Mein Gefühl ist echt und hat immer recht!

Wo Missbrauch geschieht, könnte Prävention versagt haben

Einfach nur den Duschvorhang zuziehen, dann kann das gar nicht erst passieren, von Mutter unabsichtlich nackt gesehen zu werden. Prävention hat man auch selber in der Hand.

Weitererzählen schlechter Geheimnisse ist kein Petzen, sondern befreiend. | Fotos: Klaus Philippi

Dürfen Kinder, Jugendliche und Minderjährige von Erwachsenen geschlagen werden? Selbstverständlich nein, auf keinen Fall, hält ohne Wenn und Aber die UN-Kinderrechtskonvention fest. Wozu seit dem Fall des Eisernen Vorhangs endlich auch Rumänien ganz klar Ja sagt. Nur die USA noch immer nicht, übrigens. Überall auf der Welt aber gibt es auch Situationen im Alltag, die viel weniger eindeutig geregelt sind. Müssen Eltern immer wissen, wo sich ihr Sohn oder ihre Tochter gerade aufhält, zum Beispiel? 

„Ein Sechzehnjähriger wird anders antworten als ein Sechsjähriger”, versichert Pädagogin Julia Heyden Anfang Oktober in Hermannstadt/Sibiu. Sie stammt aus Norddeutschland, ist Sonderschullehrerin am Internat Ringlikon, einer Institution der Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime, und steht Lehrerinnen und Lehrern deutschsprachiger Grundschulklassen Siebenbürgens zwei Nachmittage und Abende lang als Fortbildungs-Dozentin zur Verfügung. „Mein Körper! Ich kenne mich & hör´ auf mich” lautet die Überschrift des Workshops, an dem hellwach auch zahlreiche Studentinnen der Grund- und Vorschulpädagogik auf Deutsch an der Lucian-Blaga-Universität teilnehmen. Es geht um die Welt von Kindern der 2. bis 4. Klasse, die zu gesund geschützten Teenagern heranwachsen, wenn im Alter von 8 bis 11 Jahren zur rechten Zeit das Rechte getan wird.

„Ich kuschele nicht mit Kindern, bin aber auch kein Eisblock”, sagt Julia Heyden. Eine ritualisierte Begrüßung ist völlig normal an der schweizerischen Schule, wo sie arbeitet, und „wenn ein Kind mich umarmt, erwidere ich es. Noch längere Zeit über ein gewisses Alter hinaus ´touchy´ sind in der Regel kognitiv behinderte Kinder, aber auch da ist es ab 12 Jahren angezeigt, nur noch die Hand zu geben.” Grenzen zwischen angenehmen und unangenehmen Berührungen können individuell zwar unterschiedlich ausfallen, gehören jedoch respektiert und nicht verletzt. „Hat ein Kind Kontakt gesucht und gewollt, bekommt es ihn, aber nur dann.” Für jedes Berühren aus Versehen bittet Julia Heyden um Entschuldigung, und „ein Nein oder Stopp akzeptiere ich immer!”

„Ich habe vor einem Jahr diese Schulung erhalten und gebe sie jetzt an euch weiter.” Man trifft einander zunächst in der Bibliothek des Deutschen Kulturzentrums vor Ort und verbringt anschließend die meiste Zeit der ersten von beiden Kurseinheiten direkt in der Ferula der evangelischen Stadtpfarrkirche. Und merkt natürlich, dass Julia Heyden sich nicht erst seit gestern im Beibringen und Üben von Grenzen mit Kindern, Teenagern, Eltern und Lehrern auskennt. Vom interaktiven Parcours für Grundschüle-rinnen und -schüler zu Körperbewusstsein und Missbrauchsvorbeugung auf den 18 Tafeln  der Wanderausstellung „Echt Klasse!” des bundesdeutschen Petze-Instituts für Gewaltprävention, die ebenso auch durch die Schweiz tourt, weiß sie seit Jahren Bescheid. Sieben Punkte zum Schutz vor sexueller Ausbeutung legt die Zürcher Fachstelle „Limita” fest, die Kern auch des Workshops mit Julia Heyden und unabhängig vom Alter allen Menschen unverändert mit auf den Weg zu geben sind: „Dein Körper gehört dir!”, „Es gibt angenehme und unangenehme Berührungen!”, „Deine Gefühle sind wichtig!”, „Du hast das Recht, Nein zu sagen!”, „Es gibt gute und schlechte Geheimnisse!”, „Du hast das Recht auf Hilfe!”, und – wesentlich für Opfer von Gewalt – „Du bist nicht schuld!”

