Wenn Gewalt wächst, bevor wir sie wahrnehmen

Der Mord an Mario Berinde und das Versagen früher Prävention

Es ist keine Neuigkeit: Extreme Gewalt ist unter auch Kindern und Jugendlichen längst angekommen. Symbolfoto: Tumisu/ Pixabay

Der Mord an dem 15-jährigen Mario Berinde aus der Gemeinde Tschene/Cenei im westrumänischen Verwaltungskreis Temesch/ Timiș erschüttert weit über den Tatort hinaus. Drei fast gleichaltrige Jugendliche sollen ihn kaltblütig getötet haben – ein Verbrechen, das nicht nur wegen seines Ausmaßes fassungslos macht, sondern weil es erneut zeigt, wie nah extreme Gewalt inzwischen auch im Alltag von Kindern und Jugendlichen angekommen ist. Die spontane Frage „Wie konnte das passieren?“ greift zu kurz. Die wichtigere lautet: „Warum wurde es nicht früher verhindert?“

Auf diese Frage geht auch die Organisation „Salvați Copiii“ ein und spricht in ihrer jüngsten Analyse eine unbequeme Wahrheit aus: Extreme Gewalt unter Minderjährigen ist kein isolierter Ausbruch des Bösen, sondern ein kollektives Versagen. Familie, Schule, Gemeinschaft und staatliche Systeme tragen gemeinsam Verantwortung. Gewalt entsteht nicht aus dem Nichts, sondern sie ist fast immer das Ergebnis einer langen Kette übersehener Warnsignale.

„Gewalttätige Kinder sind fast immer verletzte Kinder“, sagt die Psychologin Mihaela Dinu von der Kinderschutzorganisation „Salvați Copiii“. Diese Feststellung rechtfertigt keine Tat. Sie erklärt sie aber und zeigt, wo angesetzt werden muss.

Die unsichtbaren Vorstufen der Eskalation

Psychologische Faktoren spielen dabei eine zentrale Rolle, betont die Psychologin. Frühkindliche Traumata, Vernachlässigung oder Missbrauch können die Entwicklung des Gehirns nachhaltig beeinträchtigen – insbesondere jene Bereiche, die für Empathie und Impulskontrolle zuständig sind. Eine fragile oder instabile Selbstwahrnehmung kann sich in chronischer Wut äußern, in einem tief sitzenden Gefühl von Kränkung und Ungerechtigkeit. Gewalt wird dann zur scheinbaren Lösung, zur radikalen Antwort auf eine als unerträglich empfundene Demütigung.

Hinzu kommt, dass Jugendliche Konsequenzen oft nur eingeschränkt abschätzen können. Die Grenze zwischen reversiblen Handlungen und irreversiblen Taten ist noch unscharf. Alkohol oder Drogen senken zusätzliche Hemmschwellen und können als ein Brandbeschleuniger in ohnehin instabilen emotionalen Zuständen betrachtet werden.

Doch individuelle Dispositionen allein erklären keine Tat wie jene an Mario Berinde. Sie wirken in einem sozialen und kulturellen Umfeld, das Aggression häufig normalisiert oder zumindest toleriert. Armut, soziale Ungleichheit und das Gefühl, abgehängt zu sein, erzeugen Frustration. Isolation und fehlende Zugehörigkeit lassen Jugendliche nach Anerkennung suchen. Oft gelangen sie so zu Gruppen, die Gewalt glorifizieren. Besonders zerstörerisch wirke chronisches Mobbing, das als dauerhafter Angriff auf die eigene Identität erlebt wird, betont Psychologin Mihaela Dinu.

Die Rolle der digitalen Welten

Besonders eindrücklich wird diese schleichende Dynamik in der britischen Serie „Adolescence“ am Beispiel von Jamie sichtbar. Die Serie verzichtet bewusst auf einfache Täterbilder. Jamie ist kein „Monster“, kein von Grund auf gewalttätiger Jugendlicher. Er ist ein stiller, innerlich zerrissener Junge. Sein familiäres Umfeld wirkt stabil, aber emotional fragmentiert. Der Vater ist präsent und zugleich abwesend: beruflich stark eingebunden, erschöpft, gutmeinend, aber oft ohne Zeit für echte Gespräche. Nähe wird nicht verweigert, sie findet nur kaum statt. Konflikte werden übergangen, Gefühle nicht vertieft. Was fehlt, ist nicht Fürsorge im klassischen Sinn, sondern Resonanz.

