Warum Großpold ein ganz besonderer Ort ist

Stippvisite in einem Landlerdorf

Heimatmuseum: im Kinderzimmer Foto: Cristian Sencovici

Den Ort Großpold/Apoldu de Sus kenne ich vom Hörensagen seit vielen Jahren, auch bevor ich dort gewesen bin. In meiner Bukarester Zeit lernte ich während meiner Journalistentätigkeit beim „Neuen Weg“ den Großpolder Hans Liebhardt kennen. Ich entdeckte seinen Heimatort durch seine Bücher, die ich gerne las. Wenn ich später als Reiseleiterin durch den Unterwald fuhr, wurde dort nie Halt gemacht. Auch die neue Autobahn Hermannstadt/Sibiu – Mühlbach/Sebe{ umgeht Großpold, und das ist schade.

Großpold nimmt in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen eine Sonderstellung ein. Diese Anfang des 13. Jh. von deutschen Kolonisten gegründete Siedlung hatte eine bewegte Geschichte hinter sich, als in der ersten Hälfte des 18. Jh. hier Emigranten aus Niederösterreich angesiedelt wurden, die aus religiösen Gründen ihre alte Heimat verlassen mussten. In mehreren sächsischen Ortschaften Siebenbürgens fanden sie eine neue Bleibe. Überlebt hat dieses als „Landler“ bezeichnete Völkchen in Neppendorf/Turni{or, Großau/Cristian und Großpold.

Darüber berichtet ausgiebig die Dorfchronik Großpolds, verfasst von Martin Bottesch und dem deutschen Historiker Ulrich Wien, die 2011 erschien und auch ins Rumänische übersetzt wurde. Sie gilt zurzeit als beste Ortsmonografie einer siebenbürgisch-sächsischen Ortschaft.

Das Schicksal der Landler in den sächsischen Dörfern war zu Beginn bestimmt kein Honigschlecken. Die traditionsbewussten Sachsen hatten ihre eigene Kultur, Schule und Sprache, ihre Bräuche und Lebensweise. Man lebte anfangs gesondert, wohnte in zwei Ortsteilen, lernte in zwei Schulen, besaß eine gesonderte Sitzreihe in der Kirche. Bis zuletzt gewöhnte man sich aneinander, heiratete untereinander und verständigte sich zusehends in beiden Dialekten. In Großpold setzten sich bis zuletzt die jüngeren Landler gegen die älteren Sachsen durch. Landwirtschaft, Obst- und Weinbau und nicht zuletzt das Handwerk brachten den Ort zum Aufblühen. Großpold wurde landlerisch. Doch das ist Geschichte und wird in der Chronik ausführlich wiedergegeben. Der beliebte Mathematiker und Ex-Forumsleiter Martin Bottesch fühlt sich als Landler, seine als Wissenschaftlerin bekannte Gattin Johanna war Landlerin, während der bekannte deutsche Historiker Ulrich Wien mit einer Landlerin verheiratet ist.

Dass die Landler ihre kämpferische Natur bewahrt haben, zeigte sich nach der Wende. Die kommunistische Diktatur hatte auch hier viel Unheil angerichtet, man wollte nichts anders als auswandern. Da Österreich dafür nicht vorbereitet war, wanderte man vor allem nach Deutschland aus. Von den 1500 deutschsprachigen Einwohnern blieb nur ein kleiner Rest zurück. Doch die evangelische Kirche besteht weiterhin, denn Großpold hatte schon immer verantwortungsvolle Pfarrer. Als der alte Dorfpfarrer nach der Wende in Rente ging, besorgte er einen Nachfolger, der auch heute noch in Amt und Würden ist. Willi Meitert unterstehen neun Dörfer im Unterwald, wo aber nur noch im landlerischen Großpold und im sächsischen Urwegen Gottesdienst gehalten wird.

Was von Anfang an auffällt und anders ist als in den meisten verlassenen sächsischen Dörfern, ist das besondere Verhältnis der Großpolder zur alten Heimat. Sie verließen zwar Siebenbürgen, behielten aber noch  Häuser und Gärten in Besitz und kamen immer wieder vorbei. Schon ganz früh gründeten sie in Deutschland eine HOG mit rund 400 Mitgliedern, die ihre Heimattreffen einmal in Deutschland und im folgenden Jahr in Großpold feiern. Gegenwärtig sind im Ort 150 Häuser in deutschem Besitz, es gibt noch eine richtige Landlerstraße. Schon im März tauchen hier die ersten Rückkehrer auf und bleiben oft bis in den späten Herbst hinein. Die Rentner freuen sich auf die schöne Zeit in der alten Heimat,ihre Kinder und Enkelkinder verbringen ihre Ferien auch hier; beim Heimattreffen im August und dem beliebten Ball sind meist an die 100 Landler und viele Gäste von auswärts dabei. 

