Wie tickt die Jugend in Rumänien?

Korruption größtes Problem, Wohneigentum Ziel, Rumänien-Pessimismus und EU-Vertrauen

Mitte März wurde in Bukarest die Studie „Nationales Jugendbarometer“ vorgestellt, die erste soziologische Forschungsarbeit des Meinungsforschungsinstituts INSCOP Research über die Jugend. Die Umfrage wurde auf Verlangen der Gruppe Greens/EFA im Europäischen Parlament durchgeführt. Die Interviews auf Basis eines Fragebogens fanden im Zeitraum vom 20. Oktober bis 5. November 2025 statt und umfassten 1100 Probanden zwischen 18 und 35 Jahren in Rumänien. Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse vorgestellt.

Rumänien-Pessimismus dominiert

Nur 25,8 Prozent der Befragten meinen, das Land entwickele sich in eine gute Richtung. 65,2 Prozent sind der gegenteiligen Meinung, der Rest äußerte sich nicht. Optimistisch sind vor allem junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren, jene mit höherem Bildungsstand , Stadtbewohner und jene mit höherem Einkommen. Pessimisten finden sich üblicherweise unter den Personen mit Grundschulbildung, Landbewohnern und jenen mit geringem Einkommen.

Höchste Monatsausgaben: Essen

Auf die Frage, wofür am meisten Geld ausgegeben wird, gab die Mehrheit mit 35,7 Prozent „Lebensmittel“ an, gefolgt von „Energie“ (27,1%) und „Miete“ (15,5%). 
5,6 Prozent gaben an, Transportkosten belasten das Monatsbudget am meisten, 4,8 Prozent „Ausgaben für die Gesundheit“ und 2,7 Prozent für Bildung. 2,5 Prozent erklärten, keine der angegebenen Kategorien belaste ihr Monatsbudget übermäßig.

Erstaunlich viele Wohneigentümer

38,1 Prozent der Befragten – meist jene zwischen 25 und 35 Jahren und höherem Einkommen, aus niedrigen sowie höheren Bildungsschichten – verfügen über eine eigene Wohnung. Keine eigene Wohnung haben meist Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren mittleren Bildungsgrads mit geringem Einkommen, vor allem in Bukarest.

36,6 Prozent aller Befragten wohnen bei Eltern, Schwiegereltern oder Verwandten, 19,2 Prozent zur Miete, 3 Prozent sind Untermieter, 1,2 Prozent in Sozialwohnungen und 1 Prozent im Studentenheim oder Internat. 

Auf die Frage, wo sie sich in fünf Jahren sehen, antworten fast 60 Prozent: in der eigenen Wohnung.

Job und Hindernisse

Fast 60 Prozent aller Befragten haben einen Arbeitsplatz. Dies trifft vor allem auf Männer zwischen 25 und 35 Jahren zu, auf jene mit höherer Bildung, auf Einwohner von Bukarest oder größeren Städten. Ohne Job sind eher Jugendliche unter 25, Frauen, Landbewohner, jene mit Grundschulbildung.

Haupthindernis bei der Arbeitsplatzsuche ist für 43,6 Prozent der Befragten ein zu kleiner Lohn, gefolgt von mangelnder Erfahrung (25,6%), zu wenig Angeboten in der Wohnumgebung (8,7%), fehlende Informationen über verfügbare Jobs (4,4%), zeitlich befristete Verträge (3,8%) und Diskriminierung nach Geschlecht oder Ethnie (2,5%).

Bessere Perspektiven im Ausland?

Einen Job im Ausland betrachten 27,5 Prozent als „beste Chance zur Erhöhung des Lebensstandards“, als „gute Chance“ 38,7 Prozent, während 16,8 Prozent nicht so recht daran glauben und 13,8 Prozent gar nicht. Zu ersteren gehören eher Jugendliche unter 25 mit Grundschulbildung aus dem ruralen Raum, zu letzeren jene über 25 mit höherer Bildung und gehobenem Einkommen.

Die Absicht, innerhalb der nächsten 12 Monate zum Arbeiten oder Studieren ins Ausland zu gehen, hegten 27,6 Prozent – dies vor allem Männer, jene unter 25, mit Grundschulbildung, aus dem ländlichen Milieu.

64,7 Prozent der Befragten meinen, dass junge Leute ins Ausland gehen, um einen besserbezahlten Job zu finden. 10 Prozent halten Korruption für die Hauptursache und ebensoviele meinen, „um ein neues Leben zu beginnen“. 6,1 Prozent erwähnen als Motiv für den Fortgang bessere öffentliche Dienste in Gesundheitswesen, Bildung und Transport. 3,2 Prozent begründen die Auswanderung mit der Gefahr, Rumänien könnte bald kein demokratisches Land mehr sein, und 1,5 Prozent mit der Angst vor einem Krieg. 

