Lernen geschieht nicht nur mit dem Gehirn!

„Wiener Kindertheater“ und „Rotter-Methode“ auf einer Konferenz in Bukarest vorgestellt

Schauspielerin und Bildungsrevolutionärin Sylvia Rotter

Wenn Lehrer freiwillig die Schulbank drücken... | Fotos (2): Valentin Brendler

Kostprobe aus Shakespeare-Stück | Foto: George Dumitriu

Der Verein „Wiener Kindertheater“, eine österreichisch-rumänische Bildungsinitiative, in deren Rahmen jährlich mehrere Theaterstücke von Kindern und Jugendlichen aufgeführt werden, veranstaltete vor Kurzem eine Konferenz für Lehrer in der Hauptstadt. Der Titel „Die Bedeutung non-formaler Methoden für die Entwicklung von Lebenskompetenzen bei Kindern – Der Nutzen des Theaters in der Bildung“ mag umständlich wirken, doch inhaltlich geht es um ein innovatives Lernkonzept, in dem Schauspiel und Schule zu spielerischen Lernerfolgen führen und darüberhinaus Fähigkeiten fürs Leben vermitteln: Einfühlungsvermögen, Empathie und Aufmerksamkeit. 

Lernen geschieht ganzheitlich, nicht nur mit dem Gehirn, erklärt Sylvia Rotter, die Gründerin des Vereins, ihren Ansatz, den sie möglichst breit auch an Lehrer im rumänischen Bildungssystem vermitteln möchte.

Am Rande der Konferenz sprach sie mit der ADZ über die Veranstaltung, über ihr Lehr-Konzept und das Wiener Kindertheater in Rumänien, das sich an Kinder und Jugendliche aller Altersklassen richtet und dieses Jahr 20. Jubiläum feiert.

Spaß und Spiel statt Vokabeln pauken

„Jack, be nimble“, sagt das erste Kind, „Jack, be quick“, das Zweite und das Dritte sagt: „Jack, jump over the candlestick“. Dies ist ein bekannter englischer Kinderreim, den Sylvia Rotter bei der Konferenz als Beispiel für ein Lernspiel heranzog. Denn mit solchen Reimen und etwas Theater –  denn die Sprüche sollen von den Kindern performativ vorgetragen werden –  können Kinder schnell und mit Spaß zahlreiche englische Worte und auch ihre richtige Aussprache lernen, so Rotter.

Dies hat sie eine lange Zeit in Schulen in Österreich angewandt, um den Kinder in erster Linie Englisch beizubringen. Nach vier Doppelsitzungen – die jeweils zwei Schulstunden lang waren – haben die Kinder, so erzählt sie, 150 Worte gelernt und dabei auch Spaß gehabt. 

Die „Rotter-Methode“, basierend auf schauspielerischem Ausagieren von Lernstoff, geht natürlich über solche simplen Spiele hinaus. Gleichgewichtsübungen oder Pantomime fokussieren bei Schülern, die sich nicht konzentrieren können, die Aufmerksamkeit. Das Auf-der-Bühne-Stehen fördert das Selbstbewusstsein. Diktion, die richtige Artikulation oder Lautstärke beim Sprechen sind auch später im Berufsleben nützlich. Die auf der Konferenz anwesenden Lehrer sollten daher geschult werden, kleine und größere Theaterstücke mit den Kindern zu erproben und ähnliche Lernspiele im Unterricht anzubieten. Das Vorhaben stößt durchaus auf Resonanz: im vergangenen Jahr haben um die 5000 Lehrer aus Rumänien online an der Schulung teilgenommen, verrät Sylvia Rotter. 

Die Wissenschaft gibt ihr recht

Auf der diesjährigen Konferenz sprachen zahlreiche Experten im Bukarester Kinderpalast über die „Rotter-Methode“. Am nächsten Tag gab es Workshops, die laut Rotter aufs Doppelte überbucht waren. Dabei mussten die Lehrer vier Module absolvieren: Das erste drehte sich um die „Methode“, das zweite um „Regie“ – „denn die Lehrer müssen ja für die Schüler Regie führen“, so Rotter –, drittens geht es um das „Singen“ und viertens um „Improvisation“. 

Doch was ist nun das Spezielle an dieser „Rotter-Methode“? Die Urheberin erklärt es ganz simpel: „Wie haben eine Methode gefunden, wie Kinder durch Theater leichter lernen und durch Spiele animiert werden können. Wenn die Kinder jetzt, als Beispiel, nur Vokabeln lernen müssen, ist das eine unbeschreibliche Anstrengung. Wenn sie es aber spielerisch lernen, ist es keine Anstrengung und macht einen Riesenspaß!“

Dies basiert auch auf wissenschaftlichen Untersuchungen, wie sie klar macht. In Wien hat sie eine Theaterimprovisation von einer lokalen Universität begleiten lassen. „Die Resultate waren phänomenal! Das heißt, sie haben so viel mehr gelernt. Durch das Zuhören, durch Spaß haben und durch die Kommunikationsfreunde!“

Damit Lehrer diese ungewohnte Methode effizient vermitteln können, brauchen sie vor allem Sicherheit, erklärt Rotter. Denn, so führt sie aus, „was ein Lehrer gern macht, kann er vermitteln. Wenn er sich denkt: das trau ich mich nicht, das finde ich blöd, dann wird es nie funktionieren, aber wenn er sich sagt: Nein, das funktioniert! Ich mach das! Dann wird das auch was.“

