Himmelskörper in den Holzkirchen der Maramuresch

Überbleibsel vorchristlicher Sonnenkult-Symbole und Rituale

Die schwimmende Mondsichel erinnert an die Barke von Ra/Osiris im Ägyptischen Totenbuch. | Fotos: George Dumitriu

Den „Sonnenmann“ gibt es in den Holzkirchen von Șurdești und Plopiș als himmlisches Wesen.

Der „Sonnenmann“ in Rogoz, hier als Figur der „Unterwelt“ mit dem Höllenhund (Bild I)

Rogoz: Pferdekopf mit „Lebensblume“ auf Kopf und Brust – oder ein astrales Symbol?

„Sonnenmann“, fotografiert auf einem traditionellen Holztor in der Maramuresch

(Bildgruppe II)

(Bildgruppe II)

(Bild III)

(Bild IV)

In der Holzkirche von Desești: Eine Mondsichel schwimmt als Schiffchen auf sternenübersätem Gewässer. Darauf liegt ein Mann, über dem zwei Figuren schweben: die eine hält einen Stern in der Hand, die andere einen Stab. Rogoz: Ein hölzerner Pferdekopf, Ende eines Dachbalkens, trägt auf Brust und Stirn ein astrales Symbol. Șurdești: Ein geflügeltes menschliches Wesen mit einer Sonne als Gesicht sticht mit dem Finger in eine Wolke, in der anderen Hand hält es ein Buch. Noch zweimal begegnen wir diesem „Sonnenmann“ wieder: einmal in Plopiș mitten in einer Szene des Heiligen Elias mit seinem Feuerwagen, und einmal in Rogoz, wo er von einem vielköpfigen Ungeheuer, das an den Höllenhund aus der griechischen Mythologie erinnert, begleitet wird… 

Diese seltsamen, aber überaus aparten Darstellungen in den winzigen bemalten Holzkirchen der Maramuresch, Teil des UNESCO-Weltkulturerbes Rumäniens, sind mir schon vor Jahren ins Auge gefallen. Archaische Überbleibsel aus vorchristlichen Zeiten, die in biblische Szenen integriert wurden? Anders kann man sich die erstaunlichen Parallelen zu Motiven aus der Antike nicht erklären. Ihre Spur führt nach Babylon und ins Alte Ägypten. 

Gilgamesch-Epos...

Schon immer wurden astronomische und astrologische Himmelsbeobachtungen in alten Kulturen als Göttermythen verbrämt überliefert. Die Himmelskörper werden darin als himmlische Wesen personifiziert. Das älteste bekannte literarische Werk der Menschheit, der Gilgamesch-Epos der Babylonier aus dem 3.-4. Jahrtausend vor Christus, ist ein Beispiel. Einige Forscher interpretieren die Figur des Gilgamesch als das Sternbild Orion. Der Name Gilgamesch, heißt es, sei zunächst auf einer Liste Babylonischer Könige aufgetaucht, also als irdische Person. Später wurde er dann als Totengott, als Herr der Unterwelt, verehrt. Sein Name aber bedeutet: „Vorfahre eines Prinzen, den der Sonnengott berufen hat“. 

... und Osiris-Legende

Das seltsame Doppelmotiv Sonnengott-Totengott, der zuvor ein irdischer König war, begegnet uns später auch im Alten Ägypten. Im Alten Reich (2686–2181 v. Chr.) galt der Pharao als Sohn des Sonnengottes Ra, der nach seinem Tod zu Ra in den Himmel aufstieg. Der Gott Osiris, Unterwelts- und Fruchtbarkeitsgott, verkörpert den verstorbenen und wieder auferstandenen König. Und ähnlich wie Gilgamesch soll Osiris früher ein König, halb Gott und halb Mensch, gewesen sein. Die Osirislegende berichtet, dass dieser von seinem Bruder ermordet wurde, doch hauchte ihm seine schwesterliche Gemahlin Isis mit ihren Flügeln neues Leben ein. Es reichte bloß nicht ganz für das Diesseits...

Horus – hora – ora

Die Sonnenscheibe wurde von den Alten Ägyptern erst als Auge von Ra interpretiert, später als Auge von Osiris. Der Mond hingegen galt als Auge von Gott Horus, dem Sohn von Isis und Osiris. 

Das Mond-Horusauge kreist um die Erde, taucht Nacht für Nacht am Himmel auf, sobald die Sonne verschwindet, ein Kreistanz, der als Zeitmaß taugte (die Hieroglyphe für Zeit ist übrigens ein Stern): die Ägypter teilten diesen Tanz in 24 Stunden ein, 12 für den Tag und 12 für die Nacht. Aus dem Hieroglyphenzeichen „hor“ für Horus leiteten die Griechen wohl ihr Wort für die Stunde, „hora“, und die Römer („ora“) ab, was sich auch in heutigen Sprachen noch reflektiert: Gleich zweimal im Rumänischen, „ora“ (Stunde) und „hora“ (Reigen, Kreistanz), aber auch im Englischen (hour), im Französischen (hoere) und im Deutschen (Uhr). 

