„Nie war es für mich ausreichend, schön zu zeichnen“

Eine Künstlerin Mitte Dreißig und ihr Suchen nach treffender Wahrnehmung

Irina Minodora Ene Foto: Klaus Philippi


Wie es gewesen wäre, nicht genau 1989 geboren worden zu sein, könne sie sich nicht ausrechnen, fällt ihre Antwort auf die Frage danach aus, ob und was für eine Rolle es spielt, im Jahr vom Fall des Eisernen Vorhangs auf die Welt gekommen zu sein. Profund darüber nachgedacht habe sie nie. „Ich schätze viel eher, in einer historisch außerordentlich guten Zeit zu leben”, gesteht Anfang Oktober in Hermannstadt/Sibiu Irina Minodora Ene, Künstlerin und klinische Psychologin. Vor Limits der Gegenwart drückt sie sich nicht, im Gegenteil, da es um Themen wie Armut, Krieg und Demütigung geht, die Menschen schon immer beschäftigen. Aber auch dem Empfinden von Lieben und Geliebt-Werden spüren ihre Arbeiten nach. Es falle ihr recht schwer, über sich selbst zu sprechen, drückte Irina Minodora Ene nach dem Gespräch mit Klaus Philippi aus. Doch ihr erstes ausführliches Interview in einer Zeitungsredaktion erschöpft sich nicht im Schweigen. Und die von Frage und Antwort Nummer fünf gemeinte Skulptur ist aktuell in der Galerie Bildender Künstler Rumäniens am Großen Ring/Piața Mare zu sehen. Exponate dieser Lesart können Hinschauenden auf der Stelle aus der Seele sprechen.

Deine doppelte Berufs-Qualifikation, Irina Minodora Ene, ist in der Kunst-Szene nichts Alltägliches. Wie hast du nach Schulzeit und Abitur am Hermannstädter Kunstgymnasium zum Studium der Klinischen Psychologie gefunden?

Schwierig zu sagen, was genau mich auf diese Idee gebracht hat. Es war eine Entscheidung aus dem Instinkt heraus. Immer schon hatte ich eher getan, was mir gefiel, statt dem, was sein musste, und nach klarem Plan vorzugehen war mir häufig auch nicht am wichtigsten. An der Universität die Psychologische Fakultät besuchen wollte ich nicht etwa aus Gedanken an eine Zukunft als Psychologin, sondern weil ich gerne psychologische Bücher las und mehr darüber lernen wollte.

Wonach hast du dabei gesucht, und was konnte dir das Studium vermitteln?

Als Schülerin am Kunstgymnasium haben mich Psychologie und Philosophie besonders interessiert. Irgendwann im Studium habe ich mir schon gesagt, Psychologin werden zu können, nur geplant war es nicht. Ich bin da flexibel geblieben und habe gefühlt, etwas tun zu müssen, das mich selbst wiedergibt. Das Suchen nach dem Bereich, der mir passt, war ein Hin und Her zwischen Psychologie und Philosophie, sogar Sport hat zeitweise auch eine Rolle gespielt, ehe ich die Migration aus einer Domäne in die andere beendet habe und zur bildenden Kunst zurückgekehrt bin.

Seit wann ist Kunst deine Hauptbeschäftigung?

Zu zeichnen begonnen habe ich sehr früh als Kind, und ich habe versucht, Zeichentrickfilme zu kopieren. Ausgehend von Bildern in Büchern und auf dem Fernsehbildschirm hat es zuerst mein Vater gemacht, worauf auch ich es probierte und zu üben anfing. Aber ganz ohne Plan, wie gesagt. Den Rat, auf das Kunstgymnasium zu gehen, gab mir in der vierten Klasse meine Grundschullehrerin, der es auffiel, dass ich begabt sein musste.

Was für ein Mischverhältnis von Kunst und Psychologie ist für dich aktuell bestimmend?

Derzeit bin ich zu 100 Prozent bildende Künstlerin. Die fünf Jahre Studium Klinischer Psychologie allerdings haben mich als Mensch und deswegen auch künstlerisch geformt. Es hat, denke ich, meine Wahrnehmung bereichert.

Ein Fingerzeig während deiner Ausstellung „Să vezi cu toți ochii” (Mit allen Augen sehen) im Sommer in der Brukenthalmuseums-Abteilung für Zeitgenössische Kunst waren ein paar Pfosten wie Streichhölzer in Übergröße und von dir bewusst so bearbeitet, als ob sie gerade zuvor noch leicht bis stark gebrannt hätten. Einem war sogar der Kopf abgefallen. „Burnout” heißt die Installation. Wie bist du auf das Thema gekommen?

