Die Weberin von Malmkrog

Elena Pascus Werkstatt ist Teil des „Handwerks- und Kulturwegs“, der die Ateliers der Handwerkskünstler verbindet

Das Atelier der Weberin in Malmkrog, Haus Nr. 150

Von Kindesbeinen an war Weben Teil ihres Lebens. Fotos: George Dumitriu

Wegen Nelu Pascu ist die Moldauerin Elena in Siebenbürgen „hängengeblieben“.

Jeder Webstuhl ist ein Kunstwerk.

Wenn Elena nach der Schule heimkam, saß ihre Mutter schon am Webstuhl. Die Tiere waren gefüttert, das Mittagessen gekocht, und nach und nach trudelten die Frauen ein, um kleine Aufträge zu bringen, die der Witwe mit den vier Kindern das Überleben sicherten: Wolle zum Spinnen oder Färben. Oder, um eine Kanne Borsch zu holen, wie das damals üblich war, das Gebräu aus Weizenkleie wurde von den Nachbarinnen reihum für alle angesetzt. Oder auch, um gemeinsam zu handarbeiten. Die Aufgabe der Kinder war dann, die Wolle aufzuwickeln und in den Korb mit all den bunten Knäueln zu legen, der unter dem Webstuhl stand. Wenn Elena abends ins Nebenzimmer ins Bett geschickt wurde, wo ein riesiger Ofen in der Wand beide Kammern wärmte, dann lullte sie das sanfte Tock-Tock-Tock des mütterlichen Webstuhls in den Schlaf. „Ich hatte eine glückliche Kindheit“, erinnert sich Elena Pascu an Țibănești im Kreis Iași, nahe der Grenze zu Vaslui, wo sie aufwuchs. Das Weben war schon damals ein fester Bestandteil ihres Alltags.

Heute lebt Elena Pascu mit ihrem Mann Ioan, genannt Nelu, in Malmkrog/Mălâncrav. Wir besuchen sie im Oktober, am Tag nach der 25-Jahr-Feier des Mihai Eminescu Trusts (MET), der sich im Rahmen des Projektes „Eigenständiges Dorf“ auch um Malmkrog kümmert. Ihre Werkstatt ist dort eine Station auf dem „Handwerks- und Kulturweg“, der die Ateliers der Korbflechter, Weber, Schneider, Ziegelmacher und Zimmerer verbindet. Am Vortag hatte Michaela Türk vom MET die Gäste des Jubiläumsfestes auch zu ihr geführt. Staunend drängten sie sich in der Webstube zusammen, bestaunten die drei Webstühle, die ihr Mann, gelernter Dreher, selbst gebaut hatte – und vor allem den mobilen Webstuhl, den Elena zusammenfalten und in ihrem kleinen roten Flitzer verstauen kann, wenn sie im Land zu Workshops unterwegs ist oder in Gästehäusern ihre Kunst demonstriert. Längst fühlt sich die Moldauerin in Siebenbürgen heimisch, schwärmt vom guten Verhältnis zwischen den Rumänen und Sachsen in Malmkrog, erzählt so manche Anekdote und ganz nebenbei ihr Leben... Wie sie die Webkunst von ihrer Mutter erlernte – nein, stahl, „denn Kunsthandwerk muss man stehlen“, präszisiert sie und erinnert sich an ihre zaghaften Anfänge. Wenn die Mutter den Raum verließ, um die Tiere zu füttern, schlichen sich die Mädchen heimlich an den Webstuhl und probierten selbst ein paar Reihen, „meist richteten wir eher Schlimmes an“, doch die Mutter schwieg lächelnd beim Auftrennen. Und machte keinerlei Anstalten, zu schimpfen oder den Zugang zum Webstuhl zu verhindern, ganz im Gegenteil.

Am schönsten aber war es, wenn die Frauen  im Dorf zur „Șezatoare“ zusammenkamen. Dann brachte jede einen schnell zusammengerührten Sauermilch-Maiskuchen mit, etwas Trockenobst oder Wein, oder Zuika, wenn auch Burschen dabei waren. Denn nicht immer wurde nur gehandarbeitet, lacht sie. Manchmal kamen die Jungs mit Geige oder Flöte, dann wurde auch getanzt. Bei solchen Gelegenheiten warfen sie verstohlen ein Auge auf die Mädchen: Welches war geschickt darin, Hemden, Schürzen, Tischdecken, Teppiche und alles, was ein Haushalt so braucht, zu fertigen? Welches konnte gut tanzen? Im Herbst brachten die Frauen Wolle zum Spinnen und Färben mit und jede hatte schon einen genauen Plan, was sie im Winter anfertigen wollte und wieviel Material sie brauchte. Für einen Teppich mit roten Rosen oder für ein Hemd für den Bräutigam. Gefärbt wurde natürlich mit Pflanzen. „Flickenteppiche, Bettwäsche, Handtücher – alles haben wir früher selbst gemacht.“ 

