„Schwierig, aber schön und machbar“

Theologin, Religionspädagogin und Demokratin Gunda Wittich hat ihre Dissertation als Buch veröffentlicht

Als Gastlehrerin in Hermannstadt gescheitert ist Gunda Wittich (Bildmitte) an den dysfunktionalen Konditionen im Schulwesen Rumäniens. Ihrer Dissertation in Buchform, aus der jede Menge Hoffnung spricht, ist das Gegenteil von Scheitern zu wünschen. Foto: Klaus Philippi

Den Blumenstrauß in starken Farben und schneeweißer Vase trug  Bischof Reinhart Guib zum Aufstellen vor den Präsentations-Tisch heran, und ein paar Augenblicke später erfolgte wörtlich zunächst durch ihn auch schon der Einstieg in die Materie des Nachmittags. Ein unbeschwerter Spaziergang sollte es nicht werden, obwohl ein Exemplar der Stockflöte, das Erika Klemm vorzeigte und in all die Einzelteile bis auf den tatsächlichen Holzblasinstrumenten-Körper  zerlegte, von ihr als ein zu Anbruch des 19. Jahrhunderts beliebtes Requisit zum Flanieren im Kerngebiet Österreich-Ungarns erinnert wurde. Auch am Hermannstädter Töpfermarkt/Târgul Olarilor de la Sibiu könne man es finden, ergänzte die Migrations-Beauftragte der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR) festlich, ehe sie auf einer ihrer professionell tauglichen Altblockflöten den Kopfsatz der „Sonate Brillante” von Beethovens Zeitgenossen Anton Heberle vortrug, und Reinhart Guib vom Start weg einräumte, dass Gunda Wittich „unsere Kirche drei Jahre lang aufgemischt” habe. Nur vier Stück ihrer Doktorarbeit zum „schulischen Religionsunterricht der Minderheiten in Rumänien” in Buchform hat der Schiller-Verlag in Bonn und Hermannstadt bislang verkaufen können. Das Cover mit der zusätzlichen Überschrift von „Wahrnehmung und Deutung im europäischen Bildungskontext aus evangelischer Perspektive” aber sorgte Freitag, am 17. Oktober, für einen neugierigst vollen Festsaal im Bischofspalais, und Pfarrer Gerhard Servatius-Depner sprach als geschäftsführender Leiter des Zentrums für Evangelische Theologie Ost (ZETO) der im Januar an der Universität Paderborn bestätigten Dissertation von Protestantin Gunda Wittich die Anerkennung von „kritischer” und „ehrlicher, aber nicht verletzender” Untersuchung des Themas aus.

Gunda Wittich freilich hat sich gerne der Herausforderung gestellt, an erster Stelle die bundesdeutsche Leser-Per-spektive zu bedienen, ohne jedoch die regionalen Empfindlichkeiten ihres theo-logischen und allgemeiner interessierten Publikums in Rumänien außer Acht zu lassen. Beschäftigt habe sie das Fragen nach „dem gemeinsamen Horizont”, den sie kein wenig streng theologisch unter Ausschluss komplementärer Disziplinen verstehen wollte. Wodurch es auf der Hand lag, für die Doktorarbeit den Weg der Dichten Beschreibung sowie der Nexus-Analyse – spezifisch ethnografische Methoden – zu wählen. Und bei der heimischen evangelischen Landeskirche in Deutschland einen Finanzierungs-Zuschuss in Höhe von 500 Euro für die Herausgabe zu erwirken. Entstanden ist ein Buch zu einem „kaum erforschten Themenfeld”, wie die reformierte Pädagogin Dr. Angéla Deák aus Klausenburg/Cluj-Napoca es auch als Religionsunterricht-Beauftragte der EKR zu schätzen weiß. Beim Lesen fühle es sich an, „als ob man den Klassenraum persönlich betritt”. Ganz besonders bei Beachtung des optionalen Stellenwerts von Religionsunterricht in Rumänien habe Gunda Wittich gezeigt, dass er „schwierig, aber schön und machbar ist”, und für Lehrende, die ihn erteilen, „nicht nur Beruf, sondern Berufung” sein sollte. Dozentin Dr. Alina Pătru wiederum von der Orthodoxen Theologischen Fakultät der Lucian-Blaga-Universität sieht und kennt die Dissertation als „ein deutlich von Resignation und Enttäuschung geprägtes Buch”, das zwar eine „scharfe Dia-gnose” stellt, bei all den „schmerzlichen” Inhalten aber „nützlich” und „auch für orthodoxe Leser relevant” wäre. Letzteres bestimmt auch, weil das Buch von Gunda Wittich eine Parallele zur Erfahrung von Britin Jessica Douglas-Home anzeige, die weite Teile des europäischen Ostblocks vor dem Fall des Eisernen Vorhangs als Reisende kennengelernt und in keinem anderen Land eine so heftig deprimierende Situation wie in Rumänien angetroffen habe. Umso mehr zähle deshalb das Motto „Siehste, geht doch!” eines römisch-katholischen Religionslehrers aus Großwardein/Oradea, und noch 1986 habe Jessica Douglas-Home den Mihai-Eminescu-Trust (MET) gegründet.

