Der Lenau-Vortrag von Hans Dama im Rumänischen Kulturinstitut Wien, am Dienstag, 27. Januar, um 19.00 Uhr, unter dem Titel „Ein literarischer Stern für die Ewigkeit: Der Dichter Nikolaus Lenau“, fand anlässlich des Zentenariums der 1926 erfolgten Umbenennung des Geburtstortes des Dichters von Csatád/Ciața in Lenauheim unter maßgeblichem Einsatz vom damaligen Innenminister Octavian Goga, statt, der bereits am 11. Oktober 1925 das Eminescu-Denkmal in Großsanktnikolaus vorgenommen hatte.
Eingangs begrüßte die Direktorin, Mag. Andrea Dinca, das Auditorium und stellte den Referenten vor, der in diesen Räumen als regelmäßiger Vortragsgast zu diversen Themen gewertet werden kann. Anschließend begrüßte der Vortragende die Anwesenden zunächst in rumänischer Sprache und führte dann mit seinem Vortrag in deutscher Sprache fort.
Die Persönlichkeit und das Werk des Dichters Nikolaus Lenau, geboren am 13. August 1802 in Csatád, seit 1926 also offiziell Lenauheim in der Nähe von Timi{oara/Temeswar, verbinden die Geschichte Österreichs mit der Rumäniens, noch bevor die beiden Staaten existierten.
Geboren im Banat, einer Region mit einer zahlreichen deutschen Minderheit, wurde Nikolaus Lenau zu einer wichtigen Persönlichkeit, die nicht nur die Banater Schwaben bis heute mit Feierlichkeiten, literarischen Veranstaltungen und Museen und der bedeutendsten Schule mit deutscher Unterrichtssprache, dem Lenau-Gymnasium in Temeswar, ehren.
Der Vortrag von Mag. Dr. Hans Dama umfasste biografische Elemente, literarische Motive aus dem Werk des Schriftstellers, die von seiner Herkunftsregion, seiner Reise in die Vereinigten Staaten und seiner Wiener Zeit beeinflusst sind, und bot dem Publikum die Gelegenheit, die tiefen Verbindungen zwischen der österreichischen Literatur und dem rumänischen Raum durch die Linse einer der wichtigsten literarischen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts zu entdecken.
In seinem Werk thematisiert der Dichter immer wieder die Natur und die Heimat des Banats, die Sehnsucht nach Freiheit, die alle Ethnien der Region teilen. Nikolaus Lenau ist also nicht nur ein österreichischer Schriftsteller, sondern untrennbar mit seiner Heimatregion verbunden, die sein Leben und Werk bis heute ehrt. Als bedeutendster österreichischer Dichter des 19. Jahrhunderts verfügt Nikolaus Lenau – nach Goethe – über den reichhaltigsten Wortschatz der deutschen Literatur (nachgewiesen in einer Studie der Universität Freiburg i. Br.).
Lenaus Werke fanden außergewöhnlichen Anklang in der Musikwelt: Über 300 seiner Gedichte wurden von Franz Liszt, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Robert Schumann, Richard Strauss, Arnold Schönberg, Hugo Wolf, Max Reger, Carl Orff, Othmar Schoeck und anderen vertont.
Allein die „Schilflieder“ wurden über 150 Mal vertont. Kein deutsches Gedicht konnte sich einer vergleichbaren musikalischen Gunst erfreuen.
Welchen Stellenwert Lenau selbst in der Hohen Politik einnimmt, ergeht aus Folgendem: Als der ehemalige Minister für Unterricht und Kunst, Dr. Fred Sinowatz, 1983 österreichischer Bundeskanzler wurde, verfügte er als bisheriger Präsident der Internationalen Lenau-Gesellschaft, dass die gesamte österreichische Bundesregierung geschlossen einem Vortrag über den bedeutendsten österreichischen Dichter des 19. Jahrhunderts beiwohne, einem Vortrag, den der damalige Hochschullehrer an der Uni Wien – Hans Dama – Mitte der 1980er Jahre im Ambiente des barocken Festsaals des Rathauses der Lenau-Stadt Stockerau – halten durfte. Damaliger Vorsitzender der Lenau-Gesellschaft und Nachfolger von Dr. Fred Sinowatz in dieser Funktion war der in Sachen Lenau äußerst engagierte Bürgermeister von Stockerau, Leopold Richentzky.
