In rumänischen Klassenzimmern spielt sich oft mehr ab, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Zwischen Pausenklingeln und Hausaufgaben kämpfen viele Kinder täglich mit Angst, Ausgrenzung und Demütigung – Mobbing ist längst kein Einzelfall mehr. Lehrkräfte schlagen Alarm, doch systematische Strategien zur Erkennung und Prävention stecken noch in den Kinderschuhen. Mit der Eröffnung des Anti-Bullying-Ressourcen-Zentrums von „Salvați Copiii“ (farabullying.ro/) soll sich das nun ändern. Ob dieser Schritt tatsächlich einen Wandel bringt, hängt jedoch davon ab, ob Schulen, Eltern und Schüler bereit sind, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen – für ein Schulumfeld, in dem Kinder nicht nur lernen, sondern sich sicher fühlen dürfen.
Ende Oktober wurden in Bukarest die Ergebnisse einer umfassenden Studie veröffentlicht, wonach 90 Prozent der Lehrkräfte und Schulberater angeben, dass die ihnen anvertrauten Schüler Opfer von Mobbing seien. Die Untersuchung wurde von der Organisation „Salvați Copiii“ in Rumänien durchgeführt und richtete sich an Lehrkräfte und Schulberater im Primar- und Sekundarschulbereich. Die Umfrageteilnehmenden antworteten im Zeitraum 10. bis 16. Oktober dieses Jahres. Die Stichprobe umfasst etwa 2500 Lehrkräfte aus Grund- und Sekundarschulen, darunter Schulleitungen und Beratungsfachkräfte. Verteilung nach Schulstandort: 42,6 Prozent ländlich, 28,9 Prozent in Städten, die auch Kreissitze sind, 21,5 Prozent in kleineren Städten, 7 Prozent in Schulen in Bukarest. Laut Studie haben 72,4 Prozent der Teilnehmenden über zehn Jahre Berufserfahrung. Die Untersuchung wird als „qualitative Analyse“ beschrieben und nimmt die Perspektive von Lehr-/Fachkräften ein, nicht direkt jene der Schüler.
Im Rahmen der Veröffentlichung wurde gleichzeitig die Eröffnung des neuen Anti-Bullying-Ressourcen-Zentrums angekündigt. Die Einrichtung richtet sich an Kinder, Lehrkräfte und Eltern und dient der Prävention, Intervention und Förderung eines sicheren Schulklimas. „Salvați Copiii“ verfügt über jahrelange Erfahrung im Bereich Kinderschutz und Prävention von Gewalt und Mobbing an Schulen und Kitas in Rumänien.
Wahrnehmung der Betroffenheit
Die Studie machte deutlich: 9 von 10 Lehrkräften (90 Prozent) gaben an, dass ihre Schüler Opfer von Mobbing seien. In öffentlichen Schulen in Bukarest bzw. im Ballungsraum wird die Häufigkeit als am höchsten eingeschätzt: 28,1 Prozent der Lehrkräfte in Bukarest gaben an, dass Mobbing „häufig“ vorkomme. Demge-genüber gaben nur 13,4 Prozent der Lehrkräfte an ländlichen Schulen diese Häufigkeit an.
Dennoch hält sich das Vertrauen in Melde- und Interventionsmechanismen in Grenzen. Nur 43,1 Prozent der Befragten vertrauen einer anonymen Meldemöglichkeit von Mobbingvorfällen. Nur 25,6 Prozent halten es für sinnvoll, einzelne Lehrkräfte als feste Bezugspersonen für Meldungen anzubieten. Und: Nur 17,5 Prozent glauben an die Wirkung eines Peer-Modells, bei dem bestimmte Schüler als Ansprechpersonen für Opfer fungieren.
Häufigkeit von Präventionsmaßnahmen
Wenn gefragt, wie oft Anti-Mobbing-Aktivitäten stattfinden sollten, gaben knapp ein Drittel an, dass diese „ständig – als Teil der Schulkultur“ stattfinden sollten (31,5 Prozent) und fast ebenso viele – 30,9 Prozent – sagten, „jede Lehrkraft sollte aktiv werden, wenn sie unangemessene Verhaltensweisen beobachtet“. Nur 0,4 Prozent behaupteten, dass dies nicht die Verantwortung der Schule sei, und 1 Prozent fand, dass solche Aktivitäten nur im Rahmen des Programms „Schule anders“ stattfinden sollten.
Faktoren für erhöhtes Risiko
60 Prozent der Lehrkräfte nannten als Risikofaktor für Opfer von Mobbing die Schüchternheit bzw. den zurückhaltenden Charakter des Betroffenen. Es folgten: das äußere Erscheinungsbild (50,2 Prozent), der Kleidungsstil (40,9 Prozent), die Sensibilität des Kindes (39,8 Prozent) und die wirtschaftliche Situation der Familie (39 Prozent).
