Gas hat für Rumänien eine enorme geopolitische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung. Bald soll das Gasvorkommen „Neptun Deep“ weit vor der rumänischen Küste im Schwarzen Meer erschlossen werden. Das kann die rumänische Wirtschaft stärken und die EU unabhängiger von russischem Gas machen. Doch ist eine langfristige Konsolidierung der Nutzung dieses fossilen Brennstoffs vor dem Hintergrund anderer Nachteile – Explosionsgefahr, Gesundheitsschäden, Klimawandel, Naturschutz – sinnvoll? Und warum möchte Greenpeace das Projekt unbedingt verhindern?
Im Oktober im vergangenen Jahr gab es im Bukarester Stadtteil Rahova eine Gasexplosion. Bei dieser starben drei Menschen und viele weitere wurden verletzt. Im November ging es in der Hauptstadt weiter: Gaslecks in der Innenstadt, ein Fehlalarm an einer Schule... Immer wieder gibt es Gasexplosionen in Wohnblocks im ganzen Land. Oder erinnern wir uns an die verheerende Explosion der Gasfüllstation in Crevedia im August 2023, die sechs Todesoper forderte. Die Unfälle offenbaren, was sicherlich kein Geheimnis war: Die Gasinfrastruktur in Rumänien ist vielerorts marode, alt und zu Teilen auch gefährlich.
Strukturelle Probleme in Bukarest wurden mit dem Unfall in Rahova offenbar: Die Leitungen scheinen an vielen Stellen in problematischen Zuständen. Auch wenn das veraltete Netz an einzelnen Orten von den verantwortlichen Unternehmen erneuert wird, sind dann stets zahlreiche Haushalte vorübergehend von der Gasversorgung abgekoppelt. Das heißt, dass die betroffenen Menschen – gerade aktuell im Winter – frieren müssen oder auf nicht minder gefährliche Improvisationen zum Heizen zurückgreifen.
Eine unsichtbare Gesundheitsgefahr
Eine zusätzliche Gefahr stellt aber auch die Nutzung von Gasherden dar. Eine spanische Studie, die die österreichische Zeitung „Der Standard“ zitiert, hat he-rausgearbeitet, dass jedes Jahr ungefähr 40.000 Menschen in Europa durch Gasherde sterben. Das heißt natürlich nicht, dass es jedes Jahr so viele Explosionen gibt. Das Problem sind die Schadstoffe, die beim Kochen mit Gas entstehen. Denn dabei wird Stickstoffdioxid ausgestoßen, das Herz- und Lungenkrankheiten verursachen kann. Wenn nach dem Kochen nicht ausreichend gelüftet wird, können die Schadstoffe auch länger in der Luft bleiben.
Doch wie kommt man dabei auf 40.000 Tote? „Die Studienautoren kartierten die NO2-Belastung durch Gasherde in Innenräumen und verglichen sie mit der Belastung mit diesem Gas im Freien – dort kommt es hauptsächlich aus dem Verkehr. Daraus wurde die Zahl der vorzeitigen Todesfälle berechnet. Die Ergebnisse stehen im Einklang mit einer im Mai in den USA durchgeführten Studie.
Die Studien machen klar, dass ein Gasherd gesundheitsschädlich sein kann. Jedoch können viele Menschen in Rumänien nicht auf ihren Gasherd verzichten, weil es entweder keine Alternativen gibt oder man sich die Umstellung auf andere Kochgeräte nicht leisten kann. Dann wird vor allem empfohlen, während und nach dem Kochen zu lüften und auf keinen Fall die offene Gasflamme zum Heizen in der Wohnung zu benutzen.
Energiesicherheit und -unabhängigkeit Rumäniens
Doch trotz all dem setzt Rumänien offenbar langfristig weiter auf Gas. Um die Versorgung zu sichern, soll demnächst das im Schwarzen Meer liegende Gasfeld „Neptun Deep“ angezapft werden. Dieses liegt ungefähr 160 Kilometer vor der Küste von Rumänien und zählt zum Land als ausschließliche Wirtschaftszone. Es liegt also relativ zentral im Schwarzen Meer und nicht weit von der Küste der Krim, die von Russland besetzt wird, entfernt.
Das Gasunternehmen OMV Petrom verspricht sich laut Website dennoch viel von dem Projekt: „Nach seiner Fertigstellung wird das Neptun Deep-Feld zur Energiesicherheit und -unabhängigkeit Rumäniens beitragen, die Energiewende des Landes unterstützen und seine wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben“. Dies wird jedoch erst mal bis zu vier Milliarden Euro kosten, die sich OMV Petrom mit dem staatlichen, rumänischen Unternehmen Romgaz teilt. Beide Parteien haben 50 Prozent Anteil am Projekt. Die ersten Bohrungen – durch eine große Bohrinsel, die bereits zu „Neptun Deep“ ins Schwarze Meer gebracht wurde, – sind bereits im Gange. Ab 2027 soll das erste Gas fließen.
Ein großes Versprechen an Europa
OMV Petrom macht außerdem ein großes Versprechen: „Mit geschätzten förderbaren Mengen von rund 100 Milliarden Kubikmetern Erdgas wird Rumänien durch Neptun Deep zum größten Gasproduzenten der Europäischen Union aufsteigen.“
Dadurch wäre Rumänien laut dem Unternehmen energietechnisch autark und könnte ganz Europa helfen, unabhängiger vom russischen Gas zu werden.
