Wo beginnt Heimat?

Von Collagen bis Poesie: Kreativwettbewerb am Ettinger-Lyzeum in Sathmar

Die Elftklässlerin Azra Maja Ullrich Fotos: DFD Sathmar

Jenifer Patricia Popovits und Gerlinde Maria Zaha

as bedeutet Heimat? Ein Ort? Ein Gefühl? Eine Erinnerung? Antworten auf diese Fragen suchten und fanden Schülerinnen und Schüler des Johann-Ettinger-Lyzeums in Sathmar im Rahmen des Kreativwettbewerbs „Heimat – Ein Ort. Ein Wort. Ein Gefühl.“ Initiiert wurde das Projekt von der neuen ifa-Kulturmanagerin in Sathmar, Elisa Vaughan, finanziert vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) aus Mitteln des Auswärtigen Amtes sowie unterstützt vom Kulturverband Sathmarense und dem Demokratischen Forum der Deutschen in Nordsiebenbürgen. Darüber hinaus wurde das Projekt auch von engagierten Lehrkräften des Lyzeums getragen. Insgesamt 31 Kinder und Jugendliche zwischen neun und 18 Jahren beteiligten sich mit 21 eingereichten Werken – literarischen Texten, Fotografien, Collagen und weiteren künstlerischen Formen.

Der Wettbewerb lief vom 21. Oktober bis zum 11. November. Trotz der dazwischenliegenden Herbstferien arbeiteten viele Schülerinnen und Schüler intensiv an ihren Projekten, unterstützt von Lehrkräften, die sich in ihrer Freizeit engagierten – allen voran Iulia Hölzli und Odette Toth.

Bereits im Vorfeld fand ein Workshop zum Thema „Fotografie mit Haltung“ statt, an dem 24 Jugendliche teilnahmen. Sie beschäftigten sich damit, wie man Menschen respektvoll und bewusst fotografiert und welche Botschaften Bilder vermitteln können.

Am 13. November wurde das Projekt beim Deutschen Kulturabend in  Sathmar erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. In diesem festlichen Rahmen erfolgte auch die Ehrung der Siegerinnen, deren Beiträge das Publikum ebenso beeindruckten wie die Jury.

Azras Reise zur eigenen Heimat

Die Auszeichnung für besondere Kreativität erhielt Azra Maja Ullrich, Schülerin der 11. Klasse. Kunst und Schreiben gehören zu ihren großen Leidenschaften, die sie stets durch eine „tief philosophische Linse“ betrachtet. Ihr Wettbewerbsbeitrag entstand aus der Auseinandersetzung mit Fragen wie: „Wo komme ich eigentlich her, und wie hat mich meine deutsch-rumänische Identität geprägt?“ 
Das Ergebnis ist ein literarischer Text voller persönlicher Reflexion und gedanklicher Tiefe – ein Werk, das sowohl sprachlich als auch inhaltlich überzeugt.

Jenis und Gerlindes Collage der Verbundenheit

Mit dem Preis für besondere Ausdruckskraft wurden die Siebtklässlerinnen Jenifer Patricia Popovits und Gerlinde Maria Zaha ausgezeichnet. Die beiden, seit Vorschulzeiten beste Freundinnen, reichten ein gemeinsames Projekt ein: Unter dem Titel „Wo drei Sprachen dasselbe Wort flüstern“ gestalteten sie einen literarischen Brief und eine Collage, die Heimat als vielfältigen, emotional aufgeladenen Ort darstellen. Ihr Werk verwebt Freundschaft, Erinnerungen und Mehrsprachigkeit zu einer berührenden Botschaft. Die Jury lobte besonders die Klarheit und Sensibilität, mit der die beiden ihre Gedanken in Wort und Bild ausdrückten.

Ausstellung im Schwabenhaus und ein Buch

Nach dem Kulturabend wurden die Werke auch im Schwabenhaus in Sathmar ausgestellt und fanden großen Anklang. Zudem entsteht derzeit ein Buch, das alle Beiträge der Kinder und Jugendlichen sammelt und damit das Projekt nachhaltig dokumentiert.
Der Kreativwettbewerb zeigt eindrucksvoll, wie tiefgehend und unterschiedlich junge Menschen den Begriff Heimat interpretieren – und wie wichtig Räume sind, in denen sie diese Perspektiven entfalten können. Mit der Initiative von Elisa Vaughan und dem engagierten Einsatz der Lehrkräfte ist dies am Johann-Ettinger-Lyzeum auf besondere Weise gelungen.