In der Großpolder evangelischen Kirche sind 170 Vollmitglieder eingetragen, ergänzt von den letzten 30 Ansässigen. Mit  Kirchensteuer, Spenden und einer Stiftung werden die Gebäude der Kirche instand gehalten. Durch Projekte sollen sie Verwendung finden, indem man sie z.B. in Alterswohnungen umwandelt. Denn „im Alter soll man dort leben wo man geboren ist“, heißt die Devise. Und Großpold lebt das richtig vor! Man hofft darauf, in Kürze zur eigenständigen Gemeinde erklärt zu werden.

In diesem Sommer gab es einen weiteren Anlass zum Feiern: Es waren zehn Jahre vergangen, seit in Großpold ein eigenartiges Heimatmuseum eingerichtet worden war. Anlass war die Klage einer traurigen Mutter, Maria Glatz, die nicht verstand, warum alte Geräte und Gegenstände einfach verbrannt wurden. Ihre Tochter Maria und deren Gatte Siegfried, ein Fachmann in Holzarbeiten, wollten ihr eine Freude bereiten und machten sich an die Arbeit. Sie kauften eine geräumige Scheune, bauten Terrassen und Holztreppen ein und stellten die Lebensweise und Beschäftigung der einheimischen Handwerker in ihrem Wirkungsbereich vor. Viele Großpolder beteiligten sich am Sammeln, das Museum wurde ein großer Erfolg. Das Gästebuch ist eine wahre Fundgrube von Eindrücken aus aller Welt und beweist, dass dieser Ort gar nicht im Abseits liegt. Im Heimatblatt „Großpolder Bote“ kann man mehr darüber erfahren. 

Landler singen und musizieren gern. So entstand außerdem die Idee, das „musikalische Liedgut hierzulande zu sammeln und zu bewahren“. In Zusammenarbeit mit Musikliebhabern aus Großau, Großpold und Neppendorf entstand ein originelles  Liederbuch, „Landlerisch g´sunga“, das vor Kurzem im Hermannstädter Schiller Verlag veröffentlicht wurde. Es handelt sich um „alpenländisches Liedgut aus Österreich und Bayern“, das sich in den Landlerdörfern in Siebenbürgen erhalten hat und unvergessen bleiben soll. Denn gesungen wird noch immer, wenn sich Landler treffen und „jeder kann nun mitsingen“, heißt es im Heimatblatt. 

Unvergessen bleiben wird auch das letzte Erntedankfest in Großpold, wo sich alle noch einmal trafen. Die Frauen hatten das hölzerne Taufbecken mit Gemüse und Obst verziert, als ob sie dem barocken Altar ein natürliches Kunstwerk  gegenüberstellen wollten. Pfarrer Willi Meitert stimmte mit seiner klangvollen Stimme den Gesang an, leitete den Gottesdienst und dankte in seiner Predigt dem lieben Gott für die reichen Gaben des Jahres. Im eigenen Gemeindehaus folgte danach ein Festessen, wobei ein Geburtstagskind gleich mitfeiern durfte. Daran beteiligten sich auch Gäste aus Reußmarkt/Miercurea Sibiului, Dobring/Dobârca und Hermannstadt, es wurde ein geselliger Feiertag, wohl der letzte in diesem Herbst. Gleich zwei Neuankömmlinge machten mit, die sich vor Kurzem hier angesiedelt und ein Haus gekauft haben. Darunter ein Burzenländer aus Tartlau/Prejmer, der nach längerem Suchen hier gelandet ist: „Ich fühle mich sehr gut hier, es gibt ein starkes Gemeinschaftsgefühl, einen eigenen Pfarrer und nette Nachbarn“. 
Es hätte noch einen ganzen Tag gebraucht, um Meinungen und Schicksale dieser besonderen Menschen mitzubekommen. Eine alte Großpolderin schlussfolgerte: „In Deutschland sind wir zu Hause, in Großpold sind wir daheim.“ 

Jetzt folgt eine Ruhepause im dörflichen Leben. Man trifft sich nur sonntags in der Winterkirche. Doch wenn die Weihnachtsglocken läuten, steht in manchem Landlerhaus in der ehemaligen Maria- Theresia-Gasse ein geschmückter Weihnachtsbaum. Weihnachten und Silvester feiern viele Landler wieder daheim!