Wie ein alter Helm zu einem Medienspektakel wurde

Die lange Reise des Coțofenești-Helms

Der nun berühmte Helm Foto: Radu Oltean/Wikimedia Commons

Nun ist die Geschichte eigentlich auserzählt. Die Gemüter sind abgekühlt, der rumänische Schatz ist wieder im rumänischen Land. Wahrscheinlich haben es alle Leser mitbekommen: Der Helm von Coțofenești wurde aus dem Drents Museum in den Niederlanden geklaut und ist nun wieder aufgetaucht. Begleitet wurde dieser Raub von einer umfangreichen medialen Berichterstattung in Rumänien. Doch warum ist dieser Helm so besonders, so berichtenswert?


Die moderne Geschichte des Goldhelmes begann gleich mythisch, wie eine alte Sage. „Der Helm von Co]ofene{ti wurde zwischen 1926 und 1928 nach einem heftigen Regenguss an den Wurzeln eines Baumes von zwei Kindern gefunden, die im Dorf Poiana im Kreis Prahova ihr Vieh hüteten“, so berichtet das Nachrichtenmagazin hotnews.ro.

Die Kinder sollen daraufhin den relativ leichten Helm (er soll nur 740 Gramm wiegen) nacheinander anprobiert haben. Stolz brachten die Kinder ihn danach nach Hause zu ihrer Familie. Ernest Oberländer-Târnoveanu, der ehemalige Direktor des Nationalen Geschichtsmuseums Rumäniens (der nach dem Raub sein Amt räumen musste), berichtete laut hotnews.ro auch, dass das Kind, welches den Helm fand, Traian geheißen haben soll. Da kommt die dakisch-römische Geschichte von Rumänien zusammen! 

Bei der Familie soll der Hut dann noch eine Zeit als Hühnertränke genutzt worden sein, bis er für 30.000 Lei an einen Kaufmann aus Ploie{ti verkauft wurde. Da wäre bestimmt mehr drin gewesen! Jedoch hatte der Kaufmann Jean Marinescu noble Ziele und spendete den Helm  anschließend dem Nationalen Museum für Altertümer, von wo aus er schließlich im Nationalen Geschichtsmuseum landete.

Ein wichtiges historisches Artefakt

„Der Helm von Coțofenești ist fast vollständig aus Gold gefertigt und besticht durch seine Detailgenauigkeit“, so berichtet die Zeitung Gândul weiter. Der Helm diente wohl nicht dem Schutz, sondern war ein Zeremonialgegenstand, der höchstwahrscheinlich von einem lokalen Anführer oder einer religiösen Persönlichkeit getragen wurde.

Dass ein solcher Gegenstand aus der geto-dakischen Welt gefunden wurde – der Helm stammt laut einiger Experten wahrscheinlich ungefähr aus der Zeit 400 vor Christus –  ist natürlich eine archäologische Sensation. Dass ein antiker Gegenstand, in einem solch gutem Zustand, einfach im Wald unter etwas Dreck lag, erscheint fast absurd. 

Dennoch profitieren wir alle davon: Das Fundstück hilft dabei, sich vorzustellen, wie das Leben vor ungefähr 2500 Jahren wohl war! Er ist ein spannendes Stück Geschichte und sicherlich einen Museumsbesuch wert.

Jedoch, wer schon mal in einem Museum in Rumänien war, wird sich vielleicht fragen: Aber es gibt doch hunderte interessante, antike Fundstücke im Land! Ist ein Helm, auch wenn er aus Gold ist, denn so besonders? Ist er wirklich so viel Aufmerksamkeit wert?

Das Mona-Lisa-Phänomen

Um dem auf den Grund zu gehen, ist ein kurzer Exkurs notwendig. Denn beim Coțofenești-Helm ist ein Mona-Lisa-Effekt eingetreten. Das irgendwie schiefe (oder verschmitzte?) Lächeln der Mona Lisa ist wahrscheinlich fast allen Europäern direkt vor Augen, wenn man darüber spricht. Das Bild von Leonardo da Vinci ist weltbekannt, womöglich das bekannteste Bild der Welt. Doch das war nicht immer so.

Eine lange Zeit galt das Bild als eines von vielen Meisterwerken, die da Vinci produziert hat. Natürlich ein geliebtes und respektiertes Kunstwerk in der Kunstszene, aber es war nicht auf der ganzen Welt bekannt. Das änderte sich im August 1911. 

Denn in diesem Jahr wurde das Bild vom italienischen Handwerker Vincenzo Peruggia aus dem Louvre gestohlen. Die Medien stürzten sich auf den Vorfall. Wie kann ein Bild einfach so aus dem Louvre gestohlen werden? Es wurde sogar von manchen Blättern vermutet, dass Picasso das Bild entwendet hat. 1913 tauchte es wieder auf. Peruggia hat das Bild offenbar geklaut, um Geld zu verdienen und es nach Italien zu bringen – wo es in seinen Augen hingehörte. 