Die pointierte Frage von Schiller-Verlagsinhaber Jens Kielhorn nach der Zukunft des Religionsunterrichts im Auftrag der EKR, den zum größten Teil Kinder aus nicht-deutschen Sprachkreisen sowie nicht-evangelischen Konfessionsgemeinschaften besuchen, beantwortete Gunda Wittich moderat optimistisch. Entgegen des Vorschlags von Alexa Tob˛ außerdem, der theologisch ausgebildeten Schülerheimleiterin der EKR in Hermannstadt, das Buch zwecks Ausräumung von Missverständnissen bei orthodoxen Priestern und Vätern von Jugendlichen in die rumänische Sprache übertragen zu lassen, hat sie nicht vor, ihre Dissertation der Öffentlichkeit komplett auch auf Rumänisch zur Verfügung zu stellen. „Eine Zusammenfassung” ist viel eher wahrscheinlich.

Obschon man vonseiten der EKR bewusst nicht proselytisch um die Schülermassen wirbt, verlangte das Thema während der Debatte zu Ende der Buchpräsentation überdeutlich nach Aussprache. Dass die Angst unter Priestern der Orthodoxen Kirche Rumäniens (BOR) vor  der Konfirmation von Schülern evangelischen Religionsunterrichts klar wächst und ihrerseits die anti-ökumenische Grundhaltung von immer mehr Klerikern der Mehrheitskirche speist, konnte Forscher Alexandru-Marius Cri{an als aufgeschlossener Dogmatik-Experte nur bestätigen – und im Festsaal des Bischofspalais der EKR dürfte man nicht überrascht gewesen sein, gleich auch der Wortmeldung des orthodoxen Senioren Dorin Zosim Oancea zu lauschen, der es von innen heraus bedauert, dass junge Priester-Generationen sich vom ökumenischen Geist ihrer um Jahrzehnte älteren Vorgänger meist sehr markant distanzieren. Enttäuschung allerdings macht Gunda Wittich nach wie vor auch daran fest, in ihrer aktiven Zeit als Gast-Religionslehrerin in Hermannstadt „Schülern, die nie da waren, eine Zehn” gegeben haben zu müssen. Spannend auch das Statement von Rentnerin Dorothea Binder, die sich selbst in Bezug auf ihre eigene ehemalige Unterrichtstätigkeit mit Kindern von der 1. bis zur 4. Klasse „eher als eine Katechetin statt Religionslehrerin” bezeichnete und ihre Motivation mit zur Sprache brachte, dass „es keine Rolle spielt, ob man orthodox, katholisch oder evangelisch ist, wenn man biblische Geschichten unterrichtet.” Worauf Alexia Tob˛  als Zuhörerin für sich selbst konträr flüsterte, genau vom Gegenteil dessen überzeugt zu sein.

Bischof Reinhart Guib als Gastgeber schien es nicht ausdrücklich zu mögen, dass die offene Diskussion mit dem Publikum in das Reden über „Proselytenmacherei” mündete, wo viel wichtigere Aufgaben zu beachten und zu lösen wären: allen voran die „voranschreitende Säkularisaton”, die zur „Zusammenarbeit” dränge. „Sonst verlieren wir die nächste Generation.” Gunda Wittich ihrerseits dankte dafür, in manchen Punkten „gescheitert” zu sein und 2019 zu Beginn ihres Daueraufenthalts in Hermannstadt und Rumänien „mein Leben mit 56 neu sortiert” haben zu müssen. Die Prüflage damals hat sie nicht allein bestanden, sondern auch gemeistert. Ihr Buch beim Schiller-Verlag lässt keinen anderen Schluss zu. Pfarrer Gerhard Servatius-Depner übrigens lädt zur Vorstellung des thematisch verwandten Bands „Evangelische Mission im Orthodoxen Umfeld” des ZETO, Schiller-Verlags sowie von Stefan Cosoroab˛ als Herausgeber am Freitag, dem 14. November, um 12 Uhr im Büchercafé „Erasmus” ein. Publikums-Mangel steht der Auseinandersetzung wohl nicht ins Haus.