Kleinkopisch im Aufbruch

Der Eingang der Grundschule Foto: Jochen Empen

1. Akt - Die Grund-schule: Bildung ist Perspektive

Gegen Ende der Gesprächsrunde in der Grundschule Nr. 2 in Târnăvioara klopft es an der Tür des Klassenraums. Zwei Mädchen im Mittelstufen-Alter sind gekommen, um ihrer ehemaligen Lehrerin Hallo zu sagen und erhalten eine herzliche Umarmung. Eine Szene wie symptomatisch für den Eindruck, den der Autor von diesem Ort mitnimmt.

Mihaela Crăsnoveț ist seit 16 Jahren Lehrerin an dieser Grundschule, in einer Gegend, am Rande der Kleinstadt Kleinkopisch/Copșa Mică im Kreis Sibiu, in der überwiegend Roma leben. Deutlich mehr Eltern würden heute ihre Kinder als Roma deklarieren als früher, berichtet sie. Mihaela und ihre Kollegin arbeiten an ihrer Schule gezielt gegen Stigmatisierung. Als ein Kind, das in traditioneller Roma-Kleidung in die Schule kam, von Mitschülern ausgelacht wurde, liehen sie sich selber entsprechende Kleider und traten am nächsten Tag so vor die Klasse.

Schnell wird klar: Hier geht es um viel mehr als Bildung nach Lehrplan und Mihaela macht den Eindruck, als sei sie genau die richtige Person am richtigen Ort. Ihre Mission lautet, so viele Kinder wie möglich – und insbesondere Mädchen, denen dies nach wie vor häufig verwehrt bleibt – in die weiterführende Schulbildung zu bringen. Zumindest die 8. Klasse schaffen, das wäre schon ein Erfolg. „Wir arbeiten daran, dass Bildung als Zukunftsperspektive gesehen wird“, fasst sie zusammen. Ein Satz, der hier überhaupt nicht nach Floskel klingt.

Der Weg dahin ist lang, Bildung weiterhin in vielen Familien keine Priorität. Wenn Schüler morgens nicht zum Unterricht erscheinen, schreibt Mihaela auch mal den älteren Geschwistern, die früher ihre Schüler waren, auf TikTok. Das würde helfen.

Einen Schulmediator, der sich speziell um solche Fälle kümmert, gibt es in Kleinkopisch nicht mehr. Dafür ein warmes Mittagessen, finanziert aus dem landesweiten Programm „Gesundes Schulessen“, dessen Finanzierung für 2026 noch unklar ist.

Das größte Problem für den Schulunterricht: Die Familien haben kein Geld, um Materialien anzuschaffen. „Wir bemalen Steine, da wir keine Leinwände haben“, so die Lehrerin.

Der Mangel ist konstant, geändert habe sich jedoch die Einstellung der Eltern. Diese seien heute viel offener gegenüber der Institution Schule, wovon letztlich die Kinder profitieren würden, berichtet Mihaela. Dahinter stehen jahrelange Überzeugungsarbeit und Alltagsunterstützung, die sie und ihre Kolleginnen in der Community geleistet haben. Wenn die Lehrerin früher in der Stadt zur Bank ging, erzählt sie, dann kam sie nicht vor anderthalb Stunden wieder raus, weil sie erste Hilfe bei allen möglichen Formalitäten leisten musste. Heute bringt sie Erwachsenen aus Târnăvioara bei, selber einen Antrag zu formulieren. Im Rahmen des Programms „Zweite Chance“ drücken aktuell 14 Männer und Frauen bei ihr die Schulbank, um eine elementare Schulbildung nachzuholen. Sie sitzen nachmittags an denselben Pulten, an denen vormittags ihre Kinder lernen.

2. Akt - Das Rat-haus: Eine Wand voller Projekte

Ortswechsel: Der Bürgermeister von Kleinkopisch, Nicolae-Bogdan Tăpălagă, empfängt im Mehrzweckraum der Feuerwehr. Die eigentlichen Räum-lichkeiten werden gerade renoviert, was wiederum gut ins Bild passt, das er und seine Mitarbeiter in den folgenden 45 Minuten vermitteln. Denn Kleinkopisch ist sozu-sagen „under construction”. 

Wir sitzen vor einem ziemlich großen Whiteboard, auf dem Namen und wichtige Informationen zu etwa 25 Projekten geschrieben stehen. Mit am Tisch die Zuständigen aus dem Projektbüro der Stadtverwaltung.