Der auferstandene Sonnengott

Osiris, Sohn von Ra, manchmal aber auch als Aspekt von Ra behandelt, wird vor dem endgültigen Tod gerettet und damit zum Unterweltsgott. Ein hoffnungsspendender Unterweltsgott für die Ägypter, denn mit seinem Sterben und seiner anschließenden Wiederbelebung im Jenseits durften auch die gewöhnlichen Sterblichen (zuerst nur der Pharao, später auch gewöhnliche Menschen) auf eine solche Wiederbelebung hoffen – ein erster Auferstehungsgedanke! 

Weiter erzählt das Ägyptische Totenbuch: Osiris stirbt zur Zeit des Sonnenuntergangs, durchschifft dann die Nacht als Unterweltsgott auf einer himmlischen Barke, wobei er allerlei Gefahren bestehen muss, um am nächsten Morgen mit der Sonne bzw. als Sonnengott Ra verjüngt und höchst lebendig wieder aufzuerstehen – und mit ihm die auf seinem Schiff mitreisenden Seelen der Toten. 

So wurde das Totenreich im Westen angesiedelt (Sonnenuntergang), und das der Lebenden im Osten (Sonnenaufgang). Was sich in der Orientierung der ägyptischen Tempel reflektierte: der Eingang war immer im Westen, das Allerheiligste mit dem Altar im Osten. 

Diese Orientierung hat sich bis heute in der orthodoxen Kirche erhalten und ist bestimmt nicht zufällig: Findet man doch am Eingang im Westen orthodoxer Kirchen meist ein Fresco des jüngsten Gerichts, also  des Todes, abgebildet, während vor dem Altar im Osten der Pantokrator-Turm für Christus und die Auferstehung steht.

Sonnenmann und Mondschiffchen

Die seltsamen Parallelen der ägyptischen Mythologie mit einigen Darstellungen in Maramurescher Holzkirchen werfen die Frage auf, wie diese Symbole in den hiesigen Kulturraum gelangten. Oder waren sie, wie einst der Kult der Göttin Isis (Schwester von Oriris!), weit im Donauraum verbreitet und wurden vom Christentum übernommen oder zumindest geduldet? 

Betrachten wir den „Sonnenmann“ in Șurdești und Plopiș (Bild „Sonnenmann“ gibt es in den Holzkirchen von Șurdești und Plopiș als himmlisches Wesen), und in Rogoz (Bild „Sonnenmann“ in Rogoz...): Er ist stets geflügelt, also ein himmlisches Wesen, und mit einem Buch in der Hand dargestellt – Bibel, Gesetzbuch? Während das Sonnengesicht in ersteren beiden Darstellungen ganz klar erkennbar ist, zeigt die Figur in Rogoz nur stilisierte Strahlen. Ist der „Sonnenmann“ ein Überbleibsel des Sonnengottes Ra, der als Osiris in die Unterwelt eingeht, wie der Höllenhund in Rogoz suggeriert, während die Sonnenmänner in Plopiș und Șurdești in himmlischen Sphären schweben?

In Desești stößt man auf die allerliebste Darstellung einer Mondsichel als „himmlische Barke“ (Bild Die schwimmende Mondsichel...). Ist es die Seele des Verstorbenen, die hier mit den Sternen zusammen die Gewässer des Jenseits durchquert, wie die Barke von Orisis mit den Toten? Tatsächlich betrachteten die Alten Ägypter das Jenseits als Urgewässer. Das Wasser-Motiv findet sich auch in der griechischen Mythologie: als Fluss Styx, den es zu überqueren gilt.

An der Decke des Eingangsbereichs der Holzkirche von Șurdești prangt nicht nur dieses personifizierte Sonnengesicht (Bild II). Auch die Bahnen der Himmelskörper – vermutlich eine heliozentrische Darstellung der Erde mit dem Mond(gesicht) – sind dort zu finden. Und wenn die viergeteilte Scheibe in der Mitte tatsächlich die Sonne darstellt, dann betrachte man noch einmal das Bild unten aus Rogoz: Das gewundene Seil über dem „Sonnenmann“ wird von einer ebensolchen viergeteilten Scheibe zusammengehalten – ein Sonnensymbol? 

Das Seil mit der viergeteilten Scheibe findet man übrigens, in Holz geschnitzt, an zahlreichen Kirchen der Maramuresch. Und auch sonst ist das Sonnensymbol – hier als geschnitztes Sonnenrad (Bild III) – dort bis heute weit verbreitet. 

Die Vierteilung der Sonnenscheibe gibt zu denken auf: Ist nicht auch der Heiligenschein von Jesus, als einziger aller Heiligenscheine, viergeteilt? Das Vorbild für den Heiligenschein in der christlichen Ikonografie soll verschiedenen Quellen zufolge tatsächlich die Sonne gewesen sein, als Ursymbol der Unsterblichkeit und Ewigkeit.

