Ein Jahrhundert nach den Aufnahmen auf Wachswalzen verbreitet sich die Musik des rumänischen Dorfes weiterhin in der Welt. Diesmal trägt sie die Handschrift eines in Temeswar/Timișoara geborenen Projekts, das sich auf den anspruchsvollsten internationalen Bühnen behauptet hat. Von der Stadt an der Bega bis hin zu internationalen Bühnen wie dem National Sawdust in Brooklyn oder großen europäischen Jazzfestivals ist „Retracing Bartók“ eines der beständigsten und ambitioniertesten rumänischen Kulturprojekte des letzten Jahrzehnts. Das Projekt ist mehr als nur ein Konzert oder eine Ausstellung, es ist ein Unterfangen der kulturellen Archäologie, das eines der wichtigsten musikalischen Erben Europas in die Gegenwart zurückholt: die Feldforschung, die Béla Bartók zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Dörfern betrieb.
Die Idee zu „Retracing Bartók“ entstand 2018 im Kontext der Vorbereitungen für das Programm „Temeswar – Kulturhauptstadt Europas“ aus einem Gespräch zwischen Alin Rotariu, Designer und Kurator kultureller Projekte, und dem Pianisten Lucian Ban, einem in New York lebenden rumänischen Musiker. Ausgehend von Bans Erfahrung in der Neuinterpretation von Enescus Werk gelangte das Gespräch ganz natürlich zu Béla Bartók, einem in Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare im Banat geborenen Komponisten. Nicht Bartóks bereits eta-blierte Musik stand jedoch im Mittelpunkt, sondern seine weniger bekannte Arbeit: die ethnomusikologische Forschung. „Seine Forschungsarbeit, die im Banat und in Siebenbürgen gesammelten Lieder, die die Grundlage seiner Kompositionen bilden, aber für die breite Öffentlichkeit lange unsichtbar blieben“, sagt Projekt-Koinitiator Alin Rotariu.
Zwischen 1907 und 1918 sammelte, notierte und nahm Bartók über 11.000 traditionelle Melodien aus Mitteleuropa, Anatolien, Nordafrika und sogar Lappland auf. Davon stammen etwa 3600 aus dem heutzutage rumänischen Raum (Banat, Siebenbürgen, Maramuresch), die von Bartók als die am wenigsten durch externe Einflüsse „verfälschten“ Regionen angesehen wurden. „Es handelt sich um ein Portfolio rumänischer Lieder, die auf absolut außergewöhnliche Weise notiert und systematisiert wurden. Es ist wahrscheinlich die größte Sammlung rumänischer Folklore, die jemals von einem einzelnen Menschen erstellt wurde“, so Rotariu.
Der Zugang zu diesen Archiven war keineswegs einfach. Ein Großteil des Materials befindet sich in Budapest, in den Bartók-Archiven und im Ethnografischen Museum, in Form von Wachswalzen, Originalpartituren, Briefen, Fotografien und Forschungsdokumenten. Da ähnliche Archive in Rumänien fehlen, wurde das Projekt „Retracing Bartók“ durch eine kontinuierliche Arbeit der Dokumentation, des Vergleichs und der Neuinterpretation dieser Quellen aufgebaut. „Wir haben mit Originalpartituren, Digitalisierungen der Wachswalzen, Briefen und Fotos gearbeitet, die Bartók selbst in den Dörfern aufgenommen hat“, erklärt der Kurator.
Ein lebendiges Archiv
Weit davon entfernt, eine reine Ausstellung von Kulturerbe-Objekten zu sein, ist „Retracing Bartók“ vor allem ein Musikprojekt. Das Team konzentrierte sich darauf, die Originalpartituren mit den historischen Aufnahmen zu vergleichen und sie in einer zeitgenössischen Tonart neu zu interpretieren – insbesondere durch Jazz, ein Genre, das wie die authentische Folklore auf Improvisation und mündlicher Überlieferung basiert. „Wir haben uns nicht auf Objekte konzentriert, da die Arbeit mit materiellem Erbe extrem heikel ist. Uns interessierte die Musik. Der Klang. Die Art und Weise, wie diese Lieder in die Gegenwart geholt werden können, ohne geschönt oder verfälscht zu werden“, sagt Alin Rotariu. Bartók selbst war in seiner Arbeit äußerst akribisch und notierte minutiös Melodievarianten, Texte, Tänze, Schritte und sogar Kostümdetails. „Es ist eine absolut außergewöhnliche Röntgenaufnahme des rumänischen Dorfes von vor 100 Jahren“, betont Rotariu. „Er hat nichts geschönt, im Gegensatz zu dem, was später während der kommunistischen Ära geschah, als die Folklore verstümmelt wurde, um zu Propaganda zu werden“, erklärt der Kurator des Projekts.