Schnell wird klar, worum es bei den Projekten geht: Um Investitionen in die Infrastruktur der Stadt, die nicht aus dem eigenen Budget, sondern über externe Fördermittel, überwiegend EU-Mittel, finanziert werden. Die jeweiligen Fördertöpfe und Gesamtsummen stehen ebenfalls an der Tafel. Eines dieser Projekte werden wir im Laufe des Tages besichtigen: das Tageszentrum „Maria“, derzeit noch in der Fertigstellung. Vor allem Kinder aus ärmeren Verhältnissen sollen hier nach der Schule eine Anlaufstelle finden, wo sie an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen, aber auch Dinge des täglichen Bedarfs erledigen können – Mittag essen, Wäsche waschen etc.

In anderen Projekten geht es um die energetische Sanierung von öffentlichen Gebäuden, die Digitalisierung von Verwaltungsdienstleistungen oder die Einrichtung eines erweiterten Müllmanagements, damit die Einwohner auch Sondermüll fachgerecht entsorgen können. „Die Projekte sind nicht wichtig für das Funktionieren des Rathauses, sondern für die Entwicklung der Gemeinde“, ordnet der Bürgermeister ein. Sie ermöglichen eine Art nachholende Entwicklung der öffentlichen Infrastruktur, die bisher wie in so vielen Kleinstädten des Landes erhebliche Mängel aufweise. Und sie wirken sich auch positiv auf das städtische Budget aus: Energieeffizientere Gebäude bedeuten weniger Heizkosten etc. Die Resultate dürften vor allem ab dem nächsten Jahr sichtbar sein, wenn mehrere Projekte abgeschlossen werden, so Tăpălagă.

Bei ein oder zwei Projekten der Übersicht ist der Fördertopf noch mit Fragezeichen versehen. Das Auslaufen bestimmter EU-Förderlinien und die nationale Austeritätspolitik wirken sich auch in Kleinkopisch aus. Aktuell jongliert das Team der Stadtverwaltung noch mit einer beachtlichen Zahl an fremdfinanzierten Maßnahmen, zum Wohle der Stadt. In einigen Jahren könnte die Stellwand jedoch schon deutlich anders aussehen. So oder so wird Kleinkopisch dann dank der derzeitigen Investitionen besser vorbereitet sein. „Ich glaube, wir haben alle Themen, die sehr heikel waren in der Stadt, erst einmal abgedeckt“, sagt Bürgermeister Tăpălagă. Lediglich in den Bereichen Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung gebe es noch größere Baustellen.

3. Akt - ROMACT: Was möglich ist, wenn alle zu-sammenarbeiten

Rückblende: Kleinkopisch war irgendwie im Kopf geblieben nach diesem ersten Gespräch mit Dora Mărgărit, einer von zwei landesweiten Koordinatoren des Projekts „ROMACT“ in Bukarest. Von ihr hatte man hören wollen, wie ROMACT fernab der Hauptstadt Kommunen mit marginalisierten Roma-Communities dabei unterstützt, deren Inklusion zu fördern und Lebenssituation zu verbessern. 

Nach einer kurzen Recherche dann der Gedanke: Warum nicht mal die Gegenwart dieser Kleinstadt beleuchten, die in ganz Rumänien für ihre Vergangenheit bekannt ist? Kleinkopisch hätte nach dem Ende von 80 Jahren Großindustrie im Jahr 2015 auch einen anderen Verlauf nehmen können. Dass es in den letzten Jahren allerdings deutlich bergauf geht, wie mehrere Gesprächspartner versichern, hat auch mit der Unterstützung von ROMACT zu tun, die noch von dem vorherigen Bürgermeister Daniel Tudor Mihalache ini-tiiert wurde. Auch wenn es zu Beginn der Zusammenarbeit vor über fünf Jahren ganz schön geknirscht haben muss.

Elena Mutiu, die als sogenannter Facilitator – eine Art Prozessmoderator – für Kleinkopisch seitens ROM-ACT tätig war, berichtet im Videocall davon, wie sie zwei Jahre lang die Protagonisten unterschiedlicher Einrichtungen der Stadt bearbeitet hat, damit diese Probleme gemeinsam, konstruktiv und koordiniert angehen. Lang zurückliegende Auseinandersetzungen mit einzelnen Personen, falsche Annahmen über die Kompetenzen und Handlungsspielräume der anderen Akteure, jahrelanges Nebeneinanderher-Arbeiten – da hatte sich etwas aufgestaut, was zunächst einer Art „Ehetherapie“ bedurfte, wie Dora Mărgărit vorab erwähnt hatte. In gesonderten Gesprächen mit Vertretern der Roma habe Mutiu es außerdem geschafft, auch diese von der Notwendigkeit, sich aktiv einzubringen, zu überzeugen.

