Wieso sich Rumänien in der jetzigen wirtschaftlichen und politischen Krise befindet, ist sicherlich nicht ein Zufall oder vielleicht ein Unglück. Es ist ausschließlich das Ergebnis einer langen Kette von Entscheidungen, die Rumäniens politische Klasse über knappe zwei Jahrzehnte traf – und die sie gleichzeitig systematisch zu verschleiern verstand. Jetzt liegt aber die Rechnung auf dem Tisch: ein Haushaltsdefizit 2025 um die 8 BIP-Prozent, das höchste in der gesamten Europäischen Union, die höchste Inflationsrate EU-weit und ein kaum wahrnehmbares Wirtschaftswachstum. Der Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus haben diese Krise nicht verursacht – sie haben sie bloß sichtbarer gemacht.
Wirtschaftlicher Rückblick: Rücklagen vs. Wählerstimmen
Die letzte wesentliche Ursache des Haushaltsdefizits liegt nicht so weit entfernt: Laut dem Europäischen Parlament und dem Fiskalrat Rumäniens hat die PSD-PNL-Koalitionsregierung 2024 systematisch ungedeckte Erhöhungen von Staatslöhnen und Renten beschlossen, um Wählerstimmen zu sichern. Die öffentlichen Ausgaben überstiegen die Einnahmen bis Oktober 2024 um 109,41 Milliarden Lei. Die Staatsverschuldung wuchs innerhalb von nur neun Monaten um 4,2 Prozentpunkte auf 53,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – ein Anstieg, der ausgenommen den Zeiten der COVID-19-Pandemie beispiellos war.
Auch vor dem EU-Beitritt unseres Landes im Jahr 2007 hat Rumänien insbesondere vor den Wahlen ständig auf den Konsum (durch Erhöhung der Gehälter) als Wachstumsmotor gezählt. Im Rausch der EU-Fördergelder dachte dabei niemand an eine strukturelle Gegenfinanzierung, an nachhaltige Investitionen in die Infrastruktur, Gesundheit oder Bildung. Somit flossen beispielsweise im Jahr 2024 80 Prozent der Steuereinnahmen in laufende Verwaltungskosten und Sozialhilfe.
Steuereinnahmen: so niedrig wie möglich
Rumänien hat eines der niedrigsten Steuereinnahmeniveaus der Europäischen Union. Im Vergleich zu Frankreich, wo die Steuereinnahmen bei 46,1 Prozent des BIP liegen, bzw. zu Deutschland mit 41,8 Prozent, Polen mit 36,5 Prozent oder Tschechien und Ungarn mit jeweils 35 Prozent, liegt die Steuereinnahmen in Rumänien bei lediglich 27,7 Prozent. Darüber hinaus bemerkt die OECD im Jahr 2025, dass Millionen Arbeitnehmer in Rumänien über-haupt keine oder nur minimale Steuern und Sozialabgaben bezahlen.
In Übersetzung: die staatlichen Einnahmen liegen auf einem gefährlich niedrigen Niveau, um die Staatsausgaben zu decken.
BIP und Kaufkraft
Die jüngsten Eurostat-Zahlen aus dem Monat März 2026 zeigen das Bild klar: Das BIP pro Kopf in Kaufkraftstandards reicht in der EU von 68 Prozent des EU-Durchschnitts in Bulgarien und Griechenland bis zu 239 Prozent in Luxemburg. Rumänien liegt bei 70 Prozent – trotz eines beeindruckenden Aufholprozesses von 48 Prozent im Jahr 2007 auf das heutige Niveau. Zum Vergleich: Deutschland erreicht 128 Prozent des EU-Durchschnitts, Österreich 129 Prozent, Frankreich 105 Prozent.
Doch diese abstrakten Prozentzahlen werden erst im Alltag greifbar. Laut Eurostat-Daten und aktuellen Lohnerhebungen liegt der durchschnittliche Nettolohn in Deutschland 2026 bei rund 2890 Euro monatlich, in Österreich bei 2600 Euro, in Frankreich bei 2350 Euro. In Rumänien beträgt er 1120 Euro – in Tschechien 1640 Euro, in Polen 1380 Euro, in Ungarn 1080 Euro, in Bulgarien 980 Euro.
