Er ist Religionslehrer, Organist, Leiter der Burzenbläser, Komponist und ein begnadeter Zeichner, der zum Sachsentreffen in Zeiden/Codlea im dortigen Stadtmuseum zusammen mit seiner malenden Lebensgefährtin eine Ausstellung hatte. „Die Leute fragen mich oft, woher nimmst du die Kraft für so viel Arbeit?“ schmunzelt Klaus-Dieter Untch. „Und ich sage dann, nein, das ist keine Arbeit. Was du aus Leidenschaft tust, machst du auch 14 Stunden am Tag.“ Wir treffen uns in seinem „Musiklausienraum“ im Pfarrhaus gegenüber der evangelischen Kirche, umgeben von Büchern, Kisten voller selbstgeschriebener Kompositionen, gezeichnetem Unterrichtsmaterial und Lieblingsgegenständen – hier ein Plüschbär, dort eine Trompete, Flötensammlung, Ikone –, bekommen ein Faltblatt in die Hand gedrückt. „Klausnotizen, untcherforscht“; alternativ auf rumänisch: „klausdivinitateașoptită“. Humor und Tiefe – ein Dichterphilosoph.
„Fehler sind keine Irrtümer des Lebensplans – sie sind das Leben, das sich traut, nicht perfekt zu sein.“ Fehler „… waren Lehrer, Geliebte, verkleidete Engel mit schmutzigen Füßen“, lautet eine Klausnotiz. Er gestaltet sie liebevoll mit Fotos, verteilt oder verschickt sie an Freunde. Wenn andere hektisch im dichten Verkehr zur Arbeit streben, sitzt Klaus Untch schon lange im Auto auf dem Parkplatz vor der Schule und dichtet. Davor ist er um 5 Uhr 30 aufgestanden und im Dunkeln nach Kronstadt/Brașov gefahren. „Das Frühaufstehen hab ich von Eckhard Schlandt gelernt“, bei dem er Musik studierte. „Er hat mich um sieben empfangen, damit er mich früh wieder los wird und sich um seinen eigenen Kram kümmern kann“, scherzt Klaus. Wenn er dann kurz vor acht die Schule betritt, ist er „total Zen“. „Dann trink ich in Ruhe einen Tee – und dann mische ich fünf Stunden lang das Bildungssystem auf, denn als Lehrer bist du der Mülleimer der Gesellschaft, alle treten dich“, lacht er. Halb ernst, halb im Scherz, denn tatsächlich ist sein Beruf als Religionslehrer für Grundschulkinder – 99 Prozent orthodox, aber an einer deutschen Schule, wo jede auf Deutsch gehaltene Stunde kostbar ist und der evangelische Lehrer in Kauf genommen wird – eine seiner großen Leidenschaften. Auf den Inhalt kommt es da nicht so an, auch wenn Eltern schon mal fragen: Unterrichten Sie auch Dogmen? Ja, natürlich, erwidert Klaus Untch. Und zählt auf: Dogma 1: Wenn deine Mutter dir das Essen hinstellt, sag „sarut mâna“ und hilf nachher beim Geschirrabräumen. Erleichtertes Schmunzeln. Mit Grundschulkindern kann man noch viel anfangen, meint er begeistert. Und genießt die Freiheiten im Religionsunterricht: „Da kannst du mal eine Lektion nach deinem Geschmack einfügen, das hat mich überleben lassen im Schulsystem, dass ich kein Sklave von Regeln bin.“ Etwa zum Frieden, als der Ukraine-Krieg begann. Oder zum Thema Glück. „Rezept zum Glück – mit Gottes Liebe“ steht über einer Zeichnung, hingekritzelt mit Filzstift. Darunter: „Zutaten: Respekt, Hoffnung, Freude, Frieden, Dankbarkeit“. „Glück schmeckt lecker“, sagt die große Kerze zur kleinen und der Kochtopf lächelt, während die Sonne rote Herzen verteilt. Klaus – der Zeichner! Angeregt vom evangelischen Theologen Werner Tiki Küstenmacher, der in Deutschland schon vor 30 Jahren mit pfiffigen Karikaturen im kirchlichen Bereich, einer Mischung aus Satire und Tiefe, brillierte.
Früh gelernt, Autodidakt zu sein
Und dann gibt es noch Klaus, den Orgelspieler, der in Scharosch an der Kokel das Licht der ihm lange heil scheinenden Welt erblickte, bis das Dorf in den 80er Jahren von der Auswanderungswelle heimgesucht wurde, die ihn zuerst brutal mitriss, später aber sanft zurückspülte. In ein Siebenbürgen, in dem er sich erlauben kann, so zu sein, wie er ist: tief, gelassen, natur-nah,lebensfroh. Und zu werden, wie er sein will, denn sein Lebensmotto lautet: Geh immer einen Schritt weiter. Dazu eine Klausnotiz: „Im Hafen sind Schiffe sicher. Aber es ist nicht ihre Bestimmung, im Hafen zu liegen.“
Sein Leben, das sich traute, nicht perfekt zu sein, nahm ihm früh den Vater, der ihm das Akkordeonspielen beigebracht hatte, und lehrte ihn, fortan Autodidakt zu sein. „Wir wohnten direkt an der Kirche, das war für mich mein Sandkasten“, erinnert er sich an die Zeit, als er dank seines Küstersohn-Freunds das Orgelspiel entdecken durfte. Während dieser im Kirchhof die Schafe hütete, bearbeitete Klaus die Tasten. Bald hatte er „ein paar schicke Akkorde drauf“ und durfte in Gottesdiensten spielen, denn auch der Organist war längst ausgewandert. „So war ich neben der Schule Dorforganist und hatte ein stolzes Taschengeld“, erinnert er sich. „Ich konnte mir ein eigenes Fahrrad kaufen und mir Dinge erlauben, die man sonst von den Eltern erbetteln musste.“ Schnell hat man ihm auch kleine Jobs zugeschanzt, etwa, das Gras am Friedhof zu mähen und an die Pferdehändler zu verkaufen. „In der Unbekümmertheit der Jugend war das für mich eine glückliche Zeit.“
Fort und zurück
Jäh herausgerissen hat ihn das Verschwinden seines sächsischen Umfelds in den 90er Jahren, sodass ihm, so schien es ihm damals, nichts anderes übrig blieb, als ebenfalls in Deutschland sein Glück zu versuchen. Im Raum Wiesbaden, einem Industriegebiet mit vielen Gastarbeitern, „weltoffen und noch ohne Migrationsprobleme“, hatte er sich schnell integriert. Arbeit fand er in Rüsselsheim: „Ein Marokkaner kam auf mich zu, sagte ‚das Besen – du kehren‘ und schon war ich angestellt.
