Wort zum Sonntag: Eine bleibende Stätte


Jesus selbst weiß, wie sehr der Tod eines geliebten Menschen den Einzelnen erschüttern kann. Beim Tod seines Freundes Lazarus war Jesus, wie der Evangelist Johannes es schildert, im Inneren zutiefst erschüttert. 

In seinen Abschiedsreden, die zu den berührendsten Texten im Johannesevangelium gehören, bereitet er die Jünger auf seinen Heimgang zum Vater vor. Ihm ist es wichtig, die Seinen auf die Stunde seines Todes und seinen Abschied aus dieser Welt vorzubereiten. Zu groß könnten für die Jünger Verwirrung und Erschrecken sein.

Was brauchen wir für ein gutes Leben? 

Was brauchen wir, um uns geschützt und geborgen zu fühlen? Wohl jeder von uns würde darauf antworten: ein sicheres Zuhause, eine Wohnung oder ein Haus, wo ich daheim bin, wo ich ruhig schlafen und leben, wo ich mich wohlfühlen kann. Ja, wir sind auch gern einmal unterwegs, etwa im Urlaub oder in Ferien. Wir freuen uns dann, neue Landschaften oder Städte zu erkunden, in der Natur zu wandern oder mit dem Rad zu fahren, Freunde oder Verwandte zu besuchen. Aber wir freuen uns auch darauf, am Ende einer Reise wieder nach Hause zu kommen, in die vertraute Umgebung, dorthin, wo ich zuhause bin.

Auf dieses ansprechende Bild greift Jesus im Evangelium zurück. Wir müssen einmal alles loslassen und aus dieser Welt scheiden. Aber wir gehen dabei nicht ins Ungewisse, in die Fremde, gar in das Nichts. Nein, einem jeden von uns ist eine Wohnung bei Gott verheißen.

Es geht dabei um mehr als ein Dach über dem Kopf. Wenn das Johannesevangelium heute von „Wohnung“ spricht, klingt darin das Wort „bleiben“ an. Es geht um eine bleibende Stätte, in der wir für immer zuhause sind, um eine Hausgemeinschaft, zu der wir uns zugehörig und in der wir uns geborgen fühlen dürfen. Wer glaubt, ist hineingenommen in die Familie Gottes – oder wie es Paulus im Brief an die Römer sagt: Im Geist Jesu Christi sind wir Kinder Gottes und Miterben Christi. Wir sind hineingenommen in die tiefe Gemeinschaft Jesu mit seinem Vater.  

Sein Heimgang zum Vater ist vielmehr ein Wiederkommen. Wenn unser irdischer Weg zu Ende geht, wird Jesus uns entgegenkommen und uns zu sich holen. Zu sich holen in die bleibende Gemeinschaft mit ihm und seinem Vater. Was Jesus zu seinen Jüngern sagt, ereignet sich nicht erst am Ende der Weltgeschichte, sondern geschieht bereits im Lebens- und Glaubensweg eines jeden Einzelnen, beginnend mit der Taufe und dann in unserer Sterbestunde. Der Tod ist nicht Ende des Lebens, sondern Übergang in die bleibende Gemeinschaft mit Vater und Sohn.

Es wird noch eine ganze Zeit brauchen, bis die Jünger wirklich verstehen können, was Jesus ihnen in seinen Abschiedsreden sagen will. Thomas spricht heute stellvertretend für die Jüngergruppe, wenn er sein Unverständnis ausdrückt: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“

Für den Weg in die Hausgemeinschaft Gottes, von dem Jesus spricht, gibt es nur einen Kompass: den Glauben. Im Glauben an Jesus Christus und im Vertrauen auf ihn erschließt sich uns ein ganz neuer und einzigartiger Weg zu Gott. In Jesus Christus erschließt sich uns, wer Gott für uns ist und wie wir zu ihm gelangen können. Jesus ist daher mehr als ein Wegbereiter, der uns vorangeht und in dessen Fußstapfen wir treten. Jesus ist der Weg selbst.

Wir kennen den Weg zum Vater nur, weil Jesus sich uns mitgeteilt und erschlossen hat. Und wir können diesen Weg zum Vater nicht aus eigener Kraft gehen, sondern nur in ständiger, inniger und bleibender Gemeinschaft mit Jesus Christus. Wenn Jesus davon spricht, dass er nicht nur der Weg, sondern auch die Wahrheit und das Leben ist, dann macht er damit deutlich, dass er selbst die Wahrheit über Gott verkörpert. Und indem uns Jesus in sein Sterben und Auferstehen hineinnimmt, wissen wir im Glauben, dass dieser Weg hinführt zur ewigen Gemeinschaft in Gott. Dort haben wir eine bleibende Stätte, ein Zuhause, bei dem wir für immer geborgen sind.