Trotz des niedrigen Lohnniveaus hat Rumänien mit Abstand das höchste Haushaltsdefizit in der EU – und mit Abstand die höchste Inflation. Beide Faktoren zusammen bedeuten: keine Mittel für Entlastungsmaßnahmen und maximale Weitergabe externer Preisstöße an die Bevölkerung. Anders als Tschechien oder Polen, die zwar auch Mittel- und Osteuropa angehören, aber stärker diversifizierte Volkswirtschaften mit besserer Haushaltsdisziplin aufweisen, steht Rumänien ohne Netz da.
Woher importiert Rumänien Treibstoff?
Andererseits kommen über 50 Prozent der gesamten Rohölimporte Rumäniens aus Kasachstan, weitere rund 10 Prozent aus Aserbaidschan und noch rund 7 Prozent aus Libyen. Über die Straße von Hormus passierten nicht einmal 0,5 Prozent der Rohölimporte, die danach im Inland verarbeitet werden.
Was Diesel betrifft hat sich unser Land von der russischen Abhängigkeit gelöst (im Jahr 2020 importierten wir noch rund 68 Prozent aus Russland). Derzeit kommt Diesel hauptsächlich aus der Türkei aber auch aus Saudi-Arabien und aus Indien.
Über Hormus kommen nur geschätzte 7-8 Prozent.
Energiearmut als strukturelles Problem
Hinter den Durchschnittszahlen verbirgt sich eine soziale Katastrophe. Laut dem vorjährigen Bericht des Rumänischen Energiearmut-Observatoriums (ORSE) fallen rund 21,1 Prozent aller rumänischen Haushalte nach Bezahlung ihrer Energierechnungen unter die Armutsgrenze. Das betrifft nicht nur Strom und Heizung – es betrifft den gesamten Energiehaushalt, einschließlich Kraftstoff für das Auto, das für Millionen Pendler die einzige Verbindung zum Arbeitsplatz darstellt.
Besonders dramatisch: Alle Haushalte im untersten Einkommensdezil und 72 Prozent jener im zweiten Dezil unterschreiten nach Begleichung der Energiekosten die Armutsgrenze. Mit anderen Worten: Die ärmsten 20 Prozent der rumänischen Bevölkerung haben nach Bezahlung ihrer Strom-, Gas- und Kraftstoffrechnungen faktisch nichts mehr für Lebensmittel, Miete und andere Grundbedürfnisse übrig.
Dieser Zustand hat sich 2025 noch verschärft: Im Juli 2025 hob Rumänien den jahrelangen Strompreisdeckel auf. Die Folge laut dem nationalen Statistikinstitut INS: Stromrechnungen stiegen im Durchschnitt um 61,5 Prozent gegenüber Juni 2025 und um 63 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Fast gleichzeitig erhöhte die Regierung die Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent. Die staatliche Entlastungsmaßnahme: ein Energiearmutszuschuss von 10 Euro monatlich für rund 1,3 Millionen Haushalte. Bei 7 Millionen Haushalten mit Niedrigverbrauch reicht das nicht einmal annähernd.
Rumänien ist damit in die Klemme geraten: Auf Geheiß Brüssels wurden notwendigerweise Subventionen abgebaut, die als marktverzerrend galten. Gleichzeitig fehlte und fehlt die soziale Infrastruktur, um den Übergang abzufedern. Der Iran-Schock trifft ein System, das sich bereits in diesem Übergangsstress befand.
Wie viele Arbeitsstunden kostet ein voller Tank?
