Altern beginnt in der Zelle. Lange bevor sich Symptome wie Demenz oder chronische Krankheiten zeigen, läuft im zellulären Metabolismus etwas aus dem Ruder. Etwas, das man, rechtzeitig erkannt, oft umkehren kann. Es gibt eine Vielzahl an Biomarkern, die verraten, welche Organe auf Zellniveau besonders schnell altern. Aus diesen „Organuhren“ lässt sich für jeden Menschen eine individuelle Landkarte des Alterns erstellen. Sie zeigt die Risikofaktoren für bestimmte degenerative Krankheiten auf – je mehr Organe überaltert sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit für multiple chronische Krankheiten.
Viele Krankheiten sind eigentlich Alterungsprozesse: entgleiste Stoffwechselkreisläufe durch oxidativen Stress. Sie zeigen Spuren auf zellulären Niveau, lange bevor sie symptomatisch werden. Je früher man sie bekämpft, desto eher lässt sich die Entwicklung in Richtung Krankheit stoppen, die Uhr ein Stück zurückdrehen, oft mit ganz einfachen Mitteln: Kalorienreduktion, Intervallfasten, die richtigen Nahrungsergänzungsmittel, Bewegung, Schlafhygiene. Aber auch mit senolytischen Substanzen und Geroprotektoren, deren Einsatz zunehmend auch am Menschen, d.h. klinisch, erforscht wird.
Die Medizin der Zukunft, soviel ist gewiss, wird ganz anders aussehen als heute: Nicht mehr ein Medikament für alle Patienten mit derselben Krankheit, sondern individualisierte Diagnose und personalisierte Therapie, deren Erfolg man durch die Veränderung der Diagnose-Biomarker messen kann – idealerweise in Echtzeit. Prävention wird eine große Rolle spielen. „Altern ist ein reversibler Zustand“, behauptet Patrick Paine von der Harvard Medical School (USA), einer der Experten aus sieben Ländern auf dem ersten internationalen Symposium zum Thema Langlebigkeit in Rumänien, das die Dan Voiculescu Stiftung Mitte November in der Bukarester Nationalbibliothek abgehalten hat.
Rumänien als Vorreiter: das Aslan-Institut
Das weltweit erste Institut für Geriatrie wurde 1952 in Rumänien von Ana Aslan gegründet, leitet Prof. Dr. Gabriel-Ioan Prada die Konferenz ein, der Aslan noch aus persönlicher Zusammenarbeit kannte. Auf einer Fläche von 32 Hektar erstreckt es sich in Otopeni an der DN1 gegenüber dem Flughafen. 1962 wurde das Institut von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Modell für andere Länder empfohlen. Persönlichkeiten wie Marlene Dietrich, Kirk Douglas, John F. Kennedy, Raquel Welch, Claudia Cardinale, Sofia Loren oder Sharon Stone haben sich hier behandeln lassen.
Am Anfang steht die Entzündung
Ein ähnliches Institut gibt es auch in der Republik Moldau. Adriana Botezatu von der „Nicolae }esemitanu“ Universität in Chi{in²u streicht den integrativen Ansatz der dort praktizierten Anti-Aging Medizin heraus: „Altern beginnt in der Zelle, Vorläufer aller Altersprozesse ist immer eine Entzündung“, sagt sie, weswegen man auch von „inflammaging“ („inflammation“ plus „aging“) spricht. Der Vorläufer einer Entzündung aber ist das inflammatorische Sekretom (Ausscheidungen) von senolytischen Zellen, auch Zombie-Zellen genannt, die sich nicht mehr teilen, aber auch nicht sterben. Sie spielen eine Schlüsselrolle beim Altern, wie mehrere Experten herausstreichen. An ihnen setzen die sogenannten Serolytika an: Substanzen, die diese Zellen beseitigen.
Diagnose und Intervention – auf Molekülniveau
Ursachen für Altersprozesse sind genetische Instabilitäten (Verlust der Methylierung, Telomerverkürzungen), Verlust der Balance in der Proteinverarbeitung, gestörte Autophagozytose (das Aufräumen kaputter Zellen und von Zellbruchstücken), zelluläre Seneszenz, Verlust an Stammzellen ( undifferenzierte Zellen, aus denen jede beliebige Zellart heranreifen kann), veränderte interzelluläre Kommunikation, chronische Entzündungen und Dysbiose (gestörtes Gleichgewicht zwischen guten und schlechten Bakterien im Mikrobiom eines Gewebes, z. B. Haut oder Darm).
Wenn man diese Faktoren gezielt bekämpft, lassen sich chronische Krankheiten, auch wenn eine genetische Veranlagung besteht, stark verzögern. Wichtig für die differenzierte Diagnose: die Analyse des Mikrobioms, Gensequenzierungen, Messung von Insulinsensitivität oder -resistenz und von Entzündungsfaktoren.