Auf die Frage, was ihnen im Ausland am meisten fehlen würde, antworteten 76,9 Prozent: die Eltern, Geschwister und Großeltern. 10,7 Prozent würden das Land, vertraute Orte und das Zuhause-Gefühl vermissen. 3,6 Prozent würden es bedauern, nicht mehr zu einer Veränderung in Rumänien beitragen zu können. 3,4 Prozent würden Freunde vermissen. Gar nichts vermissen würden 2,9 Prozent, sie gaben an, keine besondere Bindung an Rumänien zu haben.

Sicherheit und Schutz vor Gewalt

21,3 Prozent der Befragten gaben an, sich auf öffentlichen Plätzen – auf der Straße, in der U-Bahn, auf dem Uni-Campus oder in öffentlichen Transportmitteln – „sehr sicher“ zu fühlen. „Ziemlich sicher“ fühlen sich 42,8 Prozent, „weniger sicher“ 20,7 Prozent und 14,6 Prozent „eher nicht sicher“.

In der Öffentlichkeit sicher fühlen sich vor allem Männer, Großstadtbewohner, sowie jene mit geringen Einkommen. Eher unsicher fühlen sich Frauen, Menschen mit nur Grundschulbildung, Bewohner des ruralen Raums, jene mit geringen Einkommen.

Dass der rumänische Staat Opfer von Gewalt, Belästigung oder Aggression im öffentlichen Raum schützt, daran glauben nur 23,4 Prozent. Dazu gehören vor allem Männer, jene mit Grundschulbildung, Kleinstadtbewohner und jene mit geringem Einkommen. Der gegenteiligen Meinung sind eher: Frauen,  Hochgebildete, Bewohner von Bukarest, jene mit höherem Einkommen.

Nur 22 Prozent der Befragten halten die Maßnahmen des Staates zum Schutz vor häuslicher Gewalt für ausreichend. Dazu gehören vor allem: Jene mit Grundschulbildung, Stadtbewohner, mit geringem Einkommen. Die gegenteilige Meinung vertreten eher: Frauen, höher Gebildete, Einwohner von Bukarest, jene mit höherem Einkommen.

Größte Bedrohungen für Rumänien

Als derzeit größte Bedrohung für Rumänien halten 32,7 Prozent Korruption und den Kompetenzmangel in öffentlichen Institutionen. 25 Prozent erwähnen die Wirtschaftslage und die Preissteigerung als solche, 17,2 Prozent die Desinformation und Propaganda im Online-Raum, 9,6 Prozent die Aggressivität Russlands und die Möglichkeit eines Krieges, 6,4 Prozent Pandemien und Epidemien, 4 Prozent Migration und Flüchtlinge, 2,7 Prozent den Klimawandel und Naturkatastrophen.

Zu ersteren gehören vor allem Männer, Personen mit höherem Bildungsgrad, Großstädter. Die Wirtschaftslage beklagen eher die unter 25-Jährigen, mit Grundschulbildung, geringem Einkommen. Propaganda und Desinformationen beklagen eher hochgebildete Befragte, Bewohner von Bukarest oder Kleinstädten und jene mit höheren Einkommen.

16,5 Prozent der Befragten sorgen sich „sehr stark“ um eine mögliche Ausweitung des Ukrainekriegs auf Rumänien, 29 Prozent immerhin „stark“. Dazu gehören vor allem: Frauen, Menschen mit Grundschulbildung, Bewohner des ruralen Raums, mit geringerem Einkommen. Weniger besorgt sind 28,2 Prozent und gar nicht besorgt 25,2 Prozent. Dazu gehören eher: Männer, Hochgebildete, Bukarest- und Kleinstadtbewohner, mit höherem Einkommen.

Bedroht die EU die Souveränität Rumäniens?

56,8 Prozent der Befragten glauben, dass die vom Europäischen Parlament angenommenen Gesetzesprojekte die Eigenständigkeit Rumäniens bedrohen (34,6 Prozent glauben das nicht, 8,6 Prozent äußern sich nicht oder mit „weiß nicht“). Zu ersteren gehören vor allem über 25-Jährige, jene mit Grundschulbildung, Landbewohner, jene mit niedrigem Einkommen. Die gegenteilige Meinung vertreten eher: Hochgebildete, Bukarest- und Kleinstadtbewohner, jene mit höheren Einkommen.

Vertrauen in EU-Hilfe und NATO-Schutz

Knapp über die Hälfte der Befragten (51,6%) glaubt, dass die EU Rumänien im Falle einer schweren Wirtschaftskrise unter die Armen greifen würde. Das sind vor allem Jüngere als 25, Hochgebildete, Stadtbewohner, jene mit höherem Einkommen.

