„Ich wollte unbedingt nach Rumänien!“

ADZ-Gespräch mit Markus Huber, dem neuen Leiter des Goethe-Instituts Bukarest

Der neue Leiter Markus Huber vor dem Institut in der Calea Dorobanți in Bukarest Foto: Valentin Brendler


 
Seit Anfang September hat das Goethe-Institut Bukarest einen neuen Leiter. Der 52-jährige Markus Huber übernahm die Stelle von Joachim Umlauf. ADZ-Redakteur Valentin Brendler führte ein Gespräch mit Markus Huber, um herauszufinden: Wie tickt der neue Chef? Warum ist er nach Bukarest gekommen? Und was können Freunde des Hauses in den nächsten Jahren erwarten?

Herr Huber, werden Sie lieber gesiezt oder geduzt?

Im Goethe-Institut duzen wir uns eigentlich alle relativ schnell, weil wir viel, eng und täglich zusammenarbeiten. Jedoch fange ich schon immer mit einem Sie an. Das ist für mich eine Frage des Respekts. Ich mache ungern irgendwo die Tür auf und sage: „Hey, du, wie geht es dir?“ Ich schaue erst, wie die Leute drauf sind, aber dann bin ich schon schnell beim Du.

Könnten Sie uns Ihre bisherige Laufbahn vorstellen?

Die ist eigentlich schnell erzählt. Ich habe Film- und Theaterwissenschaften sowie Publizistik und Kunstgeschichte studiert. Nach dem Studium in Berlin habe ich es ein bisschen beim Theater – als Regieassistenz – versucht. Es war nur ein kurzer Exkurs. Es war jedoch eine ganz tolle Erfahrung. Danach bin ich bei der Organisation des Festivals „Transmediale“ in Berlin gelandet. Das war ungefähr in den Jahren 2007/2008. Da war ich auch relativ lange, bis 2015, und da bin ich zur Kulturstiftung des Bundes gewechselt und habe dort Förderprogramme für Kulturinstitutionen entwickelt. Das war ebenfalls eine wahnsinnig spannende und sehr lehrreiche Erfahrung. Danach bin ich zum Goethe-Institut gekommen. Ein Quereinstieg sozusagen. 

Wussten Sie, dass Sie dadurch im Ausland landen könnten?

Zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber durch meine Arbeit davor wusste ich natürlich, was das Goethe-Institut macht. Bei „Transmediale“, wenn wir uns Gäste aus dem Ausland eingeladen haben, war das Goethe-Institut unser erster Ansprechpartner. Ich habe mich dann beim Institut auch für die „Fachlaufbahn Kultur“ beworben. Das hat dann auch geklappt und dann kam ganz schnell die erste Entsendung nach Bratislava.

Dort waren Sie dann fünf Jahre und mussten sich unter anderem mit der Corona-Pandemie auseinandersetzen – was sind Ihre Erfahrungen?

Ich, und da bin ich ganz sicher nicht alleine, nehme ganz viele Sachen aus dieser Zeit mit. Ganz am Anfang haben mich vor allem die alltäglichen Probleme beschäftigt. Ich bin nämlich mit meiner Frau und meinen zwei Kindern nach Bratislava gezogen. Da ging es um die Organisation des Schul-, Berufs-, und Familienalltags. Dabei gab es aber auch Phasen der Entschleunigung. Im Beruflichen jedoch weniger. Da ging es vor allem darum, sich schnell einzufinden und neue Strukturen zu finden. Wie können wir mit digitalen Plattformen arbeiten, mit unseren Partnern weiter im Austausch bleiben und weiter mit dem Publikum in Kontakt treten? Bei dem, was Goethe-Institute machen, geht es ganz viel darum, dass wir Begegnungen herstellen. Zu dieser Zeit waren wir alle unter extremem Druck und alle Mitarbeiter hatten eine wahnsinnige Energie, sich auf die Situation einzulassen und aus der eigenen Komfortzone auszubrechen. Ich nehme auch viele Debatten mit, die auch bis heute zum Teil nicht aufgelöst sind.

Was nehmen Sie insgesamt aus der Slowakei mit?