Von der Moldau nach Siebenbürgen

Der Beruf der Weberin schien ihr vorgezeichnet. In Jassy/Iași besuchte Elena die Berufsschule für Weber, doch es gab keine Fabrik in der Nähe und so konnte sie nach ihrem Abschluss 1979 wählen, nach Bukarest oder Schäßburg/Sighișoara zu gehen. In Schäßburg lernte sie dann den Malmkroger Nelu Pascu kennen, der als Dreher in einer Fabrik arbeitete, und weil das junge Paar dort keine Wohnung fand und das Pendeln von Malmkrog aus mühsam war, reprofilierten sich beide als Maler und stiegen in den Malerbetrieb von Nelus Vater ein. „So haben wir sechs Jahre im Haus der Schwiegereltern gewohnt“, erzählt Elena. Schnell lebte sie sich in Malmkrog ein. Kochen lernte sie von der Schwiegermutter und ihre Kinder wuchsen mit Sachsenkindern auf und radebrechten bald Deutsch, beim Spielen auf der Straße aufgeschnappt. Sie erinnert sich an lustige Faschingsfeste („farșang“), als die Sachsen auf offener Straße auf einem Holzofen in einem Umzugswagen Pfannkuchen buken, oder an Kronenfeste an Peter und Paul mit Pfahlklettern. Deutsche und Rumänen hatten ihre eigenen Feste, doch die anderen waren stets willkommen. Auch Nachbarschaften hat sie noch miterlebt. „Man half sich bei Begräbnissen oder Hochzeiten, die früher noch zu Hause ausgerichtet wurden, man borgte sich Geschirr, Tische und Stühle.“ 

Als die Kinder dann aufs Gymnasium kamen – alle drei absolvierten das Haltrich Lyzeum in Schäßburg – gingen Nelu und Elena als Maler- und Handwerkerteam zehn Jahre lang immer wieder ein paar Monate ins Ausland, um die Ausbildung finanzieren zu können.

Alte Leidenschaft, wiederentdeckt

Kaum war der Nachwuchs aus dem Haus, entdeckte Elena das Weben wieder. Nelu baute ihr die Webstühle und sie begann, Workshops für Kinder abzuhalten, aber auch, eigene Aufträge anzunehmen. Schnell sprach sich ihre Kunst herum. Auch Sächsinnen bestellten bei ihr Tischdecken oder Trachten, die sie nach Muster vom Stoffweben bis zum Besticken originalgetreu nachfertigt. „Das hier wird der Stoff für eine Schürze der Tracht von Felmern“, verweist sie auf ein blaues Gewebe. Im anderen Webstuhl entsteht ein Flickenteppich. Sie produziert auch alte Trachten, egal welcher Volksgruppe, nach Muster. Auf den Tischen des Ateliers liegen Bücher, Hefte und feinkarierte Blätter mit Motiven aus Kreuzen in Kästchen: Drachen, Löwen, Trachtenpärchen. Drei Webstühle sind mit bunten Fäden bespannt. Dabei muss Nelu helfen, doch zum Weben braucht sie ihre Ruhe. Ein besticktes Trachtenhemd – für das sie vorher eine ganze Stoffrolle weben muss, erst wenn die fertig ist, kann man das Material aus dem Webstuhl schneiden – dauert einige Monate und kostet zwischen 2000 und 2500 Lei. „Wenn Kinder zum Weben kommen, betteln sie oft, dass sie ihr selbstgewebtes Stückchen rausschneiden und gleich mitnehmen dürfen, aber das geht leider nicht“, bedauert Elena.

Die Kunst weitergeben dürfen

Dann erzählt sie von Johana – ihrem Herzenskind, wie sie sagt. „Haltrich-Schülerin in der 12. Klasse – alle vier Schwestern haben bei mir Weben und Nähen gelernt.“ Bald will sie nach Klausenburg gehen, um Modedesign zu studieren, „und ich bestehe darauf, dass sie das macht und werde ihr helfen“. Auf dem Malmkroger Apfelfest im Garten des Apafi-Schlosses, wo sich die Dorfleute treffen, um Selbstgemachtes zu verkaufen und sich bei Tanz und traditioneller Musik zu unterhalten, treffen wir das Mädchen, das an einem Stand selbstbestickte Schlüsselanhänger und kleine Souvenirs feilbietet. „Sie ist die einzige Schülerin, die auf meinem eigenen Stoff nähen darf“, betont Elena. Im Nieselregen umarmen sie sich für ein Foto, ringsum die Stände mit Basteleien der Schul- und Kindergartenkinder, selbstgemachten Süßigkeiten, krautgefüllten Placinte, ausgebackene Krapfen, Apfelsaft, Brot und Wein. Es duftet nach Grill und Mici – Dorffeststimmung, ungekünstelt. 

Und bald, als Kontrast dazu – Brüssel! Anfang Dezember werden Elena und Nelu in die europäische Hauptstadt reisen, um mit der dortigen rumänischen und moldauischen Diaspora in einer  „șezatoare“ den rumänischen Nationalfeiertag zu feiern – im Gepäck den transportablen Webstuhl und Trachtenproben aus Siebenbürgen. „Selbstverständlich werde ich auch etwas Sächsisches mitbringen, die Kirchentracht von Tanti Treni“, freut sich Elena. Und vielleicht wird es für ein paar Stunden wieder so sein wie früher: als sich abends vor dem knisternden Holzofen Frauen und Männer versammelten, zum Handarbeiten, zum Plaudern, zum Essen und Trinken, zu Musik und Tanz. Und zum Gucken, wer die schönsten Muster stickt, wer die feinsten Stoffe webt. Denn Kunsthandwerk muss man „stehlen“.