Quo vadis, Erinnerungskultur?

Diskussion über die essenzielle Notwendigkeit eines korrekten gesellschaftlichen Geschichtsbewusstseins

Rundtischgespräch mit Experten im Goethe-Institut | Foto: Nina May

Wir leben in einer Zeit, in der Wissenschaftlern historische Archive offenstehen. In der sich Forscher immer noch mit Deportationen, dem Holocaust und Genoziden im 20. Jahrhundert auseinandersetzen – obwohl doch schon so viel bekannt ist. Und auch der rumänische Staat hat seine Hausaufgaben gemacht: Seit 2002 sind Organisationen, Symbole und Handlungen mit faschistischem, legionärem, rassistischem oder xenophobem Charakter sowie der Personenkult um Schuldige an Genozid oder Kriegsverbrechen verboten. Hinzu kommt der Pflichtunterricht an Schulen über Holocaust und Kommunismus und die Aufarbeitung durch staatliche Institutionen wie das Nationale Institut für das Studium des Holocaust in Rumänien „Elie Wiesel“, das Institut für die Untersuchung von Verbrechen im Kommunismus und der Erinnerung des Rumänischen Exils (IICCMER) und das Institut für das Studium der Securitate-Archive (CNSAS). Und doch ist es auch eine Zeit, in der erschreckend viele Menschen nostalgisch auf das Ceaușescu-Unrechts-Regime zurückblicken, historisch belastete Persönlichkeiten wie Corneliu Zelea Codreanu feiern, den Holocaust leugnen oder verharmlosen, Hassrede und Antisemitismus wieder an Fahrt aufnehmen. Eine Zeit, in der man im Bus wieder Sätze hört wie diesen: Kann man die Roma nicht an einen Ort schicken, wo wir sie nicht mehr sehen? 

Alarmglocken schrillen bei jenen, die um die Verbrechen totalitärer Regimes im 20. Jahrhundert wissen. Hinzu kommt der mit gezielten Desinformationskampagnen in genau diese Richtung auf Spaltung der demokratischen Gesellschaft abzielende russische Hybridkrieg. Demokratie und Freiheit stehen unter Beschuss, Gegenmaßnahmen sind dringend nötig. Was aber hilft, damit Aufklärung in den Köpfen wirklich ankommt? 

Mit dieser Frage befassten sich am 26. November neun Experten in einem Rundtischgespräch mit dem Titel „Quo vadis, Erinnerung? Zwischen Vergessen, Schulung, Institutionalisierung und dem Bewusstsein einer demokratischen Gesellschaft“, organisiert vom Departement für interethnische Beziehungen an der Regierung Rumäniens (DRI), dem Geschichtsinstitut „Nicolae Iorga“ der Rumänischen Akademie und dem IICCMER, gefördert von der Hanns-Seidel-Stiftung, im Bukarester Goetheinstitut. Dem Gespräch ist ein zweitägiges wissenschaftliches Symposium vorangegangen, das sich mit Deportationen nach ethnischen Kriterien als zentrales Element totalitärer Regimes des 20. Jahrhunderts befasste und das Ausmaß der Zwangsumsiedelungen mit genozidalem Charakter ausführlich beleuchtete (die ADZ berichtete am Samstag). Die Idee dahinter: mehr zu tun als nur wissenschaftliche Erkenntnisse auszutauschen – konkrete Lösungsansätze seien gefordert. 

Die Gesprächsrunde wurde vom Historiker Cosmin Budeancă (IICCMER) moderiert. Es diskutierten: Hannelore Baier (Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien), Enikö-Katalin Lacziko (ehemalige DRI-Leiterin, jetzt im Rechnungshof), Thomas Șindilariu (Unterstaatssekretär im DRI), Virgiliu Bîrlădeanu (Geschichtsinstitut der Moldauer Staatsuniv. in Chișinău), Viorel Achim (Geschichtsinstitut „Nicolae Iorga“), Adrian Furtună (Nationales Roma-Kulturzentrum), Rodica Ilinca (Goethe Kolleg) und Adrian Cioflâncă (CNSAS). Im Publikum: ein gutes Dutzend Experten aus dem ganzen Land, die sich mit dem Thema Deportation befassen, Politiker, Parlamentarier und andere Interessierte. 

Warum diese Veranstaltung?

