Die duale Ausbildung zählt. Der Beruf baut das Rumänien der Zukunft auf

Mihaela Sandu – Vorsitzende des HAR-Vereins und Veranstalterin der Eventreihe

An der Gala in Temeswar nahm auch der rumänische Bildungsminister Daniel David (Mitte) teil. Fotos: HAR-Verein

Bei der Gala wurde all jenen Anerkennung und Sichtbarkeit geschenkt, die Tag für Tag zur Weiterentwicklung der beruflichen Bildung in Rumänien beitragen – Schülern, Lehrern, Unternehmen, lokalen Behörden und öffentlichen Einrichtungen.

Am 16. Oktober wurde zum ersten Mal die Gala für Innovation und Leistung im dualen Bildungswesen in Rumänien begangen. Vor der Veranstaltung im Multifunktionssaal des Temescher Kreisrats in Temeswar/Timi{oara fand außerdem eine Reihe von Workshops unter dem Motto „Dualul Conteaz²“ („Das Duale zählt“) statt. Vom 7. bis zum 14. Oktober nahmen Schüler und Lehrer aus dem berufsbildenden und technischen Bildungswesen landesweit daran teil. Die Ergebnisse dieser Workshops bilden die Grundlage für die Bildung des Rates der Schüler im Bereich der beruflichen Bildung (Vocational Education and Training - VET) – der ersten nationalen Stimme der Schüler im dualen Bildungssystem, die deren Interessen im Dialog mit Behörden und Bildungsakteuren offiziell vertritt.

Die Workshops wurden vom Verein „Hands Across Romania“ (HAR) in Zusammenarbeit mit dem Temescher Kreisrat, der Stadtverwaltung von Temeswar und dem Ministerium für Bildung und Forschung organisiert. Diese boten einen kreativen Rahmen, in dem die Stimme der Schüler und Lehrer des dualen Systems gehört, geschätzt und in Entscheidungen über die Zukunft der beruflichen Bildung in Rumänien einbezogen werden konnte. Mehr dazu, aber auch zur Förderung des dualen Schulsystems in Rumänien, im Gespräch zwischen ADZ-Redakteurin Andreea Oance und Mihaela Sandu, der Vorsitzenden des Vereins „Hands across Romania“.  

Temeswar ist am 16. Oktober Gastgeber der ersten Gala für Innovation und Leistung im dualen Bildungswesen in Rumänien gewesen. Was war die Idee hinter der Organisation dieser Gala?

Die Idee für die Gala entstand aus einem tiefen Bedürfnis nach Anerkennung und Sichtbarkeit für alle, die Tag für Tag zur Transformation der beruflichen Bildung in Rumänien beitragen – Schüler, Lehrer, Unternehmen, lokale Behörden und öffentliche Einrichtungen.
Wir wollten einen gemeinsamen Raum für Feierlichkeiten, Inspiration und Dialog schaffen, in dem die Stimmen aus der Praxis auf die Entscheidungsträger treffen. Die Gala ist mehr als eine festliche Veranstaltung – sie ist eine nationale Bewegung zur Aufwertung der dualen Ausbildung als echte Lösung für die wirtschaftliche Zukunft des Landes.

Die erste Gala, die ausschließlich der Exzellenz und Innovation in der dualen Berufsausbildung gewidmet ist, ist eine Premiere auf nationaler Ebene. Warum war eine solche Gala notwendig?

Weil hinter den Zahlen und der öffentlichen Politik Menschen stehen – engagierte Lehrer, talentierte Schüler, mutige Unternehmen und lokale Verwaltungen, die verstanden haben, dass die Entwicklung von Gemeinschaften mit Bildung beginnt.

Bislang gab es für diese Geschichten keine Bühne, auf der sie sichtbar gemacht werden konnten. Die Gala soll dieses Ungleichgewicht beseitigen, Anerkennung und Motivation bieten und beruflichen Stolz in einem oft ignorierten Bereich wecken. Die duale Ausbildung verdient es, öffentlich erwähnt, bejubelt und unterstützt zu werden.

Das Motto der Veranstaltung lautet „Die duale Ausbildung zählt. Der Beruf baut das Rumänien der Zukunft auf”. In diesem Zusammenhang würde ich Sie fragen, welchen Platz die duale Ausbildung im rumänischen Bildungssystem einnimmt und welchen sie einnehmen sollte. Ist sie das Stiefkind des Bildungssystems? 

Leider wurde sie lange Zeit so wahrgenommen – als „Kompromissweg“ und nicht als Leistungsweg. Die Realität der letzten Jahre zeigt uns jedoch etwas anderes: Die duale Ausbildung wird zu einem Motor der Realwirtschaft, indem sie jungen Menschen die auf dem Arbeitsmarkt gefragten Kompetenzen und konkrete Beschäftigungsmöglichkeiten bietet.
Unserer Ansicht nach muss die duale Ausbildung das Rückgrat der angewandten Bildung in Rumänien sein – verbunden mit der Industrie, der Digitalisierung, der grünen Wirtschaft und den großen europäischen Übergängen. Die Zukunft Rumäniens wird durch intelligente, gut bezahlte und angesehene Berufe gestaltet werden. 