Die Musik im Zentrum des Geschehens
Bisher wurden über 300 der 3600 existierenden Stücke bearbeitet, wobei jeder „Block“ von Liedern zur Basis für ein neues Album oder Konzert wurde. Das Projekt hat bereits sechs Alben hervorgebracht, die bei einigen der renommiertesten Labels der Welt wie Sunnyside Records (New York) oder ECM (Berlin) erschienen sind.
Das erste Album, aufgenommen im Barocksaal des Nationalen Kunstmuseums in Temeswar, erreichte 2020 Platz 8 der Billboard Jazz Charts und wurde von Publikationen wie The New York Times, Downbeat, NPR oder dem Deutschlandfunk gelobt. Für Temeswar war es eine der seltenen Gelegenheiten der Nachwendezeit, in denen die Stadt durch ein lokal produziertes Kulturprojekt in der internationalen Prestigepresse erwähnt wurde.
Eine der Stärken von „Retracing Bartók“ ist die sorgfältige Auswahl der gastierenden Musiker. Von John Surman, einer legendären Figur des europäischen Jazz, bis hin zu Lucian Ban, Mat Maneri, Gerald Cleaver oder Marco Colonna – jeder Mitwirkende verfügt über fundierte Erfahrung in der Neuinterpretation von Folklore und in improvisierter Musik.
Diese Begegnungen seien kein Zufall, unterstreicht Alin Rotariu. Künstlerische Kompatibilität und ein tiefes Verständnis des Materials seien essenziell, um einen kohärenten Diskurs aufzubauen, der Bartóks Archiv respektiert, ohne es in eine museale Übung zu verwandeln. Das Projekt entwickelte sich auch formal ständig weiter: Konzerte mit Videoprojektionen aus Bartóks Fotografien, immersive Ausstellungen, interaktive Installationen sowie Experimente mit elektronischer Musik zusammen mit Silent Strike und dem Duo Makunouchi Bento. Jede Etappe fügte dem Erbe einen neuen Interpretationsansatz hinzu.
Ausstellungen, Residenzen und Dialog mit neuen Generationen
Neben den Konzerten hat „Retracing Bartók“ eine starke Ausstellungskomponente entwickelt. Die Ausstellung „Fă-mă, Doamne, subțire și înaltă“ (Deutsch: „Mach mich, Herr, groß und schlank“), die im Herbst 2025 in der ehemaligen ELBA-Fabrik in Temeswar und zuvor in Klausenburg/Cluj-Napoca präsentiert wurde, brachte Bartóks Fotografien, Archivdokumente und zeitgenössische Interpretationen in einen Dialog.
Ein weiteres wichtiges Unterfangen war der nationale Kompositionswettbewerb für junge Musiker. Im Gegensatz zu klassischen Wettbewerben legte das Projekt Wert darauf, dass die Finalwerke live in Zusammenarbeit mit dem Temeswarer ATEM-Ensemble aufgeführt wurden, wodurch der Wettbewerb zu einem echten Prozess des Schaffens und Mentorings wurde.
Ein europäischer Bartók
Das Projekt besitzt auch eine kritische Dimension in Bezug auf die Instrumentalisierung von Folklore in nationalistischen Diskursen. „Bartók war ein überzeugter Europäer, extrem offen und demokratisch. Durch unser Projekt wollten wir zeigen, dass die rumänische Folklore in einem europäischen Kontext besteht und dass sie Arbeitsmaterial auf höchstem Niveau ist, kein ideologischer Vorwand“, betont Rotariu. Béla Bartók wird somit als kosmopolitischer Forscher präsentiert, der an den subtilen Verbindungen zwischen den Kulturen und dem gemeinsamen Kern traditioneller Musik interessiert war. Das Projekt beweist, dass die rumänische Folklore neben jedem bedeutenden musikalischen Erbe der Welt bestehen kann und fruchtbares Material für zeitgenössisches Schaffen auf höchstem Niveau bietet.
Temeswar: Ein Kulturlabor mit ungenutztem Potenzial
Für Alin Rotariu ist „Retracing Bartók“ auch ein Statement über die Stadt Temeswar als Ort der kulturellen Produktion, nicht nur des Konsums. Obwohl die Stadt noch unter dem Mangel an geeigneten Räumen für Konzerte und Aufnahmen leidet, hat das Projekt gezeigt, dass von hier aus Produktionen mit internationaler Relevanz entstehen können – basierend auf Forschung, Ausdauer und soliden beruflichen Netzwerken.
Mit bisher über 98 Konzerten – die meisten davon außerhalb Rumäniens – und bereits bestätigten neuen internationalen Aufträgen scheint „Retracing Bartók“ erst am Anfang zu stehen. Zu den nächsten Schritten gehören die Arbeit mit Texten und Dichtern, vokale Erkundungen und die Fortsetzung der Erforschung eines Archivs, das noch Tausende von Liedern zu erzählen hat.








