„Es ist gar nicht wie früher – trotzdem ist es uns leicht gefallen, hier Fuß zu fassen“

Rückkehr auf Zeit: Annette Valentina und Hans Königes fühlen sich wohl in Siebenbürgen

EKR-Pressesprecher Hans Königes und Kirchenführerin Annette Königes Foto: George Dumitriu


Nach 40 Jahren München ein beruflicher Neustart in Hermannstadt/Sibiu – das Ehepaar Annette Valentina und Hans Königes, in Deutschland frisch verrentet, hat es kurz entschlossen gewagt: Zunächst nur als Experiment, beschränkt auf ein Jahr – doch nun wollen sie begeistert verlängern. Hans Königes wurde für die vakante Stelle des Pressesprechers der Evangelischen Kirche A. B. angeworben. Für ihn bedeutete das, gleich drei Herausforderungen zu meistern: das Land zu wechseln, dann das Thema – von Technologie zu Kirche, und als dritte und größte Herausforderung, vom Journalismus nun als Öffentlichkeitsarbeiter tätig zu sein. „Wo man doch immer so stolz war auf den unabhängigen Journalismus!“, lacht er. 

Annette Königes hat in München fast 20 Jahre lang als Stadtführerin gearbeitet und nebenbei drei Kinder großgezogen. Die stehen aber längst auf eigenen Füßen. Keine Frage also, dass sie ihren Mann begleiten wollte! Schnell fand auch sie eine berufliche Herausforderung in Hermannstadt: In mehreren Sprachen führt sie Touristen durch die evangelische Stadtpfarrkirche. Wie geht es den Rückkehrern – nach so langer Zeit in Deutschland? ADZ-Chefredakteurin Nina May fühlt den beiden vor über 40 Jahren aus Zeiden/Codlea ausgewanderten Siebenbürger Sachsen auf den Zahn. 

Sie beide wurden für dieses Interview auf dem diesjährigen Sachsentreffen in Zeiden/Codlea im Torbogen der Kirche fotografiert, wo sie einst geheiratet haben. Welche Erinnerungen sind in Ihnen da an ihrem früheren Heimatort hochgekommen?

Annette Valentina Königes: Wir haben uns natürlich sehr gefreut, dass ein Foto von uns in diesem Torbogen gemacht wurde, wo wir einst als Braut und Bräutigam gestanden haben. Wir stammen beide aus Zeiden, sind sogar hier geboren worden – im selben Jahr, nur zwei Straßen voneinander entfernt. Wir kennen uns seit dem Kindergarten, in der Schule waren wir bis zur achten Klasse in Parallelklassen, im Lyzeum dann in derselben Klasse – wir sind die einzige Klassenhochzeit.

Hans Königes:  Oder, Klassehochzeit, nach 44 Jahren! 

Ja, natürlich sind auf dem Sachsentreffen viele Erinnerungen hochgekommen. Der Wunderkreis war etwas ganz Besonderes, den wir am Ende des Schuljahres immer  durchlaufen haben. Man hat verschiedene Erinnerungen an die Schule, an Freunde. Wir sind mit Zeiden noch sehr verbunden, obwohl wir nach der Auswanderung erst einmal 20 Jahre nicht mehr hier waren. Aber wir sind beide ehrenamtlich engagiert in der Heimatortsgemeinschaft Zeiden, meine Gattin im Vorstand, und ich kümmere mich seit genau 33 Jahren um das Heimatblatt. Deshalb ist uns, glaub ich, auch der Neustart in Hermannstadt so leicht gefallen: weil wir immer einen Bezug zu Siebenbürgen hatten.  

Es ist aber schon so, dass wir merkten, wenn wir hier zu Besuch waren, was sich alles verändert hatte. Die meisten Freude und Bekannten sind nicht mehr hier. Man muss den Ort, wie er jetzt ist, obwohl er ganz anders aussieht, akzeptieren und sich über die Weiterentwicklung freuen, die ist ja auch inzwischen sehr positiv und das Bürgermeisteramt ist bemüht, auch die Kirchenburgaktivitäten zu unterstützen.

Wann sind Sie aus Zeiden ausgewandert und wie kam das?

Annette K.: Mein Mann ist 1975 ausgewandert und ich 1981 durch Heiratsgenehmigung. Hans war 17, als er nach München gegangen ist, und wir haben weiterhin korrespondiert, daraus hat sich irgendwann Liebe entwickelt. So haben wir die Heiratsgenehmigung beantragt – und mussten zwei Jahre warten, denn zunächst hatten wir eine Ablehnung bekommen. 