Innerhalb der Gala gab es fünf Preiskategorien…

Wir haben die Preise in fünf Kategorien unterteilt, die das duale Ökosystem widerspiegeln: „Handwerker des Jahres” – für herausragende Schüler im dualen Bildungssystem, die durch ihr Talent, ihre Ausdauer und ihr Engagement eine ganze Generation inspirieren. „Lehrer des Jahres” – eine Auszeichnung für Lehrkräfte, die mit Leidenschaft und Weitblick die Schüler auf ihrem Weg zu Spitzenleistungen begleitet haben. „Das Unternehmen, das Schicksale verändert” – eine Anerkennung für Arbeitgeber, die kontinuierlich in hochwertige Ausbildung investieren und jungen Menschen echte Chancen bieten. „Partnerschaft zwischen Bildung und Industrie für Spitzenleistungen“ – verliehen an gemischte Teams aus Schule, Unternehmen und Verwaltung, die die Stärke der Zusammenarbeit im dualen Modell unter Beweis stellen. Und der Sonderpreis: „Handwerker des Publikums” – verliehen durch eine öffentliche Online-Abstimmung als Zeichen der Anerkennung der Gemeinschaft für junge Menschen, die durch ihr Beispiel inspirieren.

Die Preisträger wurden in einem transparenten Auswahlverfahren von nationalen Experten aus Ministerien, der Nationalen Qualifikationsbehörde und der Wirtschaft ausgewählt. So wird jede ausgezeichnete Geschichte zu einem Vorbild und einer Inspiration.

Der Verein „Hands Across Romania“ ist ein anerkannter Förderer der dualen Ausbildung. Wie haben Sie Schüler, Schulen und Wirtschaft miteinander verbunden?

Wir haben Brücken gebaut. Durch Kampagnen wie „Der Beruf – meine Zukunftsvision” und „Dual Up – Berufe mit Zukunft” haben wir Räume für den Dialog zwischen Schülern, Eltern, Lehrern und Unternehmen geschaffen. Wir haben Berufsworkshops, Frühberatung, Unternehmensbesuche, Bildungscamps und digitale Ressourcen entwickelt, die jungen Menschen helfen, sich selbst zu entdecken und zu verstehen, was eine erfolgreiche technologische Karriere bedeutet.
Für uns ist die Partnerschaft zwischen Schule und Arbeitgeber kein Verwaltungsakt, sondern eine Allianz für die Zukunft.

Seit 2016 haben Sie jährlich über 15.000 Schüler und Eltern erreicht. Wie haben Sie das geschafft und mit welchen Herausforderungen waren Sie konfrontiert?
Wir haben das durch ständige Präsenz vor Ort geschafft, in kleinen Schulen, Dörfern, Industriestädten und benachteiligten Gemeinden. Wir haben eine freundliche, kindgerechte Sprache entwickelt und Hunderte von Klassenlehrern und Schulberatern ausgebildet, die die Arbeit vor Ort fortsetzen. Die größte Herausforderung bleibt die öffentliche Wahrnehmung – viele Eltern verbinden das theoretische Gymnasium immer noch mit Erfolg, obwohl das duale System Kompetenzen, Gehalt und eine reale Zukunft bietet. Ein Mentalitätswandel erfordert Geduld, Konsequenz und Erfolgsgeschichten.

Wie unterstützen Sie legislative und administrative Maßnahmen, die Schüler fördern – wie Technologie-Stipendien, moderne Infrastruktur und frühzeitige Berufsberatung?

Wir betreiben aktive Lobbyarbeit – durch Konferenzen, Politikanalysen, öffentliche Konsultationen und offizielle Schreiben an Ministerien. Wir gehörten zu den ersten Organisationen, die sich für eine Erhöhung der Technologiebeihilfen, die Aufnahme der Berufsberatung in den Lehrplan sowie für Investitionen in moderne Werkstätten und digitale Ausrüstung einsetzten. Wir möchten, dass die Entscheidungsträger die duale Ausbildung nicht als Nische, sondern als nationale strategische Priorität betrachten.

Welche innovativen Ansätze gibt es, um die Attraktivität dieser Art von Bildung zu steigern?

An erster Stelle steht eine positive Kommunikation – wir ändern die Erzählung von „Berufsschule” zu „angewandte Bildung der Zukunft”. Dann Erfahrungslernen – lebendige Labors, Wettbewerbe, reale Projekte mit Unternehmen, internationale Praktika, aber auch kreative Kampagnen in den sozialen Medien, die von jungen Menschen für junge Menschen durchgeführt werden. Wir stützen uns auf das Konzept „dual 360°” – das heißt nicht nur berufliche Bildung, sondern auch Beratung, Motivation, bürgerschaftliches Engagement und soziale Verantwortung.

Gibt es in Rumänien entwickelte und anerkannte Ausbildungsprogramme?

Ja, aber ihre Zahl ist noch gering und nicht alle sind voll funktionsfähig. Es gibt Ausbildungsprogramme in Branchen wie Automobil, Energie, Landwirtschaft, IT und Bauwesen, die von großen Unternehmen und Schulkonsortien durchgeführt werden. Rumänien braucht jedoch eine kohärente Strategie für die Entwicklung einer modernen Ausbildung, die in aktive Beschäftigungs- und Bildungspolitiken integriert ist und in Partnerschaft mit der Privatwirtschaft umgesetzt wird.

Wie offen sind die Unternehmen in Rumänien für diese Art der Ausbildung?

Immer mehr. In den letzten Jahren haben wir einen Paradigmenwechsel beobachtet – Unternehmen betrachten die duale Ausbildung nicht mehr als soziale Verpflichtung, sondern als strategische Investition in Humanressourcen. Viele Unternehmen bieten eigene Stipendien, Transportmöglichkeiten, Ausrüstung und engagierte Mentoren an, und einige richten eigene Ausbildungszentren ein. Die Offenheit ist da, aber es bedarf der Vorhersehbarkeit und institutioneller Unterstützung – von der Anerkennung der Ausbildungsqualität bis hin zu steuerlichen Anreizen für Unternehmen.