Lenau-Schülerin Zara Chișevescu – Zwischen Worten, Ideen und Träumen

Wie eine 17-Jährige aus Temeswar europäische Bühnen erobert, kritisch denkt und Brücken baut

Vom Temeswarer Klassenzimmer ins Auswärtige Amt Berlin: Zara Chișevescu schaffte es Ende September Runde um Runde ins Finale des „Jugend debattiert international“-Wettbewerbs, wo sie ein Team mit einer Teilnehmerin aus Bulgarien formte. Schließlich wurde die Lenau-Schülerin Europameisterin. Hier im Bild – Zara mit ihrer frisch errungenen Auszeichnung

Die Schülerin erhielt in diesem Jahr auch den ersten Preis beim Schreibwettbewerb des Literaturkreises Stafette.

Die Jugendliche ist frisch zur Vorsitzenden des Schülerrats gewählt geworden. Dazu ist sie noch PR-Verantwortliche im Robotik-Club der Schule „Unplugged Lenau" (im Bild mit Mitgliedern des Robotikteams) und beteiligt sich an zahlreichen Freiwilligenprojekten.

Selfie mit weiteren Preisträgern bei der diesjährigen nationalen Deutsch-Olympiade, wo sie den zweiten Platz belegte. | Fotos: privat

Wenn Zara Chișevescu spricht, hört man sofort, dass sie etwas zu sagen hat. Klare Worte, ruhiger Blick, schnelle Gedanken. Mit gerade nicht einmal 18 Jahren ist sie Europameisterin im Debattieren, Chefredakteurin der Schülerzeitung „Lenau Heute“, Radiomoderatorin und engagierte Freiwillige. Die Schülerin des deutschsprachigen „Nikolaus Lenau“-Lyzeums in Temeswar/Timișoara ist ein Beispiel dafür, wie vielseitig junge Stimmen heute klingen können – neugierig, kritisch und offen für die Welt.

Ihr Weg zur Debattier-Europameisterin begann in der zehnten Klasse. Schon seit Jahren hatte Zara Freude am Argumentieren, doch erst als sie auf Deutsch antrat, wurde es richtig ernst. Nach lokalen und nationalen Runden stand sie schließlich im Finale des Wettbewerbs „Jugend debattiert international“ – im Auswärtigen Amt in Berlin. „Als sie die Platzierungen verlasen, dachte ich, das kann nicht wahr sein. Und dann hieß es: Platz eins – und das war ich!“, erinnert sich Zara. Es war das erste Mal, dass sie Lampenfieber hatte. „Meine Hände haben gezittert, aber ich wusste, dass ich weitermachen muss. In einer fremden Sprache zu denken, spontan zu reagieren und trotzdem logisch zu bleiben – das war eine riesige Herausforderung.“ 

Debattiert wurde über Themen, die so aktuell sind wie brisant: Soll politische Bildung Pflichtfach werden? Darf künstliche Intelligenz Schülerarbeiten bewerten? Und wie sollte die EU auf internationale Sanktionen reagieren?

Für Zara war das mehr als ein Wettbewerb: „Ich habe gelernt, Informationen kritisch zu hinterfragen und Quellen bewusst auszuwählen. Das hilft mir in der Schule – aber vor allem im Leben.“

Journalismus als zweite Stimme

Wenn sie nicht auf der Bühne steht, sitzt sie am Mikrofon. Schon seit der siebten Klasse moderiert Zara beim Jugendradio „Jugendwelle“, das auf Radio Temeswar gesendet wird. Später kam der schriftliche Journalismus dazu. Nun leitet sie die Schulzeitung „Lenau Heute“. „Beim Radio sprichst du, im Journalismus schreibst du – aber in beiden musst du ehrlich und gut informiert sein“, sagt sie. 2025 veröffentlichte sie sogar einen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), im Rahmen des Projekts „Jugend schreibt“. Darin porträtierte sie Zeitzeugen der rumänischen Revolution von 1989 – Menschen, die damals für Freiheit auf die Straße gingen. „Ich wollte verstehen, wie sich Mut anfühlt, wenn er Geschichte schreibt“, erzählt Zara.

