Wort zum Sonntag: Bezwingerin des Schicksals


In unserem Leben ist vieles schicksalshaft vorgegeben. Wir können uns die Eltern und Verwandten nicht selbst aussuchen. Weder den Zeitpunkt unserer Geburt konnten wir auswählen, noch das Volk und das Land, wo wir hineingeboren wurden, bestimmen. Viele Ereignisse, von uns nicht gewollt, sind über uns hereingebrochen: Weltkriege, die Deportation nach Russland, die 40 Jahre kommunistischer Diktatur. Wir standen all diesen Ereignissen machtlos gegenüber und mussten sie durchstehen. Wir empfanden sie als leidvolle und andauernde Schicksalsschläge. Es stellt sich die Frage: Ist in unserem Leben alles Schicksal? Die Schicksalsgläubigen müssen dies bejahen. Für sie gelten die Worte Nietzsches: „Keine philosophische Hintertür führt ins Freie. Jede Tür, durch welche man bisher geschlüpft ist, zeigt dahinter wieder die ehern blinkenden Mauern des Fatums. Wir sind im Gefängnis; frei können wir uns nur träumen, nicht machen.“

Stimmt das? Gibt es keine Waffe, mit der wir das Schicksal bezwingen können? Eine moderne Parabel bringt Licht in dieses düstere Geheimnis: Das Schicksal gab sich als Boxweltmeister im Schwergewicht aus. Hochtrabend erklärte es einem Reporter: „Meine Schläge sind hart und meine Rechte ist genau so gefürchtet wie meine Linke. Treue, Glaube, Liebe, kurz, auch die schwersten Brocken habe ich auf die Bretter geschickt. Sie wurden sämtlich ausgezählt. Nur mit einem Gegner habe ich bisher nicht fertig werden können: so oft ich ihn auch k.o. schlage und davon überzeugt bin, dass er nun endgültig ausgezählt auf dem Boden liegen bleibt – spätestens bis „neun“ ist er wieder auf den Beinen.“ „Wer ist denn dieser unbezwingbare Gegner?“ fragte der Reporter. „Die Hoffnung“, erwiderte das Schicksal. Ein von Hoffnung erfülltes Menschenherz kann vom Schicksal nicht bezwungen werden. Die Hoffnung ist unser Antriebsmotor. Das haben wir als Deportierte erfahren und erlebt. Was half uns, in Hunger, Kälte und schwerster physischer Arbeit durchzuhalten? Es war die Hoffnung auf die Heimkehr zu unseren Lieben. Wer aber die Hoffnung verlor, wurde von den Schicksalsschlägen niedergestreckt. Ausgezählt waren seine Lebenstage. Er war wie ein Motor, dem der Treibstoff ausgegangen ist. Auch der zuverlässigste Motor stirbt ohne Treibstoff ab. 

Das Symbol der Hoffnung ist der Anker. Vor einem losbrechenden Sturm wirft der Schiffer den Anker aus, um ihn im tiefen Meeresgrunde oder auf dem festen Uferrand einzuschlagen, damit das Schiff von den tosenden Meereswellen nicht allzu sehr umher geschleudert werde. Die Hoffnung gleicht dem Anker, doch mit dem Unterschied, dass der wirkliche Anker in der Tiefe, die Hoffnung aber in der Höhe ihren Haltepunkt findet. Nur in Gott hat sie ihren sicheren Halt, weil auf Erden nichts fest und dauerhaft ist. Die wahre Kraftquelle unserer Hoffnung kann nur Gott sein. Bei ihm sollen wir den Kraftstoff für den Antriebsmotor unserer Hoffnung tanken. Er hält alle Fäden der irdischen Ereignisse in seiner Hand. Nicht einem blinden und herzlosen Schicksal sind wir ausgeliefert, wir werden vielmehr von Gottes weiser und liebender Vorsehung umsorgt. Das sagt uns Gott in der Heiligen Schrift: „Segen soll über jeden kommen, der allein auf mich, den Herrn, sein Vertrauen setzt. Er ist wie ein Baum, der am Wasser steht.“

Am Sonntag beginnt die Adventszeit. Sie erinnert uns an die Jahrhunderte bis in die graue Vorzeit, in der die Menschen auf die Ankunft des Erlösers warteten. Auch unsere Lebenszeit ist eine Adventszeit der Hoffnung und Erwartung. Hoffnungen, die auf irdischen Dingen gründen, werden von den Schicksalsschlägen des Lebens und schließlich des Todes zerschlagen. Behalten wir die Hoffnung auf Gott. Sie ist unsere beste Lebensreiseausrüstung. Sie wird uns helfen, dass die Verheißung Christi sich an uns erfüllen wird: „Eure Erlösung ist nahe!“