Im Club

Ein Essay

Nach der Frage zum Turniererfolg oder welches Handicap man habe, folgt sogleich: In welchem Golfclub? Sportliches Können und Status sind ein hier naheliegender Zusammenhang. Pardon, er war es. Nach althergebrachter britischer Art der Clubs wurden Golfclubs zur Umgebung für scheinbar lockeren Informationsaustausch und Kontaktpflege – „networking“, so ähnlich wie ein Männerfrühstück in einem Spiegelsaal. Zunehmend galt das Sehen-und-Gesehen-werden zum wesentlichen Anlass dabei zu sein – „the place to be“. 

Ein unter Denkmalschutz stehendes Ensemble, errichtet im neospanischen Kolonialstil, ausgestattet mit Kandelabern und Kristall-Leuchtern, machte in 1980ern von sich reden, als durch erpresserische Tricks ein Immobilienhai aus New York das renommierte Gut erwarb: Mar-a-Lago, bei Palm Beach in Florida. Mit gutem Gespür fürs Geschäft und schlechtem Geschmack ließ der neue Eigner das Anwesen zu seinem Privatclub ausbauen, der auch ohne Golfanlage auskam – der lag etwas weiter abseits. Mit seiner ersten Amtszeit erhöhte der nunmehr gewählte Präsident die Aufnahmegebühr auf 200.000 US-Dollar. Wem das überbepreist erscheint, der hat ein Schnäppchen verpasst: In der zweiten Amtszeit des nunmehr erneut gewählten Präsidenten soll die Aufnahmegebühr von einer Million US-Dollar den exqusiten Charakter des Clubs sichern. Welches Handicap man habe, bleibt unberücksichtigt. Es ging ja ums Geschäft und Vergnügen. Regierungsgeschäfte bereiteten besonderes Vergnügen – den Clubmitgliedern.

Und die Welt hat geschwiegen.

Aus dem US-Abgeordnetenhaus wird nur noch selten berichtet. Verständlich. Vormals demokratisch getroffene Entscheidungen werden nun im Club getroffen. Dort wurde auch ein ausländischer Milliardär gesehen, pardon, hundertfacher Multimilliardär. Der Südafrikaner trug seinen Sohnemann auf den Schultern und ist Clubmitglied. Tüchtig ist er auch und hat hochdotierte Staatsaufträge für sein Weltraumunternehmen erhalten. Seine Clubbeiträge haben sich gerechnet, während die US-Beiträge für die UN-Welthungerhilfe restlos gestrichen worden sind – vom Club-Präsidenten.
Und die Welt hat geschwiegen.

Das Erfolgsmodell „Mar-a-Lago“ gibt’s nun auch in groß. Die XXL-Variante ist international. Zwar wurde dem Initiator der Friedensnobelpreis nur geschenkt, aber dafür hat er nun den „Friedensrat“ gegründet. Clubmitglied kann jeder postsowjetische Diktator, arabische Emir, korrupte Steuerverbrecher, verkannte Pusztamöchtegernmonarch, Mann mit Kettensäge, oder Militärputschgewinnler werden, soweit die Aufnahmegebühr von einer Milliarde US-Dollar auf den Tisch gelegt werden – aushilfsweise von im Ausland eingefrorenem Sanktionsvermögen oder von einem Gewährsmann gestellt. Ja, Mann, denn Frauen sind nicht Teil des auserwählten Exekutivrates mit seinem Präsidenten, der alleine seinen Nachfolger bestimmt. Der demokratisch zeitraubende Schnickschnack entfällt zugunsten „pragmatischen Urteilsvermögens“ der Clubmitglieder, die den Mut haben, von „Ansätzen und Institutionen abzuweichen, die allzu oft gescheitert sind“, bzw. zum Scheitern gebracht worden sind, von den mutigen Clubmitgliedern.

Und die Welt hat geschwiegen.

Eine Charta gibt’s auch – gehört zum telegenen Gründungsakt, um sie nach Unterschriftsleistung in die Kamera zu halten, wonach sie anschließend weggepackt vergessen wird. Gerade deshalb sei zumindest Art. 1 zitiert: Der Friedensrat zielt darauf ab „verlässliche und gesetzmäßige Regierungsführung wiederherzustellen“. Putin hat zugesagt, Clubmitglied zu werden, Selenskyj nicht, ist aber noch Regierungsoberhaupt.

Und die Welt hat geschwiegen.Oder auch: „Un di velt hot geshvign“.

Wie das Jiddisch der Maramuresch geklungen haben mag? Jedenfalls ist das der Titel des über 800-seitigen Manuskripts  von Elie Wiesel aus Sighetul Marma]iei. Erst die auf ca. 120 Seiten komprimierte Kurzfassung jenes Buches konnte unter dem neuen Titel „La nuit” (frz.: Die Nacht) 1958 erscheinen. Nach und nach wurde es in viele Sprachen übersetzt und nachgedruckt. Weitere Publikationen zum Holocaust folgten, bis die Welt nicht mehr geschwiegen hat. Elie Wiesel erhielt schließlich 1986 den Friedensnobelpreis zugesprochen, was aber nicht dem einmaligen Vorgang einer Schenkung entspricht.

Diese Tage, am 27. Januar, wurde wieder des Holocaust-Verbrechens gedacht – und darüber geredet. Sollte die Welt schweigen, über jene 6 Mio Toten, so sterben sie endgültig, der Idee des Existenzialisten J.-P. Sartre folgend. Und wer jetzt schweigt, weil er ja vermeintlich nichts zu sagen habe, er sei ja kein Clubmitglied, der wird sich von seinen Kindern irgendwann die Frage anhören, was er denn damals getan habe, als sich die Weltordnung am Scheideweg befand.

Was soll man denn schon sagen und tun? Qua Geburtsurkunde besitzt jeder quasi eine Clubkarte: für die EU. Und nun könnten doch alle Demokraten ihre Stimme erheben, beim Europäischen Parlament eine Petion einreichen und fordern: Allen EU-Mitgliedstaaten – und Beitrittskandidaten – , die zudem Clubmitglied eines Verbrechersyndikats sind, werden EU-Fördergelder um eine Milliarde Euro gekürzt. Eine demokratische Union wird doch nicht zulassen, dass ihr Geld zum Aufbau einer absolutistischen Raubritterorganisation zweckentfremdet wird! Unser Geld gegen uns verwetten? Wer eine Milliarde US-Dollar plus Spesen für den so genannten Friedensrat übrig hat, benötigt ja keine Fördermittel, schon gar nicht von einer Institution, die von Clubtypen jenes  – „so called“ – Friedensrates mit Zöllen, Drohnen, Nervengiftanschlägen, Desinformationen destabilisiert, bedrängt, beschädigt, geschwächt wird.

Es gibt unbepreiste „Clubmitgliedschaften“, die man sich verdient - sonst sind sie nichts wert.