Schule, Engagement, Verantwortung

Neben dem Schreiben und Debattieren engagiert sich Zara in vielen Bereichen: Sie ist kürzlich Vorsitzende des Schülerrats geworden. Dazu ist sie noch PR-Verantwortliche im Robotik-Club der Schule „Unplugged Lenau“ und beteiligt sich an zahlreichen Freiwilligenprojekten. Warum sie so viel macht? „Ich will meine Grenzen kennenlernen“, sagt sie. „Alles, was du außerhalb des Unterrichts machst, formt dich als Mensch“, setzt die Temeswarer Jugendliche fort.  Eines ihrer Lieblingsprojekte nun als neue Vorsitzende des Schülerrats: die Idee eines Schulradios. Durch das Projekt des Bürgermeisteramts „Timișoara decide! Bugetare participativă“ („Temeswar entscheidet! Bürgerhaushalt“) wird das auch zur Realität, denn das Pausenradio erhielt die meisten Stimmen der Lenauschüler. „Ich stelle mir vor, dass in den Pausen Musik läuft oder kurze Interviews mit Schülern und Lehrern gesendet werden. Das würde unserer Schule noch mehr Energie geben.“ Die anderen beiden Lenau-Projekte des Bürgerhaushalts, der sich diesmal zum ersten Mal ausschließlich an Schulen wendet, sind „Spreading STEAM Lenau“, wo Schüler ihre eigenen 3D-Objekte drucken können, und die Wiederbelebung des ehemaligen Lenau-Klubs „Freizeit Kultur Klub“.

Leidenschaft für Sprache – und Wissenschaft 

Ob bei Deutsch-Olympiaden, Schreibwettbewerben oder bei unterschiedlichen anderen Projekten – Zara ist überall dort zu finden, wo sich Denken und Kreativität treffen. Die deutsche Sprache ist dabei ihr roter Faden – sie zieht sich durch alles, was sie tut.

Auch die Naturwissenschaften faszinieren sie. Für den „Carmen und Jakob Walbert Förderpreis“ untersuchte sie „Nicht-Newtonsche Flüssigkeiten“ – Mischungen, die sich gleichzeitig fest und flüssig verhalten können. „Ich hatte ein Video gesehen, in dem eine Maisstärke-Wasser-Mischung bei einem Schlag hart wurde, aber weich blieb, wenn man sie sanft berührte. Das fand ich unglaublich spannend“, erzählt sie.

Aus dieser Neugier wurde ein preisgekröntes Forschungsprojekt – und vielleicht auch der Anfang einer neuen Leidenschaft.

Ein Mosaik aus Interessen

Zara beschreibt sich selbst als „Mosaik“. Manche kennen sie als die Journalistin, andere als Debattiererin oder Wissenschaftlerin. „Ich möchte als engagierter Mensch wahrgenommen werden – nicht als jemand, der nur eine Sache kann“, sagt sie entschlossen. Ihre Haltung ist dabei durch und durch offen: „In jeder Schule gibt es Möglichkeiten, sich einzubringen. Man muss nur neugierig bleiben und Ja sagen.“

Blick nach vorn

Noch steht nicht fest, wohin ihr Weg sie nach dem Abitur führen wird. Vielleicht nach Deutschland, vielleicht bleibt sie in Rumänien. Sicher ist nur: Sie will mit Menschen arbeiten – in Bereichen wie Kommunikation, Psychologie oder Management. „Ich glaube, man sollte sich Zeit lassen, um herauszufinden, was wirklich zu einem passt“, sagt sie. „Erfolg ist kein Ziel, sondern eine Haltung“, führt die Elftklässlerin fort. 

Das deutsche Abitur, das sie derzeit vorbereitet, entspricht dem Sprachniveau C2 – der höchsten Stufe. Es öffnet Türen zu Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Doch für Zara zählt nicht das Diplom, sondern das, was sie unterwegs lernt. „Debattieren, Schreiben, Freiwilligenarbeit – all das hat mir mehr beigebracht als jedes Schulbuch“, sagt sie entschlossen.

Eine Stimme für ihre Generation

Zara Chișevescu steht für eine Generation, die über Grenzen denkt: vernetzt, kritisch, empathisch. Sie beweist, dass Leistung nichts mit Alter zu tun hat, sondern mit Haltung. Ihre Erfolge sprechen für sich: 1. Platz beim europäischen „Jugend debattiert international“ Wettbewerb, 2. Platz bei der nationalen Deutsch-Olympiade, 1. Platz beim „Carmen und Jakob Walbert“-Förderpreis für Physik, 1. Platz beim „Elsa Lucia Kappler“-Wettbewerb und 1. Platz beim Schreibwettbewerb des Literaturkreises „Stafette“. Außerdem nahm sie an den eljub - Europäischen Jugendbegegnungen in Krems und Brüssel teil – einem Projekt, das Jugendliche aus dem Donauraum zusammenbringt.

Was bleibt, wenn man Zara zuhört, ist ein Gefühl: Hier wächst jemand heran, der weiß, dass Zukunft mit Denken beginnt – und mit dem Mut, sich einzumischen. „Ich will die Welt nicht verändern, sondern verstehen – und dann etwas beitragen“, schließt die Lenau-Schülerin lächelnd.