„Schulisch ist noch Luft nach oben beim Fördern des Bürgersinns unter Kindern“

Elf Fragen an Rechtsanwältin und Soziologin Simona Jeflea

Ob und wie deutlich sie damit übereinstimme, dass die Spaltung der Gesellschaft Rumäniens auch am Defizit in Sachen Gewalten-Teilung festgemacht werden kann, möchte sie nicht beantworten: die Frage wäre zu verallgemeinernd formuliert, und natürlich hat Simona Jeflea recht. Zwanglose Gespräche über etwas Juristisches in Experten-Büros fühlen sich für Laien vielleicht an wie Smalltalk mit Beamten im diplomatischen Auftrag – persönliche Meinungen gehen nicht an. Man kann nur hoffen, sie zu erfahren, ohne danach gefragt zu haben. Trotzdem packt Simona Jeflea gerne Technisches ihrer Domäne aus, da sie andernfalls vor einem halben Jahr gewiss nicht zum Sommer-Workshop der Astra-Bibliothek für Jugendliche in Hermannstadt/Sibiu eingeladen worden wäre. Im Interview wollte sie sich nicht zu Rumäniens Urteilsfähigkeit über sich selbst äußern. Klaus Philippi hatte sich glücklicherweise auch andere Fragen überlegt.

Ihr Vortrag vor Jugendlichen im Juli 2025 in der Astra-Bibliothek, Frau Simona Jeflea, war für Sie weder Zufall noch Premiere. Was wissen Teenager in Rumänien allgemein über juristische Berufe wie Richter, Staatsanwalt und Rechtsanwalt, und was verstehen sie von Gewaltenteilung?

Landesweit läuft ein Projekt auf Basis von Partnerschaft zwischen der Vereinigung der Anwaltskammern in Rumänien (UNBR) und den Schulen, die daran teilnehmen möchten. Die Zuarbeit, die wir als Mitglieder der Anwaltskammern erbringen, geschieht exklusiv freiwillig, und setzt voraus, dass über die Dauer eines Schuljahres verteilt ganze acht Themen für Kinder und Jugendliche von der 5. bis zur 12. Klasse aufbereitet werden. Selbstverständlich bringt es eine so große Altersspanne mit sich, dass einige mehr und andere wiederum weniger Vorwissen haben. Ich koordiniere das Projekt-Geschehen im Kreis Hermannstadt und habe bislang vorwiegend im Dörflichen vor und mit Minderjährigen Rechtliches besprochen. Absichtlich, damit auch rural Aufwachsende einen Zugang zu den juristischen Informationen erhalten. In Freck/Avrig, Mâr{a, Boi]a und Heltau/Cisn˛die beispiels-weise habe ich erstaunt festgestellt, dass Kinder trotz ihrer nicht-städtischen Heimat klar Ahnung von juristischen Belangen haben. Ihr Potenzial ist außerordentlich und hat uns Freude während der gemeinsamen Zeit in Klassenräumen bereitet.

Was genau den einen juristischen Beruf vom anderen unterscheidet, wussten die Kinder nicht, es gab Verwechslungen zwischen Richter und Staatsanwalt, doch ich hoffe, die Missverständnisse beseitigt zu haben. Wir haben uns Videos von Prozess-Simulationen angeschaut und sie in den Schulen lebenswirklich nachgespielt, wo jedem seine bestimmte Rolle wie Staatsanwalt, Richter, Protokollführer, Anwalt, Beschuldigter oder zu Schaden Gekommener zugeteilt wurde. Und ich meine, dass alle sich schließlich über die zunächst noch fremden Begriffe im Klaren waren. Das Prinzip der Gewaltenteilung kommt im Programm der UNBR an Schulen nicht vor, steht jedoch meines Wissens nach kurz vor Aufnahme in die Auswahl an Themen noch während des aktuellen Schuljahres. Geplant ist ein Bewusstmachen von Gewaltenteilung in Zusammenlegung mit dem Erklären vom Verfassungs- und Wahlrecht. Allerdings warten wir Anwälte nach wie vor auf die dafür von der UNBR zur Verfügung zu stellenden Lehrmaterialien. Klar bin ich mit Schülerinnen und Schülern schon hie und da auf Gewaltenteilung zu sprechen gekommen, aber das immer nur am Rande. Der eigene Fokus auf Gewaltenteilung folgt erst noch.

Wie ist der Stundenplan des Bildungsprojekts der UNBR an den mitmachenden Schulen aufgestellt?

In der Regel wird uns die Klassenstunde überlassen. Jedes einzelne Thema wird eine Stunde lang behandelt, und in der Summe kommt das Projekt auf acht Klassenstunden pro Schuljahr. Es läuft seit fünf Jahren, die Kinder finden es sehr gut, nur leider hat die Bereitschaft der Mitglieder von Anwalts-Kammern zum freiwilligen Einsatz für das Projekt deutlich abgenommen. Der juristische Beruf ist nunmal sehr zeitaufwendig, und das Volontariat wird als deutlich weniger wichtig angesehen. Trotzdem kommen wir jedes Jahr mit unserem Soll im Kreis Hermannstadt zurecht.