Ein True-Crime-Liveticker

So ging es auch dem Coțofenești-Helm. Er war zwar zuvor ein geschätzter und wertvoller archäologischer Fund, wurde aber ab Januar 2025 in ganz Rumänien bekannt. Denn in genau diesem Monat – in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar – wurde der Helm (sowie drei Armreife) bei einem Einbruch aus dem Drents Museum im niederländischen Assen gestohlen. Dort war er als Leihgabe des Nationalen Geschichtsmuseums Rumäniens im Rahmen einer Ausstellung über das Daker-Reich. 

Über diesen True-Crime-Fall berichteten fast alle Medien. Schließlich ist True Crime aktuell sehr beliebt und Museumsdiebstähle sind äußerst selten und meist spektakulär. In diesem Fall sprengten die Verbrecher sogar eine Außenwand des Museums.

Ein paar Tage später, am 29. Januar, wurden bereits mehrere Tatverdächtige festgenommen. Sie wollten aber nicht preisgeben, wo ihre Beute steckte. Glücklicherweise ist im April 2026 der Helm (sowie zwei der drei Armreife) wieder aufgetaucht – wahrscheinlich durch einen Deal mit den Verbrechern. „Es wurden nur wenige Details veröffentlicht, doch ist bekannt, dass die niederländische Staatsanwaltschaft Gespräche mit den Anwälten der Verdächtigen geführt hat und die Rückgabe der gestohlenen Artefakte eine Bedingung war“, berichtet Radio România Interna]ional. Mittlerweile ist der antike Helm schon wieder in Rumänien.

Die Medien begleiteten diese Geschichte umfangreich. Sie berichteten über die Verdächtigen, die Tat, die Artefakte, eine Schadensersatzzahlung an den rumänischen Staat und viele Weitere. Es gab ausführliche Artikel darüber, wie der Raub ablief, wer die Täter sein könnten, über die Reaktionen der Museen, der Staatsanwaltschaften, der niederländischen und der rumänischen Seite und so weiter. Es war ein wahres Medienspektakel.

Der rumänische Nationalmythos

Dies liegt womöglich auch an einer Besonderheit des Helmes. Er ist nämlich „dakisch“. Im Rumänischen Nationalmythos, der immer noch stark im Kopf vieler Rumänen verankert ist, werden vor allem die dakischen und römischen Einflüsse auf das Land hervorgehoben und als Vorfahren des modernen Rumäniens herausgestellt. Dabei hat das Land selbstverständlich unter vielen weiteren auch starke slawische, magyarische, sowie auch deutsche Einflüsse und Wurzeln, insbesondere in Siebenbürgen und im Banat. 

Rumänien, so wie die meisten modernen Länder, besteht nicht aus einem homogenen dakisch-römischen Genpool. Rumänien ist ein Cocktail aus ganz vielen verschiedenen Einflüssen, woraus eine moderne Nation entstanden ist, in der die meisten dieselbe Sprache sprechen (zusammen mit prägenden und präsenten Minderheitensprachen natürlich) und wo alle sich einigermaßen einig sind, dass sie irgendwie ähnlich sind und miteinander leben wollen. 
Doch gerade das dakische und römische Erbe wird oft überbetont und als „Ursprung“ dargestellt, obwohl es vergleichsweise alt, genau genommen antik ist. Deswegen ist der True-Crime-Fall um den Helm auch teilweise nationalistisch geprägt: „Ein alter dakischer Helm, ein wahrer rumänischer Helm, wurde im Ausland, in den Niederlanden, geklaut! Hätten die dort nicht besser aufpassen können? Wiese haben wir unseren Schatz dorthin geschickt?!“ 

Verständlich, aber auch überzogen

Womöglich auch deswegen war der antike Helm auf vielen Seiten von Zeitungen und in den Nachrichtensendungen der Fernsehsender. All das wirkte an manchen Stellen überzogen, insbeson-dere weil Rumänien auch noch viele andere historische Schätze in seinen Museen liegen hat, über die weniger berichtet wird. 

Dennoch ist ein Interesse der Medien und der Öffentlichkeit am spektakulärem Raub natürlich nachvollziehbar. Jeder möchte wissen: wie konnte es passieren und warum?

Im Rückblick auf die Geschichte fühlt es sich jedoch wie eine Blase an: Eine interessante Geschichte wurde aufgeblasen und hat dadurch das Interesse der Öffentlichkeit geweckt, die daraufhin weiter bedient werden musste: Wenn irgendwas Neues passiert ist, musste natürlich darüber berichtet werden! Doch nun, wo der Helm wieder in Rumänien ist, kann man sich fragen: „War das Thema wirklich diese große Öffentlichkeit wert? Und hätte es nicht wichtigere Themen gegeben?“