Meine Eltern sind dann nachgezogen und wir sind, wie das damals bei vielen so war, die ersten 20 Jahre nicht mehr in Rumänien gewesen. Man wollte weg aus der Diktatur, man wollte in Deutschland ankommen. Deshalb haben wir auch miteinander und mit unseren Kindern nur noch Deutsch gesprochen. 

Nachdem wir dann zum ersten Mal zu Besuch in Zeiden waren, war das eine seltsame Erfahrung. Vor allem, weil wir gemerkt haben: die Menschen machen eigentlich den Ort aus, nicht die Bauten! Wir haben den Kindern erzählt, schau mal, der und der hat hier gewohnt, und auf einmal – lauter fremde Gesichter. Nur Kirche, Friedhof und Schule haben sich kaum verändert. Man sucht ja immer das Alte. Seither sind wir aber öfter hier und sehen schon den Fortschritt, vieles ist wirklich besser geworden.

Haben Sie jemals mit einer Rückkehr nach Siebenbürgen geliebäugelt – oder mit einer Rückkehr auf Zeit? Oder kam das überraschend?

Hans K.: Wir waren letztes Jahr beim großen Sachsentreffen in Hermannstadt und hatten bei dieser Gelegenheit auch die Landeskirchenkuratorin Carmen Schuster besucht. Und da fragte sie mich ganz gezielt: Wenn du doch jetzt junger Rentner bist, kannst du dir nicht vorstellen, hier zu arbeiten? 

Dabei hatte ich eigentlich eine ganz andere Vorstellung gehabt: Weil ich Dieter Drotleff, Elise Wilk und Laura Juller von der Karpatenrundschau (KR) kenne, sagte ich mir, ich komme im Sommer her und schreibe für die KR. Da aber meinte Frau Schuster: Wir brauchen dich viel dringender in Hermannstadt! Also sagte ich zähneknirschend, ich werd’s mir überlegen.

Sie müssen aber wissen, wir wollten nicht unbedingt weg aus München. Wir haben beide dort studiert und gearbeitet und haben uns sehr wohl gefühlt. Aber von Tag zu Tag haben wir mehr über diese Idee gesprochen und gesagt, ja – warum eigentlich nicht? Und die Kinder haben auch gesagt, ihr habt jetzt genug für uns getan. So ist diese Geschichte gereift und im Herbst oder Winter haben wir beschlossen, es einfach auszuprobieren. Erstmal nur für ein Jahr, aber inzwischen ist klar, dass wir länger bleiben werden.

Was umfasst Ihre Aufgabe als Pressesprecher der evangelischen Kirche?

Hans K.: Von Papier, also die „Kirchlichen Blätter“, über Flyer, Homepage, Social Media, Pressekonferenzen bis hin zu externer Kommunikation sollte ich im Grunde auf alles ein Auge haben. Nun muss ich sehen, in welcher Reihenfolge das alles zu schaffen ist. Auf der einen Seite ist es sehr interessant, das ganze Feld abzudecken, aber auch genug zu tun. Aber ich freue mich, dass ich – das klingt jetzt etwas pathetisch – der Gesellschaft etwas zurückgeben kann. Das war auf jeden Fall ein wichtiger Grund, warum wir ja gesagt haben. Außerdem ist es bei mir zum Schluss im Journalismus ungemütlich geworden. Selbst bei uns, in einer Technologiezeitschrift, haben nur noch die Klicks gezählt. Sowas ist für einen erfahrenen Journalisten fast schon eine Beleidigung. Hier habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird. Angesichts dessen, wie sehr sich unser Berufsbild verändert hat, ist mir dort der Abschied leicht gefallen. 

Manche Rückkehrer sind enttäuscht, sie fühlen sich nicht gut aufgenommen von den hiesigen Deutschen. Haben Sie sich je als „Heruntergekommene“ gefühlt?

Hans K.: Ich sag’s mal ein bisschen arrogant (lacht): Es liegt auch am Menschen selber. Wir sind jedenfalls in kürzester Zeit mittendrin gewesen – ich durch meine Pressearbeit, meine Gattin durch die Führungen und auch weil sie im Bachchor singt. Mein Wunsch ist es, möglichst viel mitzubekommen, was in der Evangelischen Kirche Rumäniens (EKR) läuft: Diakonie, Frauenarbeit, Kirchenmusik, ich will die Pfarrer und Kuratoren auch auf den Dörfern kennenlernen. 