Bezogen auf Verantwortlichkeiten: 73,5 Prozent sahen die Verantwortung beim mobbenden Schüler, 65 Prozent bei den Eltern/der Familie und 61 Prozent beim sozialen Umfeld des Kindes. 17,4 Prozent fanden, dass auch Lehrkräfte verantwortlich seien, und nur 9,6 Prozent bezeichneten die Schulleitung als verantwortlich. Nur 7 Prozent der Lehrkräfte meinten, dass Verantwortung auf das Opfer, dessen Familie und Schule gemeinsam entfallen sollte.
Obwohl 9 von 10 Lehrkräften angaben, dass sie Mobbing „gut kennen“ und in der Praxis erkennen könnten – zeigen die Daten eine erhebliche Verwirrung über wesentliche Merkmale des Phänomens. Nur 52,4 Prozent erkennen, dass Mobbing absichtlich geschieht (bei Schulberatern bis 77,2 Prozent). Nur 48 Prozent sehen das Wiederholungs-/Serienmerkmal von Mobbing (bei Schulberatern bis 80,8 Prozent). Und: Rund 20 Prozent der Befragten meinten, Mobbing könne durch spontane Konflikte entstehen, während 33,8 Prozent der Schulleitungen diese Ansicht teilen.
31,3 Prozent sehen Mobbing ausschließlich zwischen Schülern. 30,6 Prozent halten es für möglich, dass Schüler Lehrkräfte mobben; 19,8 Prozent verwechseln es mit Lehrer-gegen-Schüler-Gewalt bzw. Missbrauch.
Gegen Mobbing handeln
75,4 Prozent der Lehrkräfte sehen sich gut bis sehr gut vorbereitet, um Mobbing zwischen Schülern adäquat zu handeln. Wenn es um wirksame Interventionen geht, nannten sie am häufigsten: Eltern-Sensibilisierungskampagnen zur Förderung positiver Erziehung (72 Prozent), Förderung von Toleranz und gegenseitigem Respekt durch non-formale Aktivitäten (64,1 Prozent) und Aktivitäten zur Stärkung der Gruppen-Kohäsion unter Schülern (62,4 Prozent).
Die Tatsache, dass 90 Prozent der Lehrkräfte Mobbing als Problem wahrnehmen, zeigt eine hohe Sensibilität gegenüber dem Thema. Gleichzeitig aber ist der große Unterschied zwischen Städten und Dörfern (28,1 Prozent vs. 13,4 Prozent für „hohe Häufigkeit“) bemerkenswert: Es könnte sein, dass in städtischen Schulen Mobbing tatsächlich häufiger auftritt oder besser erkannt wird – oder auch, dass Lehrkräfte dort eher sensibilisiert sind und Fälle als solche erkennen.
Dass weniger als die Hälfte der Lehrkräfte die definitorischen Merkmale von Mobbing wie Absichtlichkeit oder Wiederholung klar erkennen, deutet auf eine erhebliche Kompetenzlücke hin. Obwohl das Bewusstsein vorhanden ist, bestehen Defizite im Verständnis des Phänomens – was die Wirksamkeit von Maßnahmen erschweren kann.
Beteiligung der Betroffenen
Das vergleichsweise geringe Vertrauen in anonyme Meldemechanismen (43 Prozent) oder Peer-Meldesysteme (17,5 Prozent) zeigt, dass viele Lehrkräfte die vorhandenen Strukturen nicht als ausreichend oder effektiv ansehen. Hier liegt eine Herausforderung: Ohne funktionierende, vertrauenswürdige Meldesysteme bleibt die Erfassung und Reaktion auf Mobbing schwach. Auch die geringe Beteiligung von Schülern in Meldemechanismen (Peer-Modelle, die Gleichaltrige, sogenannte „Peers“ aktivieren) ist bemerkenswert – obwohl Forschung zeigt, dass Betroffene oft durch Peers die meiste Hilfe erfahren.
Prävention und Schul-Kultur
Dass gut ein Drittel der Lehrkräfte meint, Anti-Mobbing-Aktivitäten sollten „kontinuierlich als Teil der Schulkultur“ stattfinden, und nahezu gleich viele, dass jede Lehrkraft bei Beobachtung aktiv werden sollte, ist ein positives Signal. Es zeigt das Bewusstsein, dass Prävention nicht nur punktuell geschehen soll, sondern integraler Bestandteil des Schulalltags sein muss. Allerdings zeigt die geringe Zahl jener, die der Schul-Verantwortung den Vorrang geben („nicht Aufgabe der Schule“ nur 0,4 Prozent), dass die Mehrheit durchaus die Rolle der Schule erkennt — dennoch bleiben offene Fragen zur Umsetzung und Umsetzungskultur.