Bei uns im Land wird allgemein sehr wenig gelesen, Rumänien kommt im EU-Vergleich regelmäßig schlecht weg. Was hat Ihre Erfahrung in den Schulen zumeist auf dem Dorf dazu bestätigt oder widerlegt?

Ich habe Zweifel, ob Schülerinnen und Schüler sich ihre Kenntnisse über Rechtliches beim Lesen holen, wo die altersspezifische Lektüre sehr geringe juristische Informationen bietet. Wissens-Quellen sind ihnen die Medien und besonders die Social-Media-Netzwerke, und manchmal auch Gespräche in der Familie mit den Eltern. Einseitige Vorträge habe ich noch nie halten müssen, die Minderjährigen sind ziemlich gut informiert und fähig zur Auseinandersetzung. Es fällt mir auf, dass ihnen vor allem Verbrechen und Strafrecht viel sagen, als ob es sie persönlich betrifft. Debattiert haben wir auch über das Mobbing als Form von Gewalt, wobei die Teenager etliche Aspekte bereits auf dem Schirm hatten.

Aus was für Gründen kommen Minderjährige meistens zu Ihnen, denen Sie gemäß Ihrer Homepage ebenso wie auch Erwachsenen das Versprechen von Vertraulichkeit in rechtlicher Beratung und Begleitung bieten?

Strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann man ab 14 Jahren. Kommt eine noch nicht volljährige Person zu mir, tut sie es gewöhnlich als jemand, der oder dem Schaden zugefügt wurde. Es schwingt immer auch eine gewisse Dosis Naivität mit; gelegentlich sind ihnen die juristischen Gegebenheiten der Zuwiderhandlungen, unter denen sie gelitten haben oder leiden, nicht in der Tat bewusst, obschon sie von einigen Konsequenzen Bescheid wissen. Anfangen kann es auch mit nicht wirklich übelwollenden Szenarien wie zum Beispiel Bein-Stellen während des Spielens auf dem Schulkorridor oder Einsperren eines Kollegen in der Schultoilette, einfach nur so aus Witz. Oder das Greifen nach einem Pausenbrot von Nachbars Bank, das einem nicht gehört, ohne ihn vorher darum gefragt und seine Erlaubnis bekommen zu haben: das ist Diebstahl. Feedbacks solcher Reibereien kenne ich von Klassenlehrern und Schulleitern, denen meine projektmäßige Beschäftigung mit ihren Schülerinnen und Schülern ebenso die Augen geöffnet hat. Fragen Erwachsener sind in derartigen Fällen an Bildungseinrichtungen nicht weniger häufig.

Es ist unmoralisch, Täter zu sein, man denke hierbei nur etwa an den Spitzenplatz Rumäniens auf der EU-Skala schwerer Unfälle im Straßenverkehr. Aber es gehört zur Justiz, dass auch ein Täter oder gar Verbrecher zu seiner gerichtlichen Verteidigung Dienste eines Anwalts beanspruchen darf. Wie wecken Sie einschließlich bei Erwachsenen das Bewusstsein für Moral und Justiz, die nicht selten in Widerspruch zueinander geraten?

Mit Kindern sprechen wir freiwilligen Profis von der UNBR in der Schule auch über das Verkehrsgesetzbuch, und da geht es mit um die elektrischen Tretroller. Im Trennen zwischen Moral und Justiz gilt das Rechtsprinzip der Unschuldigkeit bis zum Zeitpunkt eines Beweisverfahrens, das ohne Zweifel die Täterschaft der vor Gericht angeklagten Person belegt. Andernfalls profitiert sie vom Erbringen entlastender Beweise. Ob und wie weit so etwas mit Moral zu tun hat, hängt von Fall zu Fall ab. Mit seinem eigenem Namen in einer Strafakte erwähnt werden kann man auch ohne eine direkte Schuld. Nicht jede Verletzung im Straßenverkehr passiert aus Alleinschuld. Fußgänger, die ohne einen Zebrastreifen die Straße überqueren, es im Laufen tun oder nicht vom Fahrrad absteigen, tragen selber mit Verantwortung am Unfall, der sie zu Schaden bringt. Fahrlässigkeit bis Vorsätzlichkeit alleine auf Seiten des Täters muss nachgewiesen werden, und nur in diesem Fall sind Moral und Justiz auch wirklich deckungsgleich.

Wo kommen dabei Ihre soziologischen Kompetenzen ins Spiel?