Teamwork als neu eta-blierte Arbeitsmethode und das gesteigerte Vertrauen der Roma-Community in die Stadtverwaltung seien die Grundlage gewesen, um Veränderungen anzustoßen, so Mutiu. Fabiola Rusu, Lehrerin am städtischen technologischen Lyzeum, schildert im Gespräch mit dem Autor einen Mentalitätswandel, den die ROM-ACT-Trainings bei ihr und anderen Teilnehmern ausgelöst hätten: „se poate“ - es ist möglich, Dinge zu verändern, selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Es entstand ein Arbeitsplan mit dutzenden konkreten Einzelmaßnahmen, der im Stadtrat abgesegnet wurde.

Das Grundprinzip von ROMACT ist Hilfe zur Selbsthilfe und somit liegt der Schwerpunkt, nachdem alle Beteiligten an einen Tisch gebracht wurden, darauf, Expertise für die Umsetzung von Maßnahmen – „Projekten“ – bereit zu stellen. In erster Linie heißt das, Beratung bei der Beantragung von Fördergeldern, denn die nötigen Finanzen lassen sich im städtischen Budget in der Regel nicht finden.

Sie hätten sich sich immer darauf verlassen können, dass die von ROMACT zur Verfügung gestellten Experten sich mit den verschiedenen Förderprogrammen auskennen und die Mitarbeiter in die richtige Richtung weisen, ist aus der Stadtverwaltung von Kleinkopisch zu hören. Im Rathaus entstand – so berichten Beteiligte – eine Aufbruchstimmung, die nach und nach die Projektwand füllte und darin gipfelte, dass die Kleinstadt beschloss, ihr neu gewonnenes Wissen an die Partnerstadt Ștefan Vodă in der Republik Moldau weiterzugeben, um deren Entwicklung ebenfalls zu fördern.

Was bleibt?

Die Episode ROMACT in Kleinkopisch ist offiziell abgeschlossen, doch die Kontakte werden weiter gepflegt. Zumindest vorerst – dem vom Europarat und der Europäischen Kommission finanzierten Projekt droht das Finanzierungsaus im Frühjahr 2026. Die Zusammenarbeit in der Stadt sei nicht mehr so eng, wie in ROMACT-Zeiten, aber immer noch vorhanden, sagt Lehrerin Fabiola Rusu. Es wäre sinnvoll, den alten Aktionsplan zu erneuern, meint Dora Mărgărit von ROMACT. Die Stadtverwaltung, so viel wird klar, hat weitere Ideen, um die Infrastruktur zu verbessern und inzwischen auch das notwendige Know-How. Alle Beteiligten warten auf die Eröffnung des Tageszentrums „Maria“, die kurz bevor stehen soll.

„Fortschritte wurden gemacht“, resümiert Nicolae Rotar mit Blick auf die Inklusion der Roma. Er ist vermutlich derjenige, der das am besten beurteilen kann. Schon lange vor ROMACT war er in der Stadt als Vermittler zwischen Verwaltung und Roma-Gemeinde aktiv und hat zahlreiche Projekte begleitet – von Kampagnen zur Ausstattung mit den notwendigen amtlichen Dokumenten, über Alphabetisierungskurse bis zu Familien- und Sexualerziehung. Die ökonomische Situation bleibe jedoch sehr schwierig, viele Roma ohne ausreichende Schulbildung würden von Sozialhilfe leben oder im Ausland arbeiten. Neben den Jobs in der Industrie, wo man „Seite an Seite“ gearbeitet habe und Vorurteile keine große Rolle spielten, wie ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung erzählt, hätten viele Roma der Gemeinde nach der Revolution ihre traditionelle Existenzgrundlage als Handwerker verloren – ihre Erzeugnisse wurden durch billige Industrieprodukte ersetzt, schildert Rotar.

Nicht alle Probleme lassen sich auf lokaler Ebene lösen und dennoch, so das vorsichtige Fazit, sind die Roma in Kleinkopisch durch die Zusammenarbeit mit ROMACT ein wenig vom Rand weg, mehr in die Mitte gerückt. Ihre Stimmen wurden gehört, ihr Lebensumfeld verbessert und individuelle Perspektiven eröffnet.

Und Kleinkopisch heute steht dafür, wie durch Teamwork, individuelles Engagement und das gezielte Nutzen von Förderprogrammen Dinge vorangebracht werden können – und wie ein Projekt zur Inklusion von Roma eine ganze Stadt verändern kann.