Wie können Gesellschaften sich gegen Desinformation wehren?

Mit dieser Fragestellung befasste sich die elfte Deutsch-Rumänische Medienkonferenz in Bukarest

Die deutsche Botschafterin, Angela Ganninger

Diskussionsrunde mit (v.l.) Simion Ciochină, Sorana Horșia, Codruța Simina und dem Moderator Dr. Stefan Hofmann. | Fotos: Valentin Brendler

„Wir leben in Zeiten, wo Informationen schneller kommen, als man sie überprüfen kann“, berichtete der Journalist Simion Ciochină – der Korrespondent für die Deutsche Welle in Chișinău ist – auf der Medienkonferenz im vergangenen Dezember im Hilton Garden Inn Hotel in Bukarest. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Bukarest in Zusammenarbeit mit der Deutschen Welle, dem Goethe-Institut und erstmals auch mit der Konrad-Adenauer-Stiftung. Unter dem Titel „Stärkung der Widerstandsfähigkeit in Zeiten ausländischer Manipulation und Desinformationskampagnen” sollten Medienvertreter, Praktiker und Experten zusammengebracht werden. Über allem stand die Frage: „Was können wir gegen die Desinformationen – die ständig verbreitet werden – tun?“. 

„Soziale Medien, welche die Welt miteinander verbunden haben, wurden zu Schlachtfeldern“, alarmiert die deutsche Botschafterin, Angela Ganninger, bei ihrer Eröffnungsrede und stimmte damit auf das komplizierte Thema ein. Denn das Problem ist, dass „Informationen strategisch eingesetzt werden, um unsere Gesellschaften und Demokratien zu untergraben“. Dies passiere vor allem auf Social Media und im Internet allgemein. Es gehe nicht darum, zweifelhafte Informationen komplett zu stoppen, sondern darum, eine widerstandsfähige Gesellschaft zu formen, die mit dieser Situation umgehen kann. „Informierte Bürger sind in einer besseren Position, sich gegen autoritäre Regime durchzusetzen.“ Ganninger konkretisierte, dass es dafür Regierungen brauche, die freie Medien und die Widerstandsfähig der Bürger subventioniert.

Was kann man dagegen tun?

Dieser Prämisse stimmten alle Teilnehmenden durchaus zu. Doch wie ist das zu erreichen? Ideen sollte eine Podiumsdiskussion von Praktikern liefern. Mit dabei: Simion Ciochină, Sorana Horșia (Journalistin für das Online-Medienprojekt „GenZette“) und Codruța Simina (Autorin und Mitbegründerin von „Misreport.ro“, einem Newsletter mit einer wöchentlichen Zusammenfassung von Falschmeldungen und Desinformationen). Moderiert wurde das Gespräch von Dr. Stefan Hofmann, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bukarest.

Horșia hatte direkt zu Beginn einen kontroversen Vorschlag: Laut ihr müsse man mehr wie die „bad guys“ (böse/schlechte Leute) arbeiten und von ihnen lernen. Konkret meinte sie damit Steve Bannon und die Medienstrategie von Trump, die immer wieder mit einem Überangebot an Desinformationen versucht, Medien zu überfordern und Verwirrung zu stiften. Genannt wird diese Taktik „flooding the zone“ (die Zone fluten). Sie würde sich als Reaktion wünschen, dass das Medienangebot in den europäischen Demokratien hochgefahren wird, um damit gegen das „Fluten“ aus dem Ausland vorzugehen.

Denn genau daher kommen laut den Rednern die meisten Desinformationen: „Genauer gesagt, aus Russland“, wie Ciochină klarstellte. „Russland versucht, das Vertrauen in die Europäische Union zu untergraben und Angst zu schüren.“ In der Republik Moldau, wo er tätig ist, zeigt sich das unter anderem in Schmutzkampagnen gegen proeuropäische Politiker.

„Das funktioniert auch so gut, weil es soziale Ungleichheiten gibt, die die Regierung nicht anspricht“, berichtete auch Simina. Sie bezog sich dabei  jedoch vor allem auf Rumänien.

Unterhaltung spielt eine zentrale Rolle

Doch sie hatte auch einen Lösungsansatz. „Wir müssen zuerst verstehen, was unsere Feinde über uns verstehen“, erklärte sie. Das Erste, was man erkennen müsse, ist, dass viele Menschen, auch gerade junge Menschen, ihre Nachrichten von Social Media beziehen. 60 Prozent der Jugendlichen nutzen dafür TikTok, spezifizierte Horșia. Dies tun sie aber laut Simina nicht, indem sie auf die dementsprechenden Apps gehen und dort gezielt nach Nachrichten suchen. Sie suchen tatsächlich nach Unterhaltung – und geraten dabei eher zufällig an politischen Content, der auch Desinformationen beinhalten kann. „Diese Einschätzung beruht auf Beobachtungen in der Ukraine. Deswegen hat das Land eigene, lokale, Unterhaltungsangebote geschaffen.“