Viel natürlich! Ich kriege das kaum in ein Interview! Die fünf Jahre waren vor allem davon geprägt, dass ich wahnsinnig tolle und spannende Menschen kennengelernt habe und dass ich die Kultur und das Land kennenlernen durfte. Was mich sehr begeistert hat, ist die Naturverbundenheit des Landes, die Offenheit der Menschen und die kleine, aber extrem agile Kulturszene. Es war aber auch eine Phase, in der die Regierung die Zugehörigkeit zu Europa mehr und mehr infrage gestellt hat. Ist Europa der Referenzraum für die Slowakei oder doch eher Russland? Dadurch sind auch viele Spannungen entstanden. Das hat die Arbeit des Goethe-Instituts auf eine besondere Art beleuchtet: Wo stehen wir da? Mit unseren Angeboten sind wir ja keine politische, sondern eine Bildungs- und Kulturorganisation. Bei uns geht es viel um Dialog und immer dann, wenn Gesellschaften besonders unter Druck geraten und es viele Risse gibt, sind noch mehr Gesprächsangebote notwendig. Dem mussten wir uns stellen. Zusammenfassend: Es waren sehr lehrreiche, sehr schöne und sehr turbulente fünf Jahre.

Warum sind Sie nun hier, in Bukarest?

Weil ich gerne hierherkommen wollte! Ich wollte gerne das Goethe-Institut in Bukarest leiten und ich wollte gerne hier Zeit verbringen. Ich, als Leiter eines Goethe-Instituts, bin ja in der Rotation. Das heißt, dass ich mich alle fünf Jahre auf einen neuen Ort bewerben muss. Und ich wollte unbedingt nach Rumänien. Das hatte ganz unterschiedliche Gründe. Unter anderem war ich mit meiner Familie hier im Urlaub vor ein paar Jahren. Wir haben eine kleine Rundreise gemacht. Wir sind im Nordwesten an der ungarischen Grenze gestartet, sind dann über Schäßburg, Temeswar, über Kronstadt nach Bukarest und dann ans Schwarze Meer. Wir fanden Rumänien insgesamt wahnsinnig toll. Wir waren beeindruckt von der Landschaft, den Menschen und dem Essen.

Auch die Arbeit schien mir spannend, mit der Grenze zur Moldau, mit den lokalen Kulturgesellschaften und natürlich mit den weniger schönen Rahmenbedingungen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Dann hat es auch geklappt und nun bin ich hier!

Was ist Ihr erster Eindruck von der Stadt?

Entgegen vieler Menschen, die mir schon begegnet sind, finde ich Bukarest wahnsinnig schön. Es ist eine tolle, lebendige, aber auch brüchige Stadt. Bukarest hat seine schönen Seiten, seine hässlichen Seiten und das Schöne ist, dass es in jeder Straße, praktisch von Häuserzug zu Häuserzug, sich ändern kann. Es ist keine Stadt, die einem sofort um den Hals fällt, aber ich habe das starke Gefühl, dass es viele Freiräume, viele Möglichkeiten, viel Energie gibt. Hier sind viele Menschen, die Lust haben, Räume zu besetzen, etwas zu gestalten und das ist ein ganz spannendes Gefühl. An anderen Orten wo ich war, hatte ich immer schon das Gefühl, dass sie ausformuliert sind. Sie sind toll, spannend, aber da gibt es ganz wenig Räume, die veränderbar sind. 

Und vom Land?

Davon habe ich leider noch nicht so viel gesehen. Was ich gesehen habe, ist landschaftlich toll, aber es existiert auch ein krasser Unterschied zu den Metropolregionen. An vielen Orten fehlen wichtige Strukturen. Auch da bin ich noch ein bisschen beim Entdecken, aber ich schätze den Wechsel und ich werde mich bemühen, an freien Wochenenden aufs Land zu fahren. Ich bin ein großer Freund des öffentlichen Verkehrs und im Gegensatz zum Rat von vielen Freunden freue ich mich auf Fahrten mit dem Zug und dem Blick aus dem Fenster.

Was ist Ihr Eindruck von der Kulturszene?

