Randbemerkungen: Alle sind Ostflanke


Alle Länder Europas (Tiefen-Russland war noch nie wirklich Europa!) seien  jetzt an der Ostflanke der NATO. Der Satz von NATO-Generalsekretär Mark Rutte (September, Luxemburg) ging damals an den sonst so gespitzten Ohren der Beobachter vorbei. Es musste der Wetterhahn aus dem Weißen Haus mehrere seiner Grobianismen gegenüber der Ukraine loslassen und wiederholt die Europäer durch Ignorierung düpieren und im Interesse seines Geistesbruders im Kreml sprechen, bis der Weckruf gehört wurde.
Die beharrliche Aufklärungsdiplomatie Wolodymyr Selenskyjs trug auch zum Bewusstseinswandel im bis Februar 2022 konfusen, zerrissenen, seine Identität vage-unüberzeugt suchenden, in Stereotypien verhedderten, Eigeninteressen frönenden aber selbstgefälligen Europa bei. Letztendlich ist es dem tapferen Ukrainer zu verdanken, dass allen klar wurde, dass sich die Aggression Russlands nur vordergründig gegen die Ukraine richtet, dass es ein Krieg Russlands gegen die Zivilisation Europas ist. Denn die Ostflanke Europas, der NATO, reicht bis an die Atlantikküste. 

Irgendwann kann jeder Opfer des Aggressors aus dem Osten werden. Vor Russland ist keiner sicher. Es braucht keinen glaubhaften, vernunftbasierten Grund zum Angriff. Der Angriffskrieg ist Existenzgrundlage Russlands, in Jahrhunderten unaufhörlicher Expansion. Für den Kreml reicht seine – nur seine – Interpretation der Landkarten, der Geschichte, der Geopolitik und die Perzeption seiner Eigeninteressen: jede Aggression gegen andere Staaten ist rechtfertigbar. Vor sich selber. Andere sind für den Kreml bloß von Interesse, insofern sie potenzielle Expansionsobjekte sind.

Leider muss man – und nicht nur wenn man in Rumänien sitzt und nur eine hauchdünne Schutzwand gegenüber Russland hat – die Lage seit der Inbesitznahme der Krim 2014 so sehen. Die Polen und die Balten haben das früh erkannt und sich – auch aufgrund nicht allzu lange zurückliegender Geschichts- und Lebenserfahrungen – demgemäß verhalten: sie haben fieberhaft mit ihrer Aufrüstung begonnen. Letztens scheint es uns glaubhaft, dass auch Macron, Merz, Starmer und der Finne Stubb die Situation realistisch zu sehen beginnen (wenn selbst die Deutschen ihr notorisch-gebetsmühlenartiges Zerreden aller Probleme abgebrochen haben...) oder zumindest dem Beispiel kleinerer Länder (Niederlande, Dänemark, Norwegen usw.) zu folgen bereit sind, die längst erkannt haben, wie wichtig die Ukraine als Boll- und (Zer-) Mahlwerk der russischen Kriegsmaschinerie ist. Sie also unterstützen. Militärisch, finanziell, diplomatisch. Moralisch allein nützt zu wenig.

Auch gegen die (und vor der) blinde(n) Dampfwalze aus dem Weißen Haus. Zunehmend an Bedeutung gewinnt so die E5 (England, Frankreich, Deutschland, Polen, Italien), der Rat der Verteidigungsminister, potenziell das neue Herz der NATO, derart, wie das transatlantische Herz im Weißen Haus europafeindlich schlägt... „Diplomatische Begegnungen“ in Übersee werden sicher nicht ewig mit Clownerien der Regierungschefs aus Europa glimpflich ablaufen, die sich erniedrigen, um den launischen Diktator im Weißen Haus bei Laune zu halten und Europa gegenüber günstig zu stimmen. Europa muss endlich sein durchaus begründetes Selbstbewusstsein herauskehren und jedem seine Grenzen aufzeigen, der es auf die Füße tritt.

Die „Sicherheitslinie Europas“ befinde sich „an der russisch-ukrainischen Frontlinie“, meint Pawel Zalewski, Vize-Verteidigungsminister Polens. Begründet damit Polens Finanzhilfe für die Ukraine. Boris Pistorus spricht von „sichtbaren Folgen“ der Maßnahmen gegen Russland und fordert „keinerlei Lockerung“ derselben. Kaja Kallas versichert, der „Preis der Ukraineunterstützung sei vergleichs-weise der Wert von Verhandlungen gegenüber den Kosten eines russischen Sieges.“

Putin hingegen will nicht verhandeln. Er diktiert. Trump handelt willig.