Kann man berufliche Zukunft noch planen?

KI und Arbeitsmarkt: Training und Erfahrung sind passé, gefragt sind Kreativität, Neugierde, Flexibilität

Nadina Câmpean und Adrian Manuțiu von Antena Academy moderierten die Konferenz „Der Arbeitsmarkt gegenüber der KI-Revolution“. | Foto: Nina May

Wie reagiert der Arbeitsmarkt auf die Revolution, die der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) auslöst? Und wie bleiben wir als Arbeitgeber oder Arbeitnehmer trotzdem Mensch? Mit diesen Kernfragen setzten sich neun hochkarätige Redner mit einschlägigen Kompetenzen auf der Konferenz „Der Arbeitsmarkt gegenüber der KI-Revolution“ am 5. November, organisiert von der Antena Academy, auseinander. Sie stellten sich den Erwartungen von Unternehmen, mit KI massiv Arbeitsplätze einzusparen oder mit ihrem Produkt auf sozialen Medien „viral“ zu gehen, aber auch den Ängsten der Angestellten: Wird es meinen Beruf bald nicht mehr geben? Was nützt mir jahrelange Erfahrung, wenn KI das alles besser kann? Kann man heutzutage überhaupt noch eine berufliche Zukunft planen?

Planen kann man schon lange nicht mehr, so rasant geht die Entwicklung voran, verrät Mihnea Costoiu, Rektor der Bukarester Polytechnischen Universität. So gibt es dort längst keinen Bildungsplan mehr in diesem Sinne: Vernetzen mit der Industrie lautet das Zauberwort. Studenten noch während des Lernens in bedarfsorientiertes Forschen einbinden, dies am besten im nationalen oder internationalen Verbund aus mehreren Unis und Unternehmen. 

Doch KI-Einsatz auf dem Arbeitsmarkt öffnet auch Perspektiven: Im Bereich Human Ressources wird es bald deutlich leichter sein, Arbeit- und Arbeitskräftesuchende deckungsgleich zusammenzubringen. So gibt es seitens der Antena Academy eine digitale Marketing-Plattform, auf der CVs von Kandidaten hochgeladen und per KI bestimmten Unternehmen zugeordnet werden – die schnellste Methode, um ganz ohne Stellenanzeigen ein perfektes Match zu erzielen. Die Plattform sei erst seit kurzer Zeit im Einsatz, doch bereits mit überwältigendem Erfolg, so Nadina Câmpean von der Antena Academy. Das Projekt soll auch Lösungen finden helfen für das Paradox der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Rumänien (19,2%), während Unternehmen gleichzeitig Arbeitskräftemangel beklagen.

„Wird KI mich ersetzen?“

Dies ist eine der häufigsten Fragen. Und tatsächlich: 48% aller Angestellten müssen bis 2030 reprofiliert werden, verrät Raluca Dumitra von eJobs. Einer Umfrage von eJobs zufolge glauben 64,9% der Angestellten, dass sie in den nächsten fünf Jahren ganz neue Fähigkeiten und Qualifikationen benötigen werden. 52% glauben, dass KI ihnen den Job nehmen kann (10% schließen es aus). Und 53% der Unternehmen haben dieses Jahr in KI investiert,letztes Jahr waren es nur 14%.

Aber noch eine Aussage schockiert: „Bisher war Erfahrung das Wichtiste bei der Jobsuche, doch ab jetzt gilt das nicht mehr“, behauptet Dumitra. 

Die Kompetenzen der Zukunft sind in jenen Bereichen zu suchen, die die KI nicht abdecken kann: menschliche Qualitäten wie Ethik, Geschmack, Gefühl, aber auch bestimmte Arten zu Denken, Neugier, Forschergeist und Flexibilität. 

Eine Liste der Top-10-Kompetenzen der Zukunft präsentiert der Vizevorsitzende der Rumänischen Studentenvereinigung, Alexandru Streinu: 1. kreatives Denken; 2. analytisches Denken; 3. technologisches Verständnis; 4. Neugierde und lebenslanges Lernen; 5. Resilienz, Agilität und Flexibilität; 6. systematisches Denken, 7. Umgang mit KI und Big Data; 8. Motivation und Selbstbewusstsein; 9. Talentmanagement und 10. Dienstleistung und Kundenservice.