Heimat

Heimat. Welche Bedeutung trägt dieses Wort? Einfach grammatikalisch betrachtet, wird es als der Ort definiert, an dem man wohnt. Doch da der Mensch dazu neigt, alles durch Philosophie zu hinterfragen, hat das Wort Heimat viele Bedeutungen.

Ich denke, Menschen suchen ihr Leben lang nach dem Ort, an dem sie sich „zuhause“ fühlen. Ein bloßer geografischer Punkt wird jedoch nie genügen, um einem komplexen menschlichen Wesen das Gefühl von Heimat zu geben. Denn wie Herbert Grönemeyer in einem seiner Lieder singt: „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl.” Als ich als Kind mit meinen Eltern von Deutschland nach Rumänien zog, gab es anfangs Momente, in denen ich mich fremd in der neuen Umgebung fühlte. Ich war wie eine Brücke zwischen zwei Ländern – ich stand dazwischen und gehörte zu keinem mehr richtig dazu.

Mit der Zeit jedoch lernte ich, dass die deutsche Heimat, die ich eigentlich vermisste, nicht der Ort an sich war, sondern die Menschen und Erinnerungen - die Gefühle, welche die deutsche Umgebung zu einer echten Heimat machten. Nach einiger Zeit fand ich auch in Rumänien eine Heimat: Menschen, die mich genauso annahmen, wie ich war. Ich sammelte neue Erlebnisse, fühlte Zugehörigkeit, ich liebte. Die einst fremde Umgebung wurde nach und nach von den Farben meiner rumänischen Erinnerungen bemalt.

Dann verstand ich, dass meine Identität wirklich dem Prinzip einer Brücke ähnelt - nicht, weil Brücken zwischen zwei Landteilen stehen, sondern weil eine Brücke ohne eines der beiden Landstücke, in denen sie verankert ist, nicht das sein könnte, was sie ist. Ebenso wenig ohne die Menschen, die sie Stück für Stück gebaut haben.

Und ich merkte: Ich war reich. Reich, weil ich nicht nur einen, sondern zwei Orte kannte, die ich vermisste, wenn ich fortging. Reich, weil ich eine Familie hatte, die Deutschland zu einer Heimat machte, und reich, weil die Erinnerung an meine Kindheit mich an den Geruch von Regen auf rumänischem Land erinnerte.

Heimat ist etwas, wohin wir gehören - aber kein Ort, keine vier Wände, sondern etwas, das wir in unserem Herzen tragen. Denn die wahre Heimat finden wir nur in der Tiefe unseres Selbst.

Von Azra Maja Ullrich 
Sathmar, 6. November 2025


Liebste Stadt Sathmar

Du bist ein Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Wurzeln in einem gemeinsamen Rhythmus leben – Rumänen, Deutsche und Ungarn. Hier sprechen wir verschiedene Sprachen, doch unsere Herzen verstehen dieselbe Melodie der Heimat.

Wir senden unseren Dank an dich und an all jene, die dich errichtet haben – mit ihrer unermüdlichen Hingabe, ihren geschickten Händen, ihrer schöpferischen Kraft, ihren Ideen und ihrer Arbeit. Die Stadt ragt empor, die Menschen hüllen sie in Gewänder, hauchen ihr Leben ein und lassen uns gedeihen. Ihr Einfallsreichtum, ihre Gastfreundschaft und die Sorgfalt, die sie in dich investieren, spüren wir an jeder Ecke, in jedem Stein und im Lachen, das deine Straßen erfüllt. Aici tr²im împreun², sub acela{i cer, cu inima deschisă și cu speranță.
Wir schätzen deine Häuser und Plätze, die von deiner Geschichte zeugen – die schillernden Fassaden des Altstadtviertels, die ehrwürdigen Kirchen, deren steinerne Mauern wie ein schützender Schild über dir thronen, die belebten Märkte, in denen Stimmen und Düfte ein buntes Echo formen, und den Fluss Someș, der sich gemächlich in das Stadtgefüge schmiegt. Alles, was hier entstanden ist, atmet Liebe, Geduld und einen Traum, der uns Tag für Tag ein sicheres, schönes Heim schenkt. Itt nattünk fel, itt tanultuk meg egymást tisztelni és szeretni.

Du bist für uns nicht bloß eine Stadt. Du bist unser Ort, unser Herz, eine Heimat für Freundschaft, Lachen und Erinnerungen, und du beschützt uns. Hier finden wir nicht nur Sicherheit und Wärme, sondern auch Freunde, die unser Leben bunt machen, uns helfen, Geschichten zu teilen und unser Heim erst ganz vollenden. 

Danke, dass du uns immer wieder daran erinnerst, wie viel Herzblut, Einsatz und Leidenschaft in dir steckt.

Mit Liebe, deine Kinder aus Sathmar