„Per Telegramm über die Streichung des Zuges verständigt“

Ist die CFR überhaupt noch konkurrenzfähig? Ein Reisebericht

Da hängt nicht nur der Müllkorb schief, sondern noch viel mehr in Rumäniens hoch verschuldeter CFR. Foto: Klaus Philippi

Wie bitte, der Zug fährt nur bis Lökösháza? Nicht mehr weiter über die rumänische Grenze und nach Bukarest als Endstation? Aber wir haben doch hier Karten inklusive Reservierung für ein Doppelabteil im Schlafwagen, mit Zielbahnhof Sibiu! „Nagyszeben” platzt es aus meiner Partnerin und mir am Bahnsteig auf Ungarisch heraus. Kein Irrtum: richtig die Zug-Nummer 473 und korrekt die Uhrzeit 19:10 zur Abfahrt, von knappen zwei bis drei Minuten Vorverschiebung einmal abgesehen; vernachlässigbar für Super-Pünktliche, die ihren ersten Blick auf die Bahnhofstafel schon eine Stunde vorher werfen. Englisch leider kann der Schaffner in der Dienst-Uniform der MÁV-START nicht, kein konversationsreifes zumindest. Zugführer dafür ist er nicht alleine, sondern im Tandem mit einer Kollegin im selben Dress. Die in ihrer Fremdsprache, die es auch für uns ist, nicht nach Wörtern suchen muss, und es freundlich erklärt. Dass wir zunächst vergeblich einstiegen und vier Stunden später tatsächlich festsäßen am Bahnhof Lökösháza. 

Ausgerechnet „gestern Abend fuhr dieser Zug zum letzten Mal” die Rumänien-Strecke, und bei aller herben Schlappe fällt das „Köszönöm” zum Dank auf das ehrliche „Sorry” der Zugbegleiterin einfach. Im Unterschied zur CFR lässt die MÁV-START sich nicht lumpen.

Fließendes Ungarisch habe ich nicht drauf, obwohl ein waschechter Siebenbürger. Es langt gerade mal nur knapp zum Radebrechen ein paar ganz weniger Brocken. Mit einigermaßen akzentfreiem Grüßen zu jeder Tages- und Nachtzeit ist mein Können schon beinah restlos aufgebraucht. Nur den eingeübten kurzen Satz, dass ich leider kein Magyarisch verstehe, bekomme ich auf die Reihe, und dass die drei Wörter zum Fragen nach dem Weg gleichfalls in meiner Birne parat sind, nützt mir eine glatte Null. Weil ich die Antwort sowieso nicht kapieren würde. Anders verhält es sich mit dem Vokabular für das Fluchen auf Ungarisch, worin ich konkurrenzfähig bin. Es mir aber am Schalter im Besucherservice am Ostbahnhof Budapest verbeiße, am Keleti pályaudvar. Der MÁV-START-Beamte könnte uns sofort abwimmeln.

Glücklicherweise behandelt er unseren Fall sehr wohlwollend. Geld für die am Schalter der CFR in Hermannstadt gelösten Tickets kann und darf er uns nicht rückerstatten. OK, verstanden. Hausaufgaben für hinterher daheim in Rumänien. Was jedoch ist im Hier und Jetzt zu tun, damit wir es überhaupt nach Hause schaffen? Denn die CFR hat zeitlich befristet für dringende Wartungsarbeiten allen Verkehr auf der Stammstrecke im Norden über Großwardein/Oradea nach Klausenburg/Cluj-Napoca und weiter südlich auf den ebenso prominenten Gleisen von Arad Richtung Deva ersatzlos gekappt. Chronologisch aufgezählt: Unsere Fahrkarten für den Nachtzug von Budapest nach Hermannstadt mit Einsteigen am Abend des 30. Oktober hatten wir bereits am 1. August gekauft, am ersten möglichen Buchungs-Tag im Regelwerk der CFR.

Das Rumänien der Rückschritte

Dass dieser „Euronight” ab Budapest-Keleti bis auf Weiteres zum letzten Mal am 29. Oktober bis nach Bukarest fahren würde, sollte die CFR Wochen später entscheiden – und uns über die Änderung nicht informieren. Dafür kann der Berater und Kassier am Schalter der MÁV-START nichts. Gut, dass wir ihm unseren Ärger so kühl wie nur möglich schildern, statt ihn vor den Kopf stoßen. Von den ohnehin dürftigen internationalen Zügen, die von Westen aus nach Rumänien einfahren und in Budapest halten, verkehrt wirklich nur noch der berühmt-berüchtigte „Dacia”; aber auch der muss von der Strecke durch Siebenbürgen auf eine ganz andere ausweichen, wird über Temeswar und Craiova umgeleitet. Anderes hat uns die MÁV-START am Ostbahnhof Budapest nicht vorzuschlagen, wir müssen Tickets für den „Dacia” lösen. Ihn ja nicht verpassen, sonst stecken wir so richtig in der Tinte.