Die gute Nachricht: Die Intervention ist meist einfach und zeigt rasch Ergebnisse. Wichtig sind Ernährung, Bewegung, Schlafhygiene und Stressreduzierung. Wirksam sein können Nahrungsergänzungen wie Omega-3 Fette (der Fettstoffwechsel spielt eine Schlüsselrolle beim Altern, wie Studien an Tieren oder an Völkern zeigen, die große Unterschiede im Fettstoffwechsel aufweisen!), Antioxidantien (gegen oxidativen Stress, sprich, Zerstörungen in der Zelle durch freie Radikale) und Senolytika (als vielversprechend genannt wurden Metformin und Rapamycin).
Große Stücke hält Botezatu auf Ozontherapie. „Die Erfolge sind einfach überwältigend“, meint sie. „Warum Ozon? Weil Mitochondrien, die kein ATP mehr produzieren (sprich: die nicht mehr atmen), ebenfalls Entzündungen auslösen.“ Genau da aber setzt die Ozontherapie an – extern und intern, durch Hydrierung mit ozoniertem Wasser oder ozoniertem Traubenkern- bzw. Hanföl, „mit sehr positiven gastrointestinalen Effekten“. Auch Kollege Nicolae Bodrug erklärt sich von Ozontherapie überzeugt, betont aber auch den Einfluss von Lebensstil und Ernährung, die das Altern „plastisch“ machen.
Biomarker: Messen – Behandeln – Kontrolle
Raghav Sehgal (Yale Univ., USA) gibt einen Ausblick davon, wie sich Wissenschaft in medizinische Praxis übertragen lässt. „Das Altern hat verschiedene Biomarker, die man mittels Blutanalyse bestimmen kann. Sie können Ansatzpunkte für Therapien sein, um das biologische Altern auf Zellebene umzuprogrammieren.“ Anschließend kontrolliert man, wie sich die Biomarker verändert haben.
Es gibt genomische und klinische Biomarker, die etwas darüber aussagen, wie alt jedes Organ ist. Inzwischen sind 21 organspezifische „Uhren“ mit über 100 Biomarkern bekannt. Eine Landkarte des Altersrisikos gibt an, welche Organe Aufmerksamkeit verlangen. Für immunologische und metabolische Probleme wie Insulinresistenz (Ursache für Diabetes und Risikofaktor für degenerative Krankheiten, z.B. Parkinson) sei Intervallfasten (Nahrungskarenz für mindestens acht Stunden, meist deutlich mehr, um von Zuckerstoffwechsel auf Fettstoffwechsel umzuschalten und die Autophagozytose anzuregen, also das Entfernen von Zombie-Zellen und zellulärem „Müll“) sehr effizient. „Danach ändert sich die Landkarte sichtbar, wenn man wieder misst“, erklärt Sehgal.
Stoffwechselkreisläufe und Echtzeittherapie
Der Fettstoffwechsel beeinflusst Immunsystem und Entzündungen, bestätigt auch Mark Tomas Mc Auley von der Universität Salford, UK. „Warum lebt der Mensch viel länger als Menschenaffen?“, fragt er und vermutet Unterschiede im Cholesterinstoffwechsel als Ursache, aber auch Parasiten und das Mikrobiom.
Ein weiterer wichtiger Stoffwechselkreislauf in der Bekämpfung des Alterns ist der Folsäure-Metabolismus, der direkt in die Methylierung der DNA eingreift (Verlust der Methylierung ist ein Altersindikator). Mc Auley und seine Forscher arbeiten an einem Biosensor, der den Zustand der DNA-Methylierung messen soll.
Biosensoren werden in Zukunft eine große Rolle in der interaktiven, personalisierten Therapie spielen, erklärt Ana Prada, Ärztin am Sfântul Luca Hospital für chronische Krankheiten. So zielt die Medizin der Zukunft auf Wearables ab, die in Echtzeit messen, die Ergebnisse an den Arzt übermitteln, der sie mittels KI auswertet und sofort die Therapie anpasst.
„Ständige Wartung des Systems“ nötig
Vieles ist bekannt, doch erst weniges klinisch getestet und konkret am Menschen einsetzbar, darin sind sich viele Experten einig. Aubrey de Grey (LEV Foundation, USA), Autor des Buches „Ending Age“, provoziert: „Ich wünsche mir, dass Altern das neue Covid wird!“ Denn aufgrund des Drucks der Pandemie habe es nur ein Jahr gedauert, eine Impfung zu entwickeln, was sonst zehn Jahre in Anspruch genommen hätte. Die Altersforschung müsse in kürzester Zeit stärker in Richtung Anwendbarkeit gepusht werden.