Von Anfang an haben wir aber auch bewusst den Kontakt zu den Rumänen gesucht. Es hilft uns, dass wir die Sprache kennen. Wir gehen auf rumänische Veranstaltungen und es macht uns viel Spaß, uns auch mit jungen Rumänen zu unterhalten, z.B. was unser Erbe angeht. Deshalb erlebe ich hier sehr viel Positives. Man muss einfach vorurteilsfrei an die Sachen herangehen.

Natürlich erleben wir auch mal, dass „Sommersachsen“ hier und da etwas zu meckern haben, und natürlich gibt es auch hier Strukturen, wo man, wenn man aus dem Westen kommt, sich sagt: Da sollte mehr möglich sein, zumal die Ceaușescu-Zeit seit 35 Jahren vorbei ist und die nächsten Generationen für mehr Schwung sorgen könnten.

Wie sehen Sie das, Frau Königes?

Annette K.: Ich seh das genauso. Wir haben auch in Deutschland nie negative Erfahrungen gemacht. Wir sind beide sehr offen, mögen Menschen, gehen auf andere zu. Wir hatten nie das Gefühl, Deutsche zweiter Klasse zu sein oder Nachteile zu haben, weil wir aus Siebenbürgen stammen. Vielleicht wär das anders gewesen, wenn wir bei der Auswanderung älter gewesen wären. 

Ja, und so war das dann auch hier. Für uns ist es einfach, weil wir beide ähnlich ticken, was das angeht. Und so mussten wir auch nicht lange diskutieren, ob ich mitmache, als mein Mann das Angebot bekam. Da wir uns seit Jahren gemeinsam engagieren und gerne unter Menschen sind, war auch hier der Anfang leicht. Obwohl wir nie an Rückkehr gedacht haben. Aber ich finde, unsere Arbeit hat auch dazu beigetragen, dass wir schnell unseren Platz gefunden haben.  

Wie war für Sie der Anfang hier, als Sie noch nicht gearbeitet haben?

Annette K.: Wir sind im Winter angekommen, im Januar, es war kalt und ich dachte manchmal, jetzt bin ich schon zehn Mal die Heltauergasse auf und ab gegangen, was mach ich jetzt? Am Anfang gab es Tage, wo ich mich fragte, wofür soll ich heute aufstehen? Und dann hab ich mich beworben als Fremdenführerin für die Stadtpfarrkirche. Jetzt komme ich mit Menschen aus aller Welt zusammen, denn ich führe in mehreren Sprachen, und bin sehr glücklich! Ich frage sie, warum sie hier sind und dann wollen sie oft auch meine Geschichte erfahren.

Wir sollten mal so eine Führung für die Tourismusseite der ADZ machen!

Annette K.: Ja, sehr gerne!

So sind wir schnell in der Gemeinschaft angekommen, auch weil wir viel teilnehmen. Wir haben z.B. als freiwillige Helfer beim „Transilvanian Brunch“ mitgemacht und um 8 Uhr morgens Brote geschmiert – so trifft man interessante Menschen, auch international. Im Bachchor singe ich manchmal mit Holländern, Österreichern, Rumänen, Schweizern – ich singe gern und habe mich hier sofort im Chor gemeldet. Ich hätte nie gedacht, dass wir uns hier so wohlfühlen, wir haben ein neues Leben begonnen.

Wenn Sie in die Dörfer rausfahren, haben Sie dann nicht auch den Eindruck, dass hier in Siebenbürgen ein interessantes Netzwerk entsteht, aus Alteingesessenen, Rückkehrern, Zugewanderten, die sich zusammentun, um etwas zu bewegen – Kulturerbe retten, Soziales, Umwelt, Ökotourismus und vieles mehr –, Dinge, die auch irgendwie kompatibel sind?

Annette K.: Mein Gefühl ist, dass sich besonders diejenigen engagieren, die eine Zeit im Ausland verbracht haben. Denn für die war es eine bewusste Entscheidung, herzukommen, und da möchte man dann auch etwas bewegen. Und ja, wir erleben das schon, dass sich Netzwerke bilden, ganz unterschiedlicher Art: Es gibt diese Ökotourismus-Initiative „Colinele Transilvaniei“. Oder in Almen, wo sich Rumänen engagieren, sie haben einen Verein „Alma viitor“ gegründet, eine Roma-Familie betreut den Gastro-Punkt und die machen das wirklich super. Wir haben uns dort mit einem Bukarester Ehepaar unterhalten, die ein altes Sachsenhaus gekauft haben und das mit viel Feingefühl für die sächsische Kultur restaurieren. 

