Csilla Kató ist seit 1998 beim Astra Film Festival tätig. Sie arbeitet in den Bereichen Kommunikation, Filmauswahl/Programmplanung, Astra Film Junior sowie DocumentaryTank @AFF. Über mehrere Ausgaben hinweg koordinierte sie als künstlerische Leiterin die Programmabteilung des Festivals. Sie war Jurymitglied bei internationalen Filmfestivals und wurde als Expertin in verschiedenen internationalen Branchenprogrammen für Dokumentarfilmfestivals in Europa und darüber hinaus berufen. Csilla Kató studierte Kulturanthropologie und Film an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest sowie an der London School of Economics und der Australian National University in Canberra. Elfriede Dörr fragte sie, was das Astra Dokumentarfilmfestival heute leisten könne und welche Themen dieses Jahr besonders hervorstachen.
Krieg, Neofaschismus, Algorithmen des Hasses, Krise männlicher Rollenbilder – ich habe das Gefühl, dass die Astra Dokumentarfilmtage dieses Jahr harte Themen unserer Gegenwart auf die Leinwände von Hermannstadt gebracht haben.
Na ja, das war schon immer so. Also, ich meine, seit es dieses Genre überhaupt gibt: Ein Dokumentarfilm hat eben diese Tendenz – sagen wir mal – die individuellen wie auch die gesellschaftlichen Wunden zu suchen und den Finger genau in die Wunde zu legen, darauf hinzuweisen, sie aufzudecken, sie aus verschiedenen Per-spektiven zu beleuchten und nach Lösungen zu suchen. Das ist ein Merkmal, das dieses Genre auszeichnet, und nichts anderes haben wir in diesem Festival gemacht, wir haben Filme gezeigt, die Dinge in den Fokus setzen, die bedrückend sind, aber unser Leben bestimmen.
Mit „Hacking Hate“ („Hass entschlüsseln“) begann das Festival, einem Film von Simon Close aus Dänemark über eine mutige norwegische Journalistin, die falsche Identitäten annimmt, um in rechtsextreme Online-Gruppen einzudringen. Warum war „Hacking Hate“ für dich der richtige Film, um das Dokumentarfilmfestival zu eröffnen?
Wir wählten „Hacking Hate“ den Film, mit dem wir diese Tage eröffnet haben, da unser Land von einem ziemlich starken Erdbeben erschüttert wurde, dessen Auswirkungen noch immer beobachtet werden. Ich beziehe mich auf die erste Runde der Präsidentschaftswahlen und alles, was zu diesem Ergebnis geführt hat. Dieses ganze Phänomen, wie wir sehen, ist weltweit präsent, nicht wahr? Ich meine den Aufstieg der Rechten, der eng mit diesen Online-Plattformen verbunden ist. Hier wird mobilisiert, hier wird manipuliert, hier wird Hass geschürt. Und wenn du denkst, welches Ausmaß das hatte. Was da geschehen ist und was die große Veränderung war, dass Social-Media-Plattformen, also soziale Netzwerke, die Kommunikation zerstückelt haben. Es ging auch nicht mehr um sachliche Argumentationen, sondern um Emotionen, auf diesen beruhten die fragmentierten Botschaften. Es handelt sich also im Grunde um eine sehr subtile Manipulation, die in großem Umfang durchgeführt werden kann.
Du sprichst von einem politischen und gesellschaftlichen „Erdbeben“, das noch immer nachwirkt.
Dieses Erdbeben, dieser Umbruch – das arbeitet immer noch in uns. Und wir als Organisatoren hatten das starke Bedürfnis, erst einmal selbst zu verstehen, was da eigentlich passiert, was es bedeutet, und wie wir damit umgehen können. Also haben wir gezielt nach Filmen gesucht, die uns in diesem Prozess weiterbringen. Und wir hatten tatsächlich Glück und sind fündig geworden. Und natürlich wollten wir diese unbedingt auch zeigen, damit es eine öffentliche Diskussion dazu geben kann.
Du bist seit den Anfängen des Astra Dokumentarfilmfestivals dabei, du bist jene, die gerne Themen in den öffentlichen Raum bringt, die von der rumänischen Öffentlichkeit nicht oder nicht genug wahrgenommen werden. Ich denke da an die ungarisch-rumänischen Spannungen, die du als Dokutheater zu Beginn der Filmfestspiele 2015 brachtest; oder als du die Klimakrise 2020 thematisiertest, die merkwürdi-gerweise in Rumänien ein Randthema war und ist. Wie sind heute die Herausforderungen, wenn du zusammenfassend die Entwicklung der letzten Jahrzehnte bedenkst?
Auch wenn sich die Bedeutung des Dokumentarfilmfestivals in diesen 30 Jahren verändert hat, haben wir weiter gemacht. Heute ist es einfach nicht mehr so, wie in den 90ern oder sogar noch in den 2000ern. Damals herrschte wirklich ein Hunger nach Filmen. Man fand kaum gute Produktionen, man hatte keinen Zugang, und das Festival hatte die Aufgabe, diese Filme überhaupt erst hierher zu bringen.Heute ist es genau umgekehrt: Wir leben in einer unglaublichen Übersättigung mit audiovisuellen Inhalten. Alles ist ständig verfügbar, auf allen möglichen Geräten und in allen Formaten.
Welche Aufgabe hat ein Dokumentarfilmfestival heute in dieser medialen Übersättigung?