Kurz vor Mitternacht aber ist er aus Wien verspätet endlich da. Um ein Schlafwagen-Abteil kümmern wir uns nicht mehr; viel zu sauer sind wir auf die CFR, die sich uns gegenüber anders hätte verhalten sollen. Am Keleti pályaudvar eine Standardnachricht für Passagiere hinterlegen, die leider nicht rechtzeitig von der Fahrplan-Änderung in Kenntnis gesetzt werden konnten? Umbuchung auf den „Dacia” ohne Zusatzkosten, oder gar Schienen-Ersatzverkehr? Pustekuchen. Bei umgerechnet 120 Lei pro Person sind solche Bahnfahrkarten für Sitzplätze von Budapest nach Temeswar nicht übermäßig teuer. Sei´s drum, wir müssen nach Hause, kommen also noch gut bezahlbar davon.

Das aber trifft auch wirklich nur im Finanziellen zu. Weil die Nacht hin ist, und der „Dacia” die reinste Misere. Man sieht ihm den Tarif an: 120 Lei kratzt jeder irgendwie zusammen, dessen Zaster für das Fliegen oder Autofahren nicht reicht. Soll heißen, dass die Waggons der CFR in Sachen Sauberkeit unterste Sau sind – zwar ist der Euro-City 347 eine logistische Zusammenarbeit mit den Österreichi-schen Bundesbahnen (ÖBB) und der MÁV-START, doch wer Sitzplätze in den rumänischen Waggons des „Dacia” reserviert hat, erblickt nach dem Einsteigen zunächst einen Haufen Unrat und muss gebührend Reinigungskraft spielen, ehe Hinsetzen infrage kommt. Reisen zum Abgewöhnen.

Seit Sommer 1991 fährt er, der „Dacia”, und hat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs lange Jahre zufriedenstellend Personen befördert. Sooft man vormals mit dem Zug nach Österreich fuhr oder nach Deutschland, um Freunde und Verwandte zu besuchen, und kein Geld für den Flieger berappen konnte. Und es beim Sitzen auf der Rückreise im Abteil quasi mit den Händen greifen konnte, das Heimfahren in die Armut. Wo es das gute Brot nicht gab, in dessen Scheiben man unterwegs in der „Dacia” hungrig biss. Mit Seufzen, sobald der Proviant alle war, womit man vor dem Einsteigen reich beschenkt worden war. Sandwiches mit Wurst oder Käse aus dem Aldi oder Lidl? Wunderbar, solche letzten Noten vom Aroma des Wohlstands!

Wo liegt der Hase im Pfeffer?

Allen guten Grund gäbe es, endlich nicht mehr neidisch aufschauen zu müssen. Supermarkt-Gelüste gefällig? Rumänien bedient sie alle. Armut passé? Hm, nicht ganz. Unser Einsteigen in den „Dacia” am Ostbahnhof Budapest erinnert an alles, was wir längst schon vorbei und vergessen geglaubt hatten. Steckdosen in den von der CFR für den „Dacia” bereitgestellten Waggons? Ach was, Fehlanzeige. Das Smartphone-Aufladen funktioniert nur in der Toilettenkabine, wo Löcher für das Einstecken vom Rasierapparat gekennzeichnet sind. Und dass wir fürs Erste im Abteil sauber machen müssen, ist auch keine Premiere. 40 bis 50 Jahre mag es her sein, dass die geschätzte Staatsphilharmonie Klausenburg mit CFR-Waggons eine Schweiz-Tournee bestritt und jäh nach Ankunft am Züricher Hauptbahnhof gebeten wurde, ihre verdreckten Schienenfahrzeuge für die Dauer von zwei Stunden mitsamt Gepäck zu verlassen. „So könnt ihr bei uns nicht durch die Lande reisen!”, und nach einer emsigen Arbeit im Akkord durch den helvetischen Putz-Trupp staunte man beim Wieder-Einsteigen in die eigenen Waggons Bauklötze: „So sauber hatten wir sie noch nie gesehen!” 