Den Kindern erzähle ich immer von Empathie. Ich halte sie dazu an, sich vorzustellen, wie es sich anfühlen mag, in der Haut eines anderen zu stecken. Wir haben den Aggressor und sein Opfer. Ob es ihnen gefallen würde, Opfer zu sein? In der breiten Gesellschaft fällt die Gleichgültigkeit gegenüber Problemen oder Bedürfnissen von Mitmenschen auf, und bei Kindern ist es oft nicht anders. Bis gar dahin, dass gelacht wird, wenn ein anderes Kind angegriffen und der öffentlichen Ächtung ausgesetzt wird. Sie verstehen nicht, dass das nicht die korrekte Haltung ist, zu lachen und den anderen sich quälen zu lassen, statt ihm zu helfen. Schulisch ist noch Luft nach oben beim Fördern des Bürgersinns unter Kindern.

Wie weit hat das vor drei Jahrzehnten Ihre Entscheidung zum Soziologie-Studium genährt?

Es waren die Jahre des Wiedereinführens von diesem Studiengang in Rumänien, belegt habe ich ihn in Klausenburg/Cluj-Napoca. Davor war ich Schülerin eines Pädagogischen Gymnasiums gewesen, bin also für einen sozialen Beruf ausgebildet. Und weil ich im Allgemeinen Menschen helfen und mit ihnen so gut wie möglich kommunizieren können wollte, habe ich auch Jura studiert.

Was gab eigentlich wann den Auslöser für Jura?

Geplant war es nicht von Anfang an. Im Soziologie-Studium jedoch gab es das Fach Organisationskultur, wovon ich mich angesprochen fühlte, und das meinen Blick für das Arbeitsrecht mit Pflichten und Rechten von Arbeitnehmern geweckt und geschärft hat. Die ersten sechs Jahre nach dem Jura-Studium habe ich als Human-Resources-Managerin in Büros von Privatgesellschaften auf dem Arbeitsmarkt verbracht, und seit 2009 bin ich Rechtsanwältin.

Vom Jura-Studium erzählt man sich hin und wieder, dass es zu den teuersten Universitäts-Ausbildungen für seine Nutznießer über-haupt zähle. Wie steht es um Ihre Erfahrung und Meinung zur Wirklichkeit oder zum Gerücht?

Der Studiengang Rechtswissenschaften wird genauso wie auch all die anderen Zweige höherer Bildung staatlich-finanziell gefördert. Studiengebühren zu zahlen hat, wer sich bei der Zugangsprüfung nicht für die subventionierten Ausbildungsplätze qualifiziert. So teuer wie die medizinische Fakultät ist Jura vergleichweise nicht. Klar bedeuten die Kursbücher, die bibliografischen Pflichtwerke und die Traktate beträchtlichen Finanzaufwand, doch stehen sie Studierenden auch in Bibliotheken zur Verfügung. Ich verstehe nicht, welchen besonderen Finanzaufwand Sie ansprechen.

Dann frage ich gezielter: stimmt es, dass am Anfang einer jeden juristischen Karriere unbedingt die „stagiatur˛” steht, also eine Assistenzzeit für zukünftige Rechtsanwälte wie für angehende Fachärzte im Krankenhaus nach diplomiertem Bestehen eines vorangegangenen Hochschulstudiums?
Ja, genau. Zur indirekten Finanzfrage dahinter: es gab auch schon mal unlautere Praktiken, dass Anwälte während der Assistenzzeit informelle Geldzahlungen zu leisten unter Druck gesetzt wurden, wenn Sie so wollen, aber ich glaube, dass derartige Gewohnheiten nicht mehr existieren.

Bei Ihnen selber hat sich das Interesse an Rechtswissenschaften nach und nach ergeben. Gibt es für Sie auch Kriterien, die dem einen oder anderen Menschen nahelegen sollten, von Jura besser die Finger zu lassen?

Ich rate niemdem, eine Trennwand zwischen Rechtswissenschaft und sich selber aufzurichten oder sich hart davor schützen zu wollen. Eher finde ich, dass Bildung in Rechtsfragen für alle und jeden Pflicht sein sollte. Weil es um Grundkenntnisse geht, womit ein Leben ohne Betrogen-Werden möglich ist. Wie häufig werden Verträge unterzeichnet, ohne dass die betreffenden Personen echt wissen, was darin steht! Zu bestimmten Pflichten zu stehen, die in den von uns unterzeichneten Verträgen vermerkt sind, fällt vielen schwer. Oft kommen Kunden mit bereits von ihnen bestätigten und für sie selber unvorteilhaften Unterlagen zu mir. Oder es fehlt ihnen die kulturelle Angewohnheit, sich vor dem Unterschreiben immer auch von einem Spezialisten beraten zu lassen. Es gibt so zahlreiche Bereiche des täglichen Lebens, die in das Recht hineinspielen, dass es nicht infrage kommt, auf juristisches Grundwissen verzichten zu können. Man denke nur an das Familienrecht, das Arbeitsrecht und das Handelsrecht, worin Geschäftsleute sich dringend auszukennen haben. Gesetze und Normen für ihre Anwendung bestehen überall. Ein Leben in der Gesellschaft heute ist sehr schwer, ohne zu wissen, wo sie zu suchen und zu finden sind.