Auch de Grey verweist auf die Bedeutung der Früherkennung: Während des Lebens verändert sich der Metabolismus fortlaufend, doch erst in späteren Jahren macht das krank – weil der Körper die angesammelten Schäden sehr lange kompensiert. Heute setzt Geriatrie erst dann ein, wenn der Schaden schon sichtbar ist. Statt dessen müsse man eine „ständige Wartung des Systems“ vornehmen: Regelmäßig Stoffwechselschlacken entfernen, kaputte Zellen mithilfe von Stammzellen ersetzen, allzu teilungsfreudige Zellen mit Telomerkontrolle zähmen, Zombie-Zellen mit Suizidgenen oder Senolytika bekämpfen, Backup-Kopien gegen Mutationen in Mitochondrien (diese Zellorganellen sind Träger von Erbsubstanz und spielen z.B. eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Krebs) einsetzen, interzelluläre Abfallprodukte mit Enzymen aufräumen, extrazellulären Abfall mit dem Immunsystem entfernen, extrazelluläre Matrixversteifung reparieren, zählt er an Maßnahmen auf. Im Tierversuch sei es bereits gelungen, mit solchen „Wartungsvorgängen“ das Leben von Mäusen mit einem natürlichen Lebensalter von 2-3 Jahren um 1 ½ Jahre zu verlängern.
Sekretom und Senolytika
„Altern ist ein reversibler Zellzustand“, meint gar der eingangs erwähnte Patrick Paine, der sich mit dem Sekretom der Zellen befasst. Darin gibt es Bestandteile, die das Altern positiv oder negativ beeinflussen. Eine Sekretom-Bibliothek von 679 Genen ist inzwischen bekannt, Ansatzpunkt für künftige genmanipulative Eingriffe.
Aurelia Romil² (Univ. Dun²rea de Jos) forscht am Sekretom von seneszenten Zellen, die sich mit zunehmendem Alter im Gehirn ansammeln und pro-inflammatorische Moleküle erzeugen. Die Folge sind Entzündungen und die Produktion des für Alzheimer charakteristischen Beta-Amyloids. „Seneszenz von Gliazellen und Astrozyten (das sind Stützzellen im Gehirn) beschleunigt die Neurodegeneration – und umgekehrt“, erklärt sie. Mithilfe von Molekülmarkern lassen sich seneszente Zellen erkennen und mit Serolytika abtöten.
Senolytika gelten als vielversprechend, weil sie auf Metabolismus und Mitochondrien einwirken, aber bisher gibt es noch wenige Studien. Derzeit laufen 20 klinische Versuche mit verschiedenen serolytischen Cocktails. Besondere Aufmerksamkeit erregten bisher die Serolytika Quercetin (in vielen Früchten, Gemüse und Rotwein enthalten) und Dasatinib.
Bibliothek der Altersgene
Joao Magalhaes (Univ. Birmingham, UK) erforscht die Manipulation von Altersgenen. In Würmern, mit nur einem Altersgen (age-1), bewirkt dies eine zehnfache Steigerung der Lebensspanne. In Mäusen, mit 136 Altersgenen, lässt sich eine Lebensverlängerung um 46 Prozent erreichen. Je höher entwickelt das Lebewesen, desto größer das sog. Gerontom – und umso komplizierter der Eingriff.
Magalhaes erwähnt auch die Existenz von Geroprotektoren, die offenbar am Gerontom wirken. Derzeit wird Rilmenidin (ein Blutdrucksenker) als vielversprechender Geroprotektor untersucht.
Die Plastizität des Alterns
Dass Männer und Frauen unterschiedlich altern, erwähnt Sara Hägg (Karolinska Institut, Schweden). Auf molekularem Niveau altern Frauen langsamer, auf funktionellem Niveau schneller. Der Alterungsprozess beschleunigt sich nach der Menopause.
Paradox erscheint, dass die Generation der heute 70-Jährigen biologisch jünger ist als frühere gleichaltrige Generationen, sich aber die heutige Jugend auf zellulärem Niveau älter als die Jugend in den Generationen davor erweist.
Die Expertin bleibt dazu eine Erklärung schuldig, doch anhand des bisher Gelernten stellt sich die Frage: Reflektiert sich darin die Cola-Pizza-Burger-Generation bereits auf zellulärem Niveau?
Keine Binsenweisheit jedenfalls ist, dass Ernährung, Kalorienreduktion, Intervalldiät, Bewegung und ausreichend Schlaf extrem wichtig sind, um Altersvorgänge auf metabolischem Niveau zu verlangsamen oder gar umzukehren. Sämtliche Studien bestätigen das, sind sich die Spezialisten alle einig. Der Lebensstil wirkt sich unabhängig von der genetischen Vorbelastung deutlich auf das Altern aus, ein dynamischer Prozess, für den der Moldauer Gerontologe Nicolae Bodrug einen griffigen Begriff geprägt hat: die Plastizität des Alterns. Die also auch stark in unseren Händen liegt.