44,1 Prozent glauben dies nicht (Rest: unentschlossen). Dazu gehören eher jene über 25, mit einfachem oder mittlerem Bildungsgrad, Landbewohner, mit geringem Einkommen.
Dass die NATO im Falle eines Angriffs Rumänien verteidigen würde, glauben immerhin 68,7 Prozent. Dazu gehören eher: Hochgebildete, Bewohner der Hauptstadt oder von Kleinstädten, jene mit höherem Einkommen. 23,3 Prozent glauben nicht daran, vor allem jene mit Grundschulbildung, aus dem ruralen Milieu, mit geringerem Einkommen.
Veränderung vs. Traditionsbewusstsein

60,6 Prozent aller Befragten unterstützen neue Ideen und Veränderung, nur 36,7 Prozent beharren auf dem Status quo und Traditionen. Veränderung wollen vor allem: Frauen, Hochgebildete, Bewohner von Großstädten, jene mit höheren Einkommen. Zur zweiten Gruppe gehören meist: Grundschulabsolventen, Landbewohner, jene mit geringem Einkommen.

Politische Orientierung

Fast 30 Prozent sprechen sich für eine Mitte-Links-Politik mit einem Gleichgewicht zwischen Marktwirtschaft und Sozialschutz aus. Fast ebensoviele vertreten eine Rechtspolitik: wenig Eingriffe des Staats, geringe Steuern, hohe Eigenverantwortung. 15,9 Prozent befürworten eine Linkspolitik: Staat regelt vieles, Betonung auf Gleichberechtigung. 13,7 Prozent stehen für eine Mitte-Rechtspolitik ein: Politik des sozialen Gleichgewichts und einen engagierten Staat. Ganze 11,6 Prozent antworten nicht auf diese Frage.

Geistige Gesundheit prekär

Knapp 40 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten 12 Monaten ein Problem mit der geistigen oder emotionellen Gesundheit gehabt zu haben: starker Stress, Angstzustände, Depression, Panikattacken etc. Dazu gehören vor allem jene unter 25 Jahren, Frauen, Einwohner der Hauptstadt, jene mit geringerem Einkommen. Keine derartigen Probleme hatten eher jene über 25, Männer, jene aus ruralem Umfeld, jene mit höherem Einkommen.

28,6 Prozent der Befragten meinen, mentale und emotionale Probleme seien häufig anzutreffen unter Jugendlichen in Rumänien (50,7% sehr häufig, 10,2% eher selten, 7% kaum). Häufige Probleme sehen eher Leute über 25, Frauen, jene mit mittlerem und höherem Bildungsgrad, aus dem urbanen Milieu, mit höherem Einkommen.

84,4 Prozent der Befragten meinen, der Staat müsse die Kosten für eine Mindestanzahl an Therapiesitzungen oder psychologischen Beratungen decken.  31,1 Prozent machen die hohen Kosten für psychologische Beratung oder Therapie verantwortlich für das Nicht-in-Anspruch-Nehmen derselben, 30,7 Prozent geben als Hinderungsgrund Scham und Angst vor dem Urteil anderer an, 10,4 Prozent das Fehlen von Gratisleistungen oder des Zugangs zu solchen Therapien, 10 Prozent den Zweifel an der Effizienz, 7,9 Prozent das Fehlen von Spezialisten, 6,8 Prozent das Fehlen von Information.

Vor allem Frauen, Großstadtbewohner und jene mit geringerem Einkommen halten die Therapiekosten für zu hoch. Scham halten vor allem Männer sowie jene mit höherem Bildungsgrad und höherem Einkommen für das Haupthindernis einer Inanspruchnahme.

Probleme der Studenten

Ein Drittel der Jugendlichen hält die Unterkunftskosten für die größte Hürde für ein Studium.  26,7 Prozent benennen die Notwendigkeit, nebenbei zu arbeiten als größtes Erschwernis, gefolgt von Studienkosten (15,1%), Ausgaben für Essen und Basisprodukte (11,7%), Kosten von Studienmaterialien (6,3%) und Transportkosten (2,5%).
Dass ein Stipendium alle Lebenskosten decken soll – Unterkunft, Essen, Transport – meinen 57,3 Prozent der Befragten. 40,8 Prozent meinen, es sollte nur einen Teil der Kosten abfedern. 

27,2 Prozent halten eine finanzielle Unterstützung für die Unterkunft für die wirksamste Maßnahme gegen Studienabbruch. 25,3 Prozent meinen, die Stipendien müssten erhöht werden, 24,7 Prozent halten die Möglichkeit einer bezahlten Teilzeitarbeit im Rahmen der Fakultät für die beste Maßnahme, 5,5 Prozent flexiblere Kurse und Examen, der Rest Zuschüsse für Essen (5,3%), Gratis-Transport (4,1%), Mentorat und professionelle Beratung (3,3%).

Schwangerschaftsabbruch

Mehr als ein Drittel der Befragten erklärt, mit der Idee eines Schwangerschaftsabbruchs einverstanden zu sein - fast 60 Prozent aber sind dagegen!

Dafür sind vor allem: Jugendliche zwischen 18 und 24, Hochgebildete, mit gehobenem Einkommen. Dagegen sprachen sich vor allem aus: Grundschulabsolventen, Landbewohner, jene mit geringem Einkommen.

Von den Befürwortern meinen 82,1 Prozent, der Staat müsse den Zugang zu Abtreibung im Krankenhaus per Gesetz garantieren.