Als mein Vorgänger, Joachim Umlauf, sich verabschiedet hat, hatte ich ganz geballt an einem Abend die Gelegenheit, Vertreter der Kulturszene kennenzulernen und auch da hatte ich den Eindruck: Da passiert viel. Ich war besonders beeindruckt von der Bandbreite der Kulturszene. An diesem Abend formierte sich das alles zu einem großen Durcheinander in meinem Kopf. Nun hatte ich die Gelegenheit, mehr in die Szene einzutauchen, auch bei den Veranstaltungen hier in unserem Haus. Ich merke immer, da gibt es schon über Jahre gewachsene Beziehungen zum Institut. Das ist eine tolle Grundlage und daraus kann man neue Projekte entwickeln. Es ist fast schon ein Privileg, an so einer Stelle anzusetzen. 

Kann man als Leiter des Goethe-Instituts eine Work-Life-Balance behalten?

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich meine Arbeit als Beruf bezeichnen kann – denn mein Beruf ist das, was ich wirklich gerne mache und ist damit auch meine Leidenschaft. Ich bin zwar nicht auf die Welt gekommen und habe gesagt, „ich möchte mal Goethe-Institute leiten“; ich bin auf Umwegen hierhergekommen, aber es war eine sehr glückliche Fügung. Was ich als Leiter des Instituts machen darf, das ist ein fantastisches Privileg. Die Zusammenarbeit mit Schulen, mit Bildungsanbietern, mit Künstlern und mit Forschern ist total bereichernd. Natürlich gibt es viele Abendtermine und Dienstreisen, aber ich nehme das gar nicht als eine Work-Life-Balance wahr. Trotzdem schaue ich, dass ich meine zwei Kinder, 13 und 10 Jahre alt, mit einbinde. Ich versuche, sie zu den Eröffnungen mitzunehmen und auch auf Dienstreisen. Wenn ich im nächsten Mai nach Hermannstadt reise, versuche ich, zwei Tage mit der Familie Urlaub zu machen und sie damit in das, was ich sehr gerne mache, zu integrieren. 

Sie sind ein Repräsentant Deutschlands, nicht direkt der Regierung, aber der Menschen, der Kultur. Für viele sind Sie einfach „der Deutsche“ – was bedeutet Ihnen das? Wie gehen Sie damit um?

Als Deutscher wahrgenommen zu werden, ist ja erst mal ganz normal. Das bin ich ja! Es wird ja auch schnell offenbar, weil meine Rumänischkenntnisse noch nicht so gut sind. Mein Eindruck ist, dass Deutscher zu sein, hier durchaus positiv besetzt ist. Oft sagen die Leute: „Ah, das ist ja wunderbar“ und dann trifft man Leute, die ebenfalls Deutsch sprechen und Bezüge zu Deutschland haben. Sie freuen sich, dass ich mich für Rumänien interessiere und ich freue mich, dass sie sich für Deutschland interessieren. Es ist ein super Gesprächsangebot.

Doch aus beruflicher Sicht: Das Goethe-Institut ist das Kulturin-stitut der Bundesrepublik Deutschland und wir vertreten auf ganz vielen Ebenen Deutschland, nicht als Botschaft, nicht in der Diplomatie, aber im Rahmen der Kulturdiplomatie. Wir versuchen das auch aktiv zu machen! Unter anderem mit der deutschen Minderheit.

Wie möchten oder sollen Sie Deutschland repräsentieren?

Es gibt praktische Säulen, mit denen wir arbeiten. Eine davon ist die Spracharbeit. Ziel dabei ist es, die deutsche Sprache zu stärken. Dabei versuchen wir, die Sprache im Bildungssystem und an den vielen Fachschulen und Minderheitenschulen zu unterstützen und zu stärken. Daneben gibt es die Kulturarbeit.  Dabei wollen wir vor allem einen Kulturdialog ermöglichen. Zuletzt gibt es auch die Bibliotheksarbeit. Bei dieser geht es um Deutschland und das aktuelle  Deutschlandbild. 

Was meinen Sie damit genau?

