Olivia Schubert ist die erste Frau an der Spitze der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) seit deren Gründung im Jahr 1949, nach 16 Männern in diesem Amt. Sie setzte sich bei der mit Spannung erwarteten Neuwahl klar gegen ihre beiden Konkurrenten aus dem deutsch-dänischen Grenzland durch. Die Fragen stellte Hatto Schmidt (MIDAS).
Sie sind die erste Frau an der Spitze der FUEN. Es war Zeit, oder?
Ich muss zugeben, darüber habe ich gar nicht nachgedacht, als ich kandidiert habe. Für mich war es wichtig, dass Erfahrung und Kompetenzen zählen. Natürlich spüre ich diesen kleinen Druck, dass man sich auch als Frau behaupten sollte. Nicht umsonst leite ich auch unser Projekt „Women in Minorities“ bei der FUEN, was mir unheimlich viel Spaß macht. Ich treffe da Frauen aus allen möglichen Minderheiten, die als Vorbilder gelten könnten, wie man Familie, Minderheit und professionelle Arbeit miteinander vereint. Aber jetzt fühle ich mich in erster Linie als Präsidentin, unabhängig davon, ob ich eine Frau bin.
Der Anteil an Frauen und jungen Menschen ist eher gering in der FUEN. Was müsste geschehen, damit sich das ändert? Kann man junge Leute überhaupt für diese Arbeit begeistern?
Ich bin mir sicher, dass das geht. Wir machen das bereits im Kleinen bei der deutschen Minderheit in Ungarn. Deren Vollversammlung besteht jetzt etwa zur Hälfte aus Leuten unter 40 Jahren. Sie sind wirklich aktiv und haben eigene Ideen. Wir geben ihnen aber auch den Raum und die Mittel, damit sie sich entfalten können. So etwas würde ich gerne auch in der FUEN sehen, natürlich in Zusammenarbeit mit der Jugendorganisation YEN. Es wäre auch wichtig, dass wir gemeinsam auftreten, dass wir die Jugendlichen viel öfter auch mit ins Bild stellen, damit man sieht, es hängt nicht vom Alter ab, ob man dazu beitragen kann, hier die Ziele zu erreichen.
Welche Vorstellungen haben Sie für Ihre Arbeit in der FUEN, was wollen Sie ändern?
Inhaltlich geht es darum, die im Minority SafePack auf den Tisch gebrachten Ziele weiterzuverfolgen, Schritt für Schritt. Wir müssen auch darüber nachdenken, welche neuen Herausforderungen auf uns zukommen. Damit meine ich Digitalisierung und künstliche Intelligenz, aber auch den zahlenmäßigen Rückgang der Minderheiten, Urbanisierung und so weiter. Ich möchte nächstes Jahr einen Aktionsplan für die wichtigsten Themen aufstellen. Finanziell geht es darum, die FUEN weiter zu stabilisieren, was ja schon seit vielen Jahren immer wieder Thema ist.
Wie wollen Sie das bewerkstelligen?
Wir sind ständig bestrebt, neue Förderer zu finden und die Kontakte zu den bestehenden auszubauen, damit die Förderung eventuell auch erhöht wird. Und ich würde mich sehr freuen, wenn wir endlich auch EU-Fördermittel ans Land ziehen könnten. Es wäre höchste Zeit, dass wir auch aus EU-Mitteln in unserer Arbeit unterstützt werden. Das wäre auch für das Personal wichtig. Im FUEN-Büro leistet ein tolles Team sehr viel, das aber dadurch, dass die Finanzierung ja bisher nur von Jahr zu Jahr entschieden wird, immer ein bisschen in Unsicherheit ist. Ich würde ihnen gerne mehr Sicherheit geben, dass Sie auch längerfristig als Mitarbeiter bei uns gesehen werden.
Mittel von der EU und von anderen Staaten würden natürlich auch die Sorge mindern, dass die zwei großen Geldgeber Deutschland und Ungarn zu großen Einfluss bekommen. Diese Sorge wurde gerade in Bezug auf Ungarn öfter geäußert. Wie wollen Sie damit umgehen?