„Warum macht das DRI so eine Veranstaltung?“ fragt Șindilariu provozierend: „Haben wir keine aktuelleren Probleme mit den Minderheiten?“ Doch wie nötig eine solche Diskussion gerade ist, zeigen Nachwirkungen längst vergangenen Unrechts im Heute: Ehemalige Deportierte konnten im Kommunismus ihre Zwangsarbeit nicht ins Arbeitsbuch eintragen, und es werden immer noch Anträge auf staatliche Entschädigung abgelehnt, weil den Entscheidungsträgern die Beweise fehlen. Die Rechte müssen dann teuer und langwierig vor Gericht ausgefochten werden. Er habe mit Achim diskutiert, was man anbieten könne: Die Veranstaltung solle die Lehre des Nationenstaats hinterfragen, die hinter den Zwangsumsiedlungen stand, denn aus heutiger Sicht müsse man sich fragen, ob diese ethnisch motivierten Umsiedlungen denn nötig waren, die Betroffenen hatten ja Häuser… „Was wir uns dann vorgenommen haben, ist, eine Diskussionsveranstaltung für Spezialisten zu schaffen, um chronologisch die Periode des Faschismus und Kommunismus zu erfassen und zu vergleichen“, ergänzt Viorel Achim. Sie sollte aber auch neue Impulse geben, wie Erinnerungskultur zur Resilienz der Demokratie effizient implementiert werden könnte. 

Fehler aus Unkenntnis der Sachlage

„Ich hatte zwei Prinzipien im DRI“, hebt Lacziko an. „Die Politik von Identität und Erinnerung und die Antidiskriminierung.“ Der Erfolg einer solchen Politik hänge jedoch stark davon ab, wie man sie formalisiert. In der Ausarbeitung gebe es viele Risiken. Fehlende Informationen könnten auch bei gutem Willen zu negativen Auswirkungen führen. Wichtig sei daher, sowohl die Zielgruppe als auch Experten zu beteiligen. Aber auch Transparenz: „Worauf sollen wir Strategien basieren, wenn wir keine Daten haben?“ 

Cioflâncă schlug vor, man müsse eigentlich mit allen öffentlichen Funktionären, Staatsanwälten und Juristen im Staat ein Antisemitismus-Training durchführen. Auch Studenten, die in öffentliche Institutionen streben, sollten einbezogen werden.

Furtună befürwortete die Einbindung der Forscher: Er habe oft mit Überlebenden von Deportationen und ihren Familien gesprochen, die eine Entschädigung für Zwangsumsiedlung oder Deportation beantragen wollten. Sie konnten meist beweisen, wann sie deportiert wurden, aber nicht, wann sie aus Transnistrien zurückgekommen sind. Man müsse die Juristen im zuständigen Amt trainieren und ihnen Archivinformationen zur Verfügung stellen. Anträge würden aus Unkenntnis der Sachlage abgelehnt, den Entscheidungsträgern mangele es an Hintergrundinformation – was den Staat teuer zu stehen kommt, denn Gerichtverfahren kosten oft mehr als die Entschädigungszahlungen. 

Die breite Masse erreichen

Bîrlădeanu erklärte, zur Vorbereitung des EU-Beitritts der Moldau habe diese ein Beratergremium für diese Themen gegründet. Impulse für eine „sehr konsequente Politk“ habe man sich aus Polen geholt: „Polen hat gut funktionierende und gut finanzierte Institutionen, wir wollen in Zukunft kooperieren.“ Auch mit Litauen habe man einen vierjährigen Aktionsplan zur Erinnerung an das totalitäre Regime erstellt. „Wir müssen alle eine gemeinsame Vision haben und Lösungen erarbeiten.“  

Achim verweist darauf, dass Geschichte „im Westen viel humaner“, sprich, bürgernaher sei. „Was ethnische Politik betrifft, sind wir sind 10 bis 20 Jahre im Rückstand. Bei uns ist sie auf hohem Niveau, aber sehr theoretisch, und die Historiker haben kein Publikum. Ihre Bücher erscheinen in kleinen Auflagen und erreichen die breite Masse nicht“, kritisiert er, doch müsse kulturelle Erinnerung Teil der Gesellschaft werden. Das setzt vo-raus, diese auch zu erreichen.

Es sollte auch mehr interaktive Museen und Ausstellungen dazu geben, auch auf lokalem Niveau, bemerken einige der Experten. Ein Positivbeispiel: das Memorial Sighet, Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des antikommunistischen Widerstands in Rumänien in Sighetul Marma]iei. Negativ: Es gibt kein Roma-Museum, „nur ein Gesetz dafür, aber es passiert nichts“, beklagt Furtună. „Dabei wäre es so wichtig: Die Roma haben erstmals begonnen, sich zu fragen, wer sind wir und woher kommen wir? Ein undiskutiertes Trauma.“ „Wir haben auch kein Holocaust- und kein Kommunismus-Museum“, ergänzt Budeancă die Kritik. Und in den Forschungsinstituten, sei es für Geschichte oder Soziologie, fände man kaum Roma, so Furtună. 