Welche Auswirkungen das auf die rumänische Wirtschaft genau haben wird, lässt sich nicht sagen. Die Verantwortlichen und der rumänische Staat versprechen sich weniger Abhängigkeit von anderen Energieressourcen und vor allem mehr Geld – ob und wie dieses jedoch zum Wohle der Bürger eingesetzt werden soll, steht noch in den Sternen.
Wie steht es mit der militärischen Sicherheit?
Auf der anderen Seite hätte Rumänien dann enorm wichtige energetische Infrastruktur mitten im Schwarzen Meer, in der Nähe des russischen Angriffskrieges. Genau darü-ber sprach auch der Militärexperte George Scutaru, Leiter des „New Strategy Center“, bei der vergangenen Verteidigungskonferenz der AHK im November 2025 in Bukarest. „Russland wird die Gasentwicklung und Förderung schikanieren“, prognostiziert er. Deswegen sei die IT-Sicherheit der Anlage extrem wichtig.
Der rumänische Generalstabschef Gheorghiță Vlad erklärte Mitte Januar, laut informat.ro außerdem, dass Rumäniens ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) im Schwarzen Meer nicht unter Artikel 5 des NATO-Vertrags falle, zumal das Gebiet jenseits der Hoheitsgewässer liegt. Rumäniens Flotte müsse daher in der Lage sein, die dortige kritische Infrastruktur selbst zu schützen – und dazu gehört nicht nur Neptun Deep, sondern auch elektrische Unterseekabel oder die U-Boot-Kommunikation. Es bestehe das Risiko von Interferenzen mit russischen Schiffen und Aufklärungsflügen, warnt Vlad. Priorität müsse daher eine entsprechende Aufrüstung der Flotte sein.
Auch Militärexperte George Scutaru wies im Januar in einem Interview auf dem TV-Sender Digi24 auf die Gefahr russischer Provokationen in der AWZ hin, ein Gebiet, das sich seiner Ansicht nach auch für Operationen unter falscher Flagge eigne.
Unsicher sei zudem die Rechtslage: Derzeit gibt es keine klare Regelung zum Abschuss von Drohnen in der AWZ, warnt Scutaru.
Allerdings schließe die Armee nicht aus, dass die Türkei – oder auch die Koalition der Willigen – beim Schutz von „Neptun Deep“ helfen könnte, räumt Gheorghiță Vlad ein.
Umweltschützer warnen vor Klimaschäden
Die Umweltorganisation „Greenpeace“ sieht im Projekt noch weitere Gefahren. Vor allem für die Umwelt und insbesondere für die Biodiversität im Schwarzen Meer. „Neptun Deep ist eine Bedrohung für gegenwärtige und zukünftige Generationen“, titelt die Organisation sogar. Doch was genau befürchten die Umweltschützer?
Ein Hauptproblem: Laut einer Schätzung von Greenpeace Rumänien könnte das Projekt über 20 Jahre mehr als 200 Millionen Tonnen Treibhausgas-emissionen verursachen. Dadurch werde es, so Greenpeace, mehr Extremtemperaturen geben, was zu mehr Hitzetoten führt. Die Umweltschützer berufen sich auf eine Studie, die Prof. Dr. Wim Thiery von der Vrije Universität Brüssel für Greenpeace Rumänien angefertigt hat. Laut dieser werden unter anderem „1,2 Millionen Kinder, die zwischen 2010 und 2020 geboren wurden, voraussichtlich im Laufe ihres Lebens eine zusätzliche Hitzewelle erleben – allein aufgrund der Emissionen aus dem „Neptun Deep“-Projekt.“
Maritime Fauna und Flora in Gefahr
Darüber hinaus werde laut Greenpeace die Biodiversität im Schwarzen Meer stark beeinflusst. „Das Schwarze Meer wird in den nächsten Jahren zu einer Baustelle werden: Zehn Bohrungen sollen im Fördergebiet durchgeführt werden, eine 160 Kilometer lange Pipeline soll zur Küste führen und Dutzende Schiffe werden Infrastruktur-Materialien transportieren. Dadurch werden Fische, Meeressäugetiere und Landtiere sowie deren Lebensräume geschädigt“, so die Umweltschützer.
Ist das Gas wirklich notwendig?
Außerdem behauptet die Organisation, dass das Gas aus „Neptun Deep“ gar nicht für Europas Energiesicherheit notwendig und das Argument von OMV Petrom hinfällig sei. „Mehrere Analysen zeigen, dass die EU keine erweiterten Gaslieferungen benötigt, um die aktuell sinkende Nachfrage zu decken“, so Greenpeace.
Der Rat der EU erklärt auf seiner Webseite, dass viel Gas von außerhalb der EU importiert wird, unter anderem aus den USA, Algerien, Aserbaidschan und auch Russland.
Fazit: Es werden also nicht per se neue Lieferungen benötigt. Aber die EU ist von außenstehenden Staaten abhängig, was mit dem rumänischen Gas durchaus reduziert werden könnte.
Naturschützer fordern: Weg vom fossilen Brennstoff
Greenpeace fordert trotzdem, dass die Regierungen Europas aufhören sollen, in neue Infrastruktur für fossiles Gas zu investieren. Statt dessen sollte die Reduzierung von Energieverschwendung dringend vorangetrieben und die Beschleunigung des Übergangs zu erneuerbaren Energien gefördert werden. Dadurch soll die EU insgesamt weniger abhängig vom „geopolitischen Instrument“ fossiles Gas werden, insbesondere auch im Hinblick auf die russische Bedrohung am Schwarzen Meer.
Ein Leben ohne Erdgas sei auch, so die Umweltschützer, besser für die allgemeine Gesundheit der Menschen.