Jamies innere Welt bleibt dadurch weitgehend unsichtbar. Kränkungen aus der Schule, subtile Formen von Ausgrenzung, Demütigungen im sozialen Gefüge der Gleichaltrigen sammeln sich an, ohne je ausgesprochen zu werden. Lehrer nehmen seine Zurückgezogenheit wahr, interpretieren sie jedoch als typische Pubertät. Mitschüler sehen einzelne Ausbrüche oder provokante Kommentare, ohne den inneren Druck dahinter zu erkennen. Die Eltern spüren, dass „etwas nicht stimmt“, finden aber keinen Zugang; vor allem, weil der Alltag wenig Raum für Innehalten lässt.

Eine zentrale Rolle spielen die digitalen Räume, in die Jamie sich zunehmend zurückzieht. Algorithmen sozialer Netzwerke verstärken Inhalte, die seine Wut spiegeln und legitimieren. Aus diffuser Frustration wird allmählich ein geschlossenes Narrativ: die Vorstellung, ungerecht behandelt zu werden, keine Stimme zu haben, sich verteidigen zu müssen. Die Serie zeigt eindringlich, wie diese ideologische Selbstrechtfertigung nicht plötzlich entsteht, sondern langsam wächst, genährt von Einsamkeit, fehlender Korrektur und dem Gefühl, übersehen zu werden.

Was „Adolescence“ so beklemmend macht, ist nicht die letztliche Tat, sondern die Vielzahl verpasster Gelegenheiten, sie zu verhindern. Jeder sieht Fragmente: der beschäftigte Vater die Müdigkeit seines Sohnes, die Schule seine Leistungsabfälle, das Umfeld seine Gereiztheit, die digitalen Systeme seine Suchanfragen und Likes. Doch niemand fügt diese Fragmente zu einem Gesamtbild zusammen. Verantwortung verdunstet zwischen Zuständigkeiten.

Auch „Salvați Copiii“ betont: Nicht Videospiele, Filme oder soziale Medien an sich erzeugen Gewalt. Entscheidend ist der emotionale Kontext, in dem sie konsumiert werden. In einem Umfeld ohne Halt, ohne korrigierende Gespräche und ohne Vorbilder können aggressive Inhalte bestehende innere Konflikte verstärken und entmenschlichende Denkweisen normalisieren. Ohne emotionale Selbstregulation oder sozialen Rückhalt wird Eskalation wahrscheinlicher – nicht unvermeidlich, aber vorhersehbar.

Prävention als Aufgabe

Gerade deshalb ist Prävention kein abstraktes Konzept, sondern eine konkrete Aufgabe, sind sich die Vertreter von „Salvați Copiii“  bewusst. Schutzfaktoren sind bekannt: stabile Beziehungen, klare Grenzen bei gleichzeitiger emotionaler Wärme, frühe Förderung von Empathie und Konfliktfähigkeit, niedrigschwelliger Zugang zu psychischer Gesundheitsversorgung. Schulen spielen eine Schlüsselrolle in diesem Sinne. Sie sollten nicht nur als Lernorte fungieren, sondern als soziale Räume, in denen Mobbing konsequent adressiert und Sicherheit aktiv hergestellt werden muss, berichtet die Kinderschutzorganisation.

Der Mord an Mario Berinde darf nicht nur als schockierende Ausnahme behandelt werden. Er ist ein Warnsignal und eine Erinnerung daran, dass extreme Gewalt unter Jugendlichen kein plötzliches Gewitter ist, sondern das Ergebnis eines langen, lauten Schweigens. Wenn wir weiterhin erst nach der Tat reagieren, haben wir bereits verloren; sind wir jedoch bereit, früher hinzusehen und Wut, Rückzug, Kränkungen sowie Hilferufe ernst zu nehmen, besteht die Chance, dass solche Namen künftig nicht mehr zu Symbolen eines kollektiven Versagens werden.