Zum Thema Gesellschaftsbildung verweist Bîrlădeanu auf ein Projekt in Gagausien, einem Gebiet in der Moldau mit den meisten Gegnern des EU-Beitritts. Zur Aufklärung der lokalen Bevölkerung habe man ein Museum eingerichtet, das interessante interaktive Bildungsprojekte durchführt. „Und da beobachte ich, dass die lokale Administration mehr und mehr teilnimmt, nicht nur die zehn Pflichtminuten, sie bleiben auf unseren Veranstaltungen“. Im Hybridkrieg, der die Moldau besonders betrifft, seien gut gemachte, lokale aufklärende Kulturprojekte vital, meint Bîrl²deanu: „Genauso wichtig wie die Landesverteidigung!“

Zeitzeugeninterviews, Kulturprojekte und Ahnenforschung

Hannelore Baier meint, was kollektive Erinnerung betrifft, habe sich in Rumänien sehr viel getan: Lange konnte man nicht über Deportation reden, das Thema war bis zur Wende tabu, doch nach 1990 erhielt auch die deutsche Minderheit Zugang zu rumänischen Archiven. Die Frage, ob mit dem Aussterben der Zeitzeugen und deren Kindern nicht auch das Interesse am Thema schwinde, verneinte sie überzeugend. An den deutschen Schulen, die inzwischen auch von zahlreichen rumänischen Kindern besucht werden, gebe es effiziente Projekte zur Erinnerungskultur. „Wenn Schüler ehemalige Deportierte oder ihre Nachkommen interviewen, sind sie persönlich berührt und verstehen Geschichte auf einmal ganz anders.“ Es gibt sehr viele Projekte zu dem Thema, von gesammelten Erinnerungen von Kindern deportierter Deutscher aus dem Banat, bis hin zu Filmen und Tanzperformances von den Enkeln Deportierter, die das Thema spüren und verstehen wollen, auch wenn sie die Betroffenen vielleicht gar nicht mehr gekannt haben. „Das Trauma in der Gemeinschaft der Deutschen hier ist so groß, dass ich glaube, das Interesse wird anhalten“, sagt Baier. Wichtig sei aber auch die Vergabe des Nobelpreises an Herta Müller für den Deportationsroman „Atemschaukel“ gewesen. 

Um die Flamme wachzuhalten, erklärt Șindilariu, müsse man „die Namen jener, die im Mörser der Geschichte zermahlen wurden,  dokumentieren“ und dann einen genealogischen Link herstellen. Denn im Rahmen von Ahnenforschung interessiere man sich auch für das Schicksal weit zurückliegender Vorfahren.

Aufklärung an Schulen versus Online-Desinformation

Es muss Oasen der Erinnerungskultur geben, verweist Rodica Ilinca auf die Frage, ob sich Schüler für Geschichte interessieren, auf ihre eigene Schule, das deutsche Goethe Kolleg. „Unsere Schüler, die an internationalen Wettbewerben teilnehmen, sind Produkte solcher Oasen. Unsere Schule könnte ein Modell sein für Rumänien.“ Doch sei Schule „nicht das einzige Rädchen im Getriebe“. Sie habe an einer Anstalt in Hamburg unterrichtet, an der Nazismus und Kommunismus im Geschichtsunterricht sehr kritisch behandelt wurden. Und trotzdem gibt es auch in Deutschland das Phänomen, dass Umfragen unter Jugendlichen erschreckend hohe Toleranz und Sympathien für Hitler oder Kommunismusnostalgie aufzeigten. „Woher kommen diese Informationen, die den Schulunterricht sabotieren?“, fragt sie und verweist auf das Problem der Online-Desinformation. Es sei schwer, das Onlineverhalten der Schüler zu kontrollieren, für die Schule wie für die Eltern. Bemühen müsse man sich trotzdem. „Ich sage immer: Wenn ich in einem totalitären Regime ende, dann habe ich in meinen Beruf versagt.“

„Der rumänische Staat und die Medien sind gut – aber wie gehen wir mit den Online-Medien um?“, greift Cioflâncă den Faden auf. Verschiedene Kommissionen sollen die Probleme lösen, doch sei ihre Arbeit untransparent und unterfinanziert. „Man verlangt mehr Digitalisierung und Datenbanken – aber mit denselben Ressourcen im Staat.“ Mehr systemisches Denken sei erforderlich, ein stärkerer akademischer Beitrag, aber auch mehr Dialog mit Technokraten, denn „angstmachende Messages verbreiten sich massiv und schnell“.

Wir leben in einer medialen Revolution, betont Șindilariu und resümiert: „Erinnerungskultur IST nationale Verteidigung!“ Wenn wir nichts tun, würden wir genauso enden, wie Ilinca unkte: in einem totalitären Regime. „Wir müssen die Online-Plattformen mit ihren eigenen Mitteln schlagen, die Algorithmen für uns nutzen.“ „Wir brauchen ein ‚TikTok-Department‘ und Social Media, um die Neugier anzuregen.“ „Wir müssen mit unseren Botschaften viral gehen!“