Pferdekopf mit Lebensblume

In der Kirche von Rogoz ziert ein Pferdekopf mit der Lebensblume auf Stirn und Brust das Ende des zentralen Dachbalkens. Touristen bekommen diese charmante Besonderheit meist nicht zu sehen, denn man muss dafür auf den Dachboden klettern. Das Symbol der Lebensblume erscheint in mehreren Kulturen des Altertums, die ältesten Beispiele kommen in Assyrien im Palast des Königs Assurbanipal in Dur Šarrukin (645 v. Chr.) vor, aber auch auf den Pfeilern des Osiris-Heiligtums in Abydos, Ägypten, obwohl umstritten ist, ob es tatsächlich Teil des ursprünglichen Tempels war oder später angebracht wurde.  

Zurück nach Rogoz: Auch außen an der Holzkirche enden sämtliche Dachbalken in stilisierten Pferdeköpfen. Pferde spielten eine zentrale Rolle in der keltischen Mythologie, sie galten als göttliche Krafttiere. Im Christentum wurde das Pferd dann zum Symbol der Agape, der bedingungslosen Liebe zwischen Gott und Mensch. Altarwärts, in der Richtung, die auf die aufgehende Sonne im Osten verweist – in der Antike die Himmelsrichtung der Auferstehung – sind die Pferdeköpfe einander sanft zugeneigt als Zeichen für die göttliche Liebe, erklärte bei unserem ersten Besuch vor einigen Jahren der damalige Pfarrer Ion Chirilă. 

Inszenierte Lichtphänomene

Noch ein interessantes Phänomen, in Rogoz anzutreffen, verweist auf vorchristliche Bräuche, wie sie im Alten Ägypten üblich waren: Dort waren die Tempel oft so konstruiert, dass das Licht der aufgehenden Sonne an bestimmten, bedeutenden Tagen – etwa zur Sonnenwende oder am Tag des Gottes, dem der Tempel geweiht war (Beispiel: Abu Simbel) – genau in das Allerheiligste und auf die Statue dieses Gottes fiel. 

In Rogoz fallen zum Sonnenaufgang am 6. August, dem Tag der Verklärung Jesu, die Lichtstrahlen durch das Ostfenster direkt auf den Altar. Solche beabsichtigten und teilweise auch dokumentierten Lichtspiele gebe es auch in anderen orthodoxen Kirchen, erzählt Chirilă. Wir stoßen zufällig selbst auf eines: in der Kirche von Pătrăuți in der Bukowina (siehe ADZ-Online, 6. Oktober 2016: „Das Lichträtsel von Pătrăuți“).

Vorbild bei den Thrakern

Der Gebrauch solch symbolischer Lichtspiele ist aber noch viel älter, wie ich in Bulgarien im Nationalen Geschichtsmuseum von Sofia erfahren sollte, wo ein Teil des ältesten Goldschatzes der Welt, der Schatz von Varna (5000 v. Chr.) ausgestellt wurde. Dort hatte man im Grab eines etwa 45-jährigen thrakischen Stammesfürsten über 1,5 Kilogramm Gold – 990 Objekte an Körperschmuck und Machtsymbolen, mehr Gold als im gesamten Rest der Welt aus dieser Epoche – gefunden. Das eigenwilligste Objekt aber war ein hauchdünner goldener Penisaufsatz, Hinweis auf die zu schützende Manneskraft des Trägers, der einmal im Jahr Mutter Erde rituell befruchten musste und so die Welt zeugte, erklärte damals die Reiseführerin. Für dieses Ritual musste er die erst 2001 in einem der größten Thrakerkomplexe bei Nenkovo entdeckte Höhle Utrobata in Form einer Vulva betreten. Ihr Eingang ist ein natürlicher Schlitz, von Menschenhand nachgeschliffen. Im Inneren läuft an den Wänden ständig Wasser herunter und durch ein Loch in der Decke fällt jeden Mittag ein Lichtstrahl herein, der sogenannte „Sonnenphallus“, der genau am Tag der Frühlings- und Herbstsonnenwende den uterusförmigen Altar erreicht – und symbolisch befruchtet. 

Der Sonnengott als Fruchtbarkeitsgott – wie Osiris.


Die viergeteilte Sonnenscheibe


Gleich viermal an verschiedenen Orten in der Maramuresch: das Symbol des viergeteilten Sonnenrads.

In der Holzkirche von Rogoz erscheint es über dem „Sonnenmann“ als gewundenes Seil (Bild I)

In Șurdești wird die viergeteilte Sonnenscheibe von Erde und Mond umkreist (Bildgruppe II) . Das Foto zeigt die bemalte Holzdecke des Pridvors. Auf derselben Decke gibt es aber noch eine ganz andere Sonnendarstellung (rechts daneben): als Gesicht. Diese Personifizierung der Sonne erinnert wieder an den „Sonnenmann“.

Bild III zeigt eine kontemporane Interpretation der viergeteilten Sonne, geknipst auf einem traditionellen Holztor in der Maramuresch.

Bild IV zeigt das gewundene Seil mit dem viergeteilten Sonnensymbol, das viele alte Holzkirchen in der Maramuresch ziert.

Übrigens gehören die erwähnten Holzkirchen von Rogoz, Șurdești und Plopiș zum UNESCO-Weltkulturerbe Rumäniens.