rumänien die Evakuierung von Bessarabien und der Nordbukowina verlangt. Die Nazis jedoch hegten schon seit 1938 Evakuierungspläne für die Deutschen aus Bessarabien und der ganzen Bukowina und einigten sich mit den Sowjets auf eine geordnete Durchführung. Deutschland brauchte die Leute, um neueroberte Gebiete zu germanisieren.
Umsiedlungswilligen wurden Bauernhöfe in Polen, Slowenien, Tschechien und Frankreich versprochen. Gleichzeitig verhandelte man mit den Rumänen zur Evakuierung der Südbukowina. Rumänien hatte Interesse am Abzug der Deutschen, denn sie brauchten ihre Höfe für rund 400.000 Flüchtlinge aus der Nordbukowina.
Tatsächlich landeten die meisten Bessarabien- und Bukowinadeutschen in Lagern, Kranke und Behinderte wurden in „Sanatorien“ vernichtet. Das Problem vieler Nordbukowinadeutscher war, dass sie als ethnisch nicht rein genug für eine Germanisierung neu er-oberter Gebiete galten.
„Entsorgung” von Roma und Juden nach Transnistrien
Adrian Furtună (Nationales Roma-Kulturzentrum) und Adrian Cioflânca (CNSAS) beleuchteten die Deportationen der Roma, Juden und Millet (eine muslimische türkischsprachige Minderheit, die sich von den übrigen Türken aus Rumänien unterscheidet) nach Transnistrien. Transnistrien war unter Antonescu eine Art Müllhalde für unerwünschte Ethnien geworden. Man ließ sie in überfüllten Lagern sterben oder übergab sie den Deutschen zur Vernichtung. Antonescu hatte vor, seinen mithilfe der Nazis gewonnenen Einfluss in Transnistrien zu nutzen, um das Gebiet zu behalten, und wollte die Deportierten dann über den Bug weiter nach Russland „entsorgen“.
Den Roma versprach man in Transnistrien Land und Höfe, viele gingen freiwillig mit. Tatsächlich ließ man sie in isolierten Gegenden zurück, wo sie in Massen starben. Furtună erwähnt ein Umfrageprojekt mit Zeitzeugen 2008-2009, in dem aufgeklärt werden konnte, was es mit den in Roma-Gedichten und -Liedern erwähnten „Pappbooten“ auf sich hatte: Zur Überfahrt über den Dniester hatten die Rumänen von den Deutschen Boote aus lackierter Pappe erhalten, die wie Holzboote aussahen, sich aber mitten auf dem Fluss auflösten, die Insassen ertranken.
Überlebende Juden berichteten aus dem Todeslager Mostovoi: Sie wurden an die Deutschen übergeben, ausgeraubt und getötet, die nackten Leichen mit Raps zu riesigen „Öfen“ aufgeschichtet und angezündet. Ein-zwei Wochen brannte so ein „Ofen“…
Solche Details aus den Lagern kennt man auch aus einer Studie des Jüdischen Weltkongresses (1945-46) über überlebende Juden in Rumänien, berichtet Anca Tudorancea (Uni Bukarest). Sie basiert auf Datenblättern mit Namen und Zahlenangaben über Deportierte und Exekutierte, als Zeugenberichte bei Prozessen gegen Nazis vorgesehen. Berichtet wurde über die Zustände in den Lagern, Missbrauch, Abläufe der Deportation, Benehmen der Befehlshaber, Hygiene, Essen etc.
Verschleppung ungarischer Zivilisten nach Russland
Wenig bekannt ist die Deportation von ethnischen Ungarn aus Siebenbürgen während des Vorrückens der Roten Armee 1944. Die sich zurückziehende ungarische Armee leistete hier und dort Widerstand und zur Vergeltung verhafteten die Russen Zivilisten aus der ungarischen Minderheit, die man unter die Kriegsgefangenen mischte, „von Kindern ab 13 bis zu 80-jährigen Greisen“, erklärt Janos Kristof Muradin von der Klausenburger Universität Sapien]ia. Über 20.000 Zivilisten und 300.000 ungarische Kriegsgefangene (Soldaten) seien aus Nordsiebenbürgen zwischen September und Dezember 1944 nach Russland verschleppt worden. Motive waren: Rache für die eigenen Verluste oder Beweislieferung für einen „starken Widerstand“. Ein Manko des Vortrags war die isolierte Betrachtungsweise: Hat die Rote Armee aus Siebenbürgen tatsächlich nur Ungarn verschleppt?
Aushebung der deutschen Minderheit
Ilie Schipol, der die Dokumente zur Deportation der Deutschen in Moskau studierte, stellte eindeutig klar, dass die Russen die He-rausgabe der deutschen Minderheit verlangt hatten, die Rumänen waren gezwungen, die Befehle ausführen. Es gab tatsächlich offizielle Vorstöße seitens rumänischer Politiker, die Deportation zu verhindern.
Weil auf den Listen der zu Deportierenden Personen fehlten, wurden willkürlich Rumänen und andere Ethnien aufgriffen, die sich zufällig in der Nähe der Sammellager oder Bahnhöfe aufhielten – 42.000 Menschen insgesamt, erklärte Schipol.
Missbrauch gab es auch bei der Aushebung der Deutschen: die Listen für mitzuführende Kleidung und Nahrung wurden missachtet, man hat den Menschen kaum Zeit gelassen oder sie im Sammellager beraubt. Die Altersgrenzen, 17-45 Jahre für Männer, 18-30 für Frauen, wurden oft nicht eingehalten.
Die Deportation der Rumäniendeutschen hat ein großes Solidaritätsmoment zwischen Rumänen und Siebenbürger Sachsen ausgelöst, erklärt Historiker Cosmin Budeanc² (IICCMER). Erstmals ab diesem Zeitpunkt wurden gemischte Ehen toleriert bzw. angestrebt, um Sächsinnen vor der Verschleppung zu retten.
Zwangsdomizil Bărăgan
Über die Zwangsumsiedlung in die Bărăgan-Steppe berichteten Claudia Dobre und Adriana Cupcea. 1951 hatte die kommunistische Regierung Rumäniens die Verschleppung von über 40.000 Menschen organisiert, davon rund ein Viertel Rumäniendeutsche aus dem Banat. Am Ziel wurden die Deportierten unter freiem Himmel ausgesetzt und mussten sich Notunterstände bauen. Von den aus Bukarest deportierten Millet erzählt Cupcea, „sie haben gehungert und Krähen und Stare gegessen“. Dobre erwähnt bei jüngsten Befragungen von Überlebenden ein befremdendes Phänomen: Bărăgan-Nostalgie! Sehnsuchtsvolle Schilderungen von den Orten, an denen man die Jugend verbracht und Solidarität erlebt hatte, und Bedauern darüber, dass die Häuser nicht mehr existieren. –Viel-leicht ein Hinweis dafür, wie wichtig Erinnerungsorte für die Aufarbeitung von Traumata sind.