Das Projekt in Almen war eine Initiative des Mihai Eminescu Trust (MET). Aber manchmal spielen auch die evangelischen Pfarrer eine ganz wichtige Rolle, weil sie durch die Gottesdienste eine Plattform für Begegnungen bieten. Danach bilden sich Interessensgrüppchen, die sich alleine weitertreffen.

Annette K.: ...und wenn es, wie in Almen, keinen Pfarrer mehr gibt, dann finden sich andere Leute. Aber die Pfarrer waren immer das Zentrum der Gemeinschaft, und die Kirche der Ort, wo sich alle trafen. Das ist heute sogar noch wichtiger als früher! Sie haben viele Aufgaben, als Verwalter, Restaurierer, und natürlich darf die Seelsorge nicht zu kurz kommen, und das Bewusstsein, was für eine wichtige Rolle man für die Menschen hat. Dass man auf sie zugeht, sie tröstet, wenn sich welche einsam und verlassen fühlen oder Schwierigkeiten haben. Der Pfarrer war immer schon auch eine Art Psychotherapeut.

Hans K.: Es gibt viele Initiativen, etwa wie in Trappold, wo Sebastian Bethge Sommercamps  für junge Architekturstudenten organisiert, und auch sonst gibt es weitere Projekte für Architekturstudenten oder auch Lehrlinge, die sich für das Thema Denkmalschutz und Kirchenburgen-Restaurierung interessieren. Auch wenn sie vielleicht vorher noch nie von Siebenbürgen gehört haben. Umso mehr freut man sich, wenn man sie dafür gewinnen kann.

Auf der anderen Seite gibt es die Diakoniefrauen, die ältere Menschen in den Dörfern besuchen und sich um diese kümmern. Das Deutsche Forum und die EKR teilen sich die Kosten für vier solcher Diakoniestellen. Diese sind im Bezirk Mühlbach, im Bezirk Hermannstadt sowie im Raum Bistritz und Fogarasch/Repser Land. Diese Frauen besuchen die älteren Leute auf den Dörfern und schauen, was sie benötigen, etwa Medikamente oder Windeln, leisten aber auch spirituelle Hilfe. Das Thema Diakonie ist wichtig, weil es im Dorf oft keine Infrastruktur dafür gibt.

Wollten Sie nicht eine Pressekonferenz zum Thema Diakonie machen? 

Hans K.: Ja, jedes Quartal organisieren wir mit dem Bischof eine Pressekonferenz zu den Themen, von denen wir meinen, dass sie die Evangelische Kirche in Rumänien  auszeichnet, also mit denen man in der rumänischen Öffentlichkeit punkten kann. Um Weihnachten herum wird es um das Thema Diakonie gehen. Im Frühjahr sprachen wir vor den Wahlen über Kirche und Demokratie, danach stellten wir das neue Konzept der Kirchenburgenstiftung vor und zum Schulanfang widmeten wir uns der Jugendarbeit. Wir haben schon den Eindruck, dass die Kollegen von der rumänischen Presse unsere Offenheit und Transparenz schätzen, zumal die anderen Glaubensrichtungen wie etwa die Katholiken oder Orthodoxen den Gesprächen mit Journalisten eher aus dem Wege gehen, wie sie uns versicherten.

Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Arbeit und Freizeit, Beruf und Ehe bzw. Familie?

Annette K.: In der Arbeit geben wir alles – und die Freizeit empfinden wir als Urlaub. Meine Arbeit als Kirchenführerin ist sehr angenehm und fühle mich sehr privilegiert, in diesem schönen Haus zu arbeiten. Und weil wir ja beide bei der Kirche sind, tauschen wir uns auch sehr viel aus über die Themen, die uns beschäftigen. 

Und ich wollte immer, dass wir zwischen Kirche und Markt wohnen, denn wenn wir Lust haben auszugehen oder eine Veranstaltung besuchen wollen, sind wir in zehn Minuten da. Wir genießen Hermannstadt, weil es keine anstrengende Stadt ist. Es ist ein beschauliches Leben hier – nur das Lärmempfinden ist hier anders als in Deutschland, damit muss man zurechtkommen... Aber es gibt viele schöne Veranstaltungen und wir sind oft gerne mittendrin.

Unsere Kinder freuen sich auch, dass es uns hier so gut geht. Der jüngere Sohn ist sogar ganz begeistert von Siebenbürgen. Obwohl er in München geboren ist und wir mit den Kindern selten hier waren, sagte er bei einem der Besuche, als wir in Zeiden auf dem Markt waren: Immer wenn ich hier bin, ist das so, als ob ich hier hergehöre. Das hat uns schon sehr überrascht und berührt!