Risiko und Verantwortlichkeit
Die Lehrkräfte identifizieren tatsächlich typische Vulnerabilitätsmerkmale: Schüchternheit, äußeres Erscheinungsbild, Kleidung, wirtschaftliches Umfeld. Diese Zuschreibungen sind einerseits hilfreich, weil sie Präventionsansätze ermöglichen – andererseits bergen sie die Gefahr, dass Opfer stigmatisiert oder als „schuldhaft“ gesehen werden (z. B. Kleidung). Verantwortlichkeiten werden hauptsächlich bei Tätern, Eltern und Umfeld gesehen – weniger bei Lehrkräften oder der Schulleitung. Damit besteht ein Risiko, dass institutionelle Strukturen und Schul-Klima weniger in den Fokus rücken als individuelle Faktoren.
Umsetzungslücken
Die mangelnde Klarheit über Merkmale von Mobbing zeigt, dass viele Lehrkräfte nicht hinreichend geschult sind. Vertrauenslücken in Meldesysteme demonstrieren, dass Mechanismen nicht als glaubwürdig erlebt werden.
Die niedrigere Wahrnehmung in ländlichen Schulen könnte auf geringere Sensibilisierung, unterschiedliche Strukturen oder ein verändertes Bewusstsein hinweisen.
Wenn 75,4 Prozent sich gut vorbereitet fühlen, bedeutet das im Umkehrschluss, dass rund ein Viertel sich nicht gut vorbereitet fühlt – was für ein risikoreiches Phänomen wie Mobbing erheblich ist.
Eines ist sicher: Mobbing hat tiefgreifende Folgen. Dazu gehören soziale Isolation, Angst, vermindertes Selbstwertgefühl, negative Auswirkungen auf die schulische Leistung und die psychische Gesundheit. Laut den Analysen von „Salva]i Copiii“ sind rund 49 Prozent der Jugendlichen bereits Opfer von Mobbing und 81 Prozent haben Situationen als Zeugen erlebt. Ein Umfeld, in dem Kinder nicht sicher sind, gefährdet ihre Entwicklung – emotional, sozial und also auch langfristig im Hinblick auf Bildung. Das bedeutet: Der Umgang mit Mobbing ist nicht nur moralisch geboten, sondern von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, da die Zukunftschancen dieser Kinder betroffen sind.
Reaktion der Schulen
Schulen müssen reagieren – nicht nur durch Disziplinarmaßnahmen, sondern durch eine systematische Präventionskultur. Ein ressourcenstarker Ansatz ist, wie „Salva]i Copiii“ ihn vorschlägt, die Förderung positiver Beziehungen, Beteiligung der Kinder, Schulklima und Empathie statt nur Bestrafung. Wenn Lehrkräfte unsicher sind, Merkmale nicht klar verstehen oder Meldemechanismen nicht vertrauen, dann bleibt jede gute Absicht im Ansatz stecken. Das eröffnet Handlungsfelder: Weiterbildung der Lehrkräfte, Schaffung vertrauenswürdiger Meldesysteme, Schülerbeteiligung, institutionelle Verantwortung.
Basierend auf den Ergebnissen der jüngsten Bullying-Studie von „Salvați Copiii“ (Einzusehen unter: farabullying.ro/resurse/studii-si-cercetari/) und deren Interpretation lassen sich mehrere zentrale Empfehlungen für den zukünftigen Umgang mit Mobbing an Schulen formulieren. Ein entscheidender Ansatzpunkt liegt in der Fortbildung und Sensibilisierung von Lehrkräften, Beratungsfachkräften und Schulleitungen. Sie sollten systematisch in den definitorischen Merkmalen von Mobbing geschult werden, also in den Aspekten der Absichtlichkeit, Wiederholung und der unterschiedlichen Rollen von Täter, Opfer und Zeugen, um das Phänomen klar erkennen und angemessen darauf reagieren zu können. Besonders Schulen in ländlichen Gegenden benötigen hierbei spezielle Schulungsangebote, um bestehende Wahrnehmungs- und Handlungsdefizite gezielt abzubauen.
Ebenso wichtig ist der Aufbau vertrauenswürdiger Meldesysteme und die stärkere Beteiligung der Schulgemeinschaft. Anonyme Meldeportale, vertrauliche Ansprechpersonen und Peer-Modelle sollten so gestaltet sein, dass sie Vertrauen schaffen – durch transparente Verfahren, nachvollziehbare Rückmeldungen und den konsequenten Schutz derjenigen, die eine Meldung abgeben. Darüber hinaus sollte die Partizipation der Schüler ausgebaut werden, etwa durch Peer-Helfer, Schulbotschafterinnen oder Arbeitsgruppen, die aktiv an der Gestaltung eines bullyingfreien Schulklimas mitwirken.





