Bis vor Kurzem schien die Jugendkriminalität in Rumänien fast ausschließlich auf Drogenprobleme ausgerichtet zu sein. Die monatelangen Schlagzeilen nach dem sogenannten „Fall 2 Mai“ aus dem Jahr 2023, als ein 19-Jähriger unter Drogeneinfluss zwei Personen tödlich umgefahren und weitere drei verletzt hatte, haben zu zahlreichen Aktionen der Zivilgesellschaft und zu landesweiten behördlichen Aufklärungsaktionen, ja sogar zu überaus restriktiven Gesetzesänderungen geführt. Man wollte wohl auch ein Zeichen setzen. Dann schien alles wieder unter Kontrolle… Bis sich vor Kurzem die Jugendkriminalität plötzlich auf einem komplett anderen Level zeigte: Vorsätzlicher Mord, Verbrennen und Vergraben der Leiche; Erstechen in der Öffentlichkeit; Kämpfe mit Äxten wie in Wikinger-Filmen. Sind das singuläre Ereignisse - oder hat sich tatsächlich die Jugend in Richtung einer höheren Gewaltstufe entwickelt?
Der Fall Mario
Vorige Woche wurde die Öffentlichkeit von einem schockierenden Mordfall erschüttert: Der 15-jährige Alin Mario Belinde aus der Gemeinde Tschene/Cenei, Kreis Temesch wurde von einem Gleichaltrigen mit einer Axt und von einem 13-Jährigen mit einem Messer angegriffen und getötet, sein Leichnam mit Hilfe eines weiteren 15-Jährigen verbrannt und in einem bereits im Voraus gegrabenen Loch auf einem Feld in der Nähe des Dorfes verscharrt. Der ganze Plan sei bereits einen Monat davor ausgeheckt worden. Der Grund: Neid auf den neuen Elektroroller des Opfers.
Derzeit sitzen die beiden 15-Jährigen gesetzeskonform in U-Haft, der 13-Jährige befindet sich doch auf freiem Fuß – denn nach dem aktuellen Gesetz darf er erst nach seinem 14. Lebensjahr strafrechtlich belangt werden.
Die beiden 15-Jährigen waren den Gesetzeshütern bereits bekannt – erst vor zwei Wochen wurde eine Anklage vom vergangenen Dezember gegen sie zurückgezogen. Damals hatten sie einen 18-Jährigen mit einem Taschenmesser bedroht.
Während der Untersuchungen wurde festgestellt, dass alle drei mutmaßlichen Täter auch regelmäßig Marihuana konsumiert haben, was zur weiteren Untersuchungen und zur Festnahme von zwei Drogendealern führte, einer davon ebenfalls minderjährig.
Zu notieren wäre noch die Reaktion der Bevölkerung: Als der 13-jährige mutmaßliche Mörder in einer Nachbarortschaft bei seinen Großeltern untertauchen wollte, hatte die Gemeinde gegen die „Anwesenheit eines Mörders“ protestiert und sogar mit dem „Anzünden des Hauses“ gedroht, weswegen der Junge zur Sicherheit in ein Kinderkrankenhaus unter Bewachung von Polizeibeamten überführt wurde. Dabei sprachen sich zahlreiche Dorfbewohner für eine Haftstrafe für kriminelle Taten unabhängig vom Alter des Täters aus. Nach einer öffentlichen Sitzung der Gemeinde wurde dem Jungen der Aufenthalt in der Gemeinde und die Einschreibung in die dortige Schule verweigert.
Inzwischen haben sich auch über 250.000 Rumänen online für die Senkung der Straffähigkeit auf das zehnte Lebensjahr ausgedrückt. All diese Details sind für eine weitere Analyse der allgemeinen Situation wichtig.
Weitere erschütternde Jugendverbrechen
Erst vergangenes Jahr am Halloween-Tag hatte ein 13-Jähriger (aus einer Familie mit kriminellem Hintergrund) einen 41-Jährigen in der Ortschaft 1 Dezember erstochen, angeblich weil sich dieser über seinen Halloween-Trick-or-Treat-Brauch negativ geäußert hatte.