Der Erschöpfungszustand, der auch klinisch sein kann, zeigt sich in unterschiedlichen Stadien. Genauso wie in meiner Installation. Vom anfänglichen Stadium bis zur fortgeschrittensten Ausprägung von Erschöpfung, die mit den spezifischen Symptomen von Depression einhergeht: wenig Antrieb, Schwierigkeit beim Aufstehen aus dem Bett am Morgen, keine Lust mehr auf den Gang zum Arbeitsplatz und Leistungsabfall in allem, was man tut. „Burnout” heißt nichts anderes als Ausgebrannt-Sein, Verbraucht-Sein. Weswegen ich mit meinen Streichhölzern das Gesicht von Gefühlen veranschaulichen wollte, also die Deprimierung und teilweise flache Emotion, wozu ich ihnen absichtlich keine Augen eingearbeitet habe. Wichtig war und ist mir, dass die Augenhöhlen zu tiefen Schatten mutieren. In den Augen einer ausgebrannten Person leuchtet nichts mehr, blitzt nichts mehr auf.

Wie eng bist du mit Burnout persönlich und als Volkskrankheit in Berührung gekommen?

Jede und jeder von uns spürt irgendwann einmal diesen Zustand von Erschöpfung, glaube ich. In der Galerie hat eine Person beim Hinschauen auf die übergroßen Streichhölzer mir ohne Kenntnis des Titels der Arbeit auf der Stelle eröffnet, dass „ich mich täglich genauso fühle!” Auch andere haben sich mit der Installation klar identifiziert, und mit manchen kam es zum Gespräch darüber. In einer Gesellschaft, die uns sehr stark fordert, und die uns beibringt, uns selber sehr viel abzuverlangen, geht es früher oder später allen zeitweise so. Bis dahin, dass man sich schuldig fühlen zu müssen glaubt, falls man sich eine Pause gönnt. Die Pause wiederum trägt gar nicht zur Entspannung bei, wenn man sich abends vorwirft, den ganzen Tag lang nichts getan und die Zeit verplempert zu haben.

Wo Streichhölzer uns auf das Limit von Ressourcen aufmerksam machen: was nützt uns bei der Einteilung unserer eigenen Mittel, um nicht vor der Zeit auszubrennen?

Wichtig ist erstens die Selbsterkenntnis. Dass wir uns Rechenschaft geben, wenn wir geschafft sind, und wissen, was uns langfristig so übermüdet hat. Kopf und Körper sind beide auf Erholungszeiten angewiesen. Der Anspruch, täglich einen Augenblick ganz für sich alleine zu haben, ist keine Laune, kein Unsinn. Erschöpfte schaffen es zurück in das Wohlbefinden, wenn sie lernen, ihr Gleichgewicht zwischen Arbeit und Pause zu halten. Hier ist jeder Mensch anders getaktet. Wenn es sich über einen längeren Zeitraum nicht wieder von selbst einpendelt, empfiehlt sich psychologisch professionelle Stütze.

Was für eine Änderung war für dich nach fünf Jahren Studium der Klinischen Psychologie die Rückkehr zur bildenden Kunst?

Es hat mir gefehlt, das ist die einfachste Antwort. Ganz tief. Dass die Kunst mir fehlen würde, hatte ich nach dem Abitur und zum Augenblick der Entscheidung für das Psychologie-Studium nicht gewusst. Weil ich das Studieren von Psychologie mochte, war es mir nicht präsent, dass die bildende Kunst mir so deutlich fehlen könnte. Nach einiger Zeit bereute ich es, den Weg der Kunst nicht beibehalten zu haben.

Und was packst du seither beim künstlerischen Arbeiten anders als zuvor an?

Ob es ein Anfang oder ein Wieder-Einstieg war, kann ich so genau nicht sagen. Gelernt und mir angeeignet hatte ich das künstlerische Arbeiten bereits, beruflich jedoch tue ich es seit fast drei Jahren. In welche Richtung es dabei gehen sollte, habe ich mir nicht im Detail überlegt. Der Drang nach Gestaltung machte sich bemerkbar, und zunächst habe ich kurze Zeit Schmuck aus Kupfer entworfen, auch Lehm modelliert, Wandmalereien kreiert und begonnen, mich ums Ausstellen zu bemühen.

Nie war es für mich ausreichend, schön zu zeichnen. Die schönen Zeichnungen und schönen Bilder gefallen mir, ich bewundere sie, doch gespürt habe ich stets den Sog anderen Ausdrucks, von einer anderen Emotion und einem anderen Konzept. Auf eine bestimmte Art und Weise, die mir Rückmeldung gibt, dass den Zuschauer das, was ich denke, in möglichst unmittelbarer Form erreicht. Das führt zum Material als Kern des Konzepts. Ich gehe jedes Mal von einem Konzept, von einem Gefühl aus, wofür ich das am naheliegendste Material zum Ausdruck verwende. So erklärt sich mein Wandern vom Malen zur Bildhauerei, zu Grafiken oder einem anderen Stoff, je nach Idee. Wie man beispielsweise mit Stein arbeitet, wusste ich nicht, habe es aber gelernt. Auch Brotteig und Blut sind so schon an die Reihe gekommen.

