Zugebissen: Can you hear me, Major Tom?


Am 18. Mai 1991 startete Sojus-TM-12. An Bord: Sergei Krikaljow, geboren 1958 in Leningrad. Fünf Monate auf der Raumstation MIR waren geplant. Doch während er Tag für Tag aus kosmischer Distanz auf den blauen Planeten blickte, löste sich „seine“ Welt in Luft auf. Am 10. Juli wurde Boris Jelzin Präsident, die Sowjetunion zerfiel, und unten auf der Erde war man zu sehr mit Krisen beschäftigt, um den Mann im All zurückzuholen. Geld fehlte anscheinend, Zuständigkeiten verschwammen, ein entsprechender Ersatzmann war nicht aufzutreiben und so schwebte Krikaljow weiter – der letzte Bürger eines Imperiums, das es nicht mehr gab. 311 Tage durfte er den „Frieden“ im Orbit genießen. Sieben Außenbordeinsätze durfte er vollbringen bis Sojus-TM-13 ihn am 25. März 1992 auf den Heimatplaneten zurückbrachte. Doch das Land, das er verlassen hatte, existierte nicht mehr.  Leningrad hieß nun wieder Sankt Petersburg. Mit seiner Landung kam auch der allerletzte Sowjetbürger endlich in der neuen Russischen Föderation an.

Ähnlich losgelöst wirkt die rumänische Gesellschaft, wenn sie ihre Hoffnungen auf das Justizsystem projiziert. Mit den letzten Wahlen hatte man Reformen gewollt, doch die Realität sieht anders aus. Figuren wie Lia Savonea und Elena Costache haben mit ihren Netzwerken und entsprechender politischen Unterstützung einen eigenen Staat im Staat geschaffen – kafkaesk, selbstreferenziell, grotesk. Mitglieder klagen vermeintliche Feinde bei Institutionen an, die sie selbst kontrollieren, sprechen dann selber das Urteil und klopfen sich dabei selbst auf die Schulter. Die politische Klasse? Duckt sich weg. Präsident Dan balanciert dilettantisch zwischen Reformversprechen und dem Schutz der Privilegien der Justizangestellten. Justizminister Marinescu? Schließt die Augen vor einem illegalen Streik. Er hört nichts, er sieht nichts, er sagt nichts.

Die Obersten der Justiz kümmern sich inzwischen nur noch um zwei Dinge: die Freistellung der „Großkorrupten“ und die Sicherung eigener Rentenprivilegien. Wer es wagt, das Gegenteil zu behaupten, wird sofort mit dem altbekannten Schlachtruf konfrontiert: Angriff auf die Unabhängigkeit der Justiz! Widerstandsfähige Antikörper gegen Kritik haben sie längst entwickelt.
Kaum im Amt, wagte Vizepremier Oana Gheorghiu in einer Fernsehsendung das Rentensystem der Justiz mit einem Schneeballsystem zu vergleichen. Für die Magistraten ein Sakrileg! Majestätsbeleidigung! Prompt zeigte der Oberste Rat der Magistraten sie wegen „Anstiftung zu Gewalt und Diskriminierung“ an. Die Begründung: Wer als Regierungsmitglied solche Vergleiche zieht, greife eine verfassungsmäßige Gewalt an und schüre Hass. Ein gefährlicher Diskurs, der die Gesellschaft gegen den Justizapparat und seine in Integrität badenden Vertretern aufhetze. Mit anderen Worten: Kritik ist nicht erlaubt, schon gar nicht, wenn sie den eigenen Geldbeutel betrifft.

Rumänien schwebt damit wie Krikaljow im Orbit: losgelöst, abgehoben, ohne Verbindung zur Erde. Der Kosmonaut war Opfer der Geschichte, die rumänische Justiz hingegen ist Täterin ihrer eigenen Farce. Nur dass der Kosmonaut am Ende gerettet wurde. Rumänien bleibt im luftleeren Raum hängen, gefangen zwischen Selbstherrlichkeit und Selbstmitleid.  Für Rumänien bleibt die Hoffnung, dass irgendwann jemand eine Mission startet, die die Justizvertreter zurück auf den Boden der Realität bringt – und zwar bevor die Gesellschaft endgültig im luftleeren Raum verschwindet. Doch solange die Justiz ihre Privilegien wie Sauerstoffmasken verteidigt und jede Kritik als apokalyptischen Meteoritenschauer deutet, dabei sich auch noch der Unterstützung nicht zu verachtender Politikerkreise erfreut, bleibt die Rettungsmission eine Fata Morgana. Und David Bowie fragt ununterbrochen singend in den Äther hi-nein: Can you hear me, Major Tom?