Ein 500 Jahre altes Notenbuch, gefunden im Nationalarchiv von Kronstadt/Bra{ov, wird zum Ausgangspunkt eines außergewöhnlichen Projekts. Der Lautenist Caius Hera lässt mit Studierenden vergessene Renaissance-Musik neu erklingen, verbindet sie mit Grafik, Forschung und sogar einem 3D-gedruckten Instrument. Die ADZ-Redakteurin Andreea Oance führte mit Caius Hera, Lautenspieler, Lehrer und Koordinator des Projekts „Hans Judenkünig – Extensio“ ein Gespräch über kulturelle Wiederentdeckungen und nachhaltige Innovation.
Wie begann dieses kulturelle Abenteuer namens „Hans Judenkünig“ für Sie?
Ich hörte vor Jahren von einem Buch, das sich ausschließlich mit der Laute befasst und in Kronstadt aufbewahrt wird. Als Lautenspieler ließ mich der Gedanke nicht mehr los. Nach langer Recherche fand ich es schließlich im Nationalarchiv. Es handelt sich um ein 1523 in Wien gedrucktes Werk des deutschen Lautenlehrers Hans Judenkünig.
Mit Unterstützung der Kulturfondsverwaltung AFCN konnte ich das Buch studieren, anschließend ein Faksimile und eine moderne Ausgabe veröffentlichen und eine Tournee durch siebenbürgische Städte organisieren. Daraus entstand schließlich das Projekt Extensio – eine Weiterentwicklung meiner Forschung, aber auch ein künstlerischer Rahmen, um die Musik wieder hörbar zu machen.
Welche Bedeutung hat das Buch für die europäische Alte Musik?
Von meinem Freund, dem Lautenisten Deak Endre, wusste ich über Jahre hinweg, dass dieses Buch existiert. Von ihm und vom Organisten Steffen Schlandt erfuhr ich viel über die alte Musik Siebenbürgens.
Für Rumänien hat die Sammlung eine besondere Bedeutung: Es ist die einzige deutsche Lautentabulatur aus dem 16. Jahrhundert, die sich heute im Land befindet. Damit eröffnet sie einen direkten Blick auf das Repertoire der Renaissance – ein musikalischer Schatz, der lange verborgen blieb.
Wie entstand die nationale Tournee?
Sie war die natürliche Folge der Forschung. Wir wollten die Musik „aus den Buchdeckeln herausholen“. Also wählte ich sieben historische Orte in Siebenbürgen, in denen Renaissance-Architektur erhalten ist – von Schäßburg/Sighi{oara über Kronstadt und Hermannstadt/Sibiu bis Hunedoara und Klausenburg/Cluj-Napoca.
Wir spielten auf historischen Instrumenten, in Kostümen und mit Kulissen, die an Konzerte der deutschen Renaissance erinnerten. Das Ensemble bestand aus Laute, Viola da Gamba, Spinett, Schlagzeug und Gesang.
Wie ging es nun nach der Tournee in Temeswar mit „Extensio“ weiter?
Durch die Veröffentlichung des Buches stieß ich auf ein enormes, kaum gespieltes Repertoire deutscher Renaissancemusik. An der Fakultät für Musik und Theater der West-Universität in Temeswar schlug ich vor, gemeinsam tiefer in diese Quellen einzusteigen.
Zusammen mit zwei Kolleginnen wählte ich fünf Studierende aus verschiedenen Studienbereichen aus. Jeder sollte fünf Werke aus fünf unterschiedlichen, im 16. Jahrhundert gedruckten Sammlungen auswählen, transkribieren, analysieren und kommentieren. So entstand ein erstes studentisches Forschungsprojekt zur deutschen Vokalmusik jener Epoche.
Wer sind die beteiligten Studierenden – und wie arbeiteten sie?
Ilinca Pfeiffer, Oana Malcoci, David Hirsch, Elisa Gheorghe und Feher Katalin – alle Studierende der Fakultät für Musik und Theater, aus verschiedenen Studiengängen. Sie transkribierten jeweils fünf Stücke aus unterschiedlichen Sammlungen des 16. Jahrhunderts, analysierten die Musik, ordneten die Werke ein und verfassten Begleittexte zu Komponisten und Quellen. Am Ende entstand ein wissenschaftlich fundiertes Werk, das erstmals deutsche Renaissance-Lieder in Rumänien zugänglich macht.
Wie fühlt es sich an, wenn Studierende Jahrhunderte alte Musik zum Leben erwecken?