Welche Idee steckt hinter deiner Technik, menschliche Porträts mit dem Abdruck von Schuhsolen zu schaffen?

Stimmt, ich habe eine Serie solcher Bilder erstellt, und sie spricht von Demütigung, vom Erleiden von Fußtritten. Selbstverständlich kam mir der Gedanke dazu in persönlich erniedrigender Situation, mit dem Bedürfnis nach Ausdruck dieser Erfahrung. Einmal mehr haben Besucher der Galerie sich damit identifiziert, aber auch die mit dem Abdruck meiner Lippen geschaffenen Porträts haben die Zuschauer nicht kalt gelassen: eine Person gestand ihren bis heute unerfüllten Wunsch, auch derart geliebt worden zu sein, um durch Kuss wiedergegeben zu werden.

Beruflich hast du auch Erfahrung als Angestellte während der Öffnungszeiten der Galerie der Bildenden-Künstler-Kammer Rumäniens (UAP) im zentralen Hermannstadt und dort nicht selten erlebt, dass all die Cafés und Gaststätten davor auf dem Großen Ring/Piața Mare überquellen, während sich kaum jemand in die Galerie verirrt. Öfters sogar mit dem Vorwand, dass „Kunst den Magen nicht füllt”. Was füllt sie aus?

Kunst ist Nahrung für die Seele und hat es ihrerseits nötig, genährt zu werden, was paradox erscheinen mag. Hermannstadt hält, finde ich, ein kulturelles Überangebot bei wenigen Ressourcen und einer Zähigkeit seiner gestalterisch aktiven Leute. Quantitativ wird mehr kreiert als konsumiert. Ich glaube, es ist gut, das Überangebot zu haben und in der Folge nachzudenken, wie das Publikum dahin gebracht werden könnte, es auch zu nutzen.

„Copt la minte” heißt deine jüngste Ausstellung, mit Gehirnen aus gebackenem und gehärtetem Brotteig bis zum 5. Oktober in der Promenada-Einkaufsmall während des Sibiu Contemporary Art Festivals (SCAF). Worauf hast du damit angespielt?

„Copt la minte” drückt im Rumänischen die mentale Reife aus. Zu der das Informiert-Sein führt, weswegen ich das Feuer im Backofen für den Brotteig auch mit Büchern angefacht habe, wie man dort im Kurzfilm auf dem Bildschirm in der Mall sehen konnte.

„A{a ceva nu se face” heißt eine noch bis Mitte Dezember offene Ausstellung im Cantacuzino-Schloss zu Bu{teni, die Kupferstiche Alter Meister wie Michelangelo, Dürer, Brueghel und Rem-brandt aus der Sammlung von Rechtsanwalt George [erban im Kontrast mit moderner Kunst aus den Händen rumänischer Künstlerinnen und Künstler unserer Tage zeigt. Auch eine Arbeit von dir ist dort ausgestellt. Schade, aber meist ist Bu{teni ein Durchfahrtsort im Prahova-Tal, das man unterwegs so schnell wie möglich hinter sich lassen möchte. „Das gehört sich nicht”, in Bu{teni eine Pause einzulegen, könnte man meinen. Erzähle bitte, weshalb die Expo im Cantacuzino-Schloss unbedingt einen Zwischenhalt verdient!
Das Cantacuzino-Schloss selbst ist sehr schön, und aktuell mit der kostenlos zur Verfügung stehenden Ausstellung verträgt es umso mehr Achtung. Es ist mir eine Ehre, daran beteiligt zu sein, und es hat mich gefreut, dass ich überaus kurzfristig benachrichtigt wurde, dort auszustellen. Erst einen Tag vor der Eröffnung Anfang August kam zu mir die Überraschung, dass ich mit vorgesehen war. Zwar hatte ich einige Arbeiten, die ich hin schicken hätte können, wollte aber speziell etwas für das Cantacuzino-Schloss Kreiertes beitragen. Der Ort brachte mich auf den Adel und das blaue Blut; da ich kein adliges Blut habe, wusste ich, mit meinem eigenen Blut arbeiten zu wollen. Entstanden ist das zweite Werk meines Lebens mit eigenem Blut, ein Stammbaum des rumänischen Bauern mit der Überschrift „Linia de sânge”. Rurale Alltags-Szenen wie das Pflegen der Tiere, das Leben mit Kindern, die Rückkehr vom Heumachen mit Sense und das Ablösen der Maiskörner vom Kolben, mit meinem Blut in einer einzigen Linie gezogen. Drei Personen, um ein Buch oder ein großes Stück Papier versammelt, wovon eine einen Bleistift in ihrer Hand hält, schließen die Gestaltung ab: meine Vorfahren sind alle Bauern gewesen, haben Rinderzucht und Landwirtschaft betrieben, während ich heute nach generationsumgreifendem Umbruch etwas anderes tue. Eine Skizze habe ich nicht gemacht, sondern direkt mit meinem roten Blut gemalt.