Wir wollen ein aktuelles Deutschlandbild schaffen. Das heißt, wir schauen, was in der Bundesrepublik auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene passiert und welche Debatten geführt werden. Das verbinden wir mit Rumänien und was hier passiert. Wie können wir voneinander lernen? Wir, als Goethe-Institut, sehen Europa auch als Wertegemeinschaft. Diese Werte sind wichtig und wir wollen sie durch einen europäischen Austausch stärken, auch wenn manche Akteure immer wieder versuchen, sie zu untergraben. Deswegen ist ein aktuelles Deutschlandbild wichtig. Es geht nicht darum zu sagen: „Das passiert in Deutschland und das ist fantastisch“. Sondern darum, zu schauen, wie Rumänien und Deutschland mit den gleichen Herausforderungen umgehen, um dann voneinander zu lernen und die Gesellschaft demokratisch zu stärken.

Als Goethe-Institut, als Kulturdiplomaten, sind wir natürlich auch dazu beauftragt. Wir sind eine der Säulen der Kultur- und Bildungspolitik von Deutschland. Wir sind ein unabhängiger Verein, sind aber auch beauftragt vom Auswärtigem Amt, die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik umzusetzen. Mit dem Ziel, ein freiheitliches, ein sicheres und ein wirtschaftlich stabiles Europa zu stärken. 

Welche Projekte erwartet uns im nächsten Jahr?

Viele von den Projekten und Initiativen, die aktuell laufen, werden natürlich weiterlaufen. Es ist nicht so, dass, wenn eine neue Leitung kommt, dann Tabula rasa gemacht wird. Wir wollen eine Kontinuität herstellen und die Partnerschaften, die über die Jahre gewachsen sind, weiter beleben, insbesondere auch mit der deutschen Minderheit, wo auch zahlreiche Projekte wieder an den Start gehen werden.
Außerdem wird es nächstes Jahr viel um Max Ernst gehen, denn in diesem Tag jährt sich sein Todestag zum 50. Mal. Er war ein deutsch-schweizerisch-französischer Künstler und sein Gemälde „Europa nach dem Regen“, wo er sich mit den katastrophischen Folgen nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, ist für uns ein Ausgangspunkt. Zum einen aus Sicht der Erinnerungskultur, die für uns als Goethe-Institut immer wichtig ist, angesichts einer Gesellschaft in Deutschland und Europa, wo rechte Bewegungen wieder stärker werden und man sehr wachsam sein muss. Der zweite Punkt ist natürlich, dass Max Ernst nicht nur geografisch sehr beweglich war, sondern auch ein Innovator von Techniken. Heutzutage wäre er bestimmt ein „digital native“, der große Lust gehabt hätte, viele neue, digitale Möglichkeiten auszunutzen. Wir wollen damit vor allem junge Kuratoren und junge Künstlerinnen ansprechen.

Sie haben viele Mitarbeiter und viele Besucher werden Sie stets als Leiter des Goethe-Instituts wahrnehmen, was Sie ja sind, aber was für ein Chef sind Sie?

Das ist eigentlich eine Frage, die Sie den Kollegen und Kolleginnen stellen müssten. Ich würde von mir sagen, dass ich ein sehr zugänglicher Chef bin. Mir ist eine Offene-Tür-Politik sehr wichtig. Natürlich haben wir Hierarchien und Zuständigkeiten, das ist ganz klar, trotzdem versuchen wir, sehr viel gemeinsam zu entwickeln. Viele Kollegen arbeiten hier seit vielen Jahren und sind in den künstlerischen und Bildungsszenen verankert, ich kenne weder die Leute noch die Geschichte, die uns mit ihnen verbindet, mir geht es vor allem darum, genau diese Geschichte zu stärken, dass wir Projekte, die uns interessieren, gemeinsam machen können. Ich verstehe mich nicht als der im Raum, der am meisten weiß, sondern als derjenige, der von ganz vielen Experten und Exper-tinnen umgeben ist.

Ich bin relativ unaufgeregt und rede gerne viel. Ich lasse viele Fragen zu und ich frage relativ viel und ich möchte jeden Prozess verstehen und kennenlernen.