„Wenn Menschen mit Behinderungen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen sind, dann werden sie nicht mitbedacht. Wenn Zugang fehlt, verlieren nicht nur die, die ausgegrenzt werden, sondern wir alle. Wir verlieren eine wichtige Perspektive“, erklärt Abdi Hassan, der Leiter des British-Councils vor Kurzem im Goethe-Institut in Bukarest. Denn vergangene Woche wurde dort der Report „Arts and disability in Romania“ („Kunst und Behinderung in Rumänien“) vorgestellt, den das British-Council in Auftrag gegeben hat. Mit einem klaren Ziel: Missstände aufzuzeigen und hoffentlich zukünftig für mehr Integration von behinderten Menschen in Rumänien zu sorgen.
In seinen einleitenden Worten erzählt Abdi Hassan dazupassend auch eine sehr griffige Anekdote: Vor Kurzem gab es eine Filmvorstellung im British-Council. Der Film wurde von Menschen mit Autismus erstellt. In der anschließenden Diskussion sagte einer der Besucher, dass er noch nie in seinem Leben jemanden mit Behinderung getroffen habe. Er würde ihnen einfach nicht über den Weg laufen. „Er hat es offen und nicht abwertend gesagt. Es ist ihm einfach aufgefallen“, berichtet Hassan. Genau dagegen möchte die Studie angehen: Gegen das Unsichtbar-Machen von behinderten Menschen.
Die beiden Autoren des Reports, Olga Macrinici und Jonathan Meth, waren im Goethe-Institut vor Ort. Meth ist unter anderem Gründer und Leiter des Theaternetzwerkes „The Fence“ und arbeitet schon lange mit behinderten Menschen. Macrinici ist eine aus Rumänien stammende Theaterregisseurin, die in England arbeitet. Beiden ist das Thema ein großes Anliegen.
„Spotlights“ aus Bukarest und Temeswar
Im Report haben sie mit sogenannten „Spotlights“ gearbeitet, wie sie berichten. Das heißt, sie haben sowohl Statistiken und Studien herangezogen, aber auch einzelne Personen und Institutionen ins Rampenlicht (Spotlight) gestellt und ihre Initiativen vorgestellt. Diese kommen insbesondere aus Bukarest und Temeswar/Timișoara. Diese dienen zum einen, um reale Missstände vor Ort aufzuzeigen und zum anderen, um real existierende Lösungsansätze vorzustellen.
Doch wie sieht die Situation für behinderte Menschen überhaupt aus? „Rumänien verfügt heute über einen soliden Rahmen hinsichtlich der Rechte von Menschen mit Behinderungen, die auf nationaler und internationaler Ebene eingegangenen Verpflichtungen sind eindeutig“, so der Report in der Einleitung. „Dennoch zeigt die Alltagserfahrung, dass die Anwendung dieser Grundsätze uneinheitlich und die Kluft zwischen Recht und Wirklichkeit derzeit noch beträchtlich ist“, so der Report weiter.
Diese Kluft ist auf ganz vielen Ebenen zu spüren. Eine genaue Übersicht ist im Report auf der Internetseite britishcouncil.ro/en/programmes/arts/arts-and-disability-romania-2026 (auf „Download the study“ klicken) auf Englisch nachzulesen. Meth und Macrinici präsentieren bei der Vorstellung einige zentrale Themen.
Die Probleme beginnen im Bildungssystem
Die Probleme beginnen laut Meth sehr früh, nämlich im Bildungssystem. „Es ist die erste staatliche Institution, die die Menschen besuchen. Es gibt bei den Verantwortlichen meiner Erfahrung nach oft einen guten Willen, aber die Verantwortung bleibt bei den behinderten Menschen“, so Meth. Doch was genau meint er damit? Ein Beispiel: Behinderte Menschen, die länger brauchen, um Prüfungen zu schreiben, können – so ist es auch gesetzlich geregelt – die Prüfungen nach hinten verschieben und damit mehr Zeit haben. Jedoch müssen die behinderten Menschen selber die Initiative ergreifen: Sie müssen die Schule oder Universität ansprechen, mit dem Lehrpersonal reden und alles regeln.
Meth fordert deswegen ein Umdenken: „Es ist nicht der behinderte Mensch, der den üblichen Ablauf der Prüfungen behindert, sondern es sind wir, als Gesellschaft, als Institution, denen der Wille und das Verständnis fehlt, auf die Person einzugehen“.
Behinderte Menschen sind oft unsichtbar
Doch viele Menschen in Rumänien, so die Autoren des Reports, haben wenig Ahnung von Behinderten. Denn behinderte Menschen sind in den Künsten als Künstler, aber auch als Besucher, oft nicht existent. „Wo soll die Gesellschaft denn mit behinderten Menschen in Kontakt treten, wenn nicht bei den Künsten?“, fragt die Studie und hofft auf ein gesamtgesellschaftliches Umdenken.
Das könnte auch den behinderten Menschen helfen. Dazu zieht Meth ein weiteres Beispiel heran: In Rumänien soll laut Statistiken jeder zwanzigste Mensch behindert sein. In Großbritannien und anderen Ländern der EU sei jeder fünfte Mensch behindert, so Meth. Warum ist das so? „Es ist logisch anzunehmen, dass auch in Rumänien eigentlich jeder fünfte Mensch eine Behinderung hat, sich diese aber nicht anerkennen lässt“.
Dies könne zum einen an der komplizierten Bürokratie im Land liegen, aber auch daran, dass sich die Menschen, die eine Behinderung haben, gar nicht als behindert – als Teil dieser Gruppe – wahrnehmen. Macrinici, die selber Regisseurin ist, berichtet, dass sie in Rumänien in den Künsten nie Behinderungen wahrgenommen hat, obwohl sie selber eine Behinderung hat. „Erst in Großbritannien, wo ich hingezogen bin, habe ich mich selbst als behinderte Künstlerin bezeichnet. In Rumänien habe ich das gar nicht wahrgenommen“.
Das sei ein weiterer Grund, warum behinderte Menschen, so die beiden, weiter an die Öffentlichkeit und insbesondere an die Künste herantreten sollten: damit andere Menschen, welche dieselbe Behinderung haben, sich wahrgenommen und angesprochen fühlen. Und dafür müsse auch der Zugang zur Kunst barrierefrei sein. „Zugang ist ein fundamentales Menschenrecht. Kultur ist ein Menschenrecht“, so Meth. „Wir müssen behinderte Menschen als komplette Menschen sehen, was sie sind.“
Ein öffentlicher Raum voller Stolpersteine
Dafür sollen sie mehr in den öffentlichen Raum treten. Dieser bietet aber zahlreiche Tücken, gerade in Bukarest: die Bürgersteige sind zugeparkt, nicht überall gibt es Rampen oder Lifte, die Stadt ist an vielen Orten geradezu menschenfeindlich. Meth und Macrinici würden sich natürlich wünschen, dass dies geändert wird, wissen jedoch, dass dies so einfach nicht geht.
Deswegen hat Meth einen anderen Ansatz: „Alte Häuser behindertengerecht zu gestalten kostet sehr viel Geld. Es ist deswegen oftmals nicht die erste Priorität. Jedoch ist die digitale Sphäre auch ein wichtiger öffentlicher Platz, den man leicht anpassen kann“. Er appelliert, Internetseiten verständlicher und vor allem einladender zu machen: Sie sollen klar sagen, dass jeder auf ihnen willkommen ist.