Ich denke, es ist für jede Organisation eine schwierige Situation, wenn nur ein oder zwei große Förderer da sind. Es ist aber in der jetzigen Wirtschaftssituation schwierig, manche Länder anzusprechen und um mehr Unterstützung zu bitten. Was wir machen können, das ist, sie davon zu überzeugen, wieso Minderheitenarbeit wichtig ist und wieso die Unterstützung von Minderheiten sich für sie lohnt und auch einen positiven Effekt haben kann. Wenn wir das erreichen, hoffe ich, dass wir dann auch irgendwann über Finanzen reden können. Aber natürlich müssen wir mit unserer Arbeit die Partner überzeugen und zeigen, dass wir auch liefern, wenn sie uns unterstützen.
In ganz Europa haben Rechtsextremisten und Bewegungen starken Zulauf, die eine Rückbesinnung auf den Nationalstaat propagieren und gegen Vielfalt auftreten. Haben Sie Sorge, dass dies Auswirkungen auf die Minderheiten haben könnte?
Minderheiten – und das lernen wir aus unserer eigenen Geschichte – sind meistens die Verlierer von Konflikten bzw. von extremen Situationen. Das hat meine eigene Familie erlebt wie auch viele andere, die enteignet und vertrieben wurden und als Sündenböcke für etwas dargestellt wurden, für das sie nichts konnten. Solche und ähnliche Geschichten gibt es bei vielen anderen Minderheiten: Wir wurden verdrängt, wir wurden in den Hintergrund gestellt, uns wurde der Gebrauch der Sprache verboten, man hat versucht, uns auseinanderzureißen. Solche Erfahrungen prägen einen. Wir können nur hoffen, dass wir in demokratischen und rechtsstaatlichen Verhältnissen Sicherheit finden, damit wir unsere Rechte in Anspruch nehmen können.
Beim Kongress gab es viel Aufregung um das „Minderheiten-Manifesto“, das vom Präsidium wieder zurückgezogen wurde, weil man es angesichts der vielen Nachfragen nicht einfach durchdrücken wollte. Werden Sie das „Manifesto“ mit seinem Ziel zur Schaffung eines europäischen Minderheiten-Rates wieder aufgreifen?
Auf jeden Fall. In der Debatte ging es ja eigentlich nicht ums Prinzip, sondern um Details und mehr Verständnis in die Zielsetzung. Wir müssen das Vorhaben klarer kommunizieren und werden es weiterverfolgen. Nachdem die Initiative Minority SafePack gescheitert ist, wollen wir ein neues großes Projekt anpacken, um unsere Ziele umzusetzen.
Das FUEN-Präsidium: Sechs Männer und eine Frau
Bei der Präsidentenwahl erhielt Olivia Schubert 180 Stimmen und lag damit klar vor Jens A. Christiansen (Däne aus Deutschland, 56 Stimmen) und Gösta Toft (Deutscher aus Dänemark, 24 Stimmen). Ins Präsidium gewählt wurden außer Schubert die Vizepräsidenten Bahne Bahnsen (Nordfriese/Deutschland), Harald Stauder (Südtirol), Hartmut Leipner (Sorbe/Deutschland), Nabi Ibraimtzik (Türke/Griechenland), Balázs Tárnok (Ungar/Slowakei), Sterica Fudule² (Aromune/Rumänien); auch YEN-Präsident Louis-Albert Becker (Bretagne/Frankreich) gehört ihm an. Stauder, Leipner, Tárnok und Fuduleă sind neu in ihrem Amt.
Das „Minderheiten-Manifest“
Das „Manifest“ sollte eine Vision und einen gemeinsamen Aktionsplan für alle Minderheitenorganisationen in Europa bieten. Die Initiative sollte die EU, den Europarat, die OSZE und die Vereinten Nationen dazu aufrufen, Minderheitenkulturen und -sprachen zu schützen und zu fördern sowie ihre Rechte zu sichern. Die Idee sieht auch die Einrichtung eines Minderheiten-Rats vor, eines unabhängigen internationalen Netzwerks und Beratergremiums aus Wissenschaftlern, Fachleuten und Politikern, das die FUEN in ihren Zielen und Anliegen unterstützen sollte. Das FUEN-Präsidium zog seinen Vorschlag angesichts zahlreicher Nachfragen von Seiten der Delegierten zurück.