Ein fairer Vergleich von Kraftstoffpreisen muss die Kaufkraft berücksichtigen. Der entscheidende Maßstab ist nicht der absolute Preis pro Liter, sondern die Zahl der Arbeitsstunden, die ein Durchschnittsverdiener für einen vollen Tank aufwenden muss. Die Ergebnisse sind ernüchternd, insbesondere wenn man die Preiserhöhung an den Zapfsäulen betrachtet: nur seit 2020 sind die Preise um rund 70 Prozent gestiegen, wobei über zwei Drittel des Literpreises in den Staatshaushalt unter unterschiedlichen Arten von Steuern fließt.
Ein Rumäne arbeitet für einen vollen Tank (50 Liter) rund 12,6 Stunden – doppelt so lange wie ein Deutscher oder Österreicher. Während ein Vollzeitarbeitnehmer in Deutschland für denselben Tank 3,6 Prozent seines Monatslohns aufwendet, sind es in Rumänien 7,3 Prozent. Rumänien steht damit schlechter als Polen und nur knapp besser als Bulgarien, das jedoch eine deutlich geringere Steuerbelastung auf Kraftstoff aufweist, da.
Wie andere Länder reagieren – und was Rumänien nicht kann
Der Vergleich mit anderen EU-Staaten zeigt, wie unterschiedlich Regierungen auf den gleichen externen Schock reagieren können – abhängig von ihrer fiskalischen Ausgangsposition. Denn Westeuropa verfügt über Puffer, die Osteu-ropa fehlen.
Deutschland brachte im Bundestag einen Antrag auf temporäre Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoff ein. Frankreich aktivierte umgehend die Kraftstoffrückvergütung für einkommensschwache Haushalte – 100 Euro pro Fahrzeug unter einer bestimmten Einkommensschwelle. Österreich kombiniert Reservefreigaben aus strategischen Speichern mit gezielten Heizkostenzuschüssen. Polen hat in den letzten drei Jahren massiv in LNG-Terminals an der Ostsee investiert und ist dadurch weniger abhängig von über Hormus transportiertem Flüssiggas aus Katar.
Tschechien profitiert von einem der ausgeglichensten Haushalte Osteuropas und kann mit gezielten Sozialtransfers reagieren. Sogar Ungarn, das unter Viktor Orbáns Regierung strukturell geschwächt ist, hat dank der Anbindung an russische Pipelines einen günstigeren Einstiegspreis für Gas. Bulgarien leidet zwar unter der niedrigsten Kaufkraft, hat aber auch den günstigsten Kraftstoffpreis – und vor allem ein viel geringeres Haushaltsdefizit, das begrenzte Spielräume lässt. Slowenien rationierte den Kraftstoffeinkauf auf 50 Liter pro Tag und Fahrzeug, um den Tanktourismus aus den Nachbarländern einzudämmen und die eigene Versorgung zu sichern.
Rumänien hat keinen dieser Puffer. Das Haushaltsdefizit 2024 von 9,3 Prozent des BIP ist das höchste in der EU, fast dreimal so hoch wie die Maastricht-Grenze. Die Regierung befindet sich im strukturierten Dialog mit der Europäischen Kommission über einen Konsolidierungspfad und kann keine neuen Subventionen beschließen, ohne die Kreditwürdigkeit des Landes aufs Spiel zu setzen – und damit die Zinsen für rumänische Staatsanleihen weiter zu erhöhen.
Fazit
Unabhängig davon, wie sehr die Politiker und Medien die Schuld für die derzeitigen Preiserhöhungen auf die Straße von Hormus schieben, bleibt die Verantwortung weiterhin bei der politischen Führung des Landes. Ja, die Kunst der PSD war und ist es, weiterhin die Wählerschaft durch irgendwelche Einkommenserhöhungen zu binden, um die nächsten Wahlen für sich zu gewinnen – was die PNL neuerlich ebenfalls gelernt hat.
Aber ohne kohärente Politiken und eine nachhaltige wirtschaftliche Strategie, inklusive im Energiesektor, zeigen uns die neuerlichen Entwicklungen, dass jede regionale oder internationale Krise die heimischen Probleme weiter vertieft und zum Platzen bringt, trotz aller Verschleierungen und Vertuschungen.