Und von ganz unten hab ich mich dann bis ganz oben hochgearbeitet: ich wurde Kranführer.“ In der riesigen Kabine, dem Himmel nah, hortete er Bücher und verbrachte Stunden mit Lesen, „ich holte alles nach, was ich an Bildung bisher verpasst hatte“. Wie ein Schwamm saugte der junge Klaus alles auf – Philosophie, Kulturgeschichte, Rhetorik, Kommunikation. Sein Mentor war sein Orgellehrer, auch Leiter der Albert-Schweizer-Stiftung, „und ich der Zauberlehrling“. An ein Studium dachte er damals noch nicht, denn er musste sich um jüngere Geschwister kümmern, doch als diese „aus dem Schneider“ waren, reiste er wieder öfter nach Siebenbürgen. Erst an den alten Heimatort, dann suchte er zunehmend Vernetzung, erweiterte seinen Horizont, entdeckte die Schönheit des Landes ganz neu und war sich auf einmal ganz sicher: Hier will ich leben! „Möge dich der Wind des Lebens zu den Orten führen, wo deine Seele ihre Erfüllung findet“, schreibt er später in einer
Klausnotiz.
Statt Kranfahrer: Musiker und Komponist
Rückkehr nach Rumänien war damals noch ganz unkonventionell. Doch Klaus sah sich nie als „He-runtergekommener“, wie hiesige Landsleute vermeintliche in Deutschland Gescheiterte verspötteln. „Mit all meinen Erfahrungen aus Deutschland sah ich mich eher als ‚Vorwärtsgekommener‘“. In Rumänien in einem Gemisch von Kulturen Brücken bauen zu können, schien ihm eine Herausforderung. „Die siebenbürgische Gemeinschaft spielte keine Rolle bei der Entscheidung zur Rückkehr, das Korsett hatte ich längst abgelegt“, sagt er und fügt an, es habe eine Weile gedauert, bis er verstanden hatte, dass die Traditionen und Werte der Sachsen ein natürlicher Schutzmechanismus einer Minderheit in andersnationalem Umfeld waren. „Du legst Wert auf Identität – aber wenn man übertreibt, lässt sich damit auch Schindluder treiben“, verweist er auf die Nazizeit. Albert Schweizers Motto „Ehrfurcht vor dem Leben“ – „das war meine Philosophie, als ich zurückkam“.
In Fogarasch/Făgăraș erhielt er einen Posten als Organist und dachte dort erstmals an ein Studium: Musik. Klausnotiz: „Wichtige Nachricht von deinem wahren Selbst: Du bist nicht zu alt. Es ist nicht zu spät.“
Musik ist bis heute ein Angelpunkt in seinem Leben, nicht nur als Organist der Zeidner evangelischen Kirche. Seit 17 Jahren gibt er auch in Deutschland Orgelkonzerte und erhält gelegentlich Aufträge für seine Kompositionen. Gerade schreibt er eine Himmelfahrtskantate für Freiberg.
Echo der Seelen in Zeiden
Nach Zeiden hat ihn der Zufall verschlagen, denn eigentlich sollte er dem ehemaligen Organisten von Mediasch, Erich Türk, der nach Klausenburg/Cluj-Napoca gegangen war, nachfolgen. Doch hatte er bereits das Studium in Kronstadt begonnen, die Strecke schien ihm zum Pendeln zu weit, und so tauschte er den Posten mit der damaligen Zeidener Organistin Edith Toth.
Zeiden sollte sein Glück sein: „Als es hier das Forum noch gab, wo ich im Vorstand war und wir allerlei Aktivitäten organisiert haben – Wandern, Musik, Malkurse“, lernte er in einem Zeichenkurs seine heutige Lebensgefährtin Karmina Vlădilă kennen, ebenfalls Sächsin, ebenfalls geschieden, Kindergärtnerin in der deutschen Abteilung der Schule und Malerin. „Wir zeigten uns gegenseitig unsere Techniken und haben uns inspiriert“, erzählt Klaus-Dieter Untch, der früher auch Zeichnen unterrichtet hatte. Dass sie zum Sachsentreffen gemeinsam ausstellen durften – Klaus seine Skizzen, Acrylweiß auf schwarzem Karton, Karmina ihre bunten Blumensträuße – Titel: „Echouri Sufletești“ (Seelenechos) – sei eine Art Geschenk an sich selbst gewesen, nach 25 Jahren in Zeiden und 30 Jahren Rückkehr nach Siebenbürgen, sagt Klaus. „Ich bin nicht reich, ich habe keine Villa, aber ich will die Kinder in der Schule inspirieren und Werte weitergeben“, resümiert er sein Leben. Klausnotiz: „Du glaubst, Gott sieht uns von oben. Aber eigentlich sieht Gott uns von innen.“