Es ist ein tiefes berufliches Glück. Diese jungen Musikerinnen und Musiker werden bald unsere Kollegen sein. Zu sehen, wie sie mit Begeisterung eine nahezu vergessene Klangwelt erschließen, ist einer der schönsten Aspekte meines Berufs.
Welche Herausforderungen bringt diese Forschung mit sich?
Alte Notation, gotische Schrift, archaisches Deutsch – all das erschwert den Zugang. Viele Musiker schrecken davor zurück, weil Transkription und Interpretation enorm zeitaufwendig sind. Extensio will genau hier ansetzen: Repertoire zugänglich machen, das sonst stumm im Archiv liegt.
Die Werke werden nun auch neu bebildert. Wie entstand die Zusammenarbeit mit dem Grafiker Adrian Murgulescu?
Beim Lesen vieler Texte entstanden in meinem Kopf starke Bilder. Also suchte ich nach einem Künstler, der diese imaginären Szenen sichtbar machen kann. Ich gab Adrian völlige Freiheit, nur mit der Bitte, sich ästhetisch an der Renaissance zu orientieren – inspiriert von Cranach oder Dürer. Die zehn entstandenen Radierungen stellten wir im Rahmen der Extensio-Konzerte aus; sie flossen auch in das studentische Buch ein. Die Zusammenarbeit setzen wir im Rahmen des Barockfestivals Temeswar fort.
Innerhalb des Projekts wurde auch eine Laute 3D-gedruckt. Wie kam es dazu?
Ich beobachte seit Jahren die 3D-Drucktechnologie und baue seit 2019 historische Instrumente in meiner eigenen Werkstatt. So entstand die Idee, traditionelle Technik mit 3D-Elementen zu verbinden. Das Ergebnis: eine zu 90 Prozent gedruckte, voll spielbare Renaissance-Laute, die ich beim Abschlusskonzert von Extensio 2025 präsentierte. Mich fasziniert der nachhaltige Aspekt: Die Materialien sind recycelbar und leicht verfügbar. Noch ist es ein Studieninstrument, aber ich glaube, dass eine tatsächliche Revolution im Instrumentenbau bevorsteht.
Wie wurden die drei diesjährigen Extensio-Konzerte in Temeswar empfangen?
Sie waren ein voller Erfolg. Die Auftritte fanden im Raum von Bastion B1, in der römisch-katholischen Kirche in der Elisabethstadt/Elisabetin und im Barocksaal des Kunstmuseums statt. Letzteres Konzert war besonders beeindruckend – ein volles Haus, große Wärme im Publikum und eine Atmosphäre, die perfekt zur Renaissance-Musik passte. Alle Beteiligten spielten auf historischen Instrumenten in nach historischen Vorbildern gestalteten Kostümen.
Warum braucht Temeswar solche Projekte, die historisches Erbe und Innovation verbinden?
Der Verein „Festivalul Baroc Timi{oara“ ist die einzige NGO der Stadt, die kontinuierlich historische Musikprojekte organisiert. Gemeinsam mit Partnern wie dem „Prin Banat“-Verein zeigen wir, dass Kulturgeschichte mehr ist als Architektur – sie lebt auch in Musik, Instrumenten, Kleidung, Bildern. Ich wünsche mir, dass diese Zusammenarbeit weiterwächst, damit wir das Publikum mit Musik, visuellen Künsten und innovativen Technologien umfassend in vergangene Welten eintauchen lassen können.
Welche Zukunft sehen Sie für Alte Musik in Rumänien?
Es entsteht ein wachsendes Interesse – nicht nur unter Studierenden, sondern auch im Publikum. Wir planen die Gründung eines Forschungszentrums für Alte Musik an der Fakultät. Dazu werden wir weiterhin Konzerte, Workshops und Projekte organisieren, die historisch informiert und zugleich zugänglich sind.
Welche Botschaft möchten Sie jungen Musikern geben?
Ich selbst bin meinen Idealen treu geblieben – auch als der Weg schwierig war. Heute stehen über 250 Konzerte, mehrere Bücher und ein eigener Instrumentenbau dahinter. Wer sich für Alte Musik begeistert, sollte sich nicht vom Etikett „Nische“ abschrecken lassen. Wenn man mit Leidenschaft arbeitet und im Moment bleibt, entwickelt sich die Zukunft daraus – wie Eckhart Tolle sagt: „Die Zukunft entsteht im gegenwärtigen Moment.“