Dezentrale Anpassung im Hochschulwesen

Millionen an bekannten Berufsbildern werden in Kürze verschwinden – Übersetzer zum Beispiel, das wird die KI bald besser können. Millionen andere Berufsbilder werden entstehen. „Die Rolle der heutigen Jugend ist die Neudefinierung von Kompetenzen“, meint dazu Streinu. Doch ist das Bildungssystem darauf vorbereitet, fragt er? 

Politehnica-Dekan Mircea Costoiu bekennt: „Die Geschwindigkeit der Veränderung übersteigt unser Anpassungsvermögen.“ Unternehmen und Unis müssen derart schnell reagieren, da bleibt keine Zeit fürs Planen. Dezentrale Anpassung sei daher gefragt – also keine standardisierte Ausbildung mehr, sondern modularisiert und personalisiert in einem Netzwerk aus Unis und Labors. Heute könne man als Uni nur noch im Verbund überleben, in themenorientierten HUBs mit anderen Bildungseinrichtungen und Unternehmen. „Wir bilden nicht mehr für die Industrie, sondern mit der Industrie aus“, bringt es Costoiu auf den Punkt. Und nennt als Beispiele, an denen seine Uni beteiligt ist, eine Plattform, die in drei Produktlinien Halbleiter der letzten Generation entwickelt, eine nationale Quantenkommunikations-Infrastruktur mit 1500 Kilometern Glasfaserkabnelnetz in Städten, aber auch das Kompetenzzentrum der EU für Cybersicherheit, das am Polytechnikum Bukarest gehostet wird.

Das Polytechnikum ist Partner von über 1000 Unternehmen EU-weit, illustriert er. Und fügt an, die Rate jener Studenten, die nach Studienabschluss innerhalb eines Jahres einen Job finden, betrage über 90 Prozent.

Den Jagdtrieb nicht vergessen!

KI wird auch die Schulbildung bald revolutionieren. Während heute ein Lehrer vor 30 Schülern steht, wird KI-gestütztes Lernen in Zukunft viel besser auf den Einzelnen und dessen Bedürfnisse zugeschnitten sein, verrät Irina Raicu, CEO am Institut für Angewandte KI in Florida. Die Lerngeschwindigkeit wird personell zugeschnitten, unterschiedliche Lerntechniken kommen zum Einsatz, persönliches Coaching wird ein wichtiger Bestandteil des neuen Lernens sein.  

Den negativen Aspekt der KI bringt Psychologin Simona Nicolaescu aufs Tablett: Wer sein Gehirn nicht selbst benutzt, sondern alles die KI machen lässt, verblödet. „Das Gehirn ist wie ein Muskel“, warnt Nicolaescu. Ohne regelmäßiges Gedächtnis-Training droht Alzheimer! Vor allem Kindern dürfe man nicht „alles auf dem Silbertablett servieren“, denn für die Produktion von lebenswichtigem Dopamin im Gehirn brauche man „die aktive Suche, die Anstrengung, den Jagdtrieb“ – dafür sei das Gehirn seit Menschwerdung ausgelegt. Wenn Kinder dies nicht nutzen, drohen später massive psychische Probleme, unkt die Expertin. Aber auch Bewegung spielt eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung und Erhaltung der neuronalen Fähigkeiten. Und: „KI braucht keinen Schlaf – wir aber schon.“ 

Ihre Tipps für den Umgang mit KI lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen: 1. Limits setzen, 2. in Bewegung bleiben, 3. Gedächtnistraining, 4. aktiv nach Lösungen/Wissen suchen, 5. neue Instrumente nutzen.

Auch das Bedürfnis des Menschen nach echten Emotionen sollte nicht unterschätzt werden. Als Negativbeispiel nennt sie KI-gestützte Plattformen, die die Kommunikation mit einem „perfekten Partner“ simulieren, mit emotionsbasierten Dialogen, wie man sie sich von einem echten Lebensgefährten wünscht, bisweilen sogar begleitet von Berühr-Technologie… Millionen Menschen nutzen bereits heute solche Plattformen, sagt die Expertin.

Unternehmen und KI: das Eisberg-Phänomen

Zahlreiche Unternehmen investieren in KI, doch nur fünf Prozent haben den erhofften Erfolg, verweist Irina Raicu. Grund ist das Eisberg-Phänomen: die Masse der nicht sichtbaren, also „unter Wasser“ befindlichen Herausforderungen. Diese reichen von unstrukturierten „messy“ Daten und mangelnden Zuständigkeiten über Widerstände beim Personal und Angst vor Veränderungen bis hin zu mangelnder Experimentierzeit und der zu schnellen Erwartung von Ergebnissen. 

