„Wir brauchen Klarheit, nicht nur Gespräche“

Wolodymyr Selenskyj – der einsame Mann im Nebel

Wolodymyr Selenskyj – der einsame Mann im Nebel wünscht sich „Klarheit, nicht nur Gespräche“ (aufgenommen am 2.10.2025, Dänemark, Kopenhagen, Gipfeltreffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft). Foto: Michael Kappeler/dpa

Torwart Sam Bartram. Alleine, im Nebel vergessen, hütete Bartram für weitere 15 Minuten sein Tor und hoffte, dass die Jungs „Chelsea gerade richtig einheizen“. An seine Hingabe erinnert seine Statue in Charlton. Foto: Wikipedia

Tomahawk-Raketen sind US-amerikanische Marschflugkörper mit großer aReichweite, hoher Präzision und vielseitiger Einsatzfähigkeit – entwickelt für den gezielten Angriff auf strategische Ziele tief im feindlichen Gebiet. Sie haben, je nach Version, eine Reichweite von 460 bis 2500 Kilometern. Sie können von Schiffen, U-Booten oder mobilen Plattformen abgefeuert werden. Sie haben eine sehr hohe Treffsicherheit mittels digitaler Zielerfassung. Tomahawks gelten als „Gamechanger“ – sie können das Kräfteverhältnis verschieben. Foto: Wikipedia

Samstag, 25. Dezember 1937. Fußballtag in England. Auf dem legendären Stamford Bridge treffen der FC Chelsea und Charlton Athletic aufeinander. Doch das Spiel wird nicht durch Tore entschieden, sondern durch Wetter. Schritt für Schritt legt sich dichter Nebel über das Spielfeld. In der 60. Minute pfeift der Schiedsrichter ab – die Sicht ist zu schlecht. Im Tor von Charlton Athletic steht Sam Bartram. Er hört den Abpfiff nicht. Die Mitspieler sind verschwunden, doch seine Pflicht ist klar: das Tor bewachen. Und so bleibt er, allein im Nebel, 15 Minuten lang, vergessen von allen. 

Später schreibt er in seiner Autobiografie: „Ich stampfte mit den Füßen, um mich zu wärmen, und dachte: Die Jungs müssen Chelsea gerade richtig einheizen.“ Ein Bild, das heute auf erschreckende Weise aktuell wirkt. Denn ähnlich wie Bartram steht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im geopolitischen Nebel – allein, während andere das Feld verlassen.

Hoffnung nach dem Alaska-Fiasko

Nach dem diplomatischen Desaster in Alaska schien sich die Beziehung zwischen Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj zu erholen. Die Kritik an Selenskyjs Kleidung war vergessen, neue Zusagen aus Washington ließen Hoffnung aufkeimen.

Trumps Verhältnis zu Wladimir Putin schien zerrüttet. Den einstigen „Busenfreund“ nannte er nun einen „Papiertiger“ und sprach von Russlands wirtschaftlicher Schwäche. Auf seiner Plattform Truth Social schrieb Trump: „Ich denke, dass die Ukraine mit der Unterstützung der Europäischen Union in der Lage ist, zu kämpfen und die gesamte Ukraine in ihrer ursprünglichen Form zurückzugewinnen.“ Zum Unabhängigkeitstag der Ukraine lobte er das Land für seinen „unbrechbaren Geist“ und die „Courage, die viele inspiriert“. Sogar die Lieferung von Tomahawk-Langstreckenraketen wurde in Aussicht gestellt – ein Wunsch, den Selenskyj seit Langem geäußert hatte. Trump erklärte, er habe „so etwas wie eine Entscheidung getroffen“, knüpfte diese jedoch „vorsichtig optimistisch“ an Bedingungen. 

Die Aussicht auf Tomahawks ließ nicht nur in Kiew Hoffnung aufkommen. Auch in Moskau schrillten die Alarmglocken. Der Kreml sprach von einer Eskalation, sollte die Ukraine mit US-Raketen ausgestattet werden. Die jüngsten  ukrainischen Angriffe auf russische Energieinfrastruktur hatten bereits dunkle Wolken über dem Roten Platz aufziehen lassen. Ein diplomatischer Durchbruch schien greifbar. Das Treffen zwischen Trump und Selenskyj war fest terminiert. Doch ein einziger Anruf aus Moskau reichte, um die Szenerie zu verändern. Unerwartet hatte Nebel das Spielfeld bedeckt. 

Ein „produktives“ Telefonat und ein diplomatisches Desaster

Am 16. Oktober 2025 telefonierte Trump mit Putin. Das Gespräch sei „produktiv“ gewesen, erklärte er später. Es ging um Tomahawks, Sicherheitsgarantien und einen möglichen Waffenstillstand. Auf Truth Social schrieb er: „Wir haben vereinbart, dass es ein Treffen unserer hochrangigen Berater geben wird – nächste Woche. Präsident Putin und ich werden uns dann in Budapest treffen. Um zu sehen, ob wir diesen ruhmlosen Krieg zwischen Russland und der Ukraine beenden können.“

Selenskyj, der am Folgetag in Washington erwartet wurde, war überrascht. Die Gewissheiten der letzten Wochen waren wie vom Nebel verschluckt. Dass Trump seine Meinung schnell ändern kann, ist bekannt. Doch dass ein zweistündiges Gespräch mit einem „Papiertiger“ genügt, um alles über Bord zu werfen, kam unerwartet.