In einem von der Universität Freiburg i.Br. durchgeführten „Projekt Klassikerwortschatz –Lyrikkanon“ (von Michael Mühlenhort u. Klemens Wolber, in ruf.uni-freiburg.de/klasswb/Lyrik.htm) bezüglich der 1100 bedeutendsten Gedichte der deutsch(sprachig)en Literatur zwischen 1730 und 1900 ist Lenau in der Auswertung von 14 Gedichtanthologien sowie der von Anneliese Dühmert („Von wem ist das Gedicht?“) erstellten bibliografischen Zusammenfassung aus 50 deutschsprachigen Anthologien jeweils mit zwei bis zehn Gedichtnennungen vertreten.
Im Zuge seiner Ausführungen ging der Vortragende auf Gemeinsamkeiten der beiden großen Dichter Lenau und Eminescu ein; beide waren bestrebt, sich so viel Wissen wie möglich anzueignen, ohne einen gewissen Studienabschluss anzustreben, wohl eine allgemein verbreitete Tendenz in gewissen Zeiten. Wichtiger war für beide, literarisch auf höchstem Niveau tätig zu sein und auf diese Weise die Menschheit mit wertvollen Schöpfungen zu erfreuen.
Der Vortragende betonte, dass Lenaus Gedichte in der rumänischen Literatur seit jeher mit großem Interesse verfolgt bzw. von namhaften Persönlichkeiten ins Rumänische übersetzt wurden. So z.B. zeichneten für solche Übersetzungen Mihai Eminescu, Ștefan Octavian Iosif, Octavian Goga, Andrei Naum, Nicolae Labiș, Ion Marin Sadoveanu, Gheorghe Tomozei, Ion Pillat, Ioan Alexandru und von der noch universitär aktiven Generation die Germanistinnen Laura Cheie und Eleonora Ringler-Pascu.
Die kompakte Zuhörerschaft – zirka 35 Personen – erwies sich als interessiertes Publikum, das in den anschließenden Diskussionen mit zahlreichen Debatten zu einem regen und erfreulichen Fazit der Veranstaltung beigetragen hat.
Hans (Johann) Dama beschäftigt sich seit seiner Kindheit mit Nikolaus Lenau. Er war langjähriges aktives Mitglied der Internationalen Lenau-Gesellschaft mit Sitz in Wien, absolvierte verschiedene Studienrichtungen an den Universitäten in Temeswar, Bukarest und Wien, verfasste seine Bukarester Diplomarbeit „Sonderformen moderner deutscher Lyrik”, verließ 1974 Rumänien und zog nach Wien, wo er mit der Dissertation „Die Mundart von Großsanktnikolaus im Rumänischen Banat“, erschienen als Band 89 in der Reihe „Deutsche Dialektgeographie“ des Deutschen Sprachatlasses promovierte und ab 1980 drei Jahrzehnte an der Universität Wien lehrte.
Seine Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf die Literatur des Banates, interkulturelle Beziehungen und Kulturwissenschaften.
Die meisten seiner literarischen Werke sind Gedichte, 14 Bände, davon einige zweisprachig: deutsch-rumänisch, er ist jedoch auch Autor von Prosawerken („Unterwegs”, „Durch Zeiten, Länder und Kulturen“); außerdem hat er Anthologien und Essays veröffentlicht und ist in vier österreichischen Anthologien vertreten. Seine Studien sind in zahlreichen deutschen, österreichischen, mexikanischen, rumänischen, slowenischen, spanischen und ungarischen Zeitschriften erschienen. Er hat rumänische Gedichte übersetzt, darunter Werke von Mihai Eminescu, Lucian Blaga, George Bacovia, George Cosbuc, Nichita St²nescu, Anghel Dumbrâveanu, Octavian Doclin, Adriana Weimer, Laurian Lodoab² u.a.