Jedes einzelne KI-Tool sollte mindestens 30 Tage lang angewendet und Erfolge akribisch dokumentiert werden, rät Raicu. Außerdem braucht man Zeit und Muße zum Experimentieren. 

Für den Start empfiehlt sie kreativen Branchen zur Kreierung von Bildern Google Imagen4/Nano, Banana/Adobe Firefly, für Videos Veo3.1 oder Sora2; für den technischen Bereich die Webseiten-Builder Lovable oder Claude Code, für Backend Development Cursor, Github oder Copilot; für Briefe und Dokumente ChatGPT, ClaudeAI, Copilot; für Forschung und Lernen: Perplexity oder Manus AI.

Nicht vergessen aber sollte man all die wichtigen Dinge, die eine KI sicher nicht kann: guten Geschmack zeigen, ethische Entscheidungen treffen, empathisch sein oder Vertrauen schaffen.

Diana Coman gibt Tipps, wie man mithilfe von KI mit einem Produkt viral gehen kann. „Viral heißt aber nicht, leere Visualisierungen, sondern Wirkung!“ Entscheidend auf sozialen Medien sei, in den ersten drei Sekunden zu verhindern, dass der User weiterscrollt. Das richtige Storytelling sei hier essenziell. Aber auch, zu Kommentaren herauszufordern und zu antworten, „denn nur so zeigt man dem Algorithmus, dass man existiert“. Für automatische Antworten sei die App Manychat zu empfehlen. Um selbst virale Clips zu erstellen, suche man sich am besten 50 erfolgreiche, einigermaßen ähnliche Produktwerbungen heraus und beauftrage ChatGPT, die Gemeinsamkeiten herauszufinden. Gute Werbung ist heute keine Frage des Budgets mehr, sondern der Kreativität, meint auch Irina Raicu.

Und selbst wenn man die Erfolgsformel gefunden hat, heißt es, ständig experimentieren. Denn die Regeln des Algorithmus ändern sich laufend. „Was heute funktioniert, ist oft morgen völlig irrelevant“, warnt Coman.

Kurioses, Skurriles und zum Nachdenken

„Acht von zehn Kommentaren auf Facebook sind von einer KI geschrieben – von, nicht mithilfe einer KI!“ Mit dieser Aussage schockt Mihai Morar von Radio ZU, der sich außerdem als Gegner von KI-generierten Songs ausspricht und diese strikt boykottiert. Weil er weiß, was von Menschen geschaffene Musikstücke an sündteurer Studiozeit kosten… 

KI macht Angst, weil sie durch die Anforderung ständiger Reprofilierung unsere Rolle in der Gesellschaft verändert – und damit unsere Identität, gibt Human Ressources Managerin Andreea Basarabescu zu bedenken. Doch die größte Angst vor KI sei nicht die vor dem Verlust des Jobs, sondern die der eigenen Irrelevanz: Etwa, dass der Leser eines Artikels nachher nicht weiß, wieviel davon der Autor und wieviel die KI geschrieben hat. „Angst vor KI ist Angst vor Mittelmäßigkeit“, meint dazu auch Morar.

Andererseits gibt Basarabescu zu bedenken, dass KI unserer Arbeit mehr Sinn und Verantwortung zurückgibt, weil sie uns die langweiligen, oft stressigen Routinearbeiten abnimmt. Damit nimmt sie uns aber auch eine Entschuldigung weg: Ich war so im Stress, ich hatte keine Zeit! 

Aber auch,dass heute lebenslanges Lernen nicht mehr Training impliziert, sondern den proaktiven Umgang mit Wissenslücken: „Ein ‚ich weiß es nicht‘ ist peinlich – und genau da beginnt das Lernen.“ Zum Schluss rät sie: „Nicht vergessen: Die KI braucht den Menschen – nicht umgekehrt!“

Morar hingegen warnt vor einer „Amazonifizierung“ des Arbeitsplatzes: Bei Amazon gebe es riesige Lagerhallen ohne Licht, weil dort fast nur noch KI-Roboter arbeiten. Nur wo Menschen eingesetzt sind, brennt Licht, doch die Roboter sagen ihnen, was zu tun ist bzw. überwachen und beurteilen sie. „Der Erfolg des Modells ist so groß, dass sich andere Retailer dem gar nicht widersetzen werden können.“ 

Im Umgang mit KI am eigenen Arbeitsplatz rät er zu einer essenziellen Frage: Was kann ich dort tun, was eine KI nicht leisten kann? Wäre lustig, mal die KI dazu zu befragen...