Wobei noch lange nicht alles an den Schautafeln zum Anfassen der Wanderexpo unbedingt gleich auf den Ernstfall anspielt. Sich Hilfe holen etwa kann auch einfach mal nur so zwi-schendurch praktisch sein, und genau das zwingt die Schautafel mit ihrer roten Lampe in der Mitte zu akzeptieren – die leuchtet erst auf, wenn simultan alle fünf Knöpfe gedrückt und dabei auch noch an einer Kurbel gedreht wird, wozu bloß zwei Hände unmöglich ausreichen, auch nicht die von Erwachsenen. Eingeschärft zu bekommen, dass „du nicht jedes Problem alleine lösen kannst”, ärgert gelegentlich ganz schön stark,  oder? Nein doch, im Gegenteil? Wer davon überzeugt ist, darf den Kopf gerne in die dafür ausgeschnittene Öffnung einer Tafel dieser Austellung stecken und sein „Nein!” so laut wie möglich ausrufen: je zorniger versucht, desto heller geben im Dunkel die Lampen ihr Zeichen.

Schreien allerdings ist extrem. Man wünscht niemandem, es tun zu müssen. Den eigenenen Gefühlen dafür ist in jeder Situation sicher zu vertrauen. „Mein Gefühl ist echt und hat immer recht!”, spricht Julia Heyden aus, was früh in Grundschulkindern ernst genommen werden soll. Berührung an Schultern oder Armen? Vom Gefühl her in Ordnung, falls der erwachsenen Person von der jüngeren nichts anderes mitgeteilt wird. Berührung jedoch an Beinen, Knien, Kopf, Brust, am Popo oder gar an den Geschlechtspartien? Erregt auf der Stelle ein schlechtes Gefühl, ist strengst zu unterlassen. Empfänger macht es auf der Stelle zu Opfern und zwingt ihnen ein Geheimnis auf, das eigentlich nach draußen möchte. Genau darum geht es am zweiten Workshop-Tag: um das Bild von Sexualstraftätern, die sich an Minderjährigen vergehen. Was für ein Bild hingegen macht man sich vom eigenen Körper, solange er nicht missbraucht wurde? Mit wie viel und welchem Geheimnis glaubt man ihn tragen zu müssen? Einem in den Rachen schauen und darin hantieren darf schließlich nur der Zahnarzt, und die Bitte, Hose oder Rock herunterzulassen, darf man sich auch nur von Ärzten in der Praxis oder im Krankenhaus gefallen lassen.

Alle Körperteile sind gleich wichtig, doch bei tieferer Untersuchung der rumänischen Gesellschaftskultur fällt auf, dass Lehrerinnen das Tabu vor ihren Schulkindern gar nicht erst behandelt haben wollen. Oder sich vor Eltern fürchten, die ihrerseits bestimmt Sturm laufen würden, wenn ihre Knirpse mittags zuhause oder noch vorher auf dem Weg zurück von der Schule davon erzählen, den Unterschied zwischen Geschlechtsspalte und Glied zu erkennen gelernt hätten. Vulva und Penis? Herrje, um Gottes Willen, bitte bloß nicht in der Schule darauf zu sprechen kommen! Und das im Land, das in der EU die Menschenhandel- und Teenager-Schwangerschaften-Spitze hält. Zwei von drei orangefarbenen Tafeln der Ausstellungs-Station „Mein Körper gehört mir!” zeigen weiß die Umrisse je eines Jungen und Mädchens von vorne in völliger Nacktheit und noch viele Jahre vor Beginn der Pubertät.

„Das ist Basis-Erziehung, nicht Sprechen über Sex-Appeal!”, betont Julia Heyden fast schon empört. „Zu etwas Sexuellem machen wir es durch unsere Einbildung.” Die Workshop-Teilnehmerinnen sind mit ihrer Optik zwar einverstanden, doch keine mag die Erste sein, die im Lehramt Rumäniens den Anstoß gibt, bereits mit Kindern in der Grundschule offen an die Sache heranzugehen. „Bei mindestens zwei Kindern meiner Klasse weiß ich, dass die Eltern damit nie und nimmer einverstanden wären”, sagt eine der Älteren in der Runde. Ob dieses kulturelle Fettnäpfchen im streng orthodoxen Rumänien keines mehr sein würde, wenn auf den beiden Schautafeln der Expo das Mädchen und der Junge je eine Unterhose anhätten? Doch, ja, so ginge es, bestätigen während der Fortbildung mit Julia Heyden die einheimischen Grundschullehrerinnen. „Wichtig aber ist, dass das Wort bleibt!”, hakt trotz Kompromiss zum Badeanzug für das Mädchen und zur Badehose für den Jungen die Pädagogin aus der Schweiz und Deutschland nach. „Vulva” und „Penis” dürfen nicht vom Grundwortschatz ausgespart werden. Denn mit Kindern, die es nicht gewohnt sind, solche Vokabeln unbeschwert in den Mund zu nehmen, haben Sexualstraftäter es früher oder später einmal im Ernstfall einfacher.

Weil sie von einem Geheimnis profitieren, das ihren Opfern falsch anerzogen wurde. „Und du erzählst gefälligst niemandem davon!”, schärft ein Verbrecher der unschuldigen Person ein, an der er sich soeben vergriffen hat. Wie aber kommt er überhaupt dazu, es tun zu können? Grabscher und Vergewaltiger tasten sich schrittweise heran, testen Reaktionen von Zielpersonen und deren Umfeldern auf eine stufenlose Steigerung von Manipulation. „Manipulation erkennt ihr nicht!”, gibt Julia Heyden zu denken. „Aber man soll immer im Kopf haben, dass Täter so vorgehen. Der Täter ist stets vollkommen unauffällig.” Und seinem Opfer normalerweise gar nicht persönlich unbekannt. Der Fachlehrer, der Sportgruppen-Trainer, ein Verwandter oder sonst irgendwer aus dem eigenen Alltag. Trainer beispielsweise probieren es gerne nach einer sehr typischen Masche: einfach nach dem Training in den Duschraum platzen und beobachten, wer sich gegen das Spannen nicht wehrt – mit Sportlerinnen und Sportlern, die nicht aufschreien, könnte es hinhauen.

Schwer dafür hätten Sexualstraftäter es in Gesellschaftskulturen, in denen klar strukturiert und offen über das Thema gesprochen wird, zählt Julia Heyden eine von zwei möglichen Schwellen gegen Täter auf. Gesellschaftskulturen eben, in denen das Tabu sicher keines ist. Die andere Schwelle – am liebsten komplementär zur ersteren – ist das Starkmachen von Kindern durch Sprechen mit ihnen: Sprechen über alles, was wer darf und wer nicht. Dass ohne Angst Nein und Stopp gesagt werden darf, wenn ein schlechtes Gefühl sich meldet. Dass es Hilfe gibt, wenn nötig. Und dass kein Mensch auf der Welt, dem ein anderer unerwünscht auf den Leib rückt, selber schuld ist. Nie und nimmer.