Mit Emotionen umgehen lernen

Beim Wiener Kindertheater geht es aber nicht nur um das bessere, schnellere, spaßigere und effizientere Lernen, auch wenn das den Verantwortlichen natürlich ebenso wichtig ist. Sylvia Rotter geht es um viel mehr. Inspiriert wurde sie dazu vom Gehirnforscher Manfred Spitzer und seinem Buch „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“. In diesem führt er aus, wie digitale Medien langfristig Körper und Geist schädigen (siehe hierzu auch ADZ, 20. März 2020 „Die Schattenseiten der digitalen Welt. Neurowissenschaftler Manfred Spitzer: Warum Smartphones unsere Kinder dümmer, kränker und gewalttätiger machen“). Laut Spitzer kämen immer mehr Kinder und Jugendliche – gerade auch in Deutschland – mit ihren Emotionen nicht zurecht. Sie erleben Angst, Liebe oder Hass, aber wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. „Nun ist Rumänien Gott sei Dank in einer besseren Situation, ich habe hier so viele Emotionen erlebt“, meint Rotter auf der Konferenz. Trotzdem hat sie sich vorgenommen, dieser globalen Entwicklung entgegenzusteuern.

„In vielen Wegen bestehen wir aus Emotionen“, erklärt sie weiter. Und viele klassische Theaterstücke befassen sich genau damit: mit tiefgreifenden, negativen und positiven Emotionen. Durch das Spielen und Befassen mit diesen Werken können Kinder und Jugendliche lernen, mit komplizierten Sätzen, Gedanken und Emotionen umzugehen. Deswegen appelliert Rotter an die Lehrer, sich im Unterricht auch den Klassikern zu widmen, selbst wenn einige schwer zugänglich erscheinen, denn in ihnen – sie hebt insbesondere William Shakespeare hervor – stecke ein immenser Wert.

Erste Schritte – Zukunftsträume

Mit diesem Ziel hat Rotter das Wiener Kindertheater 1994 in Österreich gegründet. Nach Rumänien kam das Theater im Jahr 2005. Es startete in Großwardein/Oradea und feiert dieses Jahr das 20-jährige Jubiläum. Als Bildungsinitiative, die unter anderem auch in großer Zahl Lehrer ausbildet, fungiert das Theater in Rumänien seit 2014. „Die Jahre waren wie ein Jo-Jo, jedes Mal wenn man glaubt, jetzt geht es auf den Boden zu, ist es wieder hinaufgegangen“, erinnert sich Rotter an bewegte Jahre. Sie ist sehr stolz, dass das Theater bis heute überlebt hat. Für die Zukunft wünscht sie sich vor allem, dass der Verein trotz der schweren wirtschaftlichen Lage in Europa noch einige Jahre weiter besteht. In Rumänien verfügt sie über „ein Team, das ich in dieser Qualität in Österreich, Deutschland und England nicht bekommen würde. Eine Mitarbeiterin ist ein bekannter Filmstar in Rumänien, dazu haben wir zwei Kolleginnen, die regelmäßig am Nationaltheater spielen und wir haben eine junge Opernsängerin.“ Diesen liege das Projekt sehr am Herzen, freut sich Rotter.

Neues Herzensprojekt: naturnah leben lernen

Doch sie hegt noch einen weiteren Wunsch für die Zukunft: Neben dem Theater und den Schulungen für Lehrer bietet das Wiener Kindertheater auch immer wieder Fortbildungen für ein nachhaltigeres Leben an. In einem Projekt besuchten Kinder und Jugendliche aus Bukarest und Jassy/Iași ein ausschließlich aus Naturmaterialien errichtetes Haus in der Maramuresch – einige mussten bei dem Anblick weinen, weil sie es so schön gefunden haben, erzählt Rotter. Auf dem Workshop wurde ihnen dann vermittelt, wie sie ihren Alltag umweltfreundlicher gestalten können, ohne an Lebensqualität zu verlieren. „Überall wird der Boden versiegelt und die Natur wird immer weiter zurückgedrängt. Alles wird zubetoniert – als ob es keine Alternative gäbe – es ist ein kollektiver Wahnsinn!“, motiviert Rotter ihren Einsatz für ein naturnäheres Leben.  


Das Wiener Kindertheater – nicht nur für Kinder

Wer sich als Lehrer für die Bildungsprojekte des Vereins oder als Schüler für eine Rolle in einem der Stücke des Wiener Kindertheaters in Rumänien interessiert, wendet sich am besten direkt an: teatrulvienezdecopii.ro
Auch lohnt es sich, eine der Aufführungen zu besuchen. Die Stücke, obwohl von Kindern und Jugendlichen gespielt, richten sich an alle Altersklassen, auch an Erwachsene. Die Rollen werden unabhängig vom Alter vergeben: manchmal spielt ein kleineres Kind einen Greis, ein älteres den Sohn – was nicht nur für komische Momente, sondern auch für Freundschaft und gegenseitigen Respekt sorgt. Viele Jugendliche sind seit Jahren dabei und trainieren inwischen selbst Kinder für das Bühnenstück.