Das Verhältnis von deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu den deutschen Aussiedlern als Kriegsfolge in den Jahrzehnten danach war im gemeinsamen Dachverband BdV– Bund der Vertriebenen lange Zeit von unvollständigem gegenseitigem Verständnis geprägt. Das hat sich geändert. Am 10. Oktober 2025 endete der 11-jährige BdV-Vorsitz des Siebenbürgers Bernd Fabritius, der die Leitung an Stephan Mayer MdB übergab.
Mag sein, dass eine zufällige zeitliche Koinzidenz symptomatisch ist: Am Vorabend der Bundesversammlung des BdV in Berlin fand unweit eine Podiumsdiskussion der Stiftung Flucht-Vertreibung-Versöhnung statt, in der frühere Stadtschreiber in Koordination des Deutschen Kulturforums östliches Europa über ihre Erfahrungen und verbindende Elemente in den jeweiligen Stadtkulturen berichteten – Ostmitteleuropa im scheinbar Kleinen. All das gäbe es ohne den BdV wohl kaum. Es ist ein Ergebnis eines langen Prozesses, geprägt vom persönlichen Zwiespalt der Mitglieder zwischen alter und neuer Heimat, Vertreibungsursachen und Auswanderungsgründen.
Ein prägendes Erlebnis im Herbst des Auswanderungsjahres 1990 war für den Autor dieser Zeilen der Wochenendausflug mit seinem Vater in einer Dacia nach Bonn zu einem Seminar des BdV, inklusive Besuch des Abgeordnetenbüros von Dr. phil. Herbert Czaja. Wichtige Voraussetzung in dessen 25-jähriger (!) Tätigkeit als Präsident des BdV war, dass er fließend Polnisch sprach, sonst könne man kaum zu einer Verständigung finden, wie er meinte. Er war, unweit vom ostpolnischen Krakau, zweisprachig aufgewachsen. Dieses Identifikationsmerkmal zeichnete nicht nur die Vertriebenen aus, sondern auch die deutschen Aussiedler, die in Rumänien ebenfalls zweisprachig aufwuchsen – für die Donauschwaben aus Ungarn keine Selbstverständlichkeit. Jenen war in den Nachkriegszeiten der deutsche Sprachgebrauch untersagt, von Schulbildung ganz zu schweigen. Minderheitenrechte sind bis ins heutige Europa in den Mitgliedstaaten unterschiedlich geregelt. Damals, im Herbst 1990, sollten beim damaligen Vorabiturienten Publikationen der Schriftenreihe der Kulturstiftung der Deutschen Vertriebenen den Grundstein für sein Wissen und Engagement für Kulturpolitik und Rechte für Deutsche in und aus dem östlichen Europa bilden.
Der BdV verpflichtete sich der vor 75 Jahren verabschiedeten Charta der deutschen Heimatvertriebenen, die für die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. von Erwin Tittes unterzeichnet worden ist. Schwerpunkt der Landsmannschaften und deren Dachverband BdV mit seinen Landesgliederungen war es, den Geflüchteten und Vertriebenen in der neuen Heimat Halt zu geben, ihre Interessen zu vertreten. 1952 wurde das Lastenausgleichsgesetz und im Folgejahr das Bundesvetriebenengesetz verabschiedet. Damit wurde ihnen ein existentieller Start in der neuen Heimat ermöglicht und die fortwährende Pflege ihres Kulturerbes aus und in der alten Heimat gesichert.
Der Kampf um das Recht auf Heimat prägte schon immer das politische Engagement des BdV. Erst die persönliche Freizügigkeit in der Europäischen Union sollte jenen Rechtsanspruch weitgehend befrieden. Die Vertreibungsdekrete von 1945 wurden in den Nachfolgestaaten des kommunistischen Ostblocks jedoch nicht aufgehoben. Auch in Rumänien kam es zur Benachteiligung der deutschen Minderheiten, als Restitutionsgesetze der Nachwendezeit ursprünglich für die Zeit ab 1948 griffen, als der König zu Gunsten der Kommunisten abdanke und Enteignungen in großem Maßstab begannen. Die Rumäniendeutschen wurden jedoch bereits beginnend ab Anfang 1945 unter Kollektivschuld enteignet und auch deportiert. Sie wurden allerdings nicht vertrieben. Erst Jahrzehnte später setzte in zunehmendem Umfang die Aussiedlung im Rahmen der sog. Familienzusammenführung und Freikauf ein. Jener Heimatverlust wiege aber nicht gleich schwer wie das Leid aus Flucht und Vertreibung, meinten die Vertreter der großen Vertriebenenverbände noch in den 1990er Jahren, wie der Autor dieses Beitrags mehrfach erlebt hat. Recht auf Heimat kann aber nicht den Umständen entsprechend differenziert werden.