Gerade in diesem Kontext haben die Astra Dokumentarfilmtage eine ganz andere Aufgabe: nämlich einen sicheren Raum zu schaffen, in dem Menschen in einem Kinosaal zusammenkommen, gemeinsam eine Film-Erfahrung machen, gemeinsam Geschichten anschauen – Geschichten, die berühren, die aus dem wirklichen Leben stammen und Probleme ansprechen, die wir alle kennen. Und danach entsteht ein Gespräch.Ob das nun in Form von Frage-und-Antwort-Runden mit den Filmemachern und dem Publikum passiert oder in Podiumsdiskussionen, wir nennen diese DocTalks – solche Räume gibt es kaum noch. Was soll ich sagen, sie sind selten geworden, diese Gelegenheiten, wo Menschen zusammenkommen, um offen mit-einander zu reden, in dem jede Stimme Platz hat, auch dann, wenn man nicht einer Meinung ist. Wir finden, dass es diesen Raum unbedingt braucht. Und wahrscheinlich hat man deshalb auch gemerkt, dass wir bewusst Themen auf den Tisch bringen, die wirklich wichtig sind – Fragen, auf die wir selbst noch Antworten suchen.
Einer dieser DocTalks war jener über Femizid –„Cand începe femicidul?“ Gerade weil Femizid in Rumänien jetzt als gesellschaftliches Problem erkannt wird, ist ein Dokumentarfilmfestival ein besonders wirksamer Ort, um dieses Problem zu thematisieren. Was ist Femizid, und welche Maßnahmen sind nötig um dieses Phänomen zu bekämpfen? Kannst du ein wenig darüber berichten?
Zu diesem Thema hatten wir einen der DocTalks. Einen sehr guten. Moderatorin war die wunderbare Journalistin Paula Herlo. Am Panel haben drei Frauen teilgenommen, Ramona Ursu, auch sie Journalistin, Enikö Gall, Psychologin vom Verein A.L.E.G. (Asociatie pentru Libertate si Egalitate de Gen) aus Hermannstadt und Erika Isac, eine bekannte Künstlerin. Während Enikö Gall aus der Position einer Psychologin und Aktivistin sprach, erzählten alle anderen von Erfahrungen von Gewalt, der sie selbst ausgesetzt waren und die ihr Leben geprägt hat. Das war mutig und erschütternd. Femizide wurden lange als „Einzelfälle“, „Familiendramen“ oder „Eifersuchtsverbrechen“ verharmlost, das wurde in dem Gespräch deutlich. Ich hoffe, dieses Gespräch trägt dazu bei, der Normalisierung von Gewalt entgegenzuwirken.“
Welcher Film war für dich ein besonderer?
„Al oeste, en Zapata“ („Nach Westen, in Zapata“), ein Film, der im Dschungel Kubas gedreht wurde. Was dort eigentlich besonders war, ist, dass es ein reiner Dokumentarfilm ist, weißt du? Solche Filme werden nur noch selten gemacht. Filme, die nicht versuchen, ein Thema in den Fokus zu stellen oder ein Narrativ aufzubauen. Dieser Film ist einfach nur dokumentarisches Kino, ganz nach Lehrbuch. Praktisch sehen wir, wie diese Familie dort lebt. David Bim ist wirklich ein großer Regisseur. Er war fünf Jahre lang dort, ist zu dieser Familie gegangen, in dieses Dorf und in diesen Dschungel, und hat fünf Jahre lang alles beobachtet, was dort geschieht. Danach hat er weitere fünf Jahre gebraucht, um den Film zu machen. Insgesamt also zehn Jahre. Zehn Jahre Arbeit für diesen Film!
In der Filmbeschreibung habe ich geschrieben, ja, der Mann geht in den Dschungel, um Krokodile mit bloßen Händen zu jagen. Aber das ist nur etwas, was wir erzählen, um das Publikum anzuziehen – man muss die Leute ja irgendwie abholen. In Wirklichkeit geht es aber nicht darum. Sondern du bist einfach dort und du siehst, wie sich die menschliche Existenz vor dir entfaltet. Du siehst die menschliche Existenz, so wie sie ist. Und sie ist schön. Sie ist in jeder Form schön, wenn man sich dem Staunen über die Welt hingibt. Das ist es, was der Film mit dir macht, er bringt dich ins Staunen. Es ist weder gut noch schlecht, was da gezeigt wird. Es ist einfach so – und du durchlebst mit den Menschen des Filmes diese Erfahrung – und staunst.
Glossar: Fünf Schlüsselbegriffe, die helfen Gewalt und Diskriminierung von Frauen zu erfassen
Femizid (Tötung einer Frau): Frauen oder Mädchen werden gezielt getötet. Das ist eine extreme Form geschlechtsbezogener Gewalt, die im Kontext patriarchaler Geschlechterdifferenzen verübt wird.
Victim Blaming (Täter-Opfer-Umkehr): Frauen wird die Schuld für erlittene Gewalt zugeschoben. Dadurch werden die Täter geschützt und herkömmliche Machtstrukturen aufrechterhalten.
Silencing (Systematisches Mundtotmachen): Frauen werden zum Schweigen gebracht, ignoriert und unsichtbar gemacht. Ihre Teilhabe und ihr Einfluss werden gezielt verhindert.
Gender Pay Gap (Lohnlücke zwischen Frauen und Männern): Frauen werden systematisch unterbezahlt und ihnen wird der Lohn verweigert, um strukturelle Machtungleichheit zu sichern.
Performance Backlash (Abwertung trotz guter Leistung): Frauen werden trotz anerkannter Kompetenz für herausragende Leistungen bestraft oder entlassen. So werden patriachale Rollenerwartungen fortgesetzt.





