Die „mitwohnenden Nationalitäten“ und der Nationalfeiertag


Früher, da war im kommunistischen Rumänien zwar nicht alles besser, aber einfacher – zumindest in der Einordnung von gut und schlecht, oder eher in der Einordnung von akzeptabel und sehr schlecht. So gesehen waren sich alle einig: der Nationalfeiertag war kein Volksfeiertag, egal worin jenes – eine – Volk auch bestand. Immerhin lag der Nationalfeiertag mitten im Sommer und somit geeignet zum Camping  - für viele Hermannstädter Sachsen in der urtypischen „}ara F²g²ra{ului“ gelegen, im Moa{a- oder Lai]a-Tal am Fuße der Karpaten. Seither schmückt das Familenalbum ein Foto von Vater mit Horst-Onkel, beide sonnengebräunt in Badehose, grinsend gegeinander Hammer und Sichel kreuzend, gesäumt von uns Kindern mit meloneverschmierten Mäulern.

Die Rumäniendeutschen nahmen es hin, als Bürger zweiter Klasse unter der offiziellen Bezeichnung der „mitwohnenden Nationalitäten“ geduldet zu sein. Und die Mehrheitsbevölkerung nahm es hin, dass jene Deutschen in Rumänien da waren, als hätten ihre Vorfahren in ihren Lederstiefeln damals, als Kolonisten, ihren deutschen Boden mitgebracht, nach Rumänien, das es so noch gar nicht gab.
Dabei lehrt die im übrigen gemeinsame Geschichte einen Besseres. Ausgerechnet an jenem seit der Antike geschichtsträchtigen Ort Kalrsburg/Alba Iulia mit seiner Burg in vaubanscher Bauart haben alle größeren Ethnien ihren Beitrag geleistet. Da steht die römisch-katholische Basilika der Ungarn, mit den Grabstätten „ihrer“ Anführer, die für alle das christliche Land gegen islamische Eindringlinge verteidigt haben. Da sind auch mehrere Bastionen zur Verteidigung der Zitadelle, wie eben auch die Sächsische Bastion, die von deutschsprachigen Handwerkern instand gehalten worden ist – zur Verteidigung einer Stadt für Viele. Heutzutage findet in jenem Karlsburg eine zentrale Gedenkveranstaltung zum Nationalfeiertag Rumäniens statt.

Der Geist von Karlsburg anno 1921 war auch in diesjährigen Ansprachen der Vertreter diverser politischer Vereinigungen spürbar. Sogar von der PSD wurde darauf hingewiesen, dass der wahre Patriotismus nicht in Dezibel Lautstärke und in der Anzahl von Likes gemessen werde. Schließlich stünde der Feind nicht an den Grenzen, sondern spaltet mit irreführenden Falschinformationen die Gesellschaft, vergiftet Seele und Verstand. Letztere Darstellung entsprach auch jener des Premiers von Seiten der PNL. Die UDMR erinnerte daran, dass es für die ungarische Minderheit im Lande ein großer Verlust war, nicht mehr von Budapest aus verwaltet zu werden, sondern von Bukarest. Damit einher ginge die Fürsorge- und Rücksichtspflicht der Republik Rumänien für ihre ethnischen Minderheiten. Für die USR ginge von jenem Karlsburg die okzidentale proeuropäische Ausrichtung des Landes aus; auf russischen Nachhilfeunterricht in Sachen Patriotismus sei man nicht angewiesen. Allen Parteien der demokratischen Mitte gemein waren die Appelle zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Einige der ausgewanderten Siebenbürger Sachsen kommentierten auf Facebook, die Zustimmung der Sachsen für die Vereinigung 1921 sei der Anfang vom Ende gewesen, andere erwiderten, man müsse zwischen dem Übel der Kommunisten und dem Verhalten der Rumänen unterscheiden, die ja mitgelitten hätten. Bereits nach 1921 haben die damaligen  Bukarester Regierungparteien sich selbst gegenüber den eigenen Parteikollegen in Transilvanien nicht ans Wort gehalten.

Und die Auslandsrumänen heutzutage? Ihre Kulturverbände bekamen die Möglichkeit für einen Onlinediskurs mit Präsident Nicu{or Dan. Ob eine diplomatisch ausgeglichene Unterstützung der rumänischen Diaspora in Deutschland im Gleichgewicht mit der staatlichen Unterstützung der deutschen Minderheit in Rumänien die Zukunftsformel zum nachhaltig guten Miteinander enthält? 

In Deutschland erinnert der Nationalfeiertag an eine Vertragsunterzeichnung. Andere Staaten gedenken der Unabhängigkeit, einer Revolution, und manche haben sogar mehrere nationale Gedenktage. Mein ganz persönlicher Nationalfeiertag liegt an jedem ersten Septemberwochenende des Jahres, an dem aus allen Landesteilen Töpfer in meine Heimatstadt kamen, um ihre traditionelle irdene Handwerkskunst anzubieten. Da waren Gefäße mit grün-gelben Figuren aus der Bukowina dabei, siebenbürgisch blaue Tulpenmuster aus Korund, schwarze Tongefäße aus der }ara Oa{ului und das Kockesch-Motiv aus Horezu . Die auch für Laien leicht erkennbare Krugform aus Kirchberg findet man allerdings nur noch im Museum. Viele der Töpfer trugen ihre lokale Volkstracht und Sonntags gab es einen Trachtenumzug, flankiert von anerkennend winkenden Zuschauern. Alle von Nah und Fern wirkten von sich aus mit; nichts war vorgegeben – ein gemeinsames Wohlgefühl.