Das Unrecht der Deportationen der Nachkriegszeit in sowjetische Arbeitslager oder in den B˛r˛gan konnte kein Gesetz der Welt rückgängig machen. Es ist dem Engagement des damaligen BdV-Vorsitzenden Dr. Bernd Fabritius zu verdanken, dass es heute finanzielle Zahlungen und Erleichterungen jener Betroffenen und z.T. deren Nachkommen von der rumänischen Regierung gibt. Heute setzt er sich auch bei der deutschen Regierung für Härtefallregelungen im sog. Fremdrentengesetz für Aussiedler ein, denen Altersarmut droht. Jenes Gesetz kam Ende der 1990er Jahre zustande, als u. a. die Vertreter der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland sich noch vergeblich um Verbündete im BdV bemüht hatten. Das damalige Präsidium versuchte hingegen, nach bilateral ratifizierten Grenzvereinbarungen im Rahmen der NATO- und EU-Beitrittsverhandlungen Polens und der Tschechischen Republik Aspekte des Rechtsanspruchs auf Heimat in den Herkunftsländern zu verwirklichen. Die Aussiedlerverbände kämpften für ihre Rechte der Alterssicherung; die Vertriebenenverbände für ihre (geraubten) Rechte in der alten Heimat.
Der Einsatz für die Sicherung des kulturellen Erbes und der Erinnerung von Vertreibung im Hinblick auf Versöhnung einte die Verbände im BdV verstärkt. Rund 10 Jahre benötigte der BdV, bis der Bundestag sich 2008 für das Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht-Vertreibung-Versöhnung aussprach. Neben der Dauerausstellung werden dort auch grenzübergreifende Literaturveranstaltungen organisiert und Podiumsgespräche z. B. mit Stadtschreibern unter der Ägide des Deutschen Kulturforums östliches Europa koordiniert. Unlängst erkärte der scheidende BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius gegenüber der ADZ: „Die guten Kontakte mit unseren Herkunftsländern sind unerlässlich.“ Genau das lebte er vor, als er – gegen so manchen Widerspruch – zum Heimattag der Siebenbürger Sachsen bereits 2012 den rumänischen Außenminister Dr. Teodor Baconschi als Ehrengast gewinnen konnte. Jener konsequent fortgesetzte Weg im BdV wurde geschätzt: Die Delegierten würdigten ihren scheidenden Vorsitzenden Bernd Fabritius mit der Ehrenpräsidentschaft. Fortan konzentriert er sich auf sein Amt als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedler und nationale Minderheiten.
Ob vorgenanntes Dokumentationszentrum oder andere Forschungseinrichtungen und Museen – sie kooperieren längst mit diversen Institutionen in den Herkunftsregionen. Unlängst fand unter Beteiligung des BdV-Präsidenten ein internationales Jugendtreffen der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten – AGDM in Tschechien statt. Die Schriftenreihe der Kulturstiftung der Deutschen Vertriebenen von vor 35 Jahren ist zwar eingestellt worden, wird thematisch jedoch durch zahlreiche Fachpublikationen weiterer Institute fortgeführt. Neue Impulse braucht das Land und die Kulturstiftung könnte die Arbeit eines sog. Thinktanks aufnehmen. Gefragt ist die fachliche Unterstützung der BdV-Verbände bei der Konzeption von Wanderausstellungen, mit der z. B. für die Kirchenburgenlandschaft geworben oder Fundraising betrieben wird. Ein solcher Servicehub könnte bei der Beantragung von EU-Mitteln zur touristischen Nutzung und Renovierung von denkmalgeschützten Bauten, Landhäusern, Burgen und Kirchen in den Herkunftsländern mit Expertise weiter helfen. Die stetige Verankerung der zeitgeschichtlichen Ereignisse der Deutschen aus dem östlichen Europa in der Erinnerungskultur sowohl in der Bundesrepublik, als auch in den Herkunftsländern, bleibt als Aufgabenstellung erhalten. Es gibt noch viel zu tun.
Entsprechende Entschließungsanträge wurden von der obersten BdV-Versammlung – in einhelligem Sinne aller – verabschiedet: Verstetigung der institutionellen Förderung einschlägiger Kultureinrichtungen, Erhalt des Kulturerbes in den Heimatgebieten, Förderung des kulturellen Dialoges mit den östlichen Nachbarn, Sicherung sozialer Gerechtigkeit für Spätaussiedler und Reform des Fremdrentengesetzes, weltweite Ächtung von Vertreibungen und völkerrechtliche Anerkennung des Rechts auf Heimat als Menschenrecht.
„Der BdV bleibt ein unverzichtbarer Teil der politischen und kulturellen Identität unseres Landes“, erklärte der neu gewählte BdV-Präsident Stephan Mayer. Seine Positionen vertritt er mit seiner jahrelangen Erfahrung im Bundestag, in dessen Regierung er auch als Staatssekretär involviert war. Er fügte hinzu: „Unser Auftrag bleibt: erinnern, bewahren, gestalten – für Frieden, Freiheit und ein geeintes Europa.“ Nach dem jüngsten Rechtsruck bei den Wahlen in dem Herkunftsland seiner Eltern aus Tschechien und populistischer Geschichtsklitterung aller Orten ist das ein auch zukünftig dringend benötigtes Engagement.