Es gibt Lektionen, mit denen tut Rumänien sich schwer. Selbstmanagement lautet das heiße Problem-Wort, und der „Dacia” von Wien nach Bukarest verbildlicht es ohrfeigend. Ungarn ist staatlich hoch verschuldet, gut. Rumänien auch, also kein Grund zu Besserwisserei. Soll doch mal die graue „Gara de Nord” in Bukarest mit der Entwicklung des Keleti pályaudvar Schritt halten! Ich kenne ihn seit 15 Jahren, den Ostbahnhof Budapest. Er hat sich vorbildlich verwestlicht, steht längst schon auf dem Fahrplan des „Railjet”, des Hochgeschwindigkeits-Liniennetzes der ÖBB. München? Bitte sehr, wird von Budapest aus tagsüber im zwei-Stunden-Takt direkt ohne Umsteigen angesteuert. Und einmal täglich ebenso ohne Umsteigen auch Zürich, hähä...!

Zustand zum Vergessen

Nein, die CFR hat ihre Hausaufgaben nicht ernst behandelt. Weder ökonomisch noch gesellschaftskulturell. Einen Bahn-Arbeitnehmer, der mit seinem privaten PKW noch nie eine Tankstelle benutzt hat, sondern stets nur die Diesel-Zapfsäule der Lokomotiven-Halle? In Hermannstadt soll es so jemanden dreist Korrupten bei der örtlichen CFR-Filiale geben. Die Armut eben, die Rumänien von außen nicht genommen werden kann. Und auf die interne Profiteure auch noch stolz sind. Hart, aber real. Im Dulden kleiner Unverschämtheit gärt der Keim enormen Schadens.

Dabei hatte unser City-Break in Budapest reibungslos angefangen. In den Nachtzug zwecks Hinfahrt eingestiegen waren wir Samstag, am 25. Oktober. Kein Aufgeweckt-Werden an der Staatsgrenze zur Passkontrolle mehr, wo Rumänien endlich Mitglied des Schengener Abkommens ist, und wirklich sauber das Schlafwagen-Abteil, auch angenehm beheizt. Die Taktik schien aufzugehen: nicht selber Auto fahren müssen, und nachts reisen, ohne Zeit tagsüber für Budapest zu verlieren. Bis es uns Tage später am Keleti pályaudvar das Hirn wegblies. Hä? Auf der CFR-Homepage zum Buchen internationaler Tickets stand nichts von einer Zug-Streichung bis Mitte November. Bleibt noch die Schaffnerin der Hinfahrt, die es hätte wissen sollen, um es uns und allen anderen Passagieren vor dem Aussteigen zur Sicherheit weiterzusagen.

Geschehen ist es nicht. Einzig verbleibende Option für rechtzeitiges Eingreifen seitens der CFR vor unserem unverdienten Stress-Abend am Ostbahnhof Budapest: mich als Käufer der Fahrkarten an einem Bahnhofs-Schalter in Hermannstadt zu identifizieren. Da mir zwar keine Angabe einer Telefonnummer für den Fall der Fälle verlangt wurde, ich jedoch mit Karte statt in bar bezahlt und den Kassenbon aufbewahrt hatte, nicht nur die Bahn-Tickets. Datenschutz hin oder her – über die Bank als Ausstellerin der verschlüsselt gespeicherten Karten-Nummer wäre es möglich gewesen, mich zu erreichen und zu informieren. Stattdessen die halbe Entschuldigung am Bahnhof Hermannstadt, dass „wir per Telegramm über die Streichung des Zuges verständigt wurden.” Zum Teufel, wer außer der CFR nutzt heute in der Europäischen Union noch das überalterte Telegramm als Medium betriebsinterner Kommunikation im Bahngesellschafts-Sektor?

Es ist höchste Eisenbahn!

Immerhin, die Kassierin der CFR in Hermannstadt meckerte nicht, als wir uns bei ihr beschwerten und alles vorlegten, die Fahrkarten für den gestrichenen Nachtzug und den Kassenbon. Ich erkannte sie wieder, es war dieselbe Dame wie auch beim Kauf der Tickets. Klage-Formular der CFR ausgefüllt, und zwei Wochen später war das Geld zurück auf meinem Konto. Entschädigung allerdings ist was anderes. Die rumänischen Flüche am Besucherservice-Schalter im Keleti pályaudvar, flüsternd über meine Lippen gerutscht und vom Beamten der MÁV-START nicht verstanden, sie gelten dir, du vermaledeit korrupte und nicht konkurrenzfähige Bahngesellschaft Rumäniens!