Im August 2024 filmten die Sicherheitskameras einen 13-Jährigen, wie er zusammen mit seinem 15-jährigen Cousin in einer Bukarester Straßenbahnhaltestelle einen 50-jährigen Mann erstach, angeblich nach einer Auseinandersetzung im Fahrzeug. Der Junge hatte an dem Tag auf eigene Verantwortung das Kinderheim verlassen, in dem ihn die Behörden untergebracht hatten, da seine Mutter im Ausland arbeitete. Beide Jugendlichen waren den Behörden bereits auf Grund zahlreicher Plünderungen bekannt, jedoch konnte man wegen ihres Alters bisher nichts tun.
Aber auch im Kinderheim ist es anscheinend nicht so sicher: Dort hat ein 15-jähriger Junge im selben Jahr im ersten Bukarester Bezirk fünf seiner Kollegen des Kinderheims misshandelt bzw. vergewaltigt. Auch dieser Junge war den Behörden bereits wegen Diebstahls bekannt, wobei er dieses Mal erstmalig in Haft genommen wurde, zumal sein Alter es nun erlaubte.
Ein weiterer nahezu unfassbarer Fall ist im Kreis Brăila Mitte Januar passiert, als ein 10-Jähriger glatte 24 Mal mit einem Messer auf einen Gleichaltrigen zugestochen hatte, dies wegen einer Auseinandersetzung um ein Spielzeug. Anschließend versuchte er die vermeintliche Leiche zu verstecken, um seine Tat zu vertuschen. Auch hier ist der Täter auf freiem Fuß und wird nur psychologisch untersucht.
Einen tragischen Rekord an Jugendgrausamkeit stellt sicherlich der 9-jährige Junge aus Bukarest dar, der 2018 seine Großmutter erstochen hat, da sie ihm nicht erlaubt hatte, am PC zu spielen. Die Situation hat damals sogar die Polizisten tief schockiert.
Nach derart gravierenden Vorfällen konnte der Unfall auf einem Bukarester Parkplatz aus dem Vorjahr, als ein 16-Jähriger am Steuer eine ganze Familie überfahren und dabei den 9-Jährigen Sohn getötet und seine Schwester unter dem Wagen zahlreiche Meter mitgeschleppt hat, bis deren Fuß komplett zerquetscht war, nur in den Schlagzeilen untergehen. Dabei war er während des Unfalls mit einer Hand am Handy, in einem Video-Anruf, und schnüffelte mit der anderen Hand ein halluzinogenes Gas aus einem Luftballon. Auch hier haben die Eltern der Opfer die Maximalstrafe gefordert.
Im Herbst 2024 wurden sieben junge Leute festgenommen, im Alter zwischen 15 und 23, die in der Nähe der Ortschaft Snagov mit Äxten auf einen 23-Jährigen losgegangen waren.
Auch Sexual-Angriffe und infantile Pornographie scheinen in den letzten Jahren explodiert zu sein. Dieses Jahr wurde eine 14-Jährige aus Großwardein/Oradea wegen Vergewaltigung und infantiler Pornographie festgenommen – im Dezember ein 14-Jähriger aus Craiova, im November ein 17 Jähriger aus Kronstadt/Brașov, der sich an einer 9-Jährigen vergriffen hatte, vorher ein anderer 14-Jähriger, der ein 4-jähriges Mädchen sexuell misshandelt hatte.
Dazu gesellen sich die viel öfter reklamierten verbalen oder physischen Angriffe seitens Jugendlicher auf Gleichaltrige.
Das Strafrecht…
...wurde im Jahr 2014 geändert und sieht überhaupt keine Strafverfolgung für Jugendliche unter dem 14. Lebensjahr vor, sondern nur psychologische Beratung, eventuell Einlieferung im Kinderheim, wobei die Eltern noch immer für die Schäden ihrer Kinder zivilrechtlich verfolgt werden.
Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren hingegen haften strafrechtlich nur, wenn ihr Urteilsvermögen nicht beeinträchtigt ist, jedoch generell ohne Freiheitsstrafe.
Ab 16 sind auch Minderjährige voll strafmündig, erhalten jedoch nur die Hälfte der Gesetzesstrafe.
EU-weit haben zahlreiche andere Länder wie Deutschland, Spanien oder Italien dasselbe Alterslimit zur Strafverfolgung – nicht aber England und Irland, wo es mit 10 bzw. 12 Jahren deutlich darunter liegt, was auch im Sommer 2025 deutlich wurde, als zwei 13-jährige Rumänen in Irland wegen mutmaßlicher Vergewaltigung vor Gericht standen.
Statistische Daten…
…zeichnen aber anscheinend ein anderes Bild als die Schlagzeilen in den Medien suggerieren. Laut Justizministerium sei seit der Änderung der Gesetzgebung im Jahr 2014 die Anzahl der vor Gericht gebrachten Minderjährigen mit rund 3500 Fällen pro Jahr nicht gestiegen, sondern relativ konstant geblieben. Gründe waren vorwiegend Diebstahl, Raubüberfall, Sexualdelikte und eher selten Mord. Leider betrachtet die Statistik aber nur Jugenddelikte ab 14 Jahren.
Andererseits bemerkten mehrere NGOs nach der Pandemie eine 20-, teilweise bis zu 125-prozentige Erhöhung von sexuellen Übergriffen, in die Minderjährige als Täter involviert waren.
Als Ursachen und Risikofaktoren…
...werden oftmals die (mangelnde) Erziehung in der Familie und ein (der Gangsterwelt nahe stehender) Freundeskreis, die (schwache) schulische Bildung und die Medien (mit Gewalt- und Sexualtaten, usw.) angeführt. Ein Großteil der Täter stammt aus ärmeren sozialen Schichten, oftmals vom Land, aus getrennten oder dysfunktionalen Familien, deren Mitgliedern Straftaten nicht fremd sind. Die Tatsache, dass unser Land innerhalb der EU an zweiter Stelle bezüglich Armut steht, kann eine Erklärung für die Häufung derartiger Taten sein.
Außerdem scheinen jugendliche Täter häufig in irgend einer Weise dem Drogenkonsum nahe zu stehen.
Alarmierend ist, dass Gesetzeshüter und Psychologen immer wieder feststellen müssen, dass die in verschiedene Anstalten eingelieferten Jugendlichen dort keinen Zufluchtsort oder gar Hilfe zur Besserung finden – ganz im Gegenteil: des Öfteren geraten diese dort noch mehr außer Kontrolle, sodass sich aus Ersttätern Wiederholungstäter entwickeln.
Hinzu kommt die fehlende Effizienz in der Aufklärung der Jugendlichen über Gewalt in Onlinemedien und -spielen, welche ihnen ein falsches Bild der tatsächlichen Welt, sprich: in einem Leben ohne „Undo“-Taste, vermitteln. Folgen sind mangelnde Empathie und ein mangelndes Verständnis für die Konsequenzen ihrer Taten.
Andererseits muss man aber auch die Schlagzeilen über diese besonders schockierenden Fälle mit Vernunft im richtigen Rahmen betrachten, dem der statistischen Realität. Zu Denken gibt allerdings die erhöhte Grausamkeit der Jugenddelikte in den letzten Jahren, und insbesondere das immer jüngere Alter der Gewalttäter. Dies impliziert, dass Prävention und Aufklärungsmaßnahmen bereits in deutlich jüngeren Jahren erfolgen müssen. Ob die von zahlreichen zivilgesellschaftlichen Vereinen geforderte Minderung des strafmündigen Alters auf das 10. Lebensjahr daher eine Lösung sein kann, ist noch umstritten. Bestes Heilmittel bleibt noch immer die Vorbeugung.