Von der Republik Moldau lernen

Doch Rumänien kann nicht nur von der Ukraine, sondern auch von der Republik Moldau zu diesem Thema lernen. Dies bekräftigte auch Dana Scherle von der Deutschen Welle. Denn dort ist die Bevölkerung einer konstanten Flut von Desinformationen aus Russland ausgesetzt, führte ihr Kollege Ciochină aus. „Die russische Unterhaltung in der Republik Moldau ist sehr gut und wir haben keine gute rumänische Unterhaltung. Wir verlieren diesen Kampf jeden Tag.“ Seiner Meinung nach fehlen gute Nachrichtenprogramme und auch Unterhaltungsshows, also etwas, das die Leute – neben korrekten Nachrichten – anzieht. So war auch einer seiner Vorschläge, wie man gegen die Flut vorgehen kann: ein größeres, besseres, eigenes Angebot schaffen. Denn „unabhängiger Journalismus braucht Ressourcen! Russische Medien haben große Budgets!“, so Ciochină.

Aber Journalismus braucht neben Geldern auch – Journalisten. Dies sprach Raimar Wagner, Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Bukarest, aus dem Publikum heraus an: „Wer verteidigt die Journalisten? Für die Populisten ist man der Feind.“ Doch das konnten die befragten Journalisten nicht beantworten. Es gibt neben der Pressefreiheit und den allgemeinen Gesetzen kaum Schutzmechanismen.

Menschen sind emotionale Wesen

Trotzdem gibt es viele junge Menschen, die trotz der Risiken – Horșia berichtete vor allem von Hass und Online-Hetze gegen Journalisten – diesen Beruf ergreifen wollen. Ciochină und Simina rieten diesen, bei ihrer Arbeit vor allem auf die Menschen und ihre Probleme einzugehen, denn nur so könne man sie erreichen. „Menschen sind emotionale Wesen“, führte Simina aus und genau das ist es, was viele Desinformationen ausnutzen. Sie bestehen aus kurzen, falschen Texten, die vor allem die Angst und die Sorgen von Menschen ansprechen sollen. „Sehr gute Fact-Checker können deswegen niemals so effektiv sein, wie die Desinformationen“, so Simina. 

Desinformationen erreichen vor allem die Menschen, die sich zurückgelassen fühlen, Angst haben und Sorgen mit sich herumtragen. „Niemand wacht am Morgen auf und möchte eine Diktatur wählen“, erklärte die Medienexpertin weiter. Desinformationen verdrehen die Wahrheit, nutzen die Angst der Menschen und überzeugen sie davon, genau das Gegenteilige zu tun, von dem, was sie wirklich wollen.

Wie werden wir widerstandsfähiger?

Die Diskussion verdeutlichte einige Lösungsansätze: Praktiker plädieren vor allem für ein größeres und attraktiveres Medienangebot, dass die Bürger anspricht, unterhält, besser informiert und zielgerichtet auf ihre Sorgen und Ängste eingeht. Dafür jedoch wären größere, nationale Strategien und ausreichend Gelder erforderlich.

Auf der anderen Seite müssten Bürger aller Altersklassen in Medienkompetenz geschult werden. Dies kann durch ein umfangreicheres und zielgerichtetes Medienangebot geschehen, Medienkompetenz sollte aber laut Horșia insbesondere auch in den Schulen gelehrt werden. Sie bezweifelte allerdings, dass derzeit viele Lehrer dazu in der Lage sind. Zuerst müssten daher die Lehrkörper eine entsprechende Schulung erhalten. Es stelle sich doch die Frage, so Simina, ob man damit nicht insgesamt viel zu spät dran sei. 


Was ist eigentlich Desinformation?

Desinformationen sind nicht einfach nur falsche Nachrichten. Damit werden nicht Fehler gemeint, die Journalisten oder Content Creators auf Social Media unabsichtlich oder unüberlegt machen. Die deutsche Bundesregierung fasst auf ihrer Website zusammen: „Desinformation wird von ausländischen Akteuren gezielt eingesetzt, um Meinungen zu manipulieren und Vertrauen in Staat, Wissenschaft und Medien zu schwächen.“

Die Absicht spielt also eine zentrale Rolle. Die manipulierte Information kann in ganz unterschiedlichen Formen auftauchen, so die deutsche Regierung. Es gibt als Beispiel unter anderem Internet-Artikel, die vorgeben, von einem etablierten Medium zu stammen und falsche Behauptungen verbreiten. „Genauso gut kann es aber auch ein KI-generiertes Deepfake-Video sein oder eine frei erfundene Meldung in Messenger-Kanälen“, so berichtet die Seite weiter. Oft setzen Desinformationen dazu auf emotionalisierende Inhalte oder alte Verschwörungstheorien, die neu aufbereitet werden.

Die Regierung empfiehlt deswegen, ruhig zu bleiben, auch wenn die Artikel aufreibende Themen behandeln, die Seite und die Quellen zu hinterfragen und erst danach die Texte zu teilen, oder zu melden, falls sie Desinformation sind.