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass das angeschlagene Ego des Nicht-Friedensnobelpreisgewinners mit ihm durchgebrannt ist und er deswegen erneut dem „großen Mann“ im Osten seinen Diener macht. Das Telefonat mit Wladimir Putin wirkte wie ein Spiegel für die trumpsche Eitelkeit – ein Moment, in dem ihn die Aussicht auf historische Größe erneut verführte, Prinzipien auf dem Müll zu entsorgen und getätigte Versprechen zu vergessen. Die diplomatische Bühne wurde zur Kulisse für Trumps Selbstinszenierung degradiert und Putin avancierte erneut zum Taktgeber eines US-Präsidenten, der sich lieber als Friedensstifter feiern lässt, als klare Kante zu zeigen.

Das Treffen zwischen Trump und Selenskyj fand dennoch statt – hinter verschlossenen Türen. Trump nannte es „ehrlich“, was in diplomatischer Sprache oft bedeutet: „Jeder hat gesagt, was er zu sagen hatte.“ Doch laut der „Financial  Times“ und „Reuters“ war das Gespräch alles andere als ruhig. Es soll in einem „regelrechten Schreiduell“ gegipfelt haben. Trump habe „die ganze Zeit geflucht“, die Atmosphäre sei „laut und konfliktgeladen“ gewesen. Er soll Selenskyj aufgefordert haben, die russischen Bedingungen für ein Kriegsende zu akzeptieren. „Wenn Putin es will, wird er dich zerstören,“ soll Trump gesagt haben. Trump soll konfrontativ agiert und Bedingungen gestellt haben, die für die Ukraine schwer akzeptabel sind. Selenskyj bleibt standhaft und allein. Nach dem Treffen erklärte Selenskyj: „Wir brauchen Klarheit, nicht nur Gespräche.“ Wie Sam Bartram steht er allein im Nebel. Doch seine Haltung ist klar: „Die Ukraine wird weiter kämpfen – mit oder ohne Tomahawks.“ Seine Hoffnung richtet sich weiterhin auf die Europäische Union: „Ich hoffe, dass Europa erkennt, wie dringend wir Hilfe brauchen.“

Der Nebel bleibt – und Selenskyj steht weiter im Tor

Trump kehrt zu seiner alten Friedensformel zurück: Die neue Grenze soll der aktuellen Frontlinie entsprechen. Doch ob Putin dem zustimmt, bleibt fraglich. Das groß angekündigte Budapest-Treffen ist in ungewisse Ferne gerückt. Moskau relativierte Trumps Ankündigung und sprach von „keinem präzisen Zeitrahmen“. Vortreffen zwischen hochrangigen Beamten wurden verschoben. Man konnte sich über die Gesprächsgrundlage nicht einigen. Auch innerhalb der US-Administration mehren sich Zweifel: Während einige Berater Trumps Kurs als pragmatisch loben, warnen andere vor einem geopolitischen Rückschritt, der Russland de facto für seine Aggression belohnen würde. In Brüssel und den meisten Hauptstädten der EU-Mitgliedsstaaten herrscht diplomatische Ratlosigkeit. Die EU, die sich als Garant europäischer Sicherheit sieht, wurde weder konsultiert noch eingeladen. Präsident Macron sprach von einem „gefährlichen Alleingang“, Bundeskanzler Merz forderte „transatlantische Abstimmung statt impulsiver Gipfelpolitik“. Die Wahl Budapests als Austragungsort – ein EU-Mitglied mit autoritären Tendenzen, mit bekannter enger Bindung an Moskau und gerade in einen Spionageskandal auf EU-Ebene verwickelt – wirkt wie ein symbolischer Affront gegenüber westlichen Partnern. Dass Putin trotz internationalem Haftbefehl unbehelligt einreisen soll, stellt die Glaubwürdigkeit internationaler Institutionen infrage. Das Treffen, sollte es stattfinden, droht zu einem diplomatischen Minenfeld zu werden.

Der Nebel lichtet sich nicht. Ein einziges Telefonat genügte, um Trump erneut in Putins Bann zu ziehen. Statt klarer Zusagen erhält nun die Ukraine vage Formulierungen, statt strategischer Koordination dominieren persönliche Eitelkeiten. Selenskyj bleibt zurück mit der Gewissheit, dass der Kampf nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in den Konferenzräumen geführt wird – und dass dort, von wo die entscheidende Hilfe kommen sollte, nun Schreie, Fluchen und gekränkte Egos herrschen. Und während die geopolitischen Spieler das Feld räumen, steht Wolodymyr Selenskyj wie einst Sam Bartram allein im Nebel – in der Hoffnung, dass seine Mannschaft irgendwo da draußen weiterkämpft.