In politischen Debatten wird der Staat häufig in einfachen Kategorien vermessen: groß oder klein, teuer oder schlank. Auch in Rumänien dominiert diese verkürzte Sicht. Ein Vergleich mit den Vereinigten Staaten zeigt jedoch, dass nicht die absolute Größe des Staates entscheidend ist, sondern welche Funktionen er übernimmt – und nach welcher Denklogik er handelt.
Die USA verfügen zweifellos über einen mächtigen Staat. Der Bundeshaushalt ist um ein Vielfaches größer als der rumänische, die Verwaltung komplex, die Regulierung in vielen Bereichen dicht. Und dennoch ist der Alltag für Unternehmen, Selbstständige und Bürger in zentralen Fragen oft weniger administrativ belastend als in Rumänien. Der Grund dafür liegt weniger in institutionellen Details als in einer tief verankerten pragmatischen Staatsauffassung.
Diese Haltung wurde von Milton Friedman prägnant formuliert: Eine der großen Fehlerquellen der Politik besteht darin, Programme nach ihren guten Absichten zu beurteilen statt nach ihren Ergebnissen. Dieser Gedanke ist kein Randphänomen, sondern Teil der amerikanischen politischen Kultur. Gesetze gelten dort als Werkzeuge, nicht als moralische Selbstzwecke. Entscheidend ist nicht, was ein Programm verspricht, sondern was es tatsächlich bewirkt.
Amerikanischer Pragmatismus wird zusätzlich durch den Föderalismus operationalisiert. Die fünfzig Bundesstaaten fungieren als reale Testfelder politischer Maßnahmen. Steuerpolitik, Regulierung, Bildung oder Gesundheitswesen lassen sich vergleichen, korrigieren oder zurücknehmen. Fehlentwicklungen bleiben regional begrenzt, erfolgreiche Modelle können übernommen werden. Politik wird so überprüfbar.
Rumänien verfügt historisch ebenfalls über unterschiedliche Regionen mit eigenen wirtschaftlichen, sozialen und administrativen Traditionen: die Walachei, die Moldau und Siebenbürgen. In der Praxis jedoch werden politische Entscheidungen stark zentralisiert getroffen. Einheitliche Regelungen treffen auf sehr unterschiedliche regionale Realitäten – ohne systematische Rückkopplung darüber, was funktioniert und was nicht.
Wie groß der Unterschied zwischen normativer und pragmatischer Staatslogik ist, zeigt ein simples Beispiel aus eigener Erfahrung. Die Gründung meines Unternehmens Addex Inc. in den Vereinigten Staaten war eine Angelegenheit eines einzigen Tages: Ein Firmenname, ein Anwalt – keine Mindestkapitalnachweise, keine Genehmigungskaskaden, keine vorgelagerten Kontrollmechanismen. Der Staat setzte auf Nachprüfbarkeit im Nachhinein, nicht auf präventive Misstrauensbürokratie. In Rumänien ist eine vergleichbare Unternehmensgründung bis heute mit formalen Hürden, Nachweisen und Wartezeiten verbunden, die gerade kleine Unternehmer entmutigen.
Statt eines lernenden Systems entsteht so ein normatives: Neue Gesetze ziehen neue Berichtspflichten, neue Formulare und neue Kontrollmechanismen nach sich. Der Staat ist zugleich Regelsetzer, Aufseher, Genehmigungsinstanz und Sanktionsapparat. Ministerien, Agenturen und Unterbehörden überlagern sich funktional. Das Ergebnis ist kein starker Staat, sondern ein überdehnter, der seine eigenen Prozesse kaum noch steuert.
Besonders sichtbar wird dieser Unterschied im Umgang mit kleinen und mittleren Unternehmen. Während Steuergesetze in den USA komplex sein mögen, ist ihre administrative Umsetzung vergleichsweise klar strukturiert. In Rumänien hingegen treffen häufig wechselnde Vorschriften auf eine Verwaltung, die selbst Mühe hat, sie einheitlich anzuwenden. Rechtsunsicherheit wird zum Normalzustand.
Der entscheidende Unterschied liegt somit nicht in der Staatsquote, sondern in der funktionalen Rationalität staatlichen Handelns. Ein Staat kann groß sein und dennoch effizient, wenn er bereit ist, Ergebnisse zu messen und Fehler zu korrigieren. Er kann schlank erscheinen und dennoch lähmend wirken, wenn gute Absichten die Stelle von überprüfbaren Resultaten einnehmen.
Wer daraus den Schluss zieht, Haushaltsprobleme ließen sich primär durch höhere Steuern lösen, verkennt die strukturelle Ursache. Ohne eine Neuordnung staatlicher Aufgaben und Verantwortlichkeiten droht jeder zusätzliche Leu lediglich ein System zu finanzieren, das Komplexität statt Leistung produziert.
Der Blick auf die Vereinigten Staaten zeigt: Pragmatismus, Ergebnisorientierung und Vertrauen in nachgelagerte Kontrolle schaffen Handlungsspielräume – selbst in komplexen Systemen. Rumänien steht vor der Aufgabe, sich nicht zu fragen, wie viel Staat es sich leisten kann, sondern welchen Staat es braucht – und